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„Nothing for sissies…“: Zum Schulstart nach den Ferien

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Ja, wir haben den Start in die Schule gut gemeistert. Und so langsam kommen wir in eine gute Routine. Doch oft musste ich gerade in der ersten Woche nach den Ferien an Sherrie Eldridge’s Post zum ersten Schultag,  wie Adoptivkinder ihn erleben, denken und an die Punkte, die sie so treffend benannt hatte, wie es Adoptivkindern nach den Ferien in einem neuen Umfeld geht.

Vielleicht ist es auch das weinende Kind, das zum Glück nicht meines war, aber mich dennoch, da ich nun im Hort arbeite, tief getroffen und mitgenommen hat und mich noch einmal an einen so behutsamen Übergang in die Schulzeit erinnert, von dem ich hier geschrieben hatte. Das weinende Mädchen war eine Schülerin der ersten Klasse. Für sie war alles neu. Und dann passierte der Super-Gau: Sie hatte sich auf der Toilette eingesperrt und kam nicht mehr raus. Ihr Weinen ging durch Mark und Bein, so dass ich es durch zwei geschlossene Türen hörte und nach dem Kind schaute. Als klar war, dass sie sich eingeschlossen hatte, holte ich die Hausmeisterin, die das Mädchen befreite. Die Betreuerin für die 1. Klasse kümmerte sich dann um das Mädchen und ich glaube, sie wurde dann auch früher abgeholt. Ich wollte mir in meinem Kopf nicht ausmalen, was in meinen Kindern vorgegangen wäre, wäre ihnen das passiert wäre. Oder auch jetzt noch passieren würde.

Meine Kinder leben mit einem gebrochenen Herzen. So habe ich schon geschrieben. Ihr Herz wurde vielleicht gekittet. Aber der Bruch, die Narbe ist immer noch da. Manchmal setzt das Herz aus, oder es läuft nicht so wie es soll und dann passieren die Aussetzer….Bei Maxim ist das in den vergangenen Monaten zweimal passiert. Einmal dachte er, da er mich mit Nadeschda an der Schule nicht fand – wir hatten nur ihre Jacke geholt – und er in seiner Panik mein Auto auf dem Parkplatz nicht erkannte, dass ich tatsächlich mit Nadeschda schon nach Hause gefahren sei. Ein anderes Mal waren wir alle als Familie auf einer Feier. Er wollte noch spielen und hatte nicht auf Richards Aufforderungen zu gehen gehört. Als Richard das Auto anließ – und der Sound ist recht markant – kam unser Sohn mit Panik in den Augen angelaufen und schrie Richard verzweifelt an. Niemals wären wir ohne Maxim gefahren, aber dennoch, es gibt Trigger wie diese, die die alte Wunde wieder aufbrechen lassen.

Traumatisierte Kinder spüren, dass meist das Trauma über Erinnerungsfetzen immer wieder an die Oberfläche des Bewusstsein streben kann, um dort vielleicht aufgelöst zu werden. Dieses Gefühl ist so Angsteinflößend, dass diese Kinder alle ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte einsetzen, um das traumatische Erlebnis zurück in das Unterbewusste zu verbannen. Es bleibt bei den Kindern ein Gefühl der permanenten Bedrohung zurück, und sie leben in einem permanenten Angstzustand. In jeder Situation könnten sie wieder diese schmerzliche und verletzende Erfahrung des Traumas machen. So sind sie dauerhaft in Alarmbereitschaft, da sie ständig damit rechnen, wieder verletzt zu werden. Sie sind ständig in Habacht-Stellung, um einer vermeintlich neuen Gefahr begegnen zu können und sich zu schützen. Sie haben permanent das Gefühl, all ihre Kräfte mobilisieren zu müssen, um die Gefahr für ihr Leben bannen zu müssen. Sie leben dauerhaft in dem Gefühl, um ihr Überleben kämpfen zu müssen.

Und das tun sie auch in der Schule. Gerade nach dem Neubeginn nach den Ferien. Maxim hat sich wirklich gut geschlagen. Er ist nun auch nach vier Jahren ein „alter Hase“, weiß, wie die Sachen laufen, wo was ist, auf welches Klo man am besten geht, kennt viele Lehrer und Betreuerinnen im Hort. Er hat die ersten Tage und nun auch Wochen gut gemeistert. Dennoch stelle ich auch bei ihm fest, dass für manche kognitiven Dinge im Moment keine Kapazitäten frei sind. Wir haben in den Ferien viel Rechnen geübt. Neben anderen Themen. Im Moment steht zwar Grammatik und Schreiben auf dem Plan. Aber ich merke, dass alles Rechnen bei ihm weg ist. Das kleine 1 x 1, das er so grandios konnte? Weg. Im Moment braucht mein Sohn gefühlt mehrere Minuten bis er mit der Lösung, die dann nicht immer richtig ist, um die Ecke kommt. Genauso wie andere Fähigkeiten wie etwa die Uhr zu lesen und die Dauer abzuschätzen, wie lange man für etwas braucht. Das ist einfach ausradiert, überlagert von allem neuen, was das vierte Schuljahr nun mit sich bringt.

Es ist gut, dass ich nun im Hort arbeite und beim Mittagessen schon in der Schule bin und somit bei meinen Kindern. Denn Nadeschda ist mir in den vergangenen zwei Wochen mindestens dreimal weinend in die Arme gelaufen, weil irgendjemand sie geärgert hat, sie irgendetwas als ungerecht empfand, oder ihr etwas weh tat. Mit der Theateraufführung in der ersten Woche war sie restlos überfordert, auch wenn sie sie dann grandios gemeistert hat. Aber die Zornesausbrüche zuhause waren durchaus erinnerungswürdig. Es war genauso wie Sherrie es beschrieb: Sie hätte sich am liebsten zurückgezogen, sie hatte Angst, sie glaubte, dass sie das alles nicht schafft, sie fühlte sich wertlos. Sie war die ganze Zeit unter Strom, fühlte das Geräusch in ihrem Kopf, konnte es nicht abstellen. Sie spürte ihr gebrochenes Herz, dass ihr sagte, sie dürfte nicht versagen. Welch ein Kampf für eine so kleine Seele!

Meine Kinder leben mit einem gebrochenen Herzen. Und immer noch und immer wieder gibt es eben diese Momente, in denen ich mich frage, ob es wirklich irgendetwas gibt, was meine Kinder diese Narbe vielleicht vergessen lässt, oder ihnen hilft, mit dieser Wunde zu leben. Wenn das Trauma durchbricht, saugen meine Kinder meine Fürsorge und Zuneigung auf wie ein trockener Schwamm. Ihr emotionales Loch, das die Traumatisierung gerissen hat, ist wie ein Faß ohne Boden, in das nie ausreichend Liebe und Zuneigung hinein fließen können.

Routine und Fürsorge helfen. Ein wenig. Ich bin froh, dass ich im Moment ein Teil der Schule bin und meine Kinder bzw. ihre Emotionen früher abfangen kann. Da kommt Nadeschda, weint ein paar Minuten auf meinem Schoß und dann geht sie auch wieder. Aber dennoch: Ich musste an einen Satz denken, den meine amerikanische Mutter mir zum Älterwerden im Kontext meiner biologischen Mutter schrieb. Und ich könnte ihn gerade so treffend umdichten: „Getting adoptive kids back to school is nothing for sissies.“

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Auf der Suche nach den „Herzwurzeln“ – Biografiearbeit ist so individuell wie jedes Adoptivkind

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Zweimal im Jahr organisiere ich Treffen für Adoptivfamilien. Ich finde das wichtig, diesen Familien eine Möglichkeit zu geben, sich in einem ungezwungenen Rahmen auszutauschen. Meist haben wir an diesen Treffen auch immer wieder einen kleinen Seminarteil zu Adoptionsrelevanten Themen für die Eltern. Sei es über die Zusammenarbeit mit der Schule oder die „Anstrengungsverweigerung“ und der Umgang mit dieser oder über den Umgang mit Wut und Frustration. Eine Adoptivmutter, die regelmäßig zu diesen Treffen kommt, stresst nun seit Jahren das Thema „Biografiearbeit“.  Das wäre so wichtig, und wir Eltern müssten unbedingt daran arbeiten, und die Kinder auch. So ein ganzes Wochenende mit ganz intensiver Biografiearbeit in der großen Runde, natürlich Eltern und Kinder aus unterschiedlichen Perspektiven. Ich habe das immer wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber irgendwie traute ich mich nicht dadran. Irgendwie gab es für mich immer wieder einen Störfaktor. Und nun weiß ich auch warum….

Ohne Zweifel Biografiearbeit ist ungeheuerlich wichtig! Adoptivkinder wollen und sollen irgendwann ihren Wurzeln nachspüren, ihre Geschichte und ihre Herkunft kennen, verstehen und einen eigenen Umgang damit finden. Zu schmerzhaft sind die Wunden, die die Trennung von der leiblichen Mutter gerissen haben und zu omnipräsent die Folgen daraus. Ungeachtet der weiteren Lebensgeschichte, wie vielleicht ein Leben in einem Kinderheim oder die kulturelle Entwurzelung durch die Adoption. In der Euphorie der Adoption geht schnell verloren, was ein Kind auch mit seinem neuen Leben in einem anderen Land alles verliert. Ein Bild hat sich in mein Gedächtnis unlösbar eingebrannt: bei einem der Kinderheimbesuche in unserem Adoptionsprozess sahen wir Maxim, wie er mit seiner Gruppe zu einem Spaziergang aufbrach. Deutlich war zu sehen, wie wohl er sich da fühlte. Glücklich winkte er uns damals von der anderen Straßenseite zu. In diesem Augenblick wurde mir zum ersten Mal bewusst, was wir ihm auch alles mit der Adoption nahmen.

Dass Adoptiveltern sich auch intensiv damit auseinandersetzen müssen, wie Biografiearbeit heilsam eingebracht wird, ist genauso unbenommen. Entscheidend ist, das erforderliche Maß an Sensibilität zu haben, offen mit dem Thema umzugehen, sich selbst mit der Rolle der Adoptivmutter auseinandergesetzt und einen friedvollen und demütigen Umgang mit der leiblichen Mutter gefunden zu haben. Neben ein paar praktischen Werkzeugen, wie man gemeinsam mit seinem Adoptivkind, sich über seine Herkunft und seine Wurzeln und den damit verbundenen Gefühlen auseinandersetzen kann. Vor allem Irmela Wiemann hat hier im Deutschsprachigen Raum Großartiges geleistet. Ihre Ratgeber sind mehr als hilfreich und in meinen Augen Pflichtlektüre für alle Adoptiveltern. Lange habe ich ein passendes Kinderbuch zur Herkunfts- und Wurzelsuche vermisst. Auch das hat Irmela Wiemann gemeinsam mit Schirin Homeier mit „Herzwurzeln“ veröffentlicht.

Jannik ist Pflegekind und lebt erst seid ein paar Wochen bei seiner Pflegefamilie. In seiner Klasse lernt er Ayana kennen, die als Baby von ihren Eltern aus Äthiopien adoptiert wurde. Jannik versucht, in seiner Pflegefamilie anzukommen, aber immer wieder wird er von seiner „Blitzwut“, mit Trauer und Schmerz um die Tatsache, dass er nicht mehr mit seiner Mutter und seinen Geschwistern zusammenleben darf, eingeholt. Ayana ist auf der Suche nach ihren äthiopischen Wurzeln. Auch sie kämpft immer wieder mit Wut und Verzweiflung. Als die Bemühungen ihrer Eltern wieder einmal nicht fruchten, ergreift sie selbst die Initiative und schickt ihren Papagei mit einem Brief an ihre leibliche Mutter nach Äthiopien. In ihrem gemeinsamen Leid freunden sich Ayana und Jannik an und finden beide nach einem langen Weg ihre „Herzwurzeln“ in sich und in ihren Familien. Der Geschichte haben Schiri Homeier und Irmela Wiemann erstmals einen Ratgeberteil für Kinder angefügt, in dem nicht nur die Fachbegriffe aus dem Adoptions- und Pflegewesen kindgerecht erklärt werden, sondern genauso die Konzepte und unterschiedlichen Formen von Elternschaft und Familie. Mit wunderbaren Illustrationen gibt sie den Kindern Hilfestellungen für den Umgang mit diffusen Gefühlen wie etwa der „Blitzwut“ oder der Angst vor weiteren Verletzungen, die eingesperrt ist im „Herz mit den zwei Kammern“. Ergänzt wird das Buch um einen weiteren Ratgeberteil für Erwachsene, in dem Herkunftseltern, Adoptiveltern, aber auch Fachpersonal angesprochen werden.

In den Sommerferien habe ich es nun zum zweiten Mal gelesen. In der Hoffnung, dass vor allem auch Maxim vielleicht darauf anspringt. Tat er aber nicht. Obwohl wir, als er kleiner war, schon immer mal das ein oder andere Kinderbuch, in dem das Thema Adoption kindgerecht dargestellt wird, gelesen haben. Obwohl das Thema „Herkunft“ gerade wieder in den vergangenen Wochen wieder sehr präsent ist.

Maxim ist im „Russlandfieber“. Er will russisch lernen, er liest Geschichten über Moskau, er erkämpft sich selbst im Moment das russische Alphabet Buchstabe für Buchstabe. Und am liebsten will er schon morgen nach Moskau fliegen. Kaum kann er es erwarten, dass endlich sein russischer Pass neu ausgestellt ist. Nadeschda hingegen zeigt entweder gar kein Interesse oder vehemente Ablehnung: „Mama, ich will keinen russischen Pass. Der ist nur für die Babys, die daher kommen. Ich brauche das nicht. Und ich will das nicht. Und wenn ich Nein sage, dann heißt das auch Nein. Verstanden?“ Was beiden gemein ist, dass sie keinerlei Regung zeigen, nach ihrer russischen Mutter zu suchen. Maxim will seine russischen Wurzeln kennenlernen, versinnbildlicht mit dem Roten Platz in Moskau. Da will er hin. Aus den Büchern hier zuhause hat er inzwischen nahezu jedes Denkmal und Gebäude, das sich um den Roten Platz formiert, verinnerlicht. Doch weder seine Geburtsstadt, noch das Kinderheim, oder seine biologischen Wurzeln scheinen ihn zu interessieren. Doch bei näherer Betrachtung spürt er, dass er an diese Wunden nicht ran will. Das schafft er noch nicht. Mit seiner doppelten Elternschaft will er sich noch nicht auseinandersetzen. Auch Nadeschda hat das für sich wieder ganz weit unten in ihrem Inneren vergraben, nachdem es im vergangenen Herbst einmal für kurze Zeit aufflammte, aber von außen an sie herangetragen. Und ihre Reaktion damals war deutlich, dass sie sich damit nicht auseinandersetzen wollte.

Da wurde mir noch einmal bewusst, dass Biografiearbeit und das Auseinandersetzen mit der Herkunft ein sehr individueller Prozess ist. Es geht eben nicht nur darum, einen Ratgeber zu lesen, ein Seminar zu besuchen, um dann anschließend ein „Lebensbuch“ mit seinem Adoptivkind zu basteln, ein Bild der leiblichen Mutter zu malen und ihr einen Brief zu schreiben und dann irgendwann, wenn das Kind es wünscht, in sein Herkunftsland zu reisen und möglicherweise die leibliche Mutter zu suchen. Das ist alles wichtig! Und Adoptiveltern brauchen die professionelle Unterstützung und die Impulse, die eben vor allem Irmela Wiemann setzt. Doch danach ist es in meinen Augen ein sehr individueller Prozess, wie die Biografiearbeit zuhause in der Familie gestaltet wird. Sie muss meiner Meinung nach so individuell sein, wie die Lebensgeschichte eines jeden Adoptivkindes und auch so individuell und einzigartig, wie der Umgang des Kindes mit seiner Geschichte ist. Das sehe ich bei meinen eigenen Kindern. Sie haben dieselbe russische Mutter, sie teilen einen Großteil der Geschichte, auch bevor sie zu uns kamen. Aber beide haben einen ganz eigenen Umgang damit. Einen Umgang, der mich eben nicht die Ratschläge wie „Projekte“, wie die Fachliteratur sie vorschlägt, Checklistenartig bei meinen Kindern abarbeiten lässt.

Wie individuell jedes Adoptivkind mit seiner Geschichte umgeht, sehe ich auch in unserem Freundes- und Bekanntenkreis. Manche Adoptivkinder möchten unbedingt zurück in das Kinderheim fahren, aus dem sie kommen. Andere lehnen ihren russischen Namen ab mit der Begründung, sie haben an ihn keine schönen Erinnerungen. Entscheidend ist am Ende, dass wir als Eltern unseren Kindern die Offenheit deutlich zeigen, dass sie mit uns Adoptiveltern über ihre Herkunft und ihre Geschichte sprechen können, dass sie aber das Tempo und den Weg und auch den Inhalt bestimmen. Denn vor allem ist es ihre ganz persönliche Geschichte mit ihren ganz persönlichen traurigen Gefühlen. Einfühlsam und in meinen Augen auch nur ganz privat im Kreise der Familie sollte es den Raum geben, wo unsere Adoptivkinder sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen dürfen, wann und wie sie wollen. Und so, wie es für sie heilsam und gut ist.

 

Informationen zu „Herzwurzeln“:

„Herzwurzeln“

Schirin Homeier und Irmela Wiemann

Mabuse-Verlag GmbH, Frankfurt a.M. 2016

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (100)

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Hey, die 100. Ausgabe der Sonntagslieblinge! Wer hätte das gedacht? Und dies nach einer doch einschneidenden Woche, in der wir so langsam in ein / mein neues Leben gestartet sind. Meine Ausbildung ist vorbei, ich habe meine Abende und Wochenenden wieder frei, dafür arbeite ich nun an der Schule, Projektweise, was mir für dieses neue Jahr nach dem Ende meiner Ausbildung sehr gelegen kommt. So schafft mir das etwas Raum und Luft, vielleicht auch doch noch meine anderen Themen weiterzuverfolgen: Diesen Blog weiterzuschreiben, mit ihm und damit auch für das Thema Adoption vielleicht noch einmal eine andere Präsenz zu bekommen, ein zweites Buch zu veröffentlichen, wer weiß? Auch wenn ich immer versucht bin, einen genauen Plan zu haben, so füge ich mich im Moment noch in die Situation, dass gerade jetzt und auch in den kommenden Wochen noch nicht alles in Stein gemeisselt ist, wie dieses frisch begonnenen Schuljahr sich entwicklen wird. Denn gerade jetzt steht vor allem erst einmal an, dass beide Kinder wieder gut in den Schulalltag hineinfinden. So bin ich nach der ersten Schulwoche vor allem für diese drei Sonntagslieblinge dankbar:

  1. Zum Glück hatten wir unsere Routine in den Ferien beibehalten, nicht zu spät ins Bett zu gehen und morgens nicht bis in die Puppen im Bett zu bleiben. Auch wenn Maxim manchmal gerne gewollte hätte. So fiel jetzt die Umstellung auf das frühe Aufstehen nicht ganz so schwer. Dennoch sind beide Kinder jeden Tag sehr müde. Schule ist eben anstrengend und bei diesen Temperaturen erst recht. Ich bewundere wirklich Maxim’s und Nadeschda’s Durchhaltevermögen.
  2. Nadeschda und ihre Klasse haben ein ganz zauberhaftes Märchenspiel für die neue erste Klasse an der Schule aufgeführt. Dornröschen. Und wieder einmal spielte meine Tochter die böse Fee… Am meisten fasziniert hat mich allerdings, wie gut sie inzwischen Texte auswendig lernen kann. Das hätte ich nicht gedacht. Wenn die Gedächtnisleistung eben nicht schon überlastet ist von so viel unnützem Wissen wie bei uns Erwachsenen, dann klappt das eben auch mit dem Auswendiglernen viel besser.
  3. Maxim war tatsächlich bereit, einer seiner Zirkusaktivitäten in diesem Schuljahr aufzugeben. Nun haben wir einen freien Nachmittag mehr in der Woche. Ich bin dankbar für seine Einsicht und freue mich auf das Mehr an Zeit, das uns Raum gibt, Neues zu entdecken.

Habt noch einen traumhaften Sonntag und kommt gut in die neue Woche!

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„Zweite Karriere“ in der Mitte des Lebens – der Weg ist das Ziel

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Diese Sommerferien stellten für uns so eine kleine Zäsur da. Zwei Jahre Ausbildung sind für mich zu Ende gegangen. Nach den Ferien fügt sich unser Alltag in einigen Teilen neu. Wie mein Weg nun weitergeht, wird sich zeigen. Um so mehr bin ich zur Zeit empfänglich für Impulse, die sich mit der Suche und dem Beschreiten neuer Wege beschäftigen. Erst im Urlaub stieß ich wieder einmal auf einen spannenden Artikel in einer einschlägigen Frauenzeitschrift, in der es um den neuen Dreh im Leben ging, um die neue Aufbruchstimmung in der Lebensmitte. Glückliche und stabile Ehe, gesunde, wohlgeratene Kinder und ein Job, der eine bis zum Rentenalter erfüllt, und dann in den Hafen der Sicherheit bis zum Ende des Lebens einfahren, das war gestern. „Die Lebensmitte ist eine Buckelpiste und kein Spaziergang.“, schreibt die Autorin Antje Gardyan. Wie wahr! Immer häufiger begegnen mir Artikel und Geschichten von Menschen, die in der Mitte ihres Lebens einen neuen Weg einschlagen, ihren alt hergebrachten Lebenspfade verlassen und sich aufmachen zu neuen Ufern. So auch ich. Vor zwei Jahren entschied ich mich, meinen Job in der Kommunikationsbranche endgültig aufzugeben und einen neuen Weg zu beschreiten.

Während ich hier schreibe, fällt mir wieder die Geschichte von den zwei Söhnen ein, die von ihrem Vater in die Welt geschickt wurden, mit dem Auftrag, Spuren in der Welt zu hinterlassen. Der eine war emsig dabei, entlang seines Weges Zeichen zu hinterlassen, Stöckchen, Bänder, Bilder. So sehr war er damit beschäftigt, seine Werke zu erstellen, dass er wenig vom Weg um ihn herum mitbekam. Der andere ging entlang des Weges und immer wenn er jemanden traf, suchte er das Gespräch mit dem Menschen, der ihm begegnete. Nach ihrer Rückkehr, ging der Vater mit ihnen erneut den Weg. Von den Stöckchen, Bändern, Bildern und Zeichen des ersten Sohnes waren nicht mehr viele da, vom Wind zerstört, vom Regen durchnässt, von der Sonne verblichen. Doch an jeden Ort entlang des Weges, in den sie kamen, erinnerten sich die Menschen an den zweiten Sohn, begrüßten ihn freudig, erkundigten sich, wie es ihm ergangen war. Gerne erinnerten sie sich an ihn und die fruchtbaren Gespräche, die sie mit ihm, diesem so freundlichen und frohen Jungen geführt hatten.

Im Grunde jedoch begann mein Weg einer „zweiten Karriere“ mit der Ankunft meiner Kinder vor etlichen Jahren. Auch wenn es mir erst im Laufe der Zeit bewusst geworden ist, so war die Ankunft unserer Kinder die einschneidendste Veränderung in meinem Leben. Nichts würde so bleiben, wie es mal war. In vielen Bereichen, über das bloße Muttersein hinaus, begann ich neue Wege zu gehen. Das hing zum einen mit unserer Geschichte zusammen, wie wir eine Familie wurden, zum anderen mit den besonderen Bedürfnissen meiner Kinder, die eine Rückkehr in mein altes Berufsleben unmöglich machten, ihm aber auch den letzten Sinn nahmen. Es ging eben nicht mehr darum „Stöckchen zu basteln“ und „gewichtige Zeichen zu entwickeln“, die an mich auf meinem Lebensweg erinnerten, sondern es ging alleine darum, diese zwei Kinder fürsorglich und heilend in ihr eigenes Leben zu begleiten, ihnen zur Seite zu stehen, sie zu stärken, sie sich entwicklen zu lassen, damit sie irgendwann in der Lage sind, ihren eigenen Weg zu gehen. Das war nun meine Lebensaufgabe und sie wird es auch noch eine ganze Weile bleiben.

Dennoch blieb eine Motivation in meinem Leben: Auch wenn ich beruflich zum Wohle meiner Kinder deutlich zurücksteckte, so wollte ich doch mit zunehmendem Alter der Kinder ein Stück meiner eigenen Autonomie wieder erlangen. Meine Kinder würden mich mit der Zeit immer weniger brauchen. Insofern war für mich immer klar, dass ich irgendwann wieder regelmäßig einem Beruf nachgehen wollen würde. Hatte ich mich wegen meiner Kinder bereits in den vergangenen Jahren viel mit erziehungsrelevanten Themen rund um die Entwicklung und pädagogische Begleitung von Kindern beschäftigt, lag eine berufliche Perspektive in der Arbeit und der Begleitung von Kindern nun nahe. Es schien ein Wink des Schicksals zu sein, dass in der Waldorfbewegung dringend Lehrer gesucht wurden und daher das Ausbildungsangebot deutlich erweitert wurde. „Ich höre Dich förmlich ins Telefon hineinlachen.“ sagte mein Bruder, als ich ihm von der Möglichkeit der Ausbildung zum Waldorfklassenlehrer erzählte. Ja, es fühlte sich richtig an. Doch nicht nur, um meinem Leben über das Mutter und Autorin Sein hinaus einen Sinn zu geben, sondern auch, um meine Kinder so gut ich konnte durch ihre Schulzeit zu begleiten und daran mit ihnen zu wachsen. Und so machte ich mich auf den Weg, Lehrerin zu werden.

In den zwei Jahren Studium habe ich viel gelernt. Nicht unbedingt, eine perfekte Lehrerin zu werden, auch wenn ich erfahren habe, dass mir bestimmten Gaben für die Arbeit mit Kindern gegeben sind. Vielleicht wird es auch so sein, dass ich in der Begegnung und der Begleitung von Kindern positive Spuren hinterlassen kann, wie der eine Sohn in der Geschichte, der mit seinen Gesprächen und Impulsen den Menschen in Erinnerung blieb. Ungeachtet dessen habe ich auf jeden Fall gelernt, meine Kinder sicher bis zum Abitur durch die Schule zu begleiten. Dafür fühle ich mehr als gut gerüstet. Ich habe die Waldorfpädagogik ein gutes Stück durchdrungen. So weiß ich nun auch, wo die Schwächen der Waldorfpädagogik liegen, gerade mit Blick auf die Bedürfnisse meiner Kinder. Am Ende der zwei Jahre, die oft eine organisatorische und emotionale Herausforderung waren, bleibt neben den Erfahrungen im Seminar der Anfang für ein neues Buch. Es wäre mein zweites, in meiner „Karriere“ als Mutter. Und wiederum eines, dass vielleicht in einer kleinen Nische etwas bewegen kann. Genauso wie mein erstes Buch. Vielleicht ist nach allem auch das die größte Lernerfahrung: Bewusst meinen Herzensangelegenheiten zu folgen.

Vor allem aber hat mich die Zeit gelehrt, das Leben nun etappenweise zu nehmen, klare Prioritäten zu setzen und immer wieder neu zu fokussieren. Am Ende zählt der Weg und nicht das Ziel. Das Leben ist, solange es dauert, ein fortlaufender Prozess, in dem Stillstand und Ankommen oft nur trügerische Phantasien sind.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (99)

Back to school background  with books

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Maxim sagte vor zwei Wochen: „Wow, schon einen Monat Ferien, Mama. So lange…“ Nun inzwischen sind auch diese zwei Wochen vorbei, die Schulsachen sind auf Vordermann gebracht, altes abgelegt, die Ranzen sind gepackt und die Anziehsachen und Marschsachen für die Schule stehen bereit. Morgen geht es nun nach sechs langen Wochen Ferien zurück in unseren Schulalltag. Kaum zu glauben und ein wenig schade, denn eigentlich könnte es für mich nun so weitergehen, wie in den vergangenen sechs Wochen. Wir hatten wirklich einen guten Rhythmus gefunden, der uns allen sehr gut tat. So bin ich heute für diese drei Sonntagslieblinge dankbar:

  1. Maxim und Nadeschda haben die letzte Ferienwoche genutzt und sich viel mit ihren Freunden und Freundinnen getroffen. Bei Maxim hat das ein Überlegen ausgelöst, ob er sich nicht doch etwas mehr Zeit einfach zum Spielen unter der Woche lässt und auf die ein andere Aktivität verzichtet. Die Selbstreflexion meines Sohnes überrascht mich immer wieder.
  2. Ich habe meinen Unterricht für die erste Epoche, die aber erst für mich im September beginnt, gut angefangen vorzubereiten. Es tut gut, Themen mit etwas Zeit und Luft anzugehen und dann zu merken, wie über die Zeit mit immer mehr Ideen ein gutes Ganzes daraus werden kann.
  3. Maxim ist ganz verrückt danach, Russisch zu lernen und vor allem die kyrillischen Buchstaben sich anzueignen. Auf der Suche nach etwas Geeignetem bin ich auf die wunderbare Seite vom Sprachhelden gestossen, der sehr übersichtlich erläutert, wie man in 10 Schritten das russische Alphabet erlernen kann.

Habt noch einen wunderbaren Sonntag und kommt gut in die neue Woche, vor allem all diejenigen von Euch, für die Sommerferien nun zu Ende gehen.

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Heilsam durch den ersten Schultag kommen….

School accessories against blackboard

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Am Montag ist es wieder soweit für uns: Nach wunderbaren sechs Wochen Ferien kehren wir zurück an die Schule. Ja, wir sind gut vorbereitet. Und wir haben alles so organisiert, dass wir langsam in den Schulalltag starten. Unsere nachmittäglichen Aktivitäten haben wir zumindest für die ersten zwei Wochen deutlich reduziert. Schon in der letzten Ferienwoche haben wir uns innerlich und in unserer Routine allmählich dem Schulalltag angenähert und haben viele Freunde aus der Schule gesehen, um „alte Kontakte“ wieder aufleben zu lassen. Damit – auch wenn es wohl gewohnt sein mag – nicht alles wieder neu und anders im Vergleich zu dem Ferienmodus in unserer Alltag einprasselt. Die nächste Woche wird zeigen, ob ich gut daran getan habe. Auch Sherrie Eldridge aktueller Beitrag „NAVIGATING FIRST-DAY-OF-SCHOOL EMOTIONS WITH ADOPTED AND FOSTER KIDS“ hat mich darin bestätigt:

Sie erinnert daran, dass Gefühle von Stress und Angst nie aufhören, und sie besonders in Situationen, in denen Neues und Ungewohntes auf ein Adoptivkind einprasselt, immer wieder hoch kommen können. So fühlen sich Adoptivkinder in diesen Momenten:

  • Sie sind alarmiert und in ihrem Kopf dröhnt es, als würde irgendwo ein Feueralarm losgehen. Ich weiß das nur zu gut von meinen Kindern.
  • Sie haben Angst, und am liebsten würden sie flüchten, ganz weit weg.
  • Sie sind traumatisiert, ihr Herz schlägt ihnen bis zum Hals.
  • Sie fühlen sich wertlos.
  • Sie würden sich am liebsten zurückziehen und dissoziieren vielleicht in ihr Innerstes, weil dies der vermeintlich sicherste Ort ist.
  • Sie spüren ihr gebrochenes Herz, denn sie fühlen, das andere wollen, dass sie erfolgreich sind und haben Angst es nicht sein zu können.

All das kommt immer wieder hoch, jedes Mal von neuem. Auch wenn es nicht der allererste Schultag ist. Dessen sollten wir uns als Adoptiveltern bewusst sein, um unseren Kindern den entsprechenden Raum für ihre Gefühle in den ersten Tagen nach den Ferien zu lassen. Ich hoffe, ich gebe meinen Kindern in den kommenden Wochen genau diesen Raum und das Verständnis, ihre Gefühle von Angst, Überforderung und Schmerz zuzulassen.

 

 

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#bestofElternblogs im August

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Die liebe Anja von der Kellerbande  ruft jeden Monat dazu auf, den meist gelesenen Beitrag des vergangenen Monats zu benennen und zu teilen. Nachdem es bis zum Juni etwas ruhiger hier auf diesem Blog war, habe ich den Juli nutzen können, trotz Urlaub doch einmal wieder ein paar Beiträge mehr zu posten. Und so mache ich auch wieder gerne mit meinem meist gelesenen Post aus dem Juli bei Anja’s Blogparade mit. Diesmal ist es mein Beitrag zu „Das Gespenst ist zurück…“, in dem ich Euch erzähle, wie wir damit konfrontiert wurden, dass unter Umständen Maxim’s alte Diagnose sich unter Umständen doch noch bewahrheitet. Bisher sind wir allerdings alle gut durch den Sommer gekommen und verkraften die Hitze ohne weitere Ausfälle. Das lässt hoffen….

Habt wie immer lieben Dank für’s Lesen, Liken und Kommentieren!