7

„Anders Mutter werden – Das erste Jahr nach einer Auslandsadoption“

„Sometimes the strength of motherhood is greater than natural laws.“ 
(Barbara Kingsolver)

cover_anders_mutter-werden_blogNach der Adoption unserer zwei Kindern aus Russland habe ich meine Erfahrungen aus dem ersten Jahr als Adoptivfamilie aufgeschrieben. Auszüge daraus haben Euch auf diesem Blog begleitet. Als erzählendes Sachbuch schildert „Anders Mutter werden“ nun den besonderen Alltag, die unterschiedlichen Herausforderungen, Veränderungen und Schicksalsschläge sowie die Reaktionen des sozialen Umfeldes im ersten Jahr einer frisch gebackenen Adoptivfamilie. Die Suche nach dem richtigen Umgang mit der neuen Mutterrolle bildet seinen roten Faden. Es ist das erste Buch auf dem deutschen Markt, das sich intensiv mit der ersten Zeit nach einer Auslandsadoption befasst.

1

#ZweifelimHerbst: Herbstverzweifelt – von Zweifeln einer (Adoptiv-)Mutter

matthew-henry-7328

Danke an Matthew Henry auf unsplash.com

Die wunderbare Susanne von HalloliebeWolke und Tanja von Krümel und Chaos haben zu einer Blogparade aufgerufen, die gerade so treffend zu meinem Leben passt. Auch wenn ich an den Tagen in den Bergen zum einen dazu gekommen bin, ein paar meiner belastenden Altlasten abzuarbeiten, aber auch neue kreative Energie geschöpft habe und an manchen Tagen – so wie am Dienstag – einfach dankbar sein konnte für mein Leben und vor allem für meine Kinder. Dennoch die Zweifel quälen mich. Vielleicht mache ich deshalb gerne mit bei dieser Blogparade #ZweifelimHerbst. Denn auch ich fühle mich ein wenig in „ZweifelHaft“, wie Tanja so schön schrieb. Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste mich daraus dringend befreien. Auch wenn ich weiß, dass ich am Ende diese Beitrags doch einfach die Zähne zusammenbeiße und wieder einmal genauso weiter mache wie bisher. Irgendwie geht es ja dann doch immer, Zweifel hin oder her.

In diesem Jahr kamen die Zweifel früher als sonst. In der Regel erwischt mich die Überforderung immer zum Jahreswechsel und nicht schon jetzt. Vielleicht hängt es in diesem Jahr mit der stürmischen Michaelizeit zusammen, der Zeit, wenn der Herbst sich ankündigt, wenn Tag und Nacht gleich lang sind, wenn wir dem heiligen Michael, dem tapferen Drachentöter, gedenken. Manchmal glaube ich ja, dass an seinem Mythos etwas dran ist: Der heilige Michael, der gegen den Drachen gekämpft hat. Sinnbild für den Mut und den Kampf gegen das Böse, vor allem gegen die eigenen inneren bösen Mächte, die uns so oft quälen.

Sie sind also da, diese unbequemen Zwerge im Kopf, die einen den Alltag schwer ertragen lassen. „Warum machst Du das alles?“ „Warum tust Du Dir das an?“ „Wirst Du das wirklich schaffen?“ „Ist das alles nicht zu viel?“ „Wirst Du nicht irgendwann wie ein nervöses Wrack zusammenbrechen?“ „Und dann, was ist, wenn Du mal nicht mehr kannst? Wer ist dann für Deine Kinder da?“ „Was um Himmelswillen willst Du Dir denn noch beweisen?“ Ich weiß, dass diese Zwerge mich immer mal wieder besuchen. Und spannend ist, dass sie dies immer in der dunklen Jahreszeit tun. In diesem Jahr sind sie früh dran. Normalerweise kommen sie wie gesagt immer erst zum Jahreswechsel – wie auch hier schon geschrieben – , wenn die Weihnachtsanspannung nachgelassen hat. Aber auf die habe ich ja schon in diesem Jahr keine Lust mehr. Auf die Weihnachtsanspannung. Vielleicht haben die Zwerge sich deshalb nun die stürmische Michaelizeit ausgesucht.

Ja, in den letzten Wochen hatte ich oft das Gefühl, dass es wieder alles zu viel ist. Meine Arbeit, meine Ausbildung, mein Blog, mein Haus, mein Haushalt, meine ehrenamtlichen Verpflichtungen, mein Engagement an der Schule. Nein, nicht meine kleine eigenen Familie mit Richard, Maxim und Nadeschda. Nein, diese drei liebsten Menschen, sie sind mir nie zu viel! Doch merke ich, dass mir die Ruhe fehlt, richtig bewusst mit ihnen Zeit zu verbringen. Ungeachtet dessen, dass unser Alltag so durchgetaktet ist, dass wir zu wenig Zeit und Gelegenheit haben, die Seele einfach mal baumeln zu lassen. An manchen Tagen, gerade, wenn der Schlaf wieder zu wenig war, dann fehlt mir die Geduld, die Maxim und Nadeschda doch so sehr brauchen, gerade wenn es um unser tägliches Üben geht. Und das ist nicht gut.

Anstatt die Zeit, die die Kinder in der Schule sind, mit Arbeiten, Blog und Ausbildung zu verbringen – noch dazu Kraftraubende Abende unter der Woche und mindestens ein Wochenende im Monat, sollte ich vielleicht all dies sein lassen und mich stattdessen um mich kümmern. Nur um mich kümmern. Was wäre so verwerflich daran, meine Vormittage mit Schreiben und Lesen zu verbringen – da wir ja nun auf mein Geld auch nicht wirklich angewiesen sind -, Sport zu machen, abends früh schlafen zu gehen, damit ich dann ausreichend Kraft habe, für Maxim und Nadeschda die Mutter sein zu können, die ich so gerne für sie wäre? In meiner Kinderfreien Zeit in Ruhe alles zu erledigen, was es zu erledigen gilt, um mich dann in der Zeit, in der die Kinder da sind, mich voll und ganz meiner Familie zu widmen, ohne eben all die Dinge im Kopf zu haben, die dann doch noch erledigt werden müssen.

In den vergangenen Monaten, ja bald Jahren sind Dinge auf der Strecke geblieben, die mir Herzensangelegenheiten sind. Freunde habe ich schon ewig nicht mehr gesehen. Außer vielleicht meine Lieblingsfreundin hier in meinem Lieblingshaus in den Bergen. Aber andere soziale Kontakte und Freundinnen mal abends treffen? Fehlanzeige. Bücher habe ich nur noch wenige gelesen. Und wenn dann eher Fachliteratur. Aber so richtig Bücher, die einfach Spaß machen? Viel zu selten. Ich glaube, ich kann sie in diesem Jahr an einer Hand abzählen. Auch meine sportlichen Ambitionen sind auf der Strecke geblieben, bzw. kommen nicht richtig in den Gang. Hier geht es nicht darum, den nächsten Marathon laufen zu können, sondern morgens aufzuwachen und beweglich zu sein und mich nicht wie eine alte Frau zu fühlen, nur weil der Rücken einmal wieder meckert, weil ich Nadeschda herumtragen musste.

Manchmal habe ich mich in den letzten Wochen gefragt, ob meine Kraft und Energie noch lange genug ausreicht, um Maxim und Nadeschda gut in ihr Leben zu begleiten. Denn das steht außer Frage, dass dies meine oberste Lebensaufgabe und damit Priorität sein muss. Danach sollte ich alles in meinem Leben ausrichten und an nichts anderem. Allein meine zwei wunderbaren Kinder gut durch den Alltag zu begleiten und sie gut ins Leben zu führen. Alles, aber auch wirklich alles, Andere ist Nebensache und müsste hinter anstehen. Weder mir noch sonst irgendjemandem muss ich etwas beweisen. Allein eine gute und damit ausgeglichene, geduldige, fürsorgliche und stabile Mutter sollte ich sein. Mehr nicht und auch nicht weniger. Denn gerade meine Kinder brauchen mich als eben so eine Mutter, mehr als viele andere Kinder. Vielleicht. Dafür meine Kraft und Energie zu sparen und wieder aufzutanken, sollte in meinem Fokus stehen. Und nichts anderes. Vielleicht wollen mich meine Zweifelszwerge gerade daran erinnern.

2

Dankbarkeit am Morgen in den Bergen

ales-krivec-335251

Photo by Ales Krivec on unsplash.com

Dienstag morgen: Wir sind immer noch in den Bergen. Ich vermisse meine Freunde, die Kühe. Ich hätte nicht gedacht, dass sie schon von den Almen herunter gekommen sind. Aber ja, auch hier wird es Herbst und die Nächte kalt. Ich genieße den Kaffee im noch stillen Haus und denke gerade an all das, was ich im vergangenen Jahr so geschafft habe. Gerade nach den letzten Wochen, wo ich immer wieder gezweifelt habe, wo ich mir mehr Ruhe und Zeit so nur für mich zum Nichtstun oder Lesen gewünscht hätte, wo ich vor allem mehr Schlaf herbeigesehnt habe. – Hier habe ich ihn nun, aber auch nur, weil ich in den ersten Tagen mit den Kindern hier alleine war und mir nun mit meiner wunderbaren Freundin, der Hausbesitzerin, zusammen, ein Schlafnachholprogramm auferlegt habe, an meinem Schlafdefizit gearbeitet. Und die Schlafbilanz nach die ersten Tagen sieht extrem gut aus. Also bin ich an diesem wunderbaren Dienstagmorgen einfach dankbar – über meine Sonntagslieblinge hinaus. Es hat mehr etwas von ein paar meditativen demütigen Gedanken an diesem noch frühen Dienstag morgen:

  1. Mein Sohn macht sich so wunderbar in der Schule, trotz aller Schwierigkeiten mit Leander. Ich bewundere seine Unermüdlichkeit und seinen Kampfgeist. Und auch Nadeschda entwickelt sich. Es ist schwer und es ist anstrengend, aber es ist ein Prozess, ein Weg. Und den geht sie. So schwere s ihr auch manchmal fällt.
  2. Ich bin so dankbar für all diesen wunderbaren Momente mit meinen Kindern, wenn Nadeschda abends den Arm um mich legt und sagt:“Jetzt bist Du meine Mama, ganz alleine.“ oder wenn Maxim im Halbschlaf lächelt, wenn ich nochmal nach ihm sehe, bevor ich schlafen gehe und ihm sage: „Jetzt ist alles gut. Mama ist da.“  Dann nimmt er meine Hand für einen kurzen Moment, lächelt für einen Moment und seufzt zufrieden.
  3. Trotz allem bin ich dann doch in der Rückschau immer wieder überrascht, was dann doch alles noch so gelingt: Mein Buch, mein Blog, meine Ausbildung, mein bisschen Job. Irgendwie geht es. Ich bin ein wenig stolz heute morgen auf mein Geschafftes. Bin mir aber auch des hohen Preises bewusst….

An so Morgen wie diesem bin ich so voller Zuversicht, dass alles gut wird. Auch wenn mich genauso die Zweifel noch quälen. Und es mir ein wenig davor graut, nach Hause zurückzukehren, wo der Alltag im Lehnsessel sitzen wird, wie ein altes Familienmitglied,  und wohlwollend wieder seine Arme um uns legen wird. Doch für heute nehme ich einfach einmal diese Dankbarkeit mit und genieße den Tag!

0

Charlotte’s Sonntagslieblinge (57)

sergei-akulich-39912

Photo by Sergej Akulich on unsplash.com

Die erste Ferienwoche liegt bereits schon wieder hinter uns. Die Zeit rast. So kommt es mir zumindest vor. Vielleicht auch weil ich mich in den letzten drei, vier Wochen eher wieder wie eine Getriebene fühle, die dem Berg an zu erledigen Dingen nicht mehr Herr wird. Wenn dann auch noch mein Betreuungssystem versagt, wird es erst recht schwierig und ich beginne, vieles in meinem Leben einmal wieder in Frage zu stellen. Irgendwann in dieser vergangenen Woche habe ich für einen Moment einmal wieder gedacht, ich lasse das jetzt alles sein, die Arbeit, die Ausbildung und was auch immer noch für ehrenamtliche Aktivitäten. Ich fokussiere mich jetzt nur noch auf das Muttersein, bin allein und in vollem Umfang für meine Kinder da. Und wenn die mich gerade mal nicht brauchen, dann mache ich Sport – um für meine Kinder fit zu sein -, dann ruhe ich mich aus – um meinen Kindern mit noch mehr Gelassenheit zu begegnen -, dann lese ich vielleicht einmal wieder ein gutes Buch – von denen es so viele gibt und ich nur einen Bruchteil lese. Mal sehen. Seit Donnerstag sind wir wieder in unserem Lieblingshaus in den Bergen. Ja, ich genieße die Ruhe hier und habe einen Teil der To Do Liste auch Zuhause gelassen. Das Wetter ist herrlich und lädt zu Wanderungen und viel gemeinsamer Zeit draußen ein. Während Maxim und Nadeschda gerade auf dem nachbarlichen Reiterhof sind, denke ich an meine heutigen drei Sonntagslieblinge:

  1. Trotz fehlender Betreuung habe ich mein Praktikum, das nach den Ferien beginnt, doch noch ganz gut vorbereiten können. In der Not lerne auch ich den Mut zur Lücke und denke: „Irgendwie wird es dann schon gehen.“
  2. Jetzt bin ich dankbar für unseren Tapetenwechsel hier in den Bergen. Maxim und Nadeschda tut es gut, wieder täglich reiten gehen zu können, viel draußen zu sein und sich ausgiebig zu bewegen. Es ist schön, den Alltagstrott ein wenig hinter sich zu lassen und etliche Stunden am Tag nur die Zeit mit den Kindern zu genießen.
  3. Auch in den Ferien üben wir jeden Tag. Auch hier in unserem Lieblingshaus in den Bergen. Nur die Trompete durfte Zuhause bleiben. Doch entgegen so vielen Situationen in den vergangenen Wochen in unserem Alltag, verbringen wir hier überraschend harmonische Übzeiten, die zuweilen gar nicht mehr als solche wirken. Maxim entwickelt sich zu einem großartigen Vorleseonkel und Nadeschda ist zum ersten Mal so fasziniert von den Bergen, dass sie sie freiwillig malt und mit ganz vielen Zwergen bewohnt.

Habt auch Ihr einen wunderbaren Sonntag! Ich mache mich nun auf in den Pferdestall. Kommt gut und wohlbehalten in die neue Woche!

1

Adoptivkinder sind (oft) High-Need Kinder – und das ist gut so…

mother, children, family, sea, sunset, flowers, spring,   silhouette,  beautiful, women

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Vor ein paar Wochen hat Berenice einen spannenden Beitrag zu High-Need Kindern auf ihrem Blog veröffentlicht, der mich einmal wieder über meine eigenen Kindern hat nachdenken lassen.

Vielleicht vorab: Ich habe die Säuglingszeit mit meinen Kindern nicht erlebt. Auch wenn ich mir das manchmal gewünscht habe. Nicht aus einer Sehnsucht nach einer eigenen Schwangerschaft, sondern weil ich es mir manchmal wünschte, dass ich meine Kinder in meinem Bauch und dann als Babys schon hätte beschützen und behüten können. Doch Maxim war fast drei Jahre und Nadeschda gerade mal ein Jahr alt, als sie zu uns kamen. So kann ich mir nur abstrakt vorstellen, wie es ist, einen Säugling zu haben, der an manchen Tagen nur getragen werden will, der einen nicht einmal in Ruhe auf die Toilette gehen lässt, der einem den nächtlichen Schlaf raubt. kein Baby hat mich an die Grenzen meiner Belastung gebracht.

Auch dachte ich beim ersten Lesen von Berenice Beitrag, genau wie sie, ob mit der Klassifizierung High-Need tatsächlich wieder eine neue Modeerscheinung Einzug in Erziehungsratgeber und Therapieempfehlungen hat. Wird Kinder hier wieder eine Diagnose zugeschrieben, nur weil sie leider nicht in die starren Anforderungen unserer Gesellschaft – „Am besten laufen Kinder einfach so mit und haben ja keine eigenen Bedürfnisse.“ – passen? Oder weil auf der anderen Seite keiner den Müttern zugestehen will, dass vor allem die ersten Monate mit einem Säugling extrem anstrengend sind.

Doch als ich die Liste der Kriterien für ein High-Need Kind erneut betrachtete, dachte ich an meine eigenen Kinder und wie sie noch heute in vielerlei Hinsicht eigentlich High-Need Kinder sind, wenn man ein paar der Beschreibungen auf ältere Kinder adaptiert. Nicht alle zwölf Kriterien treffen auf Maxim und Nadeschda zu, doch viele wesentliche Punkte finden sich auch bei ihnen:

  1. Wenn meine Kinder weinen, dann weinen sie sehr intensiv. Auch heute noch. Und in der Mehrzahl der Fälle bin tatsächlich nur ich, ihre Mutter, die einzige Person, die sie beruhigen kann.
  2. Wenn es Maxim nicht gut geht, dann ist er hyperaktiv. Man spürt förmlich seine angespannte Körperhaltung und oft ist auch irgendein Gliedmaß in permanenter Bewegung.
  3. Wenn es Nadeschda nicht gut geht, dann will auch sie noch heute permanent getragen und umsorgt werden. Nicht umsonst trage ich ich fast zu jeder Jahreszeit große, breite Schals. Unter diesen kann sie sich dann auf meinem Schoß einhüllen und vor der Außenwelt „verstecken“.
  4. Beide Kinder sind extrem fordernd. Wenn sie etwas brauchen, dann fordern sie es sofort und lautstark ein. Kann das Bedürfnis nicht erfüllt werden – vor allem ein Grundbedürfnis nach Hunger, Durst, Schlafen, etc. – , weinen und schreien sie, als ginge es um ihr Leben. Warten können beide nur schwer.
  5. Vor allem Nadeschda ist, als sie kleiner war, häufig nachts aufgewacht. Vor allem, wenn ich abends nicht da war und jemand anderes sie ins Bett gebracht hat. Einschlafen kann sie auch heute nur gut, wenn ich bei ihr bleibe. Ja, auch sie haben Unruhe und Sorge gequält, ich könnte irgendwann nicht mehr da sein.
  6. Auch Maxim und Nadeschda sind extrem sensibel. Auch sie haben feinste Antennen und nehmen Stimmungen und Geräusche sehr intensiv wahr. So leidet Maxim heute z.B. oft unter Kopfschmerzen, wenn es in der Schule zu laut ist. Nadeschda braucht zwingend ihre festen Rituale. Kleinste Veränderungen im Alltag können sie schnell in die Überforderung bringen.
  7. Nadeschda braucht unendlich viel Körperkontakt, ja so wie andere die Luft zum Atmen. Manchmal scheint es mir, als söge sie darüber bei mir Energie ab, Energie, die sie zum Bewältigen irgendeiner Herausforderung des Alltags braucht.
  8. Auch Maxim und Nadeschda können sich schwer und schlechter von mir als Mutter trennen als andere Kinder. Nadeschdas Eingewöhnung im Kindergarten dauerte sehr lange. Unsere Kinderfrau kam mehrere Monate, bevor sie überhaupt beide Kinder einmal ins Bett bringen konnte. Gibt es eine längere Trennungsphase am Tag, so stellt Maxim unmittelbar unsere Beziehung in Frage. Sofort muss er testen, ob ich ihn halte und auch weiterhin aushalte.

So betrachtet, sind Maxim und Nadeschda „High-Need“-Kinder. Und natürlich ist das Leben als ihre Mutter anstrengend, anstrengender als ich es je gewagt hatte mir vorzustellen. Denn es kostet einfach unendlich viel Kraft und Energie. Vor dem Hintergrund der Lebensgeschichte meiner Kinder sind ihr Verhalten und ihre Reaktionen mehr als nachvollziehbar. Sie haben den absoluten Mangel erlebt, sie haben als Baby möglicherweise geschrieen und haben nichts zu essen bekommen, sie haben geweint und niemand ist gekommen und hat sie getröstet. Haben sie also ein Bedürfnis, dass nicht unmittelbar erfüllt werden kann, geht es für sie noch heute schlicht und ergreifend um Leben und Tod. Deshalb sind ihre Reaktionen bis heute zuweilen heftig. Wenn sie unter Stress stehen, dann geht bei ihnen der Alarm im Kopf an, über den ich ja schon häufiger geschrieben habe. Oft bringen sie mich an die Grenzen meiner Kraft und meiner Geduld.

Doch auf der anderen Seite hat all dies auch sein Gutes. Denn es lehrt mich, meinen Kinder immer in Dankbarkeit und Demut zu begegnen, an mir selbst zu arbeiten, um möglichst ausgeglichen und ruhig zu sein, meine Kraft mir einzuteilen und immer wieder Prioritäten zu setzen. Denn mit jedem kleinsten Schritt, den die Kinder machen, merke ich, dass sie doch langsam heilen, heilen durch meine Anwesenheit, meine Fürsorge und meine Begleitung. Wenn Maxim doch den Durst im Auto auf den zehn Minuten Heimweg aushalten kann, wenn Nadeschda doch mehrere Nächte in Folge durchgeschlafen hat, wenn Maxim ruhig am Tisch sitzt und mir vorliest, ohne dass ein Bein zappelt, wenn er nicht unsere Beziehung in Frage stellt,nachdem ich ein Wochenende in der Akademie war, wenn Nadeschda mich wegschickt, wenn sie bei einer Freundin zu Besuch ist: „Geh jetzt Mama, ich kann das alleine.“

Allein, dass sie ihre Bedürfnisse, Ängste und Nöte bei mir so ungeschminkt zeigen, sie mit voller Wucht an manchen Tagen an die Oberfläche bringen, ist auch ein Ausdruck ihrer tiefen Bindung an mich als ihre Adoptivmutter. Hätten sie diese Bindung nicht, würden sie sich ruhig und angepasst verhalten, still und zurückhaltend. Denn sie wären sich meiner nicht sicher. Sie können aber bei mir ihre Gefühle ausleben, weil sie sich sicher fühlen, weil sie wissen, dass ich sie halte, aushalte und immer für sie da bin.

0

Charlotte’s Sonntagslieblinge (56)

autumn-mott-15013

Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Die letzte Woche vor den Ferien ist nun auch geschafft. Und verkürzt war sie zudem noch aufgrund des Feiertags. Vor allem für mich war diese Woche sehr anstrengend, da ich jeden Abend in die Akademie zu unserer „Intensivwoche“ gehen musste. Eigentlich… Denn am Montag Nachmittag legte sich Richard mit einer Magen-Darm-Grippe ins Bett. So blieb ich also am Montag Abend daheim und hütete Krankenlager und tat alles erdenklich mögliche, damit es mich nicht auch noch erwischte. Der Feiertag brachte insofern auch nicht wirklich Erholung, aber zumindest kam ich so an ein paar Nächten auf mein notwendiges Schlafpensum. So sind nach dieser doch erneut anstrengenden Woche meine heutigen Sonntagslieblinge einfach diese hier:

  1. Ich bin dankbar, dass nun zwei Wochen Ferien vor uns liegen, in denen ich mein Schlafdefizit nachholen kann.
  2. Ich bin stolz auf mich, dass ich trotz Krankenlager und Schlafmangel an meiner Seminararbeit ein wenig weiterschreiben konnte und mein Praktikum nach den Herbstferien vorbereiten konnte. Zumindest zu einem guten Teil.
  3. Ich freue mich auf die nächsten zwei Wochen mit meinen Kindern, vor allem, wenn wir ab Ende der kommenden Woche wieder in meinem Lieblingshaus in den Bergen sind. Und wisst Ihr was? Meine Freundin, die tolle Besitzerin meines Lieblingshauses, hat mir eine Massage geschenkt und ich habe tatsächlich einen Termin gebucht. Das fühlt sich fast eine wenig verwegen an, aber gut!

Genießt noch dieses zauberhafte Herbstwochenende. Wir gehen jetzt in den Wald zum Kastanien Sammeln. Und kommt gut in die neue Woche!

2

Adoption: Eine Privatsache?

children-1138682_1280

Danke an Pixabay

Neulich sprach ich mit einer Bekannten und erzählte ihr, dass Maxim nun über seine Herkunft spricht. Die Bekannte fragte mich: „Und geht Ihr jetzt offen mit dem Thema um?“ Sie spielte dabei vor allem auf die Eltern in Maxim’s Klasse an und hinter ihrer Frage verbarg sich eigentlich die Frage, ob ich mich nun vor die Elternschaft stellen und sie proaktiv über Maxim’s Herkunft aufkläre würde. Spontan antwortete ich mit Nein. Denn ich muss nicht in einem Umfeld, in dem vielleicht jetzt hinter vorgehaltener Hand über die Adoption unserer Kinder gemutmaßt wird, mich belehrend und aufklärerisch auf die Bühne stellen. Denn trotz allem bleibt unser Weg, eine Familie geworden zu sein, unsere Privatangelegenheit. Bei Lichte betrachtet gehe ich ja auch nicht durch die Gegend und frage Mütter, sofern ich es denn gehört hätte: „Und wie war das bei Euch mit der künstlichen Befruchtung?“

Dennoch bleibt es eine Gratwanderung. Und ich gebe zu, dass in meiner Brust manchmal zwei Herzen schlagen. Denn auf der einen Seite ist da mein Bedürfnis durchaus über die Adoption und das Leben mit Adoptivkindern aufzuklären. Vor allem mit Vorurteilen aufzuräumen. Aber auch anderen Adoptivfamilien zu helfen und vielleicht mit ihnen in einen Austausch zu kommen. Denn im Privaten ist das Leben mit zwei Adoptivkindern anders. – Erst neulich wurde mir nach einem Besuch bei Freunden, die ebenso zwei Kinder aus Russland adoptiert haben, klar, wie angenehm es ist, sich unter „Gleichgesinnten“ auszutauschen. Da braucht es einfach nicht immer viele Worte und diese werden auch nicht auf die Goldwaage gelegt. Wir verstehen uns auch ohne Worte. Und vor allem wird auch nicht gewertet. – Ich für mich weiß, dass ich inzwischen recht gut vernetzt bin und insofern die Chance auf einen regelmäßigen Austausch habe. Daneben lese ich viel Fachliteratur. (Das könnte einmal wieder etwas mehr sein, aber dennoch ich lese immer noch mehr als viele andere Adoptiveltern.) Dennoch denke ich, dass es immer noch viel zu wenig Möglichkeiten für Adoptivfamilien gibt, sich kontinuierlich zu informieren, auszutauschen und zu beraten. Das war für mich letztendlich auch die Motivation zu meinem Buch und der Grund für die Initiierung meines Blogs. Dass vor allem der Blog viele Leser mit einem Adoptionshintergrund hat, zeigt mir, dass ich hier eine Informationslücke fülle. Ich würde mir wünschen, dass das Thema Adoption sich mehr und auch objektiv mehr in den Medien findet. Doch ich weiß auch inzwischen, warum das so selten passiert. Denn Adoptionsgeschichten müssen, damit sie sich für die Allgemeinheit „verkaufen“, persönlich sein, und auch – letztendlich wegen der Glaubwürdigkeit – persönlich bebildert sein. Man will das Kind sehen mit seinen Adoptiveltern, sonst wirkt die Geschichte nicht überzeugend. Das ist leider so. Die Konsequenz ist, dass wenig über Adoptivfamilien geschrieben und berichtet wird, und wenn dann immer doch sehr problembezogen. Denn auch hier, nur die „Sensation“ verkauft sich medial. Die „normale“ unaufgeregte Adoptivfamilie, die aber trotzdem sich ihren Weg durch ihren Alltag kämpft, ist eben nicht so spannend.

Auf der anderen Seite betreibe ich Buch und Blog bewusst anonym unter einem Pseudonym. Reale Bilder aus unserem Leben gibt es dort nicht. Genauso gibt es auch in unserem realen Familienleben keine Bilder von unseren Kindern im Netz. Dies tue ich zum Schutz meiner Kinder und unserer Privatsphäre als Familie. Vor allem will ich meinen Kindern ihre Entscheidungsautonomie lassen, selbst zu entscheiden, wem sie wann in welchem Umfang von ihrer Adoption erzählen. Denn, und das scheinen viele immer wieder zu vergessen: Es ist die Lebensgeschichte meiner Kinder. Nicht meine oder Richards. Oder dies nur zu einem Teil. Nüchtern betrachtet war es für Richard und mich ein Prozess von etwa einem Jahr, doch eine Familie werden zu können, mit vier aufregenden Reisen nach Russland. Das Schicksal meiner Kinder, ihre Lebensgeschichte bis zur Adoption, die irgendwie ja auch diesen Schritt und Akt der Adoption notwendig gemacht hat, die Adoption an sich und all das, was damit verbunden ist, ist ihre ganz persönliche Geschichte. „Es ist ihre Herkunft, es sind ihre ersten Lebensjahre, die sie nicht mit uns Adoptiveltern verbracht haben, es sind ihre Erfahrungen und Ereignisse, die sie mit geprägt haben.“ wie ich schon einmal hier geschrieben habe. Maxim und Nadeschda wird ihre Adoption ein Leben lang prägen. Sie werden sich irgendwann mit ihrer Herkunft auseinandersetzen müssen, sie werden ihre russische Mutter suchen wollen, sie werden vielleicht lange nach einer Antwort auf die Frage suchen: „Warum hat sie uns abgegeben?“ Aber egal wie, es ist ihre ganz persönliche Angelegenheit. Und sie entscheiden, wie sie damit umgehen und wen sie dabei involvieren. Nicht wir als ihre Eltern.

Ja, natürlich prägt die Adoption unseren Alltag als Familie mit und hat meine Rolle als Mutter mich anders ausgestalten lassen über all die Jahre. Mich anders werden lassen. Doch manchmal habe ich das Gefühl, dass die Bedeutung der Adoption bei mir als Mutter immer mehr abnimmt, je länger Maxim und Nadeschda bei uns und mit uns leben. – Dass sie an vielen Stellen mehr und andere Bedürfnisse haben, mag mit der Adoption zusammenhängen. Doch letztendlich könnte dies genauso, dann eben vielleicht in anderer Ausprägung, bei einem leiblichen Kind sein. – Und auf der anderen Seite nimmt, je länger Maxim und Nadeschda bei uns leben, die Bedeutung der Adoption gerade für sie stetig zu. Und gerade deshalb gehen wir, je älter unsere Kinder werden, umso sensibler mit diesem Thema um. Aber eben auch mit einer größeren Distanz. Denn wie schon oben gesagt, wem würde man so unvermittelt seine Familiengründungsgeschichte auftischen, wenn es keine Adoption ist?

Da wir uns nun eben auch an dem Punkt befinden, dass Maxim und Nadeschda auf der einen Seite beginnen, selbst über ihre Herkunft zu sprechen, aber auf der anderen Seite noch zu klein sind, um bewusst und reflektiert alle Konsequenzen der Offenheit abzuschätzen, müssen wir um so achtsamer mit diesem Thema umgehen. Wenn sie älter sind und ihren Umgang damit gefunden haben, dann wären wir vielleicht in der Situation, dass wir als Familie durchaus auch in eine breitere Öffentlichkeit gehen könnten. So wie die Töchter von Marion Gaedecke, die bei dem Film ihrer Mutter „Wunschkinder“ aktiv mitgewirkt haben. Da waren sie aber schon mindestens 14 Jahre alt. Bis dahin bleibt unser Adoption nur eins: unsere Privatsache!

1

#bestofElternblogs im Oktober 2017

baby-sitter-1140861_1280

Danke an Pixabay

Anja von der Kellerbande ruft regelmäßig zum 1. des Monats zu den besten Beiträgen der Elternblogs auf. Und auch heute mache ich gerne wieder mit. Auch wenn es schon spät ist. Aber gerade weil es dieser Beitrag ist, mache ich gerne wieder mit. Denn mein meist gelesener Beitrag im September  war „48 Stunden Alltag einer (Adoptiv-) Mutter (relaoded)“, in dem ich einfach mal wieder unseren „ganz normalen Wahnsinn“ schildere, der aber eine liebe Ex-Kollegin noch aus meinen Agenturzeiten, die ich in letzten Woche getroffen habe, zu der Frage veranlasst hat, mich zu fragen: „Wie schaffst Du das alles?!?“. Das frage ich mich manchmal selbst… Doch lest selbst. Vielleicht gibt es in der nächsten Woche einen erneuten Reload, diesmal unter dem Motto „Wenn Papa auf Reisen ist…“, nachdem wir nun eine Woche ganz ohne Papa überstanden oder viel mehr gemeistert haben. Mal sehen…

All denen, die meinen Wahnsinn schon mitbekommen haben, habt Dank für’s Lesen, Mitfühlen und überhaupt, schön, dass Ihr da seid!! 😉