10. September – „Die Russenkinder“ – erste Konfrontationen mit Vorurteilen

Kinder sollten in dieser Welt willkommen sein. Adoptivkinder erst recht! Haben sie doch mindestens einmal in ihrem Leben schon erfahren müssen, dass sie ungewollt sind, egal auf welche Art und Weise. Aber sie sind nicht immer willkommen. Das haben wir in den vergangenen Tagen auf die ein oder andere Art zum ersten Mal bewusst zu spüren bekommen. Bisher haben wir unter einer Glocke gelebt, wohl behütet in unserer eigenen kleinen Welt. Dort, wo wir in Kontakt mit der Außenwelt kamen, sind uns bisher Wohlwollen und Bewunderung für das, was Richard und ich getan haben, entgegengebracht worden. Ob in Richards Familie, bei unseren Freunden, im Kindergarten, beim Kinderarzt.

Doch genauso gibt es die andere Seite, den Schatten, ohne den Licht nicht sein kann. Ich hatte zwar im Vorfeld darüber an mancher Stelle gelesen, von Anfeindungen aus der Nachbarschaft, von Vorurteilen in der Schule von Lehrern und Erziehern, vor allem gegenüber Adoptivkindern, die offensichtlich anders aussehen als ihre Eltern. Ich hatte es mir leicht gemacht, und mich dem Glauben hingegeben „Das betrifft uns ja nicht.“ Denn Maxim und Nadeschda sehen uns auf den ersten Blick sogar ähnlich. Es betrifft uns aber sehr wohl. Die Tatsache, dass wir so schnell nach der Ankunft von Maxim und Nadeschda davon berührt sind, macht mich betroffen. Die ersten Begegnungen mit der Wirklichkeit in der Welt da draußen in den vergangenen Tagen waren wohlmöglich nur Vorboten, auf etwas was die Zukunft noch für uns bereit hält. Wenn ich so darüber nachdenke, wird mir bewusst: Wir haben nicht nur innerhalb unserer eigenen vier Wände ein neues Leben als Familie begonnen, sondern auch unser Umfeld wird sich stärker verändern, als ich es vor der Adoption gewagt hätte mir vorzustellen.

„Die Russenkinder“

Richard war am vergangenen Wochenende morgens mit den Kindern beim Bäcker – Brötchen holen für das Familien-Frühstück. Hier um die Ecke, nur 50 Meter die Straße hoch. Im angrenzenden Café saßen ein paar alte Damen aus unserem Dorf, tranken Kaffee und genossen ihr Morgenprogramm, die Besucher der Bäckerei zu beobachten. Leider sprechen schwerhörige alte Menschen etwas lauter, als sie glauben zu reden. Und so hörte Richard sie unvermeidlich sagen „Ja, das sind die zwei Russenkinder. Die haben er und seine Frau sich erst vor ein paar Wochen geholt.“ Das tut nicht wirklich weh, aber es sticht ein wenig. Unsere Russenkinder. Wird das der Stempel sein, den sie hier nun haben?

Risikozuschlag der Krankenkasse

Ärgerlicher ist dann die Nachricht der Krankenversicherung: Ja, sie versichern Maxim, aber mit einem Risikozuschlag von hundert Prozent. Das heißt, wir zahlen für ihn in Zukunft den doppelten Krankenkassenbeitrag. Die Begründung für den Risikozuschlag ist widersprüchlich: Auf der einen Seite verfüge Maxim im Gegensatz zu einem leiblichen Kind bereits über Vordiagnosen aus seinem Herkunftsland. Auf der anderen Seite könne die Versicherung aber nicht davon ausgehen, dass Vorsorgeuntersuchungen, die den deutschen Standards entsprechen, bei dem zu versichernden Kind erfolgt seien. Das verstehe ich nicht. Einerseits erhebt die Versicherung den Risikozuschlag, weil es verlässliche Diagnosen aus Russland gibt? Andererseits zweifelt sie eine medizinische Begleitung und Überprüfung im Kleinkindalter an? Schmecke nur ich hier den schalen Beigeschmack von Diskriminierung? Nach einem Telefonat mit Dr. Müller wissen wir, dass dies gängige Praxis von Krankenversicherungen bei Adoptivkindern ist. Er tut unseren Ärger ein wenig mit den Worten ab, dass wir froh sein könnten, dass unser Sohn überhaupt versichert worden ist. Das Verhalten der Krankenkasse sticht schon ein wenig mehr als der Kommentar der alten Damen beim Bäcker.

Uns geht es dabei um die Ungleichbehandlung der Kinder. Die Diagnosen aus einem anderen medizinischen System können nicht mit den Normen unseres Gesundheitssystems interpretiert und gleichgestellt werden. Ungeachtet dessen, ob sie haltbar sind oder nicht. Genauso wie bei einem leiblichen Kind weiß man einfach in diesem frühen Alter nicht, wie es sich entwickeln wird. Risiken sind bei jedem Kind gegeben, egal wie die Umstände seiner ersten Lebensmonate oder -jahre waren. Das man sie bei leiblich geborenen Kindern in Kauf nimmt, bei Adoptivkindern aber dafür bezahlen lässt, ist unfair. Es fehlt ein individuelles Eingehen auf die besondere Situation der Adoptivkinder. Eine ordentliche Interpretation oder Lesung der medizinischen Diagnosen aus den Herkunftsländern gibt es nicht. Im Gegenteil: Vielmehr werden die Diagnosen und medizinischen Begrifflichkeiten mit dem deutschen System gleichgestellt und im selben Atemzug, die medizinische Versorgung im russischen System als unzureichend erklärt. Genauso wenig wird aber in Abrechnung gestellt, dass vor allem die Adoptivkinder aus dem Ausland, die bereits widrigste Umstände überlebt haben,von Natur aus von guter physischer Konstitution sein müssen, zwangsläufig, denn ohne diese hätten sie die Lebensumstände ihrer ersten Lebensjahre erst gar nicht überlebt.

Was noch hinzukommt: Dieser Risikozuschlag wird für die Ewigkeit in Maxims Krankenkassenakte dokumentiert sein, und wird unseren Sohn, der noch nicht einmal drei Jahre alt ist, bis an sein Lebensende begleiten. Irgendwann wird Maxim vielleicht von diesem Risikozuschlag befreit, aber dieser bleibt aktenkundig genauso wie die Begründung warum. Das wird nicht mehr aus den Akten gelöscht. Dies ist ein Stempel, der bleibt. Richard und ich sind wütend und traurig. Wir werden Schritte einleiten, um diesen Risikozuschlag abzuwenden. Ich glaube, der Sachbearbeiter, der unseren Fall behandelt hat, wird seine Entscheidung in ein paar Jahren bereuen.

Vorurteile in der Familie

Auch in meiner Familie hält man immer weniger mit der „wahren Meinung“ über unsere Kinder hinter dem Berg. Es bewahrheitet sich allmählich, dass allen voran meine Stiefmutter ein Problem mit der Adoption, vor allem von zwei russischen Kindern, hatte. Daniel, mein Bruder, hatte lange die Diskussionen, die er an meiner statt im Hause meines Vaters geführt hatte, von mir ferngehalten. Doch nun da seine Bindung und seine Gefühle für seine Nichte und seinen Neffen stärker wurden, war er ein Stück weit persönlich betroffen. Somit fiel es ihm mit jedem Besuch bei unserem Vater schwerer, die haarsträubenden Meinungen und Argumente von mir fern zu halten. Auch wenn er bisher nie mit seinen Berichten ins Detail gegangen war, um uns zu schonen, so wußte ich, dass alles dabei war von „Die kaufen sich jetzt ein Kind.“ bis zu „Die Kinder in Russland sind doch alle alkoholgeschädigt.“ Selbst wenn ich die Vorurteile noch nachvollziehen konnte, so macht mich allein die Ignoranz wütend, sich nur in Vorurteilen zu ergießen, und nichts, gar nichts dafür zu tun, diese aus dem Weg zu räumen – und das im vermeidlich engsten Familienkreis.

Ein Gedanke zu “10. September – „Die Russenkinder“ – erste Konfrontationen mit Vorurteilen

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