16. September – Erstes Ankommen als Adoptivmutter und Mutter?

Nach sieben Wochen scheint es, als käme ich langsam ein kleines Stück in meiner Mutterrolle an. Mit klaren Regeln und einem strikten Tagesablauf als Basis kommen wir drei – Maxim, Nadeschda und ich – immer besser zurecht. Die Kinder und ich brauchen diese feste Struktur, um gut durch jeden einzelnen Tag zu kommen. Das ist es, was unser Zusammensein und unser Auftreten in unserem Umfeld so natürlich und selbstverständlich aussehen lässt. Eine Freundin sagte neulich zu mir: „Man könnte meinen, es wären Deine leiblichen Kinder und Du wärest schon seit Jahren in diese Rolle hineingewachsen.“ Auch auf dem Begrüßungsfest im Kindergarten vor 10 Tagen gab es ein paar Mütter, die mitbekommen hatten, dass wir anders Eltern geworden waren, und die über unseren Umgang mit Maxim und Nadeschda sehr überrascht waren. „Die beiden sind erst seit sechs Wochen bei Euch?“ Mit einem Gesichtsausdruck, der stumm hinzufügte: „Das kann ich ja gar nicht glauben.“ Noch fällt es mir schwer, diese Reaktionen als ein Kompliment aufzufassen. Selbst die Bemerkung einer Erzieherin aus dem Kindergarten „Und dann gleich zwei Kinder auf einmal!“ tue ich mit den Worten ab „Ich weiß ja nicht, wie es mit einem Kind wäre.“ Wie leicht scheint es nach außen zu wirken, mit diesen zwei Kindern zusammenzuwachsen. In mir drin tobt hingegen eher ein fast täglicher Kampf gegen meine eigenen Zweifel, ihnen wirklich eine gute Mutter zu sein, eine besondere Mutter zu sein. Denn diese Kinder fordern eine außergewöhnliche Mutter. Doch das beginne ich erst langsam zu realisieren.

Genauso bringt jeder Tag ein Stück weit mehr Vertrautheit zwischen den Kindern und mir. Ich kann Maxims Tobsuchtsanfälle besser einordnen. Es gelingt mir, etwas ruhiger zu reagieren. Oder ihm in liebevoller Konsequenz zeigen, dass er keine Chance hat, seinen Willen gerade durchzusetzen. In den letzten Tagen hat er begonnen, sich gegen jede Form der Disziplin, die in irgendeiner Weise mit den Relikten aus dem Kinderheim zu tun hat, aufzulehnen: Beim Essen stochert er lustlos in den Speisen auf seinem Teller herum oder malträtiert diese gewaltsam mit der Gabel. Das Händewaschen dauert meist fast eine halbe Stunde, da Maxim erst einmal eine gute Weile bockig mit verschränkten Armen vor dem Waschbecken steht und sich keinen Zentimeter bewegt. Das Zubettgehen mittags oder abends verläuft ähnlich schwierig. Mit enormer Kraftanstrengung versteht er es, zu verhindern, dass ich ihn ausziehen, geschweige denn waschen oder ihm die Zähneputzen kann. Tobsuchtsanfälle stehen somit auf der Tagesordnung. Doch inzwischen wird dies durch mindestens genauso viele schöne und harmonische Momente aufgewogen. Die Augenblicke, in denen Maxim mir unvermittelt um den Hals fällt und mich ganz fest drückt oder in denen er sich abends beim Vorlesen an mich kuschelt oder er meinen Schutz in fremder Umgebung sucht. Nadeschdas Entwicklung zu sehen, wie sie sich diebisch freut, wenn sie die ersten Treppenstufen erklommen hat; sie beim Rumtoben lachen zu hören; zu merken, wie auch sie immer wieder meine Nähe sucht, von meinem Arm gehalten werden will und sich ihr weiches Gesicht an meinen Hals schmiegt. Auch Maxim macht riesige motorische Fortschritte. Immer mehr lebt er seinen Bewegungsdrang aus. Er lernt Laufrad fahren und freut sich ungemein, als er endlich – nach nur einer Stunde!- raushat, wie es funktioniert. Unser Bewegungsradius bei unseren fast täglichen Spaziergängen hat sich mit dem Laufrad enorm vergrößert und beschert uns dreien wunderbare entspannte Nachmittage. Für Nadeschda ist es schön, da sie friedlich im Kinderwagen sitzen kann und dennoch viel sieht und mitbekommt – Pferde, Kühe, Blumen und Traktoren bei der Erntearbeit. Manchmal klettert sie aus dem Wagen und läuft ein Stück. Maxim zeigt ihr dann Steine und Blumen auf dem Weg. Gestern stellte er sich mitten auf den Feldweg, breitete seine Arme aus und forderte Nadeschda damit auf, in diese zu laufen. Ohne dass er einen Laut von sich gab, verstand sie ihn und folgte seiner Aufforderung. Jauchzend fielen sie sich in die Arme und in meinem Mutterherz öffneten sich große Schleusen, die das Glück hinein fließen ließen. Eine kleine leise Stimme in mir sagt in diesem Momenten: „Das sind meine Kinder!“

2 Gedanken zu “16. September – Erstes Ankommen als Adoptivmutter und Mutter?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s