13. Oktober – Besuch vom Jugendamt

Gestern kam unsere Betreuerin vom Jugendamt zum ersten Mal seit der Ankunft der Kinder zu Besuch. Mit Frau Schiffer hatten wir zu Beginn unserer Adoptionsvorhabens unser erstes Gespräch. Da wir uns aber schnell für eine Adoption aus dem Ausland entschieden hatten und auch den Sozialbericht über die Vermittlungsagentur erstellen lassen konnten, war sie bei der weiteren Überprüfung zunächst außen vor. Dennoch hielten wir sie weiter über unseren Prozess auf dem laufenden, da uns schon vor der Adoption bewusst war, dass wir uns einer Nachsorge durch das Jugendamt unterziehen müssten und auch wollten. Alternativ hätten wir uns zumindest, was die erforderlichen Entwicklungsberichte für die russischen Behörden angeht, auch an die Vermittlungsagentur wenden können. Doch uns war und ist es wichtig, die Nachsorge ernsthaft zu betreiben. Und sollte ich einmal weitere Hilfe benötigen, nutzt mir eine Vermittlungsagentur in einer anderen Region Deutschlands wenig. Ich brauche jemanden hier vor Ort.

Zudem entspricht Frau Schiffer – zum Glück – nicht dem typischen Bild einer von den täglichen Tragödien, die die Arbeit in einem Jugendamt zwangsläufig mit sich bringen, gezeichneten Behördenangestellten. Im Gegenteil: In unserem Esszimmer sitzt heute nachmittag eine weise, abgeklärte und viel erfahrene Frau, die ihren Beruf liebt und mit unerschöpflichen Enthusiasmus ihre Arbeit macht. Besonnen und verständnisvoll beobachtet sie uns, hört uns zu und gibt uns wohl überlegte Ratschläge. Es tut gut, ihren erfahrenen und wohlwollenden Blick von außen zubekommen, mit jemandem zu reden, dem man nicht alles erklären muss, der einen auch ohne viele Worte versteht.

Bindungsverhalten der Kinder

Auch Frau Schiffer ist mit dem Bindungsverhalten von Maxim und Nadeschda für die kurze Zeit, die die beiden bei uns sind, sehr zufrieden. Sie zeigen keine Anzeichnen von Distanzlosigkeit, was eher typisch für junge Adoptivkinder ist. Nein, Maxim sitzt nicht bei ihr auf dem Schoß, sondern beobachtet sie eher kritisch, aber freundlich. Nadeschda ist mehr damit beschäftigt auf ihren Stuhl zu klettern und wieder runter, Frau Schiffer interessiert sie im Grunde nicht.

Maxims Wutanfälle

Wir erzählen ihr von Maxims Tobsuchtsanfällen und meiner Strategie, den Raum zu verlassen. Das hält sie für einen guten Weg. Sie weist aber darauf hin, dass wir mit Maxim an einer Verhaltensänderung arbeiten müssen. Denn perspektivisch sind Tobsuchtsanfälle – vor allem in einem Umfeld außerhalb der Familie – kein probates Mittel, um seinen Willen zu versuchen durchzusetzen. Dabei kann helfen zu verstehen, was sich hinter diesen Wutausbrüchen verbirgt und dies dann mit ihm zu thematisieren. Mit Blick auf sein Nicht-Sprechen rät auch Frau Schiffer uns, weiter abzuwarten. Sie schlägt vor, gegebenenfalls schon einmal Kontakt zur Frühförderstelle aufzunehmen und dort abzuklären, ob für Maxim eine logopädische oder kinderpsychologische Therapie sinnvoll wäre. Allerdings gibt sie hier zu bedenken, dass Maxim grundsätzlich für eine Therapie noch zu jung ist. Und solange er auch zu uns als seine Eltern noch kein sicheres Vertrauen aufgebaut hat, wird er auch zu keiner weiteren Bezugsperson eine Beziehung eingehen, die eine verlässliche Basis für eine wirkungsvolle Therapie ist. Unseren geplanten Kindergarteneintritt für Maxim befürwortet sie. Die anderen Kinder könnten sogar ihm einen Impuls geben, doch zu sprechen. Sollte Maxim sich im Kindergarten nicht wohlfühlen, könnten wir seine Betreuungszeiten dort immer noch verkürzen.

Nadeschdas Entwicklung

Auch für Nadeschda hält sie einen Besuch bei der Frühförderstelle durchaus für sinnvoll. Auch wenn wir mit ihr in guter Betreuung durch den Kinderarzt sind, um ihre motorischen Entwicklungsverzögerungen aufzuholen, so empfiehlt uns Frau Schiffer, besser noch einmal eine zweite Meinung einzuholen. Vor allem bei Nadeschdas katastrophalem Essverhalten sollten wir nicht nur die medizinischen Aspekte berücksichtigen, sondern genauso emotionale und psychologische Ursachen mit in Betracht ziehen lassen. Alles in allem ist sie aber mit den Kindern und unserem Umgang mit ihnen sehr zufrieden.

Emotionale Entlastung

Glaubwürdig versucht sie uns zu entlasten, uns Mut zuzusprechen und uns in unserem Verhalten zu bestärken. Wir sind erleichtert. Und genauso ist der Moment, in dem wir alle am Fenster stehen und Frau Schiffer wegfahren sehen, einer, in dem sich wiederum unendliche Dankbarkeit bei mir breitmacht. Dankbarkeit für meine Kinder, für die ich vor der Adoption schon so viel lernen durfte und die mich mit jedem neuen Tag noch so viel mehr lernen lassen.

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