11. November – Nadeschdas Biopsie

Mit jeder neuen Erfahrung wird man gelassener. Vermeintlich. Manchmal zumindest. Und ich spüre, wie ich immer dann, wenn ich unter Druck gerate und die Anspannung nahezu unerträglich wird, in meinen Organisationsmodus verfalle. Dies scheint meine Überlebensstrategie zu sein. Sie war es auch, die mir durch die zurückliegenden 24 Stunden geholfen hat. Jetzt, da ich abends hier Zuhause wieder sitze und schreibe, merke ich, dass auf die weichende Anspannung die totale Erschöpfung folgt. Ich bin müde und erschlagen, kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Aber nun gut, morgen ist ein neuer Tag und vielleicht kehrt etwas Energie nach einer ruhigen Nacht zurück. – Seit heute mittag sind Nadeschda und ich aus dem Krankenhaus zurück. Gestern morgen fand ihre Biopsie statt. Zur Sicherheit blieben sie und ich für eine Nacht zur Beobachtung in der Kinderklinik. Oberflächlich betrachtet ist alles gut gelaufen, ohne Komplikationen. Doch unter der Oberfläche waren die vergangenen zwei Tage eine harte Geduldsprobe.

Ein Taxi brachte Nadeschda und mich gestern morgen in die Kinderklinik. Nach der Aufnahme auf der Station richtete ich Nadeschda und mich in unserem Zimmer häuslich ein. Stumm ließ sie alles geschehen. Wenn sie Angst hatte, dann zeigte sie es nicht. Denn weder weinte sie, noch klammerte sie sich an mich. Was sie für gewöhnlich tat, wenn ihr Situationen fremd und nicht geheuer waren. Danach zog ich sie für den Eingriff um und gab ihr das Beruhigungsmittel, das die Schwester mir gebracht hatte. Brav ließ sich Nadeschda in ihr Bett legen und dämmert schnell vor sich hin. Nur meine Hand hielt sie ganz fest. Selbst die Fahrt in ihrem Bett in den Behandlungsbereich bekam sie nicht mehr mit. Dort empfingen uns der Kinderarzt und der Anästhesist mit zwei Schwestern, die unmittelbar routiniert, professionell und zügig begannen, den Eingriff vorzubereiten. Es mutete fast nach Fließbandarbeit an. Nadeschda wurde auf den Behandlungstisch umgebettet, verkabelt, der Zugang gelegt und die Narkose verabreicht. Ich durfte in einer Ecke des Raums Platz nehmen und von dort beobachten. Ständig hatte ich das Gefühl, dass Nadeschda gleich wieder aufwachte, in die Augen des mit Mundschutz maskierten Kinderarztes entsetzt starren und laut anfangen würde zu brüllen. Doch sie war in eine andere Welt geschickt worden, in der sie von all dem, was man ihr nun durch den Mund einführte nichts mitbekam. Der Anblick der Untersuchung, meines schlafenden Kindes, mit der Mikrosonde in seinem Bauch und der kleinen Zange am Kopf des Endoskops, die sich zügig die Gewebeproben aus Nadeschdas Darm nahm, war für mich nur schwer zu ertragen.  Ich hatte ein Kratzen im Hals, ein Rumoren in der Bauchgegend und musste gegen ein immer wiederkehrendes Bedürfnis zu Würgen ankämpfen. Es schien, als würde ich mich an meiner Tochter statt innerlich gegen die Instrumente in ihrem Körper wehren. Als für mich der Moment des Unerträglichen gekommen war, und ich mich hart kontrollieren musste, nicht in die Untersuchung einzugreifen, zog der Kinderarzt das Endoskop wieder aus Nadeschdas Körper, kontrollierte die Monitore und erklärte die Biopsie für abgeschlossen. Einen ersten Befund würde er uns auf unserem Zimmer geben. Alle verließen den Raum, nur eine Schwester blieb bei uns und wartete mit mir, bis Nadeschda wieder aufwachte. Die Minuten schlichen dahin und schon machte sich erneute Sorge bei mir breit, diesmal, dass mein Kind nun gar nicht mehr aufwachen würde. Doch wenige Augenblicke später machte Nadeschda die Augen auf. Sie guckte mich ungläubig an, starrte im Behandlungsraum umher und begann verunsichert zu weinen, als sie den Zugang an ihrem Handgelenk entdeckte. Ich versuchte sie unbeholfen zu trösten, aber sie ließ sich wieder zurück in ihr Bett fallen, drehte sich um, und schlief jammernd wieder ein. Behutsam brachte die Schwester uns nach einer Weile zurück in unser Zimmer. Nadeschda schlief weiter einen unruhigen Schlaf. Ob dies die Nachwirkungen der Narkose waren? Ob es Schmerzen waren, die sie doch quälten? Ob es alte Erinnerungen an vorangegangene Krankenhausaufenthalte waren, die durch die Kinderklinik wieder wachgerufen worden waren? Oder lediglich die körperliche Erschöpfung von den Medikamenten? Ich saß in unserem Zimmer, beobachtete sorgenvoll meine schlafende Tochter und wartete, während mich die Angst umtrieb, wie sie den Eingriff nun überstanden hatte. Der Kinderarzt riss mich aus meinen Gedanken. Die Biopsie sei gut verlaufen, Schmerzen im Darm dürfte Nadeschda nicht haben, ihr unruhiger Schlaf sei nur die Nachwirkung der Narkose und der körperlichen Erschöpfung aus dem Eingriff. Dies sollte sich aber nach ein bis zwei Stunden legen. Viele Auffälligkeiten habe er in Nadeschdas Darm nicht gesehen. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass die Zöliakie noch nicht weit fortgeschritten und damit auch schnell in den Griff zu bekommen sei. Sollte sich Nadeschda nun in den nächsten Stunden von dem Eingriff erholen, dürften wir morgen wie geplant wieder nach Hause.

Nach gut zwei Stunden wachte Nadeschda auf. Immer noch guckte sie ungläubig im Zimmer umher. Der Zugang störte sie. Doch sie schien schnell zu verstehen, dass es zwecklos war, sich gegen ihn zu wehren, geschweige denn ihn selbstständig herauszuziehen. Bald ließ sie von ihm ab und schien sich ihm wie auch ihrem Schicksal mit mir in diesem Krankenhauszimmer zu ergeben. Zum Glück kamen bald Richard und Maxim zu Besuch. Und wir vier taten das, was wir immer in emotional angespannten Situationen taten: Spazierengehen. Wir zogen Nadeschda warm an, legten sie mit einer Decke in den Kinderwagen. Maxim hatte sein Laufrad dabei und so erkundeten wir die Umgebung um das Krankenhaus. Die frische Luft tat uns allen gut. Abends durfte Nadeschda wieder etwas essen und vor allem ihre Milch trinken. Fast glücklich und vor allem erschöpft schlief sie früh ein. Die Nacht verlief ruhig. Und nachdem Nadeschda wieder Stuhlgang und kein Fieber bekommen hatte, durften wir heute mittag zurück nach Hause. Der Termin für die Befundbesprechung würde in fünf Tagen stattfinden.

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