20. November – Amtserfahrungen Teil 2 – Die richterliche Anhörung

Als hätten wir keine andere Sorgen und Herausforderungen im Moment, fand zu allem Überfluss gestern die Anhörung beim Richter am Amtsgericht statt. Eine Verschiebung des Gesprächs war nicht zulässig. Hoffentlich war es nun der letzte Termin, damit endlich die Adoption von Maxim und Nadeschda in Deutschland anerkannt wird. Durchaus Kleinkind freundlich mittags um zwei Uhr. Der Mittagsschlaf musste also ausfallen und ich durfte mich auf einen harmonischen Nachmittag mit zwei unausgeschlafenen Kindern gefasst machen. Meine Begeisterung und Vorfreude waren riesig. Meine Wut und Anspannung entlud sich dann schon im Parkhaus am Gericht, als ein speckiger Mittsechziger in seinem dicken Jaguar mir den letzten freien Mutter-Kind Parkplatz wegnahm. Am liebsten wäre ich ausgestiegen und hätte ihm eine runter gehauen, doch ich beließ es bei einem bissigen Kommentar –  ob er selbst noch im Kinderwagen fahren würde – und einer Beschwerde bei der Parkhausaufsicht. Nachdem Richter Schwarz uns dann auch noch eine halbe Stunde warten ließ, war meine Laune auf ihrem Höhepunkt. Maxim und Nadeschda nahmen das alles mit überraschender Gelassenheit. Die langen Amtsflure luden zum Herumrennen ein, und irgendeine  Beamtin, die Mitleid mit der Langeweile unserer Kinder hatte, lud sie in ihr Büro ein, wo Maxim seine ersten Experimente mit Tacker und Locher machte.

Als wir endlich dran waren, saßen wir in einem karg möblierten und peinlich ordentlichen Büro einem jungen etwas verklemmt wirkenden Richter Schwarz gegenüber. Wie sollte es anders sein, auf unsere freundliche aber kritische Anmerkung zur Uhrzeit des Termins kam die wie immer routinierte Antwort, dass er für die Terminvergabe nicht zuständig sei. Nun gut, wir stiegen sachlich in das Gespräch ein, doch schon bald sah sich Richter Schwarz veranlasst, seine Kompetenzen klar abzustecken, die russische Rechtsprechung anzuzweifeln und damit seine intensive und akribische Überprüfung unserer Unterlagen und aufwendige Kontrolle unseres Adoptionsprozesses zu legitimieren. Ähnlich der Befragung des russischen Amtskollegen vor nun mehr als vier Monaten, rollte er das ganze Verfahren noch einmal auf. Warum wir zwei Kinder adoptiert haben, wie der Prozess abgelaufen ist, ob man uns über die medizinischen Risiken der Kinder aufgeklärt habe, wie oft wir die Kinder vor der russischen Gerichtsverhandlung gesehen haben, etc. , etc., etc. Sein Verhör dauerte bald eine Stunde. Maxim und Nadeschda nahmen in der Zeit ohne jegliche Berührungsängste das Büro des Richters auseinander, öffneten Schränke, zogen Schlüssel ab, spielten mit Tacker und Locher, durchwühlten den Papierkorb, Maxim malte mit seinen Kugelschreibern. Ich ließ meine Kinder gewähren, in der Hoffnung, damit die Befragung zu beschleunigen. Doch interessanterweise ließ sich Richter Schwarz durch die zunehmende Verwüstung in seinem ursprünglich penible aufgeräumten Büro in keiner Weise irritieren. Nach einer Stunde hatten Richard und ich all seine Fragen zu seiner Zufriedenheit beantwortet. Denn fast mit einem Lächeln im Gesicht schloss Richter Schwarz unsere Akte und verkündete, dass er in den kommenden Tagen nun das Urteil zur Anerkennung der Adoption von Maxim und Nadeschda ausstellen werde. Damit dürften wir dann endlich die deutsche Staatsbürgschaft und deutsche Pässe für unsere Kinder beantragen. Doch Stolz und Freude wichen schnell wieder aus seinem Gesicht. Denn Richard zog lächelnd die zwei deutschen Kinderpässe von Maxim und Nadeschda aus seiner Jackentasche und sagte nur: „Die haben wir schon.“

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