6. Dezember – Nikolaus

Ich habe keine schönen Kindheitserinnerungen an die Adventszeit. Meine Mutter hat keine Plätzchen mit meinem Bruder und mir gebacken, bis auf den Heiligen Abend lief keine Weihnachtsmusik, an schöne weihnachtliche Dekorationen kann ich mich nicht erinnern. An Nikolaus haben wir abends unsere Stiefel rausgestellt, die dann mit Süssigkeiten gefüllt wurden, wobei Daniel und ich früh wussten, dass es den Nikolaus nicht gibt, sondern, dass unsere Eltern die Stiefel befüllten. Irgendwie hatte das alles den Charme des Ernüchternden. Umso mehr bin ich jetzt bemüht, für Maxim und Nadeschda diese besondere Zeit vor Weihnachten mit Geschichten und Märchen, dem Duft nach warmen Plätzchen und Tannengrün, Adventsklängen und glaubhaften Erlebnissen, die die Existenz von Nikolaus und Christkind belegen, zu füllen.

Heute nachmittag kam der Nikolaus zu uns zu Besuch. Mit Einbruch der Dunkelheit klopfte es plötzlich draußen laut an die Türe, während wir vier mit der Oma bei Plätzchen und Tee saßen.

Two cute boys, looking through a window, waiting for Santa

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Herein kam wahrhaftig der Nikolaus, in rotem Mantel, weißem langem Bart, mit schwerem Sack und dicken Stiefeln, das goldene Buch der guten und schlechten Taten unter dem Arm. Maxim und Nadeschda machten großen Augen. Maxim zog sich zunächst auf sichere Entfernung neben seinen Vater zurück. Immer wieder guckte er Richard und mich unglaubwürdig an. Sollte es ihn also tatsächlich geben, diesen dicken rotgewandeten Mann, dessen Abbilder überall im Haus standen und von dem mir Mama nun jeden Abend Geschichten erzählte? Hatte er tatsächlich einen Schlitten mit Rentieren, mit dem er vorgefahren war? Was hätte ich darum gegeben, die Gedanken meines Sohnes zu lesen. Er schien keine Angst zu haben, da er spürte, dass wir als seine Eltern dem Nikolaus wohlgesonnen waren. Nadeschda amüsierte sich über das Spektakel, konnte sie den Nikolaus doch aus sicherer Distanz aus ihrem Hochstuhl beobachten. Seufzend ließ sich dieser auf einem Stuhl nieder, den Richard ihm anbot. Mit sonorer Stimme las er nun den Kindern vor, was die Engelchen ihm mit auf den Weg gegeben hatten. Von Maxim berichtete der Nikolaus, dass er tapfer in den Kindergarten ginge, dass er sehr schnell Laufrad fahren gelernt hatte, und darüber hinaus sich rührend um seine kleine Schwester kümmerte. Maxim schien ihn zu verstehen, denn mit jedem Satz lächelte er ein wenig mehr und rückte ein Stück von Richard ab und näherte sich dem Nikolaus, als wollte er gucken, ob all das wirklich in dem großen goldenen Buch stand. Als der Nikolaus sich Nadeschda zuwandte, vergrub diese erst einmal ihr Gesicht in ihren Händen. Wenn der Nikolaus mich nicht sieht, dann kann er auch nichts über mich erzählen, dachte sie vielleicht. Als der Nikolaus aber zu berichten wusste, dass sie schon die Treppe alleine hochlaufen kann, wie tapfer sie ihre Operation überstanden hatte und wie begeistert sie ihrer Mama beim Backen ihres Brotes helfen würde, das sie dann gerne mit ganz viel Butter verspeise, spähte sie vorsichtig und neugierig zwischen ihren Fingerchen durch. Auch sie schien zu verstehen, was der Nikolaus über sie erzählte. Maxims Neugier trieb ihn derweil immer mehr in die Nähe des Nikolaus. Sicherlich strahlte der prall gefüllte Sack, der neben ihm auf dem Fussboden stand, eine ungeahnte Faszination aus. Wie schon an seinem Geburtstag, unser Sohn lernte schnell und auch wenn er uns an seinen Gedanken nicht teilhaben ließ, so gewann ich den Eindruck, dass er wohlmöglich in Erinnerung an die Geschichten, die wir ihm vorgelesen hatten, oder nach seiner Erfahrung im Kindergarten, wo heute ebenfalls der Nikolaus- ohne sich zu zeigen – ein paar kleine Geschenke für jedes Kind zurückgelassen hatte, nun darauf spekulierte, dass in dem Sack ein paar Geschenke für ihn und Nadeschda verborgen waren. Welch Strahlen in seinen Augen sahen wir, als der Nikolaus tatsächlich seinen Sack öffnete und jedem Kind einen dick gefüllten Strumpf mit Geschenken überreichte. Vorbei war es mit der Scheu und der kindlichen Sorge, was wohl passieren würde. Stattdessen öffnete Maxim mit stummer Begeisterung seine bunt verpackten Geschenke, riss die Schokoladenverpackung auf und stopfte sich gleich drei Schokoladenkugeln auf einmal in den Mund. Ein Stück weit wich in diesem Moment mein innerer Zweifel, der mich nach wie vor quälte, meiner Mutterrolle gerecht zu werden, und meinen Kindern ein schönes Zuhause und eine glückliche Kindheit zu geben, eine glücklichere als meine eigene. Mit Momenten wie diesen schufen Richard und ich für unserer Kinder schöne Erinnerungen an eine heimelige Vorweihnachtszeit, geborgen im Schoß der Familie. Wie der Duft der Kerzen und der Geschmack von Zimt und Schokolade sich auf den glücklichen Gesichtern unserer Kinder ausbreitete, so spürte ich ein Stückchen Zufriedenheit in mir fließen.

4 Gedanken zu “6. Dezember – Nikolaus

  1. Das hast du toll geschrieben. Ich habe gemerkt anhand deiner letzten Blogs, dass du an deiner Mutterrolle zweifelst. Auch ich versuche! Immer die perfekte Mutter für meinen Zwerg zu sein, stoße aber immer wieder an meine Grenzen. Wie gern würde ich immer entspannt lächelnd auf gewisse Situationen reagieren, aber ich bin auch nur ein Mensch. Ich glaube diese Art von Mutter gibt es nur in der Werbung. Aber genau diese Situation, die du mit dem Nikolaustag beschreibst, zeigt mir, dass du dir sehr viel Mühe gibst, dass du deine Kinder liebst. Und das zählt!

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