22. Dezember – Kindersorgen

Nach dem Mittagessen wurde die Mittagspause zu einer Herausforderung, die uns wahrscheinlich die nächsten Wochen begleiten wird. Beim Einschlafen spielt Nadeschda mit ihrem Schnuller. Solange, bis dieser dabei kaputt geht. DER Schnuller hat nun nach etwas mehr als vier Monaten endgültig den Geist aufgegeben und verabschiedet sich in zwei Teilen. Ich hatte mich nach acht Wochen einmal gewundert, dass dieser russische Schnuller überhaupt so lange hielt. Doch heute hat der Sauger Nadeschdas Härtetest nicht mehr bestanden. Der Schnuller, den wir in einem letzten achtsamen Moment von Nadeschdas Erzieherin im russischen Kinderheim vor unserer Abfahrt erhalten hatten, ist nun irreparabel kaputt. Nadeschda ist sehr unglücklich und traurig. Einen anderen Schnuller will sie nicht nehmen. Richard hatte Tage damit zugebracht, im Internet nach alternativen Schnullern zu suchen, die dem russischen in Form und Art entsprechen. Auch als er fündig wurde und hier Zuhause eine breite Palette an vergleichbaren Schnullermodellen Einzug hielt, war Nadeschda nie dazu zubewegen gewesen, auch nur einen von ihnen auszuprobieren. Selbst im Tiefschlaf merkte sie den Unterschied und spukte immer wieder die anderen Schnuller mit schlafender Verachtung aus. Auch heute nimmt sie keinen der anderen Schnuller. Es braucht lange bis sie einschläft und dann wacht sie auch immer wieder weinend auf. Irgendwann übermannt sie dann doch der Schlaf. Sie ruht für eine Weile, ohne Schnuller.

Bei Maxim kommt etwas in Bewegung. Sei es ausgelöst durch den Besuch bei der Frühförderstelle, sei es durch die nun zunehmende Zeit, die ich mit ihm alleine verbringe. Was es ist, kann ich noch nicht greifen. Bisher nehme ich nur vorsichtige Veränderungen an ihm wahr. So wie heute Nachmittag. Beide Kinder brauchten neue Schlafanzüge.

Silhouette of Mother Lovingly Kissing Little Child at Sunset

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Im Geschäft sucht sich Maxim ausgerechnet zwei Babyschlafanzüge aus, einteilige Strampelanzüge mit angenähten Füssen. Und auch einen Schlafsack, wie Nadeschda möchte er gerne haben. Ich gebe seinen Wünschen nach. Will er es einfach Nadeschda gleich tun? Ist das seine Art, sein Bedürfnis an mehr Zuneigung zu äußern? Oder wächst in ihm der Wunsch, noch einmal Baby zu sein?

Am Abend erleben wir dann eine zunächst aufreibende Szenerie. Während ich nach dem Abendessen die Küche aufräume, toben beide Kinder im Wohnzimmer auf dem Sofa herum. Plötzlich scheint Maxim vom Sofa auf seine Kopf gefallen zu sein. Ich höre nur einen dumpfen Schlag, dann sein leises Weinen, während ich ins Wohnzimmer stürze. Ich nehme Maxim in den Arm und will ihn trösten. Doch auf einmal schockt und krampft er in meinem Arm. Er wird von einem Moment auf den anderen stock steif und ist nicht mehr ansprechbar. In Panik rufe ich nach Richard. Bei dem herbeigeeilten Richard löst sich nach ca. 30-60 Sekunden der Krampf und Maxim fängt bitterlich an zu weinen. Es ist kein Weinen vor Schmerzen, sondern irgendetwas anderes scheint sich tief in seinem Inneren zu lösen und in diesem Moment aus ihm herauszubrechen. Nach einer guten Viertelstunde beruhigt sich Maxim wieder, doch er wirkt blas und steht etwas neben sich. Zum ersten Mal seit einer langen Zeit, will er ganz bewusst wieder zu mir in den Arm. Er sucht meine Nähe. Das ist für unseren sehr autonomen Sohn, der Körperkontakt nur in Ausnahmefällen zulässt, bemerkenswert. Ja, im Alltag sucht er unsere Aufmerksamkeit, aber selten körperliche Zuneigung. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte er Angst vor zu viel Nähe. Er will sich nicht verletzbar zeigen, und auf keinen Fall sich als offensichtlich hilfs- und zuneigungsbedürftig zu erkennen geben. Doch in diesem Moment gewinnt in Maxim das Bedürfnis, einfach nur gehalten zu werden. So wickle ich ihn in eine Decke und gehe mit ihm ein paar Minuten raus an die frische Luft. Wir sitzen eng aneinander gekuschelt draußen und schauen uns den Mond und die Sterne am Himmel an. Auf einmal ist da dann doch so viel Nähe zwischen uns. Wie ein trockener Schwamm saugt Maxim meine Zuneigung auf und genießt unsere Zweisamkeit. Langsam normalisiert sich Maxims Zustand, er lacht bei dem Anblick von Mond und Sternen, bleibt aber sehr anhänglich. Dennoch lässt er sich später von Richard ins Bett bringen. Beide Kinder schlafen schnell ein. Doch in der Nacht ist Nadeschda zweimal wach. Sie trauert um ihren Schnuller.

2 Gedanken zu “22. Dezember – Kindersorgen

  1. Mir wird warm ums Herz, vielleicht hat der „Unfall“ einen kleinen Riss in Maxims Mauer vollbracht. Vielleicht hilft bei Nadescha mein Hebammen Tipp: 3 Tage Theater und dann ist es geschafft…?

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