12. Januar – Suche nach meiner Mutterrolle

Noch immer suche ich nach einer Antwort auf die mich ständig quälende Frage, wie und ob ich eine gute Mutter sein kann. Gerade im Rückblick auf den Besuch meiner eigenen Mutter, die mir wenn überhaupt nur ein negatives Vorbild sein kann.

Maxim hatte heute nachmittag seine erste Turnstunde. Wir Mütter schauten von der  Tribüne der Sporthalle zu, unsere Kinder sollten alleine mit der Trainerin turnen. Während Nadeschda und ich an der Ballustrade saßen, hatten sich die anderen Mütter etwas abseits gesetzt. Viele kannten sich aus Geburtsvorbereitungskursen, Rückbildungsgymnastik und dem Kindergarten. Zwei von ihnen waren mit dem zweiten Kind schwanger. Damit war klar, dass sich ihre Gespräche schnell um Geburt, Gewichtszunahme während der Schwangerschaft, Wassereinlagerungen, Stillen und postnatale Depressionen drehten. Überraschend wenig ging es um ihre Kinder, die unten in der Halle turnten. Saß ich physisch schon abseits von ihnen, fühlte ich mich auch schnell anders.

Ich konnte zu diesen Gesprächen wenig beitragen. Meine eigene „Geburtsgeschichte“ war eine andere. Diese wollte ich aber nicht mit ihnen teilen. Ich musste nicht jedem auf die Nase binden, dass wir Maxim und Nadeschda adoptiert hatten. Über die Wochen und Monate war in mir das Bewusstsein gewachsen, dass wir dies nur dort wo nötig erzählten, und wir es weitestgehend Maxim und Nadeschda später überlassen wollten, wann sie selbst wen über ihre Adoption informierten. Mit der Zeit war ich gelassener geworden und hatte gelernt, manchmal einfach den Mund zu halten. Ich musste uns und unsere Familie nicht jedem erklären. Bei einem Kindergartenfest vor Weihnachten hatte mich eine der Mütter aus Maxims Kindergartengruppe gefragt: „Die tollen blauen Augen hat er aber nicht von Dir. Die hat er dann wohl von seinem Vater.“ „Möglich.“ hatte ich nur geantwortet und gelächelt. Es war ja noch nicht einmal gelogen, denn möglicherweise hatte Maxim tatsächlich seine beeindruckenden blauen Augen von seinem leiblichen Vater.

Während ich diesen Müttern in der Turnhalle weiter zuhörte, war ich froh, dass mir das physische Geburtserlebnis erspart geblieben war. Frappierend fand ich vor allem, dass noch drei bis vier Jahre nach den Geburten ihrer Kinder die Erinnerungen so frustrierend, ja fast traumatisch anmuteten, dass es sie jetzt immer noch so sehr beschäftigte. Oder war es, dass es das einzige Thema war, dass sie miteinander verband? Je länger ich ihnen zuhörte, um so fremder wurden mir diese Mütter. Nicht, dass sie alle im Schnitt fünf bis zehn Jahre jünger waren, dass sie einen anderen Hintergrund und Werdegang hinter sich hatten, nein, sie hatten vor allem ein anderes Bewusstsein ihren Kindern gegenüber. Sie nahmen sie für selbstverständlich. Sie hatten ihre Kinder bekommen, weil es dazugehört, weil irgendwann der Kinderwunsch da ist und sich leicht erfüllt, oder die Schwangerschaften sich einstellten, ohne dass sie vorher darüber nachgedacht hatten. Jetzt waren die Kinder da, und die Mütter fügten sich in ihre Mutterrollen, ohne sich dessen bewusst zu sein, welches Geschenk ihnen gemacht worden war. Wir hingegen hatten hart für die Erfüllung unseres Kinderwunsches kämpfen müssen. Für uns war unsere kleine Familie keine Selbstverständlichkeit, zumal wir immer noch jeden Tag daran arbeiteten, eine wirkliche Familie zu werden. Gegenüber unseren Kindern haben wir eine verdammt große Verantwortung übernommen. Wir haben Maxim und Nadeschda einen Teil ihrer Herkunft und ihrer Wurzeln genommen, damit wir eine Familie werden können. Auch wenn unsere Kinder noch klein sind, so haben sie im Gegensatz zu all diesen Kindern, die da unten in der Halle mit Maxim turnten, schon so viel erlebt, zu viel erlebt, als dass es eine Kinderseele in diesem Alter überhaupt ertragen und verkraften kann. Sie haben schon Erfahrungen machen müssen, die nichts mit einer behüteten Kindheit zu tun hatten: Sie wurden in Armut geboren, sie hatten ihre leibliche Mutter verloren und ein Jahr in einem russischen Kinderheim gelebt. Das hat Spuren hinterlassen. Dieses Päckchen an Lebenserfahrung bringen sie mit und werden es ihr Leben lang tragen müssen. Genauso wie Richard und ich unsere Geschichte haben. Das ist nicht „normal“. Das ist anders. Wir sind anders.

Im Hintergrund plätscherten immer noch die giggeligen Gespräche über Start- und Zielgewichte bei ihren Schwangerschaften. Meine Gedanken kreisten um meine eigene „Geburtsgeschichte“ mit Maxim und Nadeschda. Weder die erste Begegnung mit ihnen im Heim, noch das Abholen und unsere Ankunft in Deutschland fühlten sich wie ein euphorisierendes Geburtserlebnis an. Viele Adoptivmütter beschreiben zwar diese ersten Begegnungen mit ihren Kindern oder das Abholen aus dem Heim als ein der Geburt gleichzusetzendes Ereignis und in vielen Fällen mag das auch so sein.

Doch wohlmöglich aufgrund der Begebenheiten, die unseren Adoptionsprozess begleitet hatten, fehlte uns diese Romantik. Ich fragte mich, wie sich ohne dieses romantische Gefühl eine Bindung zu meinen Kindern entwickelt hatte. Hatte ich eine innige Bindung zu Maxim und Nadeschda aufbauen können, ohne das Erlebnis der Geburt oder ein vergleichsweise intensiv emotionales Erlebnis? Glück fühlte sich anders an, hatte ich in der ersten gemeinsamen Nacht im Moskauer Hotel geschrieben. Wann ich zum ersten Mal bewusst das Gefühl hatte, das sind MEINE Kinder, kann ich gar nicht mehr sagen. Heute in dieser Turnhalle dachte ich, dass für mich mit der Ankunft von Maxim und Nadeschda erst ein Prozess begonnen hatte, in dessen Verlauf ich mich langsam zu einer Mutter entwickelte. Die Gefühle zu meinen Kindern wuchsen mit jedem Tag langsam aber stetig, so wie ich mich immer mehr in meiner neuen Rolle und in meinem neuen Leben als Mutter zurechtfand, dort aber noch lange nicht angekommen war. Die Bindung zu meinen Kindern hatte über die vergangenen Monate begonnen sich Stück für Stück zu entwickeln und zu wachsen, genauso wie die Bindung von meinen Kindern zu mir. Nadeschda schien es in ihrem kleinkindlichen Verhalten leicht zu fallen, Zuneigung zu zeigen und anzunehmen. Oft war sie sehr anhänglich, sehr kuschelig und auf viel Körperkontakt aus. Maxim hingegen war mit seinen drei Jahren sehr autonom. Unmittelbare Gesten der Zuneigung waren bei ihm selten: Abschiedsküsse im Kindergarten, seine Freude, wenn wir ihn mittags dort wieder abholten, manchmal legte er abends den Arm um meinen Hals beim Gute Nacht sagen und hielt meine Hand fest, bis er eingeschlafen war. Oder er kam unvermittelt auf meinen Schoß und wollte wie ein Baby geschaukelt werden. Vorsichtige und zaghafte Signale, die zeigten, dass er sich allmählich auf mich als seine engste Bezugsperson einließ. Ob das bei den Müttern, die nach wie vor in meinem Rücken plauderten, auch so gewesen war? Ich bezweifelte es. Wiederum fühlte ich mich fremd.

Die Turnstunde neigte sich langsam dem Ende zu. Ein letztes Mal ging ich innerlich zurück zur Geschichte unserer Kinder und unserem Entstehungsprozess als Familie. Wir hatten Maxim und Nadeschda nicht gefragt, ob sie bei uns leben wollten und wir ihre Eltern sein durften. Vielleicht quälte mich auch deshalb immer wieder die Frage, ob ich tatsächlich all diesen Anforderungen gerecht werde, die diese Kinder an mich stellen. Ich fühle mich schlecht, wenn ich nicht die Geduld aufbringe, die die Kinder von mir fordern. Ich fühle mich schuldig, wenn ich aus der Haut fahre, wenn ich kein Verständnis für Maxims Tobsuchtsanfälle habe, wenn ich mich nicht mehr unter Kontrolle habe. Jedes Mal wenn ich ihnen weh tue oder laut werde, frage ich mich, ob ich ihren Schmerz nicht größer mache, anstatt ihn zu heilen. Manchmal glaube ich, dass ich der Situation nicht gewachsen bin. Und vor allem, ich fühle mich so verdammt allein.

8 Gedanken zu “12. Januar – Suche nach meiner Mutterrolle

  1. Hallo liebe Charlotte, ich finde deine Beiträge immer sehr interessant zu lesen. Auch wir haben kurz vor der Entscheidung gestanden, ob wir ein Kind adoptieren wollen. Aber das ist eine andere Geschichte, vielmehr möchte ich auf deine Gedanken eingehen. Ja, ich glaube schon, das ein gravierender Unterschied zwischen einer Adoptivmutter und einer „normalen“ Mutter ist. Du bist sozusagen von heute auf morgen Mutter geworden, während ich 9 Monate Zeit gehabt habe, mich auf die Mutterrolle einzustimmen, eine Bindung zu meinem Baby schon im Mutterleib aufzubauen. Aber bin ich dadurch eine bessere Mutter?Nein! Sieh mal, Babys brauchen von Geburt an das Urvertrauen zu den Eltern, niemand kann abschätzen wie sich dieses fehlende Urvertrauen bei deinen Kindern auswirkt. Aber es ist doch ein tolles Zeichen, dass sich Maxim deine Nähe sucht, dass er sich geborgen fühlt.

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    • Liebe Julmum, danke für Deine Worte. Und für Deine „Bestätigung“, dass es doch anders ist, Adoptivmutter zu werden und zu sein. Bei mir ist diese Erkenntnis erst in unserem ersten Jahr als Adoptivfamilie greift und gewachsen. Mittlerweile ist dieses Selbstverständnis für mich „normal“ geworden. Aber dieses musste sich erst entwickeln. Ja, ich werde – teilweise – vor andere Herausforderungen gestellt, da meine Kinder nicht in meinem Bauch gewachsen sind. Da hast Du so recht. Wichtig ist mir nur dabei, dass es mir, auch wenn ich meinen Gedanken freien lauf lasse, nicht darum geht, zu werten. Eine leibliche Mutter ist nicht besser, genauso wenig wie eine Adoptivmutter. Wir alle sind bestrebt, unseren Kindern alle Liebe zu geben, die sie brauchen und verdienen. Liebe Grüße Charlotte

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  2. Du solltest auch zulassen, dass du dir Gedanken zu deiner Mutterrolle machst, dass du dich unsicher fühlst. Es geht mir nicht anders, ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich immer alles perfekt mache. Aber ich gebe mir Mühe meinem Kind das Höchstmaß an Liebe und Zuwendung zu geben. Und wenn ich mir deine Beiträge durchlese, ist das auch bei dir der Fall. Hab Vertrauen in dich!

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    • Ja, die Unsicherheit hat mich manchmal in den Wahnsinn getrieben. Vor allem weil ich so lange das Gefühl hatte, mit all dem so allein zu sein. Heute (ich schreibe den Blog ja retrospektiv) ist das zum Glück anders. Aber ich weiss noch, wie oft unsere Betreuerin vom Jugendamt immer zu mir gesagt hat: „Frau Weiss, sie sind so gut als Mutter wie sie sind. – Good is good enough!“ – Danke auch Dir für Deine Ermutigungen!

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  3. Lange habe ich überlegt, ob ich überhaupt etwas schreiben soll. Habt ihr schon einmal daran gedacht, dass ein Teil der Wutanfälle vielleicht auch einfach nur völlig alterstypisch sind? Und ein Teil eben durch die schwierige Vorgeschichte bedingt? Viele Situationen, die du beschreibst, ereignen sich so oder so ähnlich auch bei uns, und unsere Tochter ist noch ein gutes Stück jünger (1,5 Jahre) und hat keinen besonderen „Hintergrund“. Habt ihr es schon einmal damit versucht, einfach nur die absolut nötigsten Dinge durchzusetzen und die restlichen Dinge einfach sein zu lassen? Habt ihr es versucht, euren Sohn mal mehr entscheiden zu lassen? Bei uns ändern schon Kleinigkeiten so viel – oft lässt unsere Tochter sich problemlos anziehen, wenn sie sich die Klamotten aus ein paar Alternativen aussuchen darf. Oder wir Ihrem Wunsch nachkommen, Jacke und Schuhe erst im Treppenhaus anzuziehen. Oder ihr völlig frei stellen, ob sie eine Mütze tragen möchte oder nicht – und wenn wir etwas nicht schnell genug machen (ich denke gerade an euer mützenbeispiel), machen wir es trotz allem zu Ende, lassen die Wut unserer Tochter zu und sind dabei aber jederzeit „verfügbar“, um sie zu trösten. Es ist ein langer Weg, und natürlich reagieren wir auch nicht zu 100% perfekt; aber: wir haben erkannt, dass unsere Tochter diese Dinge nicht tut, um uns zu ärgern, sondern dass für sie einfach echte, reale Not dahinter steckt. Auch, wenn es für uns Eltern häufig wie eine Lappalie wirkt; für kleine Kinder ist es das häufig eben nicht.

    Wenn du grundsätzlich Lust dazu hast, manche Einstellungen gegenüber Kindern zu überdenken, kannst du ja mal einen Blick auf den Blog gewuenschtestes-wunschkind.de werfen. Wir haben dort viele, viele Anregungen bekommen, wie wir den Alltag mit einem sehr fordernden Kleinkind für alle schön gestalten. Gerade mir hat das auch sehr geholfen, weil ich auf absolut kein positives Vorbild bezüglich „Mutterrolle“ zurückgreifen konnte – da mir selbst in meiner Kindheit nur wenig positives widerfahren ist.

    Liebe Grüße 🙂

    Roboneko

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    • Liebe Roboneko,
      danke für Deine Zeilen und für den Link zu diesem wunderbaren Blog „gewünschtes Wunschkind“. Das war spannend, da mal reinzuschauen, vor allem, da sich viele der Einstellungen, wie sie da zu lesen sind, bei mir nun auch im Laufe der Jahre entwickelt haben. (Ich schreibe meinen Blog ja retrospektiv und damit liegt diese Zeit der Wutanfälle schon etwas hinter uns zurück.) Das mit dem „Selbstentscheiden“ haben wir tatsächlich gemacht, von Anfang an, im Rahmen von Maxims Möglichkeiten. Auch wenn sich das nicht so liest, vielleicht. Genauso wie ich mir immer wieder gesagt habe und auch heute immer wieder sagen muss: „Es ist nur ein Knopf, der nicht zugeht, aber für mein Kind ist es jetzt gerade das wichtigste auf der Welt und ein nicht zu ertragendes Drama, diesen nicht zuzubekommen.“

      Sicherlich hast Du Recht, dass ein Teil der Tobsuchtsanfälle durchaus „normal“ und altersgerecht sind. Ich glaube dennoch, dass zum einen seine Lebensgeschichte der ersten zwei Lebensjahre dazukommt, ebenso wie die Frustration über seine Sprachlosigkeit. Er kann sich gar nicht anders mitteilen, als über Gefühlsäußerungen. In Summe würde ich heute sagen, dass die Tatsache, dass Maxim in bestimmten Situationen so viele Wutanfälle bekam und bekommt, und auch die „Gründe“ für die Wutanfälle völlig normal sind, aber die „Intensität“ der Wutausbrüche und das sich Hineinsteigern in Hysterie, was teilweise bis zu einer Stunde oder länger andauern konnte und manchmal noch kann, eben nicht „normal“ sind. Diese Qualität seiner Wutausbrüche gehört zu seiner „Überlebensstrategie“(so sagt man dazu in der Fachliteratur…), die er sich in seinen ersten Lebensjahren angeeignet hat, in denen er auf sich gestellt war. Nur so hat er überhaupt überleben können. In Situationen, die für ihn aus welchen Gründen auch immer nicht mehr zu handhaben sind, reagiert er so. Das ist ein Teil des „Anders sein“ als Adoptivfamilie. Aber wir alle haben mittlerweile gelernt, anders mit Maxims Überlebensmechanismus umzugehen, er und ich.

      Liebe Grüße
      Charlotte

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  4. Liebe Charlotte,

    ich kenne dieses „sich anders fühlen“ – wenn auch aus ganz anderen Gründen.
    An schlechten Tagen denke ich sehr viel darüber nach, ob ich die Mama bin und sein kann, die mein Kleiner verdient. Zum Glück sind diese Tage mittlerweile sehr selten geworden. Vermutlich liegt das einfach daran, dass ich mittlerweile erfahrener bin und mich selbst besser einschätzen kann. Das Mama-Gefühl und die Sicherheit sich auch als gute Mutter zu empfinden beginnt nicht unbedingt direkt im Kreißsaal, sondern wächst mit der Zeit heran. Bei dir kommt ja hinzu, dass dich und deine Kinder die Zeit vor der Adoption „trennt“.
    Sofern ich das als Leserin beurteilen kann, finde ich, dass du eine tolle Mama für die beiden bist.

    Alles Gute für die Zukunft & liebe Grüße
    Anja

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