18. Januar – Maxims 1. Logopädie-Stunde

Heute vormittag waren Maxim und ich zum ersten Mal bei der Logopädin. Nach unserem Gespräch in der Frühförderstelle vor Weihnachten hatte ich mich um eine logopädische Therapie für Maxim bemüht. Dr. Müller, unser Kinderarzt hatte mir eher widerwillig das erforderliche Rezept ausgestellt, denn er war immer noch der Meinung, dass Maxim von selbst zu seiner Sprache finden würde. Doch nach bald einem halben Jahr seit Ankunft der Kinder bei uns hatte Maxim immer noch kein einziges Wort gesprochen und ich spürte, wie ihm das zunehmend zu schaffen machte, ihn und uns belastete. Meine Geduld, nur tatenlos zuzusehen und zu warten, war ausgereizt.

Da spieltherapeutische oder familientherapeutische Ansätze uns wenig zielführend erschienen, hatten wir uns zu dem in die Zukunft gewandten Ansatz der Sprachtherapie entschlossen. Anstatt rückwärts orientiert Maxims Traumata aufzuspüren und zu lösen, sollte ihm viel mehr mit dem Blick nach Vorne die Freude am und der Mut zum Sprechen vermittelt werden. Kurz vor unserem anstehenden ersten gemeinsamen Familienurlaub in der Schweiz hatte ich Glück gehabt und noch einen Termin für ein Anamnesegespräch bei der Logopädin unserer Wahl bekommen. Nadeschda ging zum ersten Mal schweren Herzens zur Oma. Sie weinte bitterlich, als sie merkte, dass sie alleine bei der Oma bleiben sollte. Erst der Anblick von Banane, Jogurt und Kakao ließ sie in ihr Schicksal einlenken und sie beruhigen. Dennoch fuhr ich mit einem unruhigen Gefühl mit Maxim in die logopädische Praxis von Frau Schuster.

Sie hatte Erfahrungen in der Behandlung mutistische Kinder. Offen und freundlich begrüßte Frau Schuster Maxim, der natürlich mit ihr nicht sprach, aber spannenderweise bei der ersten Begegnung nicht in seine sonst übliche starre Körperhaltung verfiel. Maxim entdeckte für sich sehr schnell die Schaukel im Therapieraum und schaukelte sehr engagiert die meiste Zeit, während ich mit Frau Schuster sprach. Ich schilderte ihr Maxims kurzen aber belasteten Lebensweg und die Ausprägungen seines non-verbalen Verhaltens sowie seine Frustration, wenn er das Gefühl bekam, nicht wahrgenommen und verstanden zu werden. Frau Schuster reagierte sehr verständnisvoll und emphatisch, ja fast mit Bewunderung für den Weg, auf den wir uns mit Maxim und Nadeschda gemacht hatten. Ich fühlte mich von Anfang an wohl bei ihr und war schnell überzeugt, dass Maxim bei ihr in guten Händen war. Frau Schuster erläuterte mir, dass sie in einem ersten Schritt Maxim motivieren wolle, den Mund zu bewegen. Er solle zunächst lernen und erfahren, dass es Spaß machte, den Mund zu benutzen. Erst wenn er diese Hürde überwunden habe, können man ihn darin unterstützen, ihm mehr Sicherheit zu geben, dass er sich in einem vertrauten Umfeld, also unserer Familie überwinden könne, zu sprechen. In der Folge, wenn er zu einer sicheren Sprache mit uns Eltern gefunden hatte, könnten wir an seiner Angst gegenüber Fremden und seiner Sprachlosigkeit im außerhäuslichen Umfeld arbeiten. Uns allen war klar, dass ein langer Weg vor uns lag. Doch ich war froh, ihn jetzt schon angetreten zu sein.

Nach unserem Gespräch war es schwierig, Maxim zu bewegen, die sichere Umgebung der Schaukel zu verlassen und sich auf ein erstes Spiel mit Frau Schuster einzulassen. Er war sauer, dass wir ihm seine lustvolle Aktivität verdorben hatten und zog sich zunächst schmollend in eine Ecke des Therapieraums zurück. Doch seine Neugier spielte ihm einen Streich. Als Frau Schuster ein Brett, das einem Fussballfeld ähnelte, herauszog, mit zwei Toren und einem leichten Ball, kam er aus seiner Ecke hervor und beobachtete Frau Schusters Treiben. Sie hatte das Brett auf dem Tisch aufgebaut und hatte begonnen, den Ball immer wieder in eines der Tore zu pusten. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und fragend blickte er mich an. Ich deutete ihm, sich bei mir auf den Schoß zu setzen und es ihr gleich zu tun. Es vergingen nur wenige Momente, eh er freudig in das Blas-Fussballspiel mit Frau Schuster einstieg. Als Frau Schuster danach zu den Seifenblasen griff, verließ er sogar bereitwillig meinen Schoß und stellte sich mit ihr vor den großen Spiegel, um Seifenblasen zu formen und dabei seinen Mund zu beobachten. Fast schien es, als würde er über sich selbst lachen, wie er sich da im Spiegel sah. Ich war überrascht und erleichtert, dass Maxim sich so schnell auf Frau Schuster eingestellt hatte. Dennoch musste die ganze Prozedur für ihn sehr anstrengend gewesen sein, denn als wir die Praxis nach eineinhalb Stunden verliessen, war er sehr müde und schlief selbst auf der sehr kurzen Fahrt zurück nach Hause im Auto ein.

2 Gedanken zu “18. Januar – Maxims 1. Logopädie-Stunde

  1. Huhuuu Charlotte, da wundere ich mich, dass ich so lange nichts von Dir gelesen habe und muss feststellen, dass Du gar nicht mehr in meiner Follower-Liste bist…komisch, da hat WordPress sich wohl selbständig gemacht😳 Folge Dir jetzt wieder 😀
    Spannend mit der Logo, bin gespannt wie es weitergeht👍🏻😚

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    • Hallo liebe Frau Bitte,
      schön, dass Du wieder dabei bist… Ich hab auf Deinen Kommentar hin gleich mal irgendwie meine Follower gecheckt. Ja, die Technik macht leider viel zu oft was sie will. Angsteinflößend irgendwie. Aber egal widmen wir uns dem Wesentlichen und Wichtigsten in unserem Leben, unseren wunderbaren Kindern. 😉
      Liebe Grüße
      Charlotte

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