9. Februar – Einschlafgedanken zu Nadeschda

Morgen feiern wir Nadeschdas zweiten Geburtstag. Gedankenverloren sass ich gerade an ihrem Bett und wartete, bis sie einschlief. Während ich ihre Hand durch ihr Gitterkettchen hielt, kam sie mir wieder so zart und verletzbar vor wie vor sieben Monaten als wir sie in Russland abgeholt hatten. Gleichzeitig ging mir durch den Kopf, wie sehr sie sich in diesem guten halben Jahr verändert hatte. Seit der Biopsie und ihrer Ernährungsumstellung hatte sie nun endlich begonnen, kräftig zuzunehmen, ihre Wangen waren rund und rosa, sie war gute fünf Zentimeter gewachsen, der erste Kleidergrößenwechsel stand an.

Nadeschda versuchte, ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder, immer mehr zu sprechen. Auch wenn es meist nur Gebrabel war, das selbst ich nur schwer verstand, so kamen doch jeden Tag neue Wörter dazu. Ihr Mitteilungsbedürfnis war frappierend. In ihrem Bewegungsdrang war sie selten zu halten. Klettern, Rutschen, Dreirad und Bobbycar fahren standen regelmäßig auf der Tagesordnung. Nachdem sie verständlicherweise beleidigt war, dass sie bei Maxims Turnstunden nicht mitmachen durfte, hatten wir begonnen, in eine Turngruppe für Kinder in ihrem Alter zu gehen. Mit riesiger Begeisterung half sie mir in der Küche; Backen und Kochen waren für sie das Größte. Im Grunde genommen grenzte es für mich nahezu an ein Wunder, wie schnell sie ihre Entwicklungsverzögerung aufholte. Sie war darin unermüdlich und äußerst hartnäckig. In ihr musste ein nicht ermüden wollender Kämpfergeist wohnen, der sie jeden Tag von neuem antrieb. Das war so großartig und wunderbar für mich zu beobachten. Es erfüllte mich mit tiefer Dankbarkeit und Demut, an dieser Entwicklung meiner Tochter teilhaben zu dürfen und zu merken, was alles für sie möglich ist. Sie schien inzwischen ein Stück weit hier angekommen zu sein. Mittlerweile forderte sie zunehmend mehr Aufmerksamkeit für sich ein.

Gegenüber ihrem Bruder zeigte  sie seit einiger Zeit so etwas wie Eifersucht. Gerade in den letzten Tagen war die erste halbe Stunde, nachdem wir Maxim vom Kindergarten abgeholt hatten, jeden Tag von neuem anstrengend. Kaum fiel die Haustür ins Schloss, ging Nadeschda auf ihren Bruder los; sie schubste, biss, schlug auf ihn ein. Selten mit einem konkreten Anlass. Ich war schockiert, ob der vielen Wut und Aggression, die sich in meiner Tochter angestaut zu haben schien, und an ihrem Bruder entlud. Es kam mir vor, als wohnten Engelchen und Teufelchen in ihr. Denn so jähzornig sie war, so liebreizend konnte sie keine viertel Stunde später wieder sein. Wenn sie sich beruhigt hatte, ging sie zu ihrem weinenden Bruder und streichelte ihm zärtlich über den Arm. Auf der einen Seite war mir bewusst, dass nun nach einem halben Jahr beide Kinder sich bei uns sicher genug fühlten, um all die Gefühle, die sie tief innen in sich vergraben hatten, herauszulassen.

Frau Schiffer hatte bei einem ihrer ersten Besuche erklärt, dass Adoptivkinder in der Regel spätestens nach einem halben Jahr aus ihrer Phase der Anpassung herauskommen. Dann ließen sie ihre Masken fallen. Länger als sechs Monate könnten sie ihre tiefen Verletzungen, Wut und Trauer selten unterdrücken. Vielleicht hatten wir diesen Punkt bei Nadeschda erreicht. Wenn ja, so war es ein gutes Zeichen, auch wenn mir nicht gefiel, dass Maxim darunter leiden musste. Auf der anderen Seite ging Maxim nun gute zwei Monate in den Kindergarten. Nadeschda hatte sich an unsere Vormittage alleine gewöhnt und genoss diese offensichtlich. Der Übergang mittags, wenn ihr Bruder wieder Zuhause war, gefiel ihr nicht. Jetzt musste sie mich mit ihm wieder teilen. Oder auch ihm gegenüber zurückstecken. Denn je nachdem in welcher Verfassung Maxim aus dem Kindergarten nach Hause kam, brauchte er und forderte er meine volle Aufmerksamkeit. Insofern musste ich nicht tiefenpsychologisch lange nachforschen, bis mir klar wurde, dass Nadeschda einfach eifersüchtig war. In diesem Moment der inneren Ruhe und Nähe zu meiner Tochter nahm ich auch dies als ein gutes Zeichen. Nadeschdas Eifersucht war Ausdruck ihrer engen Beziehung zu ihrem Bruder und auch zu mir als ihre Mutter, die sie nicht gerne teilen wollte.

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