5. März – Tapetenwechsel

Vor zwei Stunden sind wir von Katharina zurückgekehrt. Stille senkt sich langsam über unser Haus. Richard ist gerade mit Maxim und Nadeschda vom Bad ins Kinderzimmer verschwunden und begeht das allabendliche Milch- und Vorleseritual. Ich nutze die Gelegenheit, die balsamartige Erholung der letzten zwei Tage für die Ewigkeit festzuhalten, bevor uns morgen der Alltag wieder umarmt und in seinen Zangengriff nimmt.

Wer hätte gedacht, dass meine erste Reise mit Maxim und Nadeschda alleine so entspannt verlaufen wird. Nach unseren Erlebnissen auf der Fahrt in den Skiurlaub war ich auf alles vorbereitet. Und dann war es wie im wirklichen Leben: Wenn man einen Regenschirm dabei hat, regnet es nicht. Schon die Autofahrt verlief im wahrsten Sinne des Wortes friedlich und still. Denn kaum waren wir eine halbe Stunde unterwegs schliefen beide Kinder für fast zwei Stunden. Wäre da nicht der Stau kurz vor unserem Ziel gewesen, hätten wir die Strecke auch in gut vier Stunden geschafft. So dauerte es etwas länger. Aber Maxim und Nadeschda steckten dies mit vielen Kinderliedern und glutenfreien Keksen locker weg.

Bei Katharina wurde dann erst einmal die Wohnung inspiziert und mit den neuen Geschenken gespielt. Die anfängliche Aufregung legte sich schnell bei Maxim und Nadeschda. Müdigkeit überkam beide Kinder. Nach dem Abendbrot fing Maxim an, sich selbst auszuziehen und als er dann nackt in der Küche vor mir stand, war die non-verbale Botschaft eindeutig. Kaum eine viertel Stunde später übermannte beide Kinder Müdigkeit und Schlaf. Am nächsten Morgen fuhren wir nach Aufstehen, Spielen, Anziehen und Frühstücken, mit der Straßenbahn in die Stadt. Dort kauften wir für Maxim neue Halbschuhe und stockten Nadeschdas Frühjahrsgarderobe auf. Auf dem Heimweg hielten wir abschließend an einem Spielplatz. Maxim schaukelte fast eine dreiviertel Stunde alleine. Er hatte inzwischen raus, wie man alleine Schwung holte. Nadeschda spielte mit ein paar anderen Kindern im Sand. Katharina und ich beobachteten meine spielenden Kinder und genossen die nachmittägliche Frühlingssonne. Wie gut es tat, einfach nur zu sein, den Moment zu genießen, das Aufmerksamkeitsbedürfnis meiner Kinder ohne viele Worte zu zweit zu erfüllen, zu sehen, wie sie inzwischen auch zu Katharina ein gewisses Vertrauen hatten. Zum ersten Mal seit Wochen entspannte ich mich innerlich. Nach Duschen und Abendbrot essen, probierten Maxim, Nadeschda und ich zum ersten Mal aus, zusammen vorzulesen. Das war etwas schwierig, ging aber für ein paar Minuten. Maxim schlief danach binnen fünf Minuten ein. Nadeschda brauchte etwas länger und kommentierte noch die vorbeifahrenden Fahrzeuge: „Auto…, Laster…, Bus…, Auto…, Auto…, Papa?“, als ein Sportwagen unten an der Ampel vor Katharinas Wohnhaus beschleunigte. Ich lachte still in mich hinein und verließ glücklich das Gästezimmer, als ich nach wenigen Momenten auch Nadeschdas ruhigen Atem hörte.

Heute morgen fuhren wir nach dem Frühstück in den Zoo. Wir sahen zum ersten Mal Giraffen und Elefanten. Vor allem die Elefantenherde war für Maxim und Nadeschda ein Höhepunkt. Die fünf Kühe hatten ordentlich Stress untereinander und trugen ihre Zickenkriege mit viel Gebrüll aus. Am Nachmittag begaben Maxim, Nadeschda und ich uns wieder auf den Heimweg zu Richard. Wieder steckten Maxim und Nadeschda die Fahrt mit etwas Schlafen, einer halben Packung glutenfreier Butterkekse gut weg. Als wir nach vier Stunden Zuhause ankamen, waren die Kinder froh, ihren Papa wieder zu sehen. Ich ebenso. Der Tapetenwechsel hatte gut getan. Für zwei Tage hatte ich alle Sorgen aus unserem Alltag hinter mir lassen können, stattdessen die Zeit mit meinen Kindern und mit Katharina unbeschwert genossen.

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