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23. April – Die Taufe

Kreuz mit Blumen

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

„Als Du geboren wurdest, war ein regnerischer Tag. Aber es war nicht wirklich Regen sondern der Himmel weinte, weil er einen Stern verloren hatte.“ Das Zitat aus „Der Kleine Prinz“ passte so gut zu unserem Tag der Taufe: „Als ihr getauft wurdet, war ein regnerischer Tag. Aber es war nicht wirklich Regen, sondern der Himmel weinte, weil er zwei Sterne verloren hatte.“ So etwa könnten wir Maxim und Nadeschda von ihrer Taufe später erzählen.

Das Wetter tat dem großen Tag jedoch keinen Abbruch. Am Morgen fand der Taufgottesdienst in der Kirche statt, in der Richard und ich vor etlichen Jahren geheiratet hatten. Der Pfarrer sollte Recht behalten mit seinen Worten, dass Kirchen auf Kinder eine unheimliche Faszination ausüben. Als der Gottesdienst begann, saß Maxim andächtig neben mir. Bei den Liedern machte er alle Bewegungen, die der Pfarrer vorgemacht hatte, nach. Am Ende beim letzten Lied stand er dann mit ihm vor dem Altar und dirigierte die Taufgesellschaft. Die Taufe selbst ließen beide Kinder still und gelassen über sich ergehen. Alles in allem war es ein wirklich schöner Gottesdienst. Es hatte sich ausgezahlt, dass ich selbst so viel Zeit und Engagement in die Vorbereitung gesteckt hatte. Alle Gäste hatten eine Rolle. Da wir nicht die singkräftigste Taufgesellschaft waren, hatten zwei Kinder kleine musikalische Einlagen vorbereitet, auf der Geige und auf der Gitarre. Das war sehr schön und sehr feierlich. Wiederum vermissten wir Renate schmerzlich. Wie gerne hätte sie doch die Taufe von Maxim und Nadeschda erlebt. Eine alte Schulfreundin von Richard las ihr Gebet an ihrer statt und zündete mit dem Pfarrer eine Kerze für sie an. Ein stiller trauriger Moment. Doch wir spürten, dass Renate uns aus dem Himmel wohlwollend zuschaute. In unseren Gedanken war sie mit bei uns.

Die anschließende Feier fand im Hotel einer Freundin statt. In ihrem Restaurant hatten Richard und ich ebenfalls unser Hochzeit gefeiert. Als wir dort ankamen, spielten alle Kinder miteinander. Es war faszinierend zu beobachten, wie selbstverständlich unser Kinder mit den anderen spielten, und die großen Kinder sich um die kleinen kümmerten. Kaum, dass der Regen nachgelassen hatte, stürmten alle Kinder raus auf den Spielplatz des Hotels. Dass alle Kinder so harmonisch und friedlich zusammen spielten und unsere Kinder sich so wunderbar integrierten, lag sicherlich mit daran, dass sich alle schon kannten und vor der Taufe mehrere Male gesehen hatten. Wir Erwachsenen genossen das gute Essen und die Gesellschaft von lieben Freunden. Ein wenig machte sich bei mir das Gefühl breit: Vielleicht ist dies unsere „neue“ Familie. Einfach eine Hand voll guter Freunde. Was brauchten wir mehr?

Die Taufe war ein beschauliches, schönes, harmonisches Fest, ein friedlicher unaufgeregter Tag im Kreise von engen, lieben Freunden. Genau richtig für die Stimmung, in der wir vier als Familie waren. Im Nachhinein war es gut, dass mein Vater und seine Familie nicht dabei waren. Ihre Anwesenheit hätte unsere Nerven sehr strapaziert. Sie wären in diesem Kreise eher ein Störfaktor gewesen, der die Erinnerung an diesen Tag mehr getrübt hätte als der Regen, der vom Himmel fiel. Wenn ich ehrlich war, vermisste ich meinen Vater, und vor allem seine Familie nicht. Im Gegenteil, ich war erleichtert, dass meine Stiefmutter keine Rolle mehr in meinen, in unserem Leben spielte, dass sie sich selbst aus unserem Universum katapultiert hatte. Jetzt da die Wut und die Trauer über die Ereignisse aus den letzten Monaten langsam nachließen, machte sich langsam Zuversicht in mir breit. Alles – selbst Renates Tod – hatte seinen Grund gehabt. Langsam fügte sich unser Leben als Familie zu dem zusammen, wie es das Schicksal für uns bestimmt hatte. So wie wir vor einem Jahr in Russland beschlossen hatte, dass wir nun die Eltern von Maxim und Nadeschda werden.

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18. April -Erkenntnisse zum Muttersein

Silhouette of Mother and Young Children Holding Hands at Sunset

Die Zugfahrt in den Schwarzwald ähnelte einer Odyssee. Wir schienen niemals an unserem Ziel anzukommen. Aber ich war begeistert, wie gelassen meine Kinder dies über sich ergehen ließen. In Karlsruhe fuhr uns unser Anschlusszug vor der Nase weg. Selbst Maxim entfuhr ein: „Mist, Mama.“ – Seine sprachliche Aufholjagd macht in unserer vertrauten Umgebung vor nichts Halt. Stattdessen werden alle Worte, die er in seiner Umgebung aufschnappt, sofort verarbeitet und in den eigenen Wortschatz aufgenommen. – Also zuckelten wir fast zwei Stunden mit einer S-Bahn in den nördlichen Schwarzwald. Die vier Tage bei Nils und Rieke ließen die Strapazen der Anreise jedoch schnell wieder vergessen. Überraschend war, wie schnell unsere drei Kinder wieder begannen zusammen zu spielen. Als wäre da ein unsichtbares Band und eine stille Übereinkunft, die sie miteinander verband. Auch ich fühlte mich schnell Zuhause, denn es war bei Nils und Rieke alles so unkompliziert. Im Gegensatz zu mir ließen sie die Uhr gedanklich in ihrem Kopf ausgeschaltet und wir lebten so in den Tag hinein. Hinzukam, dass Nils gerade seine Elternzeit begonnen hatte, und Rieke während unseres Besuchs nicht arbeiten musste, so dass bis zu Richards Ankunft drei Erwachsene für drei Kinder da waren. Ich musste mir keine Gedanken machen. Zum ersten Mal seit Wochen konnte ich mich richtig entspannen.

Während wir uns am ersten Nachmittag noch im Regen auf dem Spielplatz rumdrückten und bald durchnässt die Segel strichen, wurden wir am nächsten Tag mit strahlendem Sonnenschein beschenkt. Wir nutzten das schöne frühlingshafte Wetter und fuhren in den Zoo. Immer noch freute ich mich zu beobachten, wie sich meine Kinder gefühlte Stunden für ein einziges Tier begeistern konnten. Pinguine und Eisbären wurden ewig verfolgt, Affen und Elefanten lange kritisch begutachtet, Ziegen im Streichelgehege ausdauernd gestreichelt, am Schwanz gezogen und mit Bürsten gestriegelt. Immer wenn ich das sah, musste ich daran denken, wie Nadeschda einmal im Streichelgehege unseres Zoos von zwei Ziegen attackiert worden war, weil sie noch ein Brötchen in der Hand hatte – als sie das noch essen durfte. Mir kam es nun jedes Mal so vor, wenn sie die Ziegen quälte, als wollte sie sich insgeheim an ihnen für diesen Vorfall rächen. Alle Ziegen, egal in welchem Zoo, hatten es seitdem nicht anders verdient, als von Nadeschda malträtiert zu werden.

Währenddessen blieb Rieke und mir viel Zeit zum Reden. Wir teilten das Glück, das wir mit unseren Kindern hatten. Wir wurden uns gewahr, das wir doppelt beschenkt worden waren, denn unsere Kinder hatten sich alle drei bisher gut entwickelt, medizinische Diagnosen aus Russland hatten sich nicht bewahrheitet oder neue medizinische Herausforderungen, wie Nadeschdas Zöliakie, waren im Alltag nach einer geraumen Zeit zur Normalität geworden. Wir waren dankbar für den Weg, den uns das Schicksal hatte gehen lassen. Dennoch wussten wir beide inzwischen, das unser jeweiliges Familienleben nicht normal war. Es schien nach außen so gewöhnlich, die Entwicklung unserer Kinder so großartig. Welche Anstrengungen und emotionalen Achterbahnfahrten wir aber hinter unseren Haustüren manchmal fuhren, das erkannte und verstand kaum jemand draußen. Das musste auch nicht sein. Es erklärte mir nur so schön, warum ich mich oft so einsam fühlte. Ich war anders als die Mütter leiblicher Kinder und würde es auch immer bleiben. Letztendlich forderten meine Kinder eine andere Mutter. Maxim und Nadeschda waren zwei Kinder, die in ihren ersten Lebensjahren in widrigen Umständen um ihr Überleben gekämpft hatten, bedingungslose und fürsorgende Mutterliebe hatte ihnen gefehlt. Um so mehr war ihre Entwicklung zu gesunden, starken Kindern keine Selbstverständlichkeit. Sie entsprach damit nicht den Standardmaßstäben einer normalen Kindesentwicklung. Wir durften dies als ihre späten Eltern weder erwarten, noch so bewerten. Vielmehr war jeder einzelne Entwicklungsschritt, und wenn er auch noch so klein war, ein Wunder und ein großes Geschenk. Dessen musste ich mir als Mutter immer bewusst sein.

Zudem funktionierte die in vielen Ratgebern zementierte Erziehungskunst leiblicher Kinder nicht bei Kindern, die früh ihre leibliche Mutter verloren hatten und in einem Heim viel zu früh auf sich selbst gestellt waren. Bestrafen und Belohnen zum Beispiel zeigten keine Wirkung oder berührten im Gegenteil alte seelische Verletzungen und provozierten damit einen erneuten Überlebenskampf. Ein Adoptivkind vor dem Einschlafen alleine zu lassen, damit es lernt, auch ohne die Mutter zu schlafen, weckte vielmehr alte Verlassensängste. Auch hier musste ich als Mutter andere Wege finden, mit meinen Kindern umzugehen. Da ich beide Kinder nicht in meinem Bauch unter meinem Herzen getragen hatte, mussten wir auf eine andere Art unsere Beziehung und Bindung aufbauen und festigen, als das Mütter von leiblichen Kindern taten. Das Urvertrauen meiner Kinder war früh zerstört worden. Warum sollten sie einfach so einer neuen Mutter ihr Vertrauen schenken? In vielen kleinen Schritten mussten Maxim und Nadeschda lernen, dass sie sich auf mich verlassen konnten, dass ich immer für sie da war, dass ich sie nicht alleine lassen würde, dass sie keine Verantwortung mehr für ihr Leben übernehmen mussten. Ich musste ihnen im Umkehrschluss zeigen und beweisen, dass ich ihr Vertrauen wert war. Es erforderte somit einen so achtsamen und behutsamen Umgang mit diesen beiden Kindern. Erst in ein paar Jahren würde ich vielleicht spüren, dass wir eine unumstößliche Mutter-Kind Beziehung aufgebaut und entwickelt hatten.

Irgendwann, ich glaube es war vor dem Gehege der Flamingos, war es mir klar: Ich hatte neun Monate damit gerungen, eine normale Familie zu haben und eine ganz normale Mutter zu sein. Doch die war ich nicht, und die würde ich auch nie sein. Ich sollte aufhören, es werden zu wollen. Die Geschichte und die Herkunft meiner Kinder, und vor allem der Weg, den wir alle vier gegangen waren, um heute als Familie zusammenleben zu dürfen, war kein gewöhnlicher gewesen. Richard und ich waren anders Eltern geworden. Nadeschda und Maxim waren anders unsere Kinder geworden. Damit würden wir immer anders Eltern, und vor allem anders eine Familie sein. Dies ergab sich zwangsläufig aus dem Weg der Adoption, vor allem aus der Adoption von zwei Kindern, die bereits ein Leben vor uns gelebt hatten, ihr Päckchen mitbekommen hatten und nicht aus dem Kreißsaal direkt zu uns gekommen waren.

Die schwierigen Rahmenbedingungen, die Richard und ich in den letzten Monaten erfahren hatten, brachten uns unseren Kindern noch näher. Renates Tod und der Bruch mit meinem Vater und die damit verbundene Trauer ließen uns nur erahnen, welchen Schmerz Maxim und Nadeschda bereits in ihren frühen Lebensjahren hatten erfahren müssen. Mit dem Tod von Renate hatte Richard seine Mutter verloren, wie auch unsere Kinder ihre erste Mutter verloren hatten. Mit dem Bruch von meinem Vater war ich an den Schmerz meiner eigenen Kindheitserfahrungen gelangt. Nicht geliebt zu werden, für das was ich war, sondern allein dafür, was ich tat und erreichte, zeigte das Defizit an bedingungsloser Elternliebe. Diese hatte ich nicht erfahren, weder durch meinen Vater, noch durch meine Mutter. Bis zum heutigen Tag waren beide nicht in der Lage, emphatisch Anteil an meinem Leben zu nehmen, auch wenn ich dies gerade wieder in den letzten Wochen gebraucht hätte. Auch meine Kinder hatten diese bedingungslose Elternliebe in ihren ersten Lebensjahren entbehren müssen, anders und sicherlich noch um vieles schmerzlicher. Das Schicksal hatte uns zusammengebracht, und wir vier hatten in uns gegenseitig unsere Lehrmeister gefunden. Es hing jetzt nur von uns allein ab, was wir daraus machten. Ja, wir waren anders. Es war an der Zeit, dies endlich zu akzeptieren und unseren eigenen Weg zu gehen. Ich würde für mich selbst definieren müssen, wie ich meinen Kindern eine gute Mutter sein kann. Ich müsste mich befreien von sozialen Konventionen,alten Rollenmodellen und letztendlich von den eigenen Kindheitsverletzungen. Dies könnte der Schlüssel sein, meine innere emotionale Schraube der Unzulänglichkeit zu stoppen. Für einen Moment spürte ich die Euphorie in mir, die ein solcher Neuanfang in sich barg.

 

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9. April – Innehalten (Teil 2) – Neue Mutterrolle?

Seitdem Renate vor einer Woche gestorben ist, haben meine Prioritäten begonnen sich zu verschieben. Der Schicksalsschlag des Todes relativiert viele Themen in meinem Leben und sortiert sie für mich neu. Meine inneren Ressourcen sind sehr begrenzt. Ich muss mir gut überlegen, für wen ich sie einsetze. Maxim und Nadeschda sind der Dreh- und Angelpunkt in meinem Leben. Alle Kraft, die ich habe, gilt meinen beiden Kindern und meinem Mann. Danach kommt erst einmal lange nichts.

Silhouette of Mother and Young Children Holding Hands at Sunset

Vielleicht ist nun der Zeitpunkt gekommen, an dem ich die Chance habe, meine eigene Mutterrolle zu überdenken und für mich klar zu definieren. Mit ihrem Tod hat Renate sich einen langen leidvollen Weg erspart. Sie hat ihn aber auch Richard und mir erspart. Denn wir waren uns bewusst, dass die Monate der Chemotherapie und Bestrahlung nicht leicht geworden wären, sondern vielmehr eine erneute Belastung für uns alle dargestellt hätten. Ungeachtet dessen, wie sich ihr Leben danach weiter entwickelt hätte. Ob sie vollständig hätte genesen können, ihr Leben wieder selbstständig ohne Betreuung führen können, hatte immer in den Sternen gestanden. All das hätte Richard und mich viel Kraft und Energie gekostet. Kraft und Energie, die wir jetzt für uns neu nutzen können. Mein Vater und seine Frau haben mit ihrem Verhalten auf der anderen Seite mich noch einmal an den Punkt gebracht, meine eigene Kindheit kritisch anzuschauen und mich bewusst mit meinen eigenen Erwartungen an eine erfüllte Elternrolle auseinanderzusetzen. Er, meine Stiefmutter und selbst meine Mutter haben mir in den ersten Monaten mit unseren Kindern deutlich gezeigt, wie ich nicht sein will. Und ich will auch diesen alten Ballast nicht mehr mit mir herumtragen. Es ist an der Zeit, loszulassen und meinen eigenen Weg als Mutter zu gehen.

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3. April – Schockierender schmerzlicher Abschied mit Überraschung

Gestern mittag blieb die Erde für einen Moment stehen. Es war ein herrlicher Tag. Der Frühling schickte in diesem Jahr früh seine Vorboten. Es war ungewöhnlich warm, überall sprossen die Krokusse und Hyazinthen, die Sonne lachte und verbreitete überall einen Duft von Neuanfang und Aufbruch. Am Vormittag war ich mit Maxim alleine in der Stadt, während Richard mit Nadeschda unter den Blicken der Oma im Garten arbeitete. Renate genoss die frühlingshafte Wärme auf der Terrasse und schaute Nadeschda belustigt zu, wie sie versuchte ihrem Vater beim Unkraut jäten zu helfen. Alles war so friedlich. Zum ersten Mal stimmte die Sonne uns alle positiv in dem Gedanken, das alles gut werden würde. Selbst die Mittagspause begann für Maxim und Nadeschda harmonisch und ruhig. Richard wollte die Mittagsruhe nutzen, um mit seiner Mutter und Tatjana die kommende Woche zu besprechen, in der die erste Chemotherapie beginnen sollte. Doch dazu kam er nicht mehr.

Die Kinder schliefen schon und ich räumte auf, als mein Blick aus dem Flurfenster in Renates Wohnzimmer fiel. Ein merkwürdiges Gefühl befiel mich unvermittelt und ich verspürte den Drang, hinüber zugehen. Von der Terrasse aus sah ich, wie Renate auf dem Boden im Wohnzimmer lag, Richard sich kurz zu mir umdrehte und abwesend eine wegwischende Handbewegung machte. Ich ging wieder. Doch das Gefühl, dass gerade etwas schlimmes passiert war, ließ mich nicht mehr los. Wie gelähmt saß ich in unserem Garten und wartete. Wenig später sah ich den Krankenwagen kommen, und Augenblicke später stürmte Richard an mir vorbei in unser Haus. „Die Mama ist tot.“ war das einzige, was er herausbrachte. Er suchte kopflos etwas in seinen Unterlagen, fand das Papier und ging wieder zurück. Fassungslos blieb ich auf unserer Terrasse zurück. Das konnte, durfte und sollte nicht wahr sein. Ich wollte und konnte das nicht glauben. Warum? Konnte es wirklich sein, dass Renate nun nicht mehr da war? Doch eh Ohnmacht über mich kam, begann ich zu handeln. Meine Schnelligkeit im Handeln erschreckt mich manchmal. Von der einen Sekunde auf die andere gehe ich in meinen Funktionsmodus, schiebe alle Gefühle weg und agiere. Als ob etwas zu tun, mich vor dem Gefühl der eigenen Ohnmacht schützt. Sekunden später griff ich zum Telefonhörer und rief Daniel an. Maxim und Nadeschda mussten irgendwie versorgt sein. Das war mein erster Gedanke.

Der Tod zeigt sich erst mit aller Wucht, wenn man ihn im Angesicht sieht. Als ich Renate mittlerweile in ihrem Bett friedlich liegen sah, spürte ich, dass dies kein böser Traum war. Sie war wirklich von uns gegangen. Leblos und Seelenlos war nur noch ihr Körper anwesend. Nüchtern stellte der Notarzt fest: Lungenembolie mit sofortigem Herzstillstand. Todeszeitpunkt: 14:30 Uhr. – Renate hatte nicht gelitten. Schnell und schmerzlos war sie gestorben.

Selbst in der tauben Glocke, in der ich mich befand, wunderte ich mich, wie schnell danach alles ging. Der Notarzt war noch mit dem Ausfüllen von Formularen beschäftigt, als bereits ein Seelsorger aus dem Nichts auftauchte. Es tat gut, mit ihm zu sprechen, in diesem unmittelbaren Schockzustand. Zumal er uns geschickt direkt auf unsere Kinder lenkte, und wie wir ihnen gegenüber mit dem Tod der Großmutter umgehen sollten. Das war wertvoll und sprach mich in meiner Verantwortung als Mutter an. Ihnen offen zu sagen, dass die Oma gestorben sei, dass ihre Seele nun im Himmel sei, und ihr Körper hier auf der Erde beerdigt wird. Ihnen nicht zu sagen, dass die Oma eingeschlafen sei. Sie vielleicht noch etwas malen zu lassen, was wir der Oma mit ins Grab geben könnten. Kaum hatten wir mit ihm gesprochen, füllte sich Renates Haus mit ihren Geschwistern, Nichten, Neffen, Nachbarn. Ich konnte ihre Trauer und ihren Schmerz verstehen, aber nicht teilen. Ich spürte meine eigenen Gefühle nicht mehr. Ich hatte sie abgekoppelt, um zu funktionieren. Ich musste für Richard da sein, ihm Halt und Kraft geben, nicht noch jemand sein, dem er Trost spenden musste, hatte er ihn doch von allen am nötigsten. Aber er schlug sich tapfer. Vielleicht half es ihm auch, jetzt als Familienoberhaupt gegenüber den Verwandten Stärke zu zeigen.

Ich musste vor allem für unsere Kinder da sein, die in unserem Haus nebenan noch friedlich schliefen, ohne die leiseste Ahnung, was gerade passiert war. Ich ließ Richard im Haus seiner Mutter zurück und ging nach Hause. Maxim und Nadeschda würden bald wieder aufwachen. Daniel würde zwar den Nachmittag mit ihnen verbringen. Doch es war meine Aufgabe, ihnen zu erklären, dass die Oma von uns gegangen war. Maxim war überraschend gut gelaunt, als er nachmittags aufwachte und machte sich gleich daran, unter Nadeschdas Beobachten zu malen. Ich schaute meinen Kindern zu und suchte nach den richtigen Worten. Während ich ihnen so zusah, spürte ich, wie die erste Traurigkeit weggewischt wurde von einem einzigen Gedanken: Dies waren meine Kinder. Sie hatten schon so viel Leid in ihrem Leben erfahren. Sie jetzt durch den Verlust der Oma zu begleiten, war meine Aufgabe. Für diese beiden kleinen Wesen da zu sein, ihnen Halt und Sicherheit zu geben, war das einzige, was zählte. Irgendwann bat ich Maxim und Nadeschda zu mir auf den Schoß zu kommen und ergriff das Wort. Obwohl es noch keine vierundzwanzig Stunden her ist, weiß ich nicht mehr, was ich sagte. Denn Maxims Antwort radierte alles aus, was zuvor gewesen war. Er schaute mich an, lächelte, legte seine Hand auf meinen Arm und sagte mit glasklarer Stimme: „Nicht schlimm, Mama, nicht schlimm.“ Es waren seine ersten Worte! Nach acht Monaten hörte ich ein erstes gesprochenes Wort aus dem Mund meines Sohnes. Unglaublich. Unfassbar. Als hätte die Oma Maxims Angst zu sprechen mit in den Tod genommen und seine Sprache als ihr Vermächtnis zurückgelassen.

Richard kam ein wenig später zu uns. Als wolle Maxim seinen Vater den Trost schenken, den er brauchte, ließ er sich von Richard bereitwillig in den Arm nehmen. Richard sagte zu ihm: „Weißt Du, die Oma ist gerade gestorben und ich bin sehr traurig. Da muss ich Dich jetzt einfach mal in den Arm nehmen.“ Maxim guckte ihn an, legte sein Ärmchen um seinen Hals, drückte Richard fest und murmelte erneut: „Nicht schlimm, Papa, nicht schlimm.“ Ich sah, wie Richard zum ersten Mal an diesem Nachmittag die Tränen in die Augen schossen. Er guckte mich ungläubig an, ich nickte ihm zu und lächelte. Während Richard versuchte seine Tränen zu verstecken, entfuhr es ihm: „Das glaube ich jetzt nicht.“.