„Bauchmama“ und „Herzmama“ – Die Suche nach treffenden Begrifflichkeiten

zwei Herzen aus Holz

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Es gehört zu der gängigen Unterscheidung zwischen leiblicher Mutter und Adoptivmutter die Begriffe „Bauchmama“ und „Herzmama“ zu benutzen. Die Bauchmama ist die leibliche Mutter, die das Kind im Bauch getragen hat. Die Herzmama ist die Adoptivmutter, die mit ihrem Kind im Herzen „schwanger“ war. Für die Adoptivkinder ist dies früh einleuchtend. Vor allem wenn die Frage kommt, ob das Kind denn bei seiner Mama im Bauch war, so wie alle anderen Kinder um es herum. Ich habe diese Frage meiner Kinder natürlich mit nein beantwortet. Aber dass es da noch eine russische Mutter gibt, bei der sie im Bauch waren und die sie auf die Welt gebracht hat, wollten sie nicht hören oder nicht wahr haben. Eines Tages fand ich auf Maxims Schreibtisch ein Bild von einem Mann mit Baby im Bauch. Der Kommentar meines Sohnes: „Du hast mich ja im Herzen getragen, also war ich dann beim Papa im Bauch.“

So einleuchtend und Kind gerecht die Begriffe von „Bauchmama“ und „Herzmama“ sein mögen, mich stören sie. Deshalb haben wir diese Wörter nie intensiv benutzt, um sie bei unseren Kindern nicht zu festigen. Selbst wenn sie sich so häufig in der Kinderliteratur zu Adoptionen finden. Meine Kinder haben eine russische Mutter, die ihnen das Leben geschenkt hat und mich, die Mama, die sie durch dieses Leben hindurch begleitet. Wie schon in meinem Post „Zwei Mamas“ geschrieben, gilt es als eine der Todsünden, die leibliche Mutter in irgendeiner Form gegenüber dem adoptierten Kind herabzusetzen. Doch tun wir nicht genau dieses, wenn wir von der „Bauchmama“ sprechen? Reduzieren wir die leibliche Mutter nicht – wenn wohlmöglich rein faktisch zurecht – darauf, dass sie ihr Kind ohne Emotionen ausgetragen hat? Hat sie nicht genauso auch ihr Kind während der Schwangerschaft im Herzen getragen? Ist sie nicht genauso eine „Herzmama“? Vielmehr ist sie doch die Mutter, die dem Adoptivkind das Leben geschenkt hat. Damit hat sie es überhaupt erst ermöglicht, dass das Kind zu seinen Adoptiveltern kommen kann, zu seinen Herzeltern, die es bedingungslos annehmen und lieben. Insofern trifft der Begriff der Herzmama auf die Adoptivmutter auf jeden Fall zu.  Ja, sie hat ihr Kind mit dem Herzen empfangen. Doch gilt das nicht vielleicht auch für die leibliche Mutter?

Zugegeben, es mag ein wenig idealisiert sein, wenn ich daran glaube, dass die leibliche Mutter trotz der Freigabe ihres Kindes zur Adoption doch auch eine emotionale Bindung zu ihrem Kind hatte, selbst wenn sie das Kind direkt nach der Geburt abgegeben hat. Erst recht glaube ich an eine emotionale Bindung, wenn die Adoption erst nach den ersten Lebensjahren des Kindes erfolgte. Denn meist waren es dann die Umstände, unter denen das Kind bei seiner leiblichen Mutter heranwuchs, und die alles andere als glücklich, ja eher dramatisch und notleidend waren, die zur Adoption führten. Freiwillig und herzlos gibt keine Mutter ihr Kind ab. Irgendwie will ich das nicht (mehr) wahr haben. Auch wenn natürlich die Fakten und die Realität mir etwas anderes sagen bzw. suggerieren. Ja, ich stand zu Beginn unserer Adoption fassungslos vor der Geschichte meiner Kinder. Ich konnte und wollte nicht glauben, dass sie so leben mussten. Doch inzwischen glaube ich, dass all dies nicht aus Böswilligkeit und Herzlosigkeit der Mutter passiert ist, sondern vielmehr, weil ihre russische Mutter auch aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte und ihrer sozialen Umstände nicht anders konnte. Vielleicht will ich sie deshalb nicht auf ihren Bauch reduzieren.

Während ich hier schreibe, denke ich über andere Wörter nach, die den Umstand der leiblichen Mutter und der Adoptivmutter passender beschreiben. Doch bisher lässt die Lösung oder zündende Idee noch auf sich warten. Wir haben es mit einer Adoption aus dem Ausland komfortabel getroffen, denn wir können von der russischen Mutter sprechen. Das wird bei einer Inlandsadoption nicht funktionieren. Hinzukommt, dass meine Kinder erst sehr spät angefangen haben, sich mit ihrer Geburt und dem, was war, bevor sie zu uns kamen, auseinanderzusetzen. Da brauchten wir nicht mehr die Kind gerechte und griffige Unterscheidung zwischen Bauch- und Herzmama. Dennoch: Sollten wir über andere Bezeichnungen als „Bauchmama“ und „Herzmama“ nachdenken?

8 Gedanken zu “„Bauchmama“ und „Herzmama“ – Die Suche nach treffenden Begrifflichkeiten

  1. Guten morgen ich hab diese Begriffe vorher noch nie gehört. Hatte mich aber auch nie mit dem Thema wirklich auseinander setzen müssen. Irgendwie passen aber beide Bezeichnungen zur Adoptionsmutter. Kann mir auch nicht vorstellen,daß so eine Schwangerschaft emotionslos verläuft. Passend aber auch für Mütter,die ein Kind adoptieren,da es auch eine Bauchgeschichte ist…oder? Für mich bist du eine tolle Mama mit Herz und Bauch(gefühl)

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    • Stimmt, so habe ich es noch gar nicht gesehen, dass bei einer Adoption ja auch ganz viel „Bauch“ mit dabei ist. Das ist richtig, auch wenn er nicht dick und rund wird…;-) – Und danke für Deine ermunternden Worte. Liebe Grüße Charlotte

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  2. Ich finde das Nachdenken über die richtigen Begriffe auch sehr wichtig und finde, dass deine Bedenken richtig sind. Für uns ist es auch sehr wichtig, dass der Spender nicht als der ‚richtige Vater‘ bezeichnet wird. Das würde nur Verwirrung stiften und wäre zudem falsch. Lg Tina

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  3. Charlotteeeee, welch ein toller Beitrag, tausend Dank. Aus dieser Perspektive habe ich die Begrifflichkeiten noch nicht betrachtet. Aktuell nennen wir die leibliche Mama tatsächlich auch Bauchmama. Bisher hatte ich absolut positive Emotionen zu dem Begriff, aber du hast recht, irgendwie spricht es der Bauchmama ein bisschen das „Herz“ ab… Allerdings würde ich mich nicht als Herzmama, sondern einfach nur als „Mama“ bezeichnen und vielleicht ist die „Bauchmama“ ohne dem Pendant „Herzmama“ auch immer eine Herzmama…Das war jetzt ziemlich durcheinander, aber ich hoffe, Du weißt, was ich damit meine.😂
    Ganz liebe Grüße

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    • Ja, ich weiss, was Du meinst, liebe Frau Bitte. ;-)) Danke für Deine Rückmeldung! Einfach „Mama“ ist auch gut, denn irgendwie sind wir ja einfach „die Mama“, die Mama, die immer da ist und ihr Kind oder ihre Kinder in das Leben begleitet. Bleibt noch die Frage, wie das Herz zur Bauchmama kommt….Liebe Grüße Charlotte

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  4. Liebe Charlotte,

    vor einigen Wochen habe ich Deinen Blog entdeckt. Ich komme gerne hier her zum Lesen; finde ich doch Parallelen zu unserer Adoption.

    Wir haben vor über 20 Jahren Jahren zwei Jungen adoptiert.
    Den Begriff „Bauchmutter“ hat uns damals das Jugendamt mit „an die Hand gegeben“. Mir erschien dieser Ausdruck auch passend für die leibliche Mutter. Was kann ein Kind schon mit dem Begriff „leibliche Mama“ anfangen. Mit „Leib“ wird ja oft auch der „Bauch“ bezeichnet (wobei „Leib“ eigentlich ein Begriff für den ganzen menschlichen Körper ist).
    Jedenfalls hatte ich persönlich in den ganzen Jahren niemals das Gefühl, die leibliche Mutter durch den Begriff „Bauchmutter“ in irgendeiner Form zu „reduzieren“. Sehr früh haben wir beim Betrachten der Bilder der leiblichen Eltern im Fotoalbum damit begonnen zu erwähnen, dass die „Bauchmutter“ andere Eltern für ihr Kind gesucht habe, da es ihr sehr schlecht ging und welch wunderbare Entscheidung sie damit getroffen habe.

    Übrigens: Als unser älterer Sohn in die Schule kam, verkündete er in der ersten Klasse mit seeehr viel Stolz, dass er wirklich zwei Mamas habe! Er fand das gaaanz toll 🙂

    Mein Mann und ich waren und sind mit Leib und Seele und Herz (Adoptions)Eltern – auch wenn wir durch die vielen Probleme, die wir mit den Kindern immer noch haben, schon vollkommen am Ende unserer Kräfte waren. Für unsere Jungs sind wir „die Mama“ und „der Papa“. Und genau wie die Jungs wissen wir, dass es da noch passende „Baucheltern“ gibt. Wir können immer noch gut damit leben.

    Der Älteste hat übrigens gerade seinen leiblichen Vater kennen gelernt. Er nennt ihn beim Vornamen und findet ihn sehr nett. Alles Weitere wird sich sicher finden ……..

    Alles Liebe für Dich und für Deine Familie
    Heike

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    • Liebe Heike,
      hab lieben Dank für Deinen Kommentar. 😉 Es freut mich, dass ich auch Adoptiveltern erreichen kann, deren Adoption schon deutlich länger zurückliegt. Es ist spannend zu erfahren, wie sich das alles dann nach vielen Jahren entwickelt hat.
      Ja, das mit den Begriffen ist schwierig. Und ich stimme Dir voll und ganz zu, dass „Bauchmama“ immer noch kindgerechter ist, als leibliche Mama. Das ist für mich auch ein Begriff, der viel zu abstrakt ist. Und dann doch auch wieder eine Wertung drin hat. (Leiblich und Nicht-leiblich???) – Aber ja, am Ende ist es, Begriffe und Worte hin oder her, dass unsere Kinder ihren eigenen souveränen Umgang mit ihren „Baucheltern“ finden, wie auch immer sie sie dann nennen.
      Liebe Grüße Charlotte

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  5. Liebe Charlotte,

    mit großem Interesse verfolge ich Dein Blog, das ich als ungewöhnlich ehrlich empfinde, und dessen Lektüre mich zwar auch zum Widerspruch reizt, mir aber überwiegend einfach gut tut.

    Zur Frage der „Bennenung“ der leiblichen Eltern:
    Die Begriffe „Bauch-“ und „Herzmama“ störten mich von Anfang an, z. B. beim Vorlesen einschlägiger Kinderbücher.
    Anfangs (unser Sohn war 3 1/2 als er zu uns kam, jetzt ist er 8 1/2) sind wir darauf ausgewichen, der Bezeichnung „Mama“ und „Papa“ den Namen des Herkunftslandes voranzusetzen. Inzwischen sind die leiblichen Eltern die „erste Mama“ und der „erste Papa“ und wir die „zweite Mama“ und der „zweite Papa“. Klar, dass diese Zusätze nur gebraucht werden, wenn das Gespräch sich auch um das Thema dreht. Nach der Lektüre Deines Blogs bin ich mir sicher, dass diese Bennenung Dir nicht unbekannt ist. Zweck dieses Kommentars ist allein, Dir mitzuteilen, dass es uns damit gut geht (und unserem Sohn, dem demnächst noch eine Tochter folgt, hoffentlich auch).

    Herzliche Grüße

    Corinna

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