1

Sprachversuche mit Waisenkindern – Eine schockierende Geschichte, die mich beschäftigt

Wann immer ich etwas über Waisenkinder höre oder lese, wird sofort eine tiefe Betroffenheit in mir wach. Ich kann mich nicht dagegen wehren. Auch wenn diese Geschichten keinen persönlichen Bezug haben und schon lange in ihrer Zeit zurückliegen. Diese hier hat mich immer wieder in den vergangenen Tagen beschäftigt. Ich muss sie teilen, um von hier weiter schreiben zu können:

Kaiser Friedrich II wollte zu Beginn des 13. Jahrhunderts die ursprüngliche Sprache der Menschheit herausfinden. Deshalb ließ er einige neugeborene Kinder ihren Müttern wegnehmen und von Ammen und Pflegerinnen versorgen. Sie gaben den Kindern Milch und sorgten für ihre körperliche Hygiene. Aber es war ihnen verboten, mit den Kindern zu sprechen. So wollte Kaiser Friedrich herausbekommen, welche Sprache diese Kinder als erstes sprechen würden, die ihrer Eltern, oder die hebräische, die damals als die älteste Sprache galt, oder die griechische oder die lateinische. Doch der Versuch scheiterte. Denn alle Kinder starben. Denn ohne sprachliche Zuwendung und Zuneigung, ohne eine Resonanz kann kein Kind überleben.

Natürlich mag das aus sprachtheoretischer Sicht hochgradig spannend sein. Mich hat es in erster Linie betroffen gemacht. Denn es erinnert mich an ein Stück aus der Lebensgeschichte meiner Kinder. Eine Zeitlang waren sie in einem Kinderheim, bevor das Schicksal sie zu uns brachte. So gut sie dort auch versorgt waren, es mangelte nichtsdestotrotz an Zuwendung und individueller Begleitung und Fürsorge. Das gibt der  Alltag im Kinderheim einfach nicht her, egal wie bemüht die Erzieherinnen sein mögen. Meine Kinder haben das überlebt. Ihr Kampfgeist und Überlebenswille hat sie durch diese Zeit hindurch getragen. Nur so konnten sie weiter ihren Lebensweg gehen, der sie zu uns geführt hat. Diese Stärke berührt mich. Sie ist ein Teil meiner Kinder. Sie gehört unwiederbringlich zu ihnen. Denn das hat ihnen in einer kritischen Phase, wo sie eigentlich klein und hilflos waren, das Leben gerettet. Ich sollte mir dieser Stärke bewusst sein, gerade wenn ich einmal wieder die negativen Auswirkungen dieses Kampfgeistes zu spüren bekomme.

6

Ordnung ist relativ…

domestic kitchen with dirty crockery and cutlery in messy sink

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Als ich am Samstag Abend von meiner Weiterbildung nach Hause kam, traf mich der Schlag. Selten habe ich unser Haus so „verwüstet“ vorgefunden. Ich kam schon gar nicht richtig zur Haustür hinein, da unzählige Schuhe auf dem Fußabtreter standen. Der Esszimmertisch war übersät mit angefangenen Bastelsachen, dazwischen schmutziges Geschirr und Gläser vom Abendbrot. Der Boden war übersät mit Krümmeln und Papierschnipseln. Dazwischen drapierten sich Matchbox-Autos, Bilderbücher und Teile der Holzeisenbahn. Im Bad war die Wäsche aufgetürmt, schmutzige lag auf dem Boden, saubere und trockene Wäsche drängelte sich in einem riesigen Haufen im überquellenden Wäschekorb. Dazwischen muffelten die nassen Schwimmsachen meiner Kinder. Im Wohnzimmer stand kein Sessel mehr an seinem Platz, die Decken lagen zerknüllt auf dem Sofa, die Kissen waren im Raum verteilt. Und auch hier fand ich Puppensachen, Holzklötze und noch mehr Bilderbücher. In der Küche standen die Einkäufe vom Vormittag, unausgepackt und nicht verstaut, genauso wenig wie die Gemüselieferung vom Biobauern. Auf dem Herd stapelten sich schmutzige und saubere Töpfe. Doch immerhin vernahm ich das leise Surren der Spülmaschine.

Am Morgen hatte ich doch mit meinen Kindern ein ordentliches Haus verlassen. Ich hatte sie zum Schwimmen gebracht und war von dort weiter in mein Seminar gefahren. Ich war also gerade einmal zehn Stunden aus dem Haus gewesen. Richard hatte den weiteren Tag mit Maxim und Nadeschda verbracht. Davon aber auch weite Teile außer Haus und unterwegs. Während ich noch verwundert in der Küche stehe und überlege, wo ich nun – abends um neun – beginne, dieses Chaos zu beseitigen, kommt Richard erschöpft aus dem ersten Stock, wo unsere Kinder inzwischen friedlich schlafen. „Hach, was für ein voller Tag! Ohne Pause zum Durchatmen.“ seufzt er, „Ich habe schon mal Ordnung gemacht und die Spülmaschine angestellt.“ fährt er fort. Schweigend lächele ich ihn an, schlucke meine Gedanken herunter und packe die Einkäufe aus.

0

Charlottes Sonntagslieblinge (4)

A photo by Ben White. unsplash.com/photos/bS_O0N5oFbM

Ben White, unsplash.com

Es gibt so unendlich vieles, für das ich dankbar sein kann in meinem Leben mit Maxim und Nadeschda. Auch wenn wir gerade wieder eine Zeit haben, die mit Herausforderungen und dem schwierigen Umgang mit Veränderungen, so klein sie auch sind, gekennzeichnet ist. Umso mehr will ich mir all die positiven Kleinigkeiten in unserem Alltag ins Gedächtnis rufen, die diesen so unglaublich bereichern. Deshalb blicke ich inspiriert von  Mirjam von Perfektwir auf meine eigenen, ganz persönlichen Lieblinge dieser Woche. Hier sind sie wieder, meine drei Sonntagslieblinge:

  1. Nach einer leichten Lebensmittelvergiftung, die uns in der vergangenen Woche ereilt hat, sind wir alle wieder gesund. Das Schicksal hält doch immer wieder ein Lehrstück bereit. Wenn alles zu viel wird, dann kommt von irgendwo her ein Zeichen: „Tue langsam und mit Bedacht.“ Doch wäre mir lieber gewesen, die erzwungene Ruhe ohne Magenschmerzen und ohne Sorgen um zwei kranke Kinder zu genießen. Dennoch: Es war der richtige Hinweis zur richtigen Zeit.
  2. Ein wunderbarer Herbstspaziergang im Wald mit unzähligen Kilos an Kastanien, die wir gesammelt haben.
  3. Ein ausgiebiger Vorlesenachmittag, an dem sich Maxim, Nadeschda und ich uns auf die Couch kuscheln, Kekse essen, Erdbeertee trinken und die Kinder in meinem Schoß versunken, meinen Geschichten lauschen.

Für heute bin ich dankbar und freue mich auf die neue Woche. Habt auch Ihr einen wunderbaren Start in einen zauberhaften Herbstmontag!

3

Wenn alles zu viel wird – von Veränderungen, Überforderungen und Lernen, langsam zu machen

photo-1441936064713-d73d35f4fcb1

Mit freundlicher Unterstützung von unsplash.com

Abends sitzen Richard und ich zusammen bei einem Glas Wein. Ich erzähle vom Tag und was ein Gespräch mit Maxims Therapeutin ergeben hat. Noch immer haben wir ein Thema mit Maxims mangelnden Bereitschaft, für die Schule zu lernen und Hausaufgaben zu machen. Ja, auf der einen Seite ist es die Tatsache, dass er nicht mit Leistungsdruck   umgehen kann. Auf der anderen Seite bin ich mir dessen bewusst, dass er gerade eine Phase durchlebt, in der er noch einmal mit seinem frühkindlichen Trauma der Trennung von seiner russischen Mutter konfrontiert ist. Da regt es sich wieder, das fehlende Urvertrauen, der Überlebenstrieb, das Streben nach absoluter Autonomie. Üben und Hausaufgaben machen sind Formen von Disziplin. Die lehnt er ab. Vehement. Wir haben also wieder ein Bindungsthema. Daran müsste auch in Maxims Therapie gearbeitet werden. So war meine Idee. Doch Maxims Therapeutin hatte vorgeschlagen, im Zweifelsfall zusätzlich noch einmal eine Lerntherapeutin zu kontaktieren.

Bei diesen Worten brauste Richard auf: „Was sollen wir denn noch alles machen? – Das ist mir jetzt gerade alles zu viel. Zu viele Termine. Zu viele Informationen. Wie soll das denn alles weitergehen? Mit Deiner Ausbildung, Deinem ehrenamtlichen Engagement, den ganzen Terminen der Kinder, Ballett, Fussball, Musikschule, Schwimmen, Therapie. Und jetzt auch noch eine Lerntherapeutin.“ Ich halte kurz inne und stutze. „Warum regst Du Dich so auf? Es ist doch mein Programm, was ich irgendwie organisieren muss.“ denke ich, sage es aber lieber nicht. „Was machst Du Dir einen Kopf um unsere Organisation? Bis heute brauchst Du Dich darum nicht zu kümmern. Ich bin doch diejenige, die morgens um sechs aufsteht und abends kaputt vom Tag ohne einen Moment der Ruhe ins Bett fällt. Ich schaue, dass alle Termine und Freizeitaktivitäten der Kinder irgendwie so funktionieren, dass sie noch ein wenig Luft und Raum haben, um zu spielen. Und im Übrigen, ich muss mich ja dann mit der Lerntherapeutin auseinandersetzen und Maxim da hin begleiten, und mit ihm arbeiten.“ Doch anstatt etwas zu sagen, schlucke ich lieber meine Gedanken herunter.

Dennoch seit diesem Gespräch nagt wieder das Gefühl der Überforderung in mir. Ja, es ist viel, zu viel in den letzten Wochen. Wir befinden uns wieder in einer Phase des Übergangs. Nadeschda ist in diesem Sommer in die Schule gekommen. Maxim hat einen neuen Klassenlehrer bekommen. Das war so nicht geplant, aber die alte Lehrerin war für die Schule nicht mehr tragbar gewesen. Das sind zwei große Veränderungen, die meine Kinder sehr beschäftigen. Nadeschda muss eine Beziehung zu ihrer neuen Lehrerin aufbauen, neue Freunde suchen, sie muss sich im Schulalltag zurecht finden, sie muss sich an neue Abläufe gewöhnen. Welch ein Kraftakt für das kleine Mädchen. Auch Maxim muss sich erneut an andere Abläufe, einen anderen Unterricht, an eine neue Bezugsperson gewöhnen und trauert immer noch um seine alte Lehrerin. Nur weil wir Eltern sie für untragbar hielten, heißt das ja nicht, dass die Kinder sie schlecht fanden und nicht mochten. Beide Kinder reagieren auf diese Veränderungen so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Während Nadeschda so anhänglich ist, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass sie mich mit Haut und Haaren aufsaugt und auszehrt, geht Maxim in die Ablehnung und Konfrontation. In seinem Autonomiebestreben lehnt er jede Disziplin und jede Struktur, die von mir kommt ab. Und gleichzeitig sind seine Ablehnungen auch immer wieder tagtägliche Beziehungsanfragen. „Hält sie mich? Bleibt sie da, wenn sich alles andere außen herum verändert? Hält sie mich aus? Wie weit kann ich gehen?“ Das kostet unendlich viel Geduld, Gelassenheit, aber auch Energie und Kraft. Dorothea Weinberg beschreibt in ihrem Buch „Verletzte Kinderseele“ (Link zu Literaturliste) als eine Übung für Eltern die imaginäre Treppe, die man heruntergehen soll, eh man auf eine Provokation seines Kindes reagiert. Ich bin viel Treppe gelaufen in den vergangenen Wochen.

Ich kann meine Kinder gut verstehen. Denn auch ich spüre, dass ich mich im Grunde mit Veränderungen schwer tue. Oder genauer gesagt, mit diesen Phasen des Übergangs, wenn das Alte noch nicht abgeschlossen ist, das Neue aber schon voll in das Leben hineindrängt, es einen Alltag gibt, der unverändert weiterläuft und doch so etwas wie eine neue Routine noch fehlt. Dann türmt sich alles zu einem riesigen Berg auf, vor dem man steht und nicht weiß, wie man ihn bewältigen soll. Mein Kopf ist so schwer von all den Dingen, die ich abarbeiten muss. Ich habe mein altes Arbeitsverhältnis beendet, doch eine finale Einigung gibt es noch nicht. Der Umbau meines neuen Büros geht nicht so schnell voran, wie ich es geplant hatte. Alles zieht sich, zäh wie alter Kaugummi.  Gleichzeitig habe ich eine Weiterbildung begonnen, die mir wunderbare neue Perspektiven eröffnen kann. Aber es macht mich unzufrieden, dass ich mich ihr noch nicht so widmen kann, wie ich das gerne möchte. Daneben kostet unser ganz normales alltägliches Familienleben viel Zeit und Organisation. Maxim hat angefangen, Trompete zu spielen und im Schulzirkus ist er aufgenommen worden. Zwei Aktivitäten mehr. Eigentlich müsste er dafür etwas anderes sein lassen. Aber wie immer fällt ihm der Abschied von etwas Altem schwer. Unsere Kinderfrau ist zu wenig flexibel für unseren neuen Schulalltag. Eine neue Betreuerin muss her, aber woher? Ja, und dann noch das Thema mit der Lerntherapeutin. Und, und, und, und….

In einem ruhigen Moment wird mir klar, dass ich langsamer machen muss, Dinge weglassen muss, mir nicht noch mehr Kleinkram aufhalsen sollte. Ich muss nicht die Wäsche aus der Schule waschen und bügeln, ich muss nicht gleich zwei Beiträge für eine Gemeindezeitung schreiben, ich muss nicht zu jeder Elternbeiratssitzung gehen.  Jetzt mit Einzug des Herbsts soll es ruhiger werden. Mara hat so einen schönen Post  dazu geschrieben, über Vorlesen und wunderbare Kinderbücher, aber auch buntes Laub, Kastanien, Eicheln sammeln, die Nachmittage im Wald verbringen. Ich habe dieses Bild vor meinem inneren Auge, mit Maxim und Nadeschda an einem kühlen Herbsttag in den Wald zu ziehen, Berge von Kastanien und bunten Blättern zu sammeln und wenn die Dämmerung einzieht, bei einer Tasse warmen Kakao auf der Couch gemütlich vorzulesen. Das ist es doch, was zu dieser Zeit im Vordergrund steht. Und für alles andere kommt dann eine andere Zeit.

1

Charlottes Sonntagslieblinge (3)

A photo by Ben White. unsplash.com/photos/bS_O0N5oFbM

Ben White, unsplash.com

Neben all den manchmal aufziehenden dunklen Sorgenwolken in meinem Kopf, sind Maxim und Nadeschda zauberhafte Kinder. Unser Leben mit ihnen ist alles andere als schwierig und problembehaftet, sondern meistens wunderbar. Deshalb blicke ich inspiriert von  Mirjam von Perfektwir  auf meine eigenen, ganz persönlichen Lieblinge dieser Woche. Hier sind meine drei Sonntagslieblinge:

  1. Meine Kartoffelsuppe ist die Beste! Behauptet zumindest meine Tochter in der Schule. Dies hat sie auch beim Mittagessen in der Mensa lautstark kundgetan. Auch wenn die Chefin der Schulmensa dann frustriert war.
  2. „Du musst viel üben, damit Du in der Schule vorankommst.“ sagte Maxim zu seiner Therapeutin im Spiel. (Sie spielten Schule. Er war der Lehrer und die Therapeutin der Schüler.) Ich musste innerlich lächeln, denn sein Satz war genau der, den ich zu ihm wahrscheinlich in den vergangenen Monaten jeden Tag mindestens einmal zu ihm gesagt habe. Auf mein „Ganz die Mama.“ sagte mein Sohn zu mir: „ Genau, denn Du weisst alles.“
  3. Heute kein Buch, denn ich bin mitten in den Umzugsvorbereitungen in mein neues „Büro“. Ich liebe es, Räume neu einzurichten und neu zu gestalten. Und wenn ich ein schwedisches Möbelhaus so oft verfluche, es eröffnet auch so viel Platz für neue Kreativität.

Für heute bin ich dankbar und freue mich auf die neue Woche und all das, was da noch so in den kommenden Wochen sich fügt.

Habt auch Ihr einen wunderbaren Start in den Montag!