Wenn das „Wutmonster“ zurückkehrt…

little boy holding sad face mask

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Ich soll es nicht so nennen, hat mir Maxim’s Therapeutin geraten. Damit würde ich die Wut meines Kindes bewerten und moralisieren. Ich tue es dennoch, denn für mich ist es ein „Monster“, das „Wutmonster“, das seit ein paar Wochen wieder zunehmend verstärkt die Kontrolle über meinen Sohn übernommen hat. Denn wenn die Wut ihn vollständig für sich eingenommen hat, dann hat es beinahe etwas angsteinflössendes, dieses Etwas, was da in meinem Sohn rumort und brodelt. Gestern trieb es ihn zu bisher nicht da gewesenen Zerstörungskräften.

Maxim besucht seit zwei Jahren eine Waldorf-Schule. Die Kinder sind oft sehr starke Persönlichkeiten, die sich gerne aneinander reiben. Gerade in seiner Klasse hatten und haben wir immer wieder Schwierigkeiten mit der „Disziplin“ unter den Jungen. Da geht es oft zur Sache. Kräftemessen und Machtkämpfe stehen immer noch auf der Tagesordnung. Auch Maxim muss sich darin immer neu behaupten. Und natürlich will er sich auch nicht unterordnen. Was gut so ist. Allerdings beobachte ich, dass er in den letzten Wochen immer mehr mit einem zunehmenden Zorn nach Hause gekommen ist. Ungeachtet eines zunehmenden Gebrauchs an übelsten Schimpfworten, schubst er gerne, tritt Gegenstände weg, knallt Türen, etc. – Meist lasse ich ihn erst einmal im Garten rumtoben, bis seine Wut verraucht ist. Manchmal muss ich auch eingreifen, wenn er gegen seine Schwester geht. Dann gibt es die „Auszeit“ auf dem Stuhl, wobei ich bei ihm sitzen bleibe. Oder wenn es Überhand nimmt, muss er auch in sein Zimmer gehen. Alles verlief aber bisher in geregelten und handhabbaren Bahnen. Vor allem beruhigte er sich irgendwann nach ein paar Minuten und spätestens nach einer halben Stunde war seine Wut verflogen.

Nicht so gestern Abend. Der Nachmittag war schon gespickt mit immer wieder aufflammender Wut und kleinen oder größeren Zornesausbrüchen. Kleinigkeiten, die nicht so funktionierten oder nicht so liefen, wie Maxim wollte, ließen das kleine rote Wutmonster hervorkommen. So als säße es die ganze Zeit auf seiner Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: „Schrei mal A*loch!“, „Trete mal den Schuh weg!“, „Hau gegen die Mülltonne!“ Erst am späten Nachmittag, als er sich in sein Zimmer zurückzog und schnitzte, schien er sich zu beruhigen. Das Abendessen verlief friedlich, das Bettfertigmachen auch, genauso wie unser allabendliches Vorlese-Ritual. Doch als Maxim dann ins Bett gehen und schlafen sollte, übernahm das Wutmonster. „Ich will nicht schlafen.“ verkündete es. Alles gute Zureden half nicht. Stattdessen begann Maxim, zunächst allen Inhalt seines Bettes in sein Zimmer zu feuern, Decke, Kissen, Stofftiere. Er riss die Weltkarte von der Wand.“Alles blöd, will ich nicht.“ Wenn ich ihn aufhalten wollte, trat er um sich. Dabei auch mir ins Gesicht. Mittlerweile war auch ich sauer und meine Geduld am Ende. Wahrscheinlich die falsche Reaktion. Denn jetzt hatte Maxim’s Wutmonster ja den perfekten Gegenspieler. Und so wütete er weiter. Spielzeug flog aus den Regalen. Beim Radlager wurde die Schaufel abgebrochen. Ich versuchte Maxim festzuhalten, was weder die richtige Reaktion, noch ihn irgendwie zum Einlenken bewegte. Im Gegenteil. Mittlerweile kämpfte mein Sohn ums Überleben. Mit einer unvorstellbaren Kraft. Durch meinen Kopf schossen Bilder aus der Zukunft, wenn Maxim einmal ausgewachsen und in der Pubertät sei und dann in seiner Wut das ganze Haus auseinander nehmen würde. Hatte ich vorher den Gedanken gehabt, sein Zimmer zu verlassen und ihn allein sich seiner Wut zu überlassen, so hatte ich jetzt Angst zu gehen. Denn ich befürchtete, dass er sich etwas antun könnte.

Wie der „Deus ex Machina“ kam Richard plötzlich in Maxim’s Zimmer, nahm ihn auf den Arm, ging mit ihm ins Wohnzimmer, legte sich mit ihm auf die Couch und hielt ihn fest umarmt, bis Maxim eingeschlafen war. Das Wutmonster zog sich wieder zurück.

Wir wissen, dass Maxim’s Wutausbrüche zum einen mit der Situation unter den Jungen in seiner Klasse zu tun haben können. Zum anderen sind sie aber auch ein erneuter Schub in seiner Traumaverarbeitung, bei der wir ihm helfen müssen. In dem Moment, wo sein Leben für ihn in sicheren und geordneten Bahnen verläuft, er sich sicher fühlt, er auf eine stabile Bindung zu Richard und mir bauen kann, kommt die unermessliche Wut hoch. Die Wut auf das, was er als kleines Kind entbehren musste, die Wut und der Schmerz aus seinen frühkindlichen Verletzungen. Sie äußert sich in genau dem Gegenteil, in dem Zorn und der Ablehnung von allem, was er nun hat und was ihm gut tut. Irgendwann wird Maxim diese Wut verarbeitet haben, aber es wird immer wieder Situationen in seinem Leben geben, in denen sie zurückkehren wird. Das „Wutmonster“ ist sein ständiger Begleiter. Wir können ihm nur helfen, einen anderen Umgang damit zu finden. Ich werde versuchen, nicht mehr auf die Tanzeinladungen seines „Wutmonsters“ einzusteigen. In seiner Therapie werden wir wieder mehr an seiner Wut arbeiten. Und er bekommt vom Christkind einen Boxsack!

13 Gedanken zu “Wenn das „Wutmonster“ zurückkehrt…

    • Hab so vielen Dank, liebe Katja! Für Momente zweifelte ich, ob es die „richtige“ Reaktion war. Aber letztendlich war sie es, denn er hat Maxim auch einfach raus genommen aus der Situation. Ja, welch ein Glück, dass es funktioniert hat. Und ja, ich arbeite daran, wieder mehr an mich zu glauben. Doch solche Ereignisse lassen mich dann doch immer wieder viel in Frage stellen…

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  1. Hallo liebe Charlotte, das ist (leider) eine sehr ehrliche und realistische Schilderung, wie es manchmal auch sein kann. Viele Eltern leiblicher Kinder sagen, dass ihre Kinder auch starke Wutausbrüche haben und es keinen Unterschied zu Adoptivkindern gibt. Das stimmt sicherlich auch – trotzdem meine auch ich, dass es bei Adoptivkindern etwas anderes ist. Ich finde vieles von dem, was du beschreibst, auch bei Wutausbrüchen meiner Kinder wieder. Und auch ich bin immer wieder erschrocken darüber, wie wütend die beiden werden können. Die Gründe dafür muss man sich in solchen Extremsituationen vor Augen führen und entsprechend verantwortungsvoll handeln – was sehr schwer ist und ein Höchstmaß an Disziplin seitens der Eltern erfordert.

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  2. Ich kenne selber von meinen 3 leiblichen Kindern und von Freundinnen mit leiblichen Kindern solche Situationen
    Ich finde du bist eine ganz tolle Mutter und machst dir manchmal vielleicht sogar zuviel Gedanken….das wird sich in so liebevoller Umgebung alles zurechtwachsen!!
    Liebe Grüsse

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    • Danke Dir! Es ist beruhigend zu lesen, dass es bei leiblichen Kindern auch mal drunter und drüber geht. 😉 Und mögest Du recht behalten, dass sich das alles „zurechtwächst“. Manchmal bin ich mir da nicht so sicher… Aber wir tun vieles, dass es so wird… Liebe Grüße Charlotte

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