Drei Schritte vor und zwei zurück? – Nadeschda’s Schulentwicklung

hands of parent and child silhouette on nature

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Immer dann, wenn wir wieder einmal einen großen Meilenstein in unserem Leben bewältigt haben, wenn eines meiner Kinder einen großen Schritt vorangegangen ist, gebe ich mich der Illusion hin, dass doch eines Tages auch bei uns alles einmal „normal“ sein wird. Es geht ohne große Schwierigkeiten weiter voran. Meine Kinder erleben eine Kindheit wie jedes andere Kind auch, mit ihren Freizeitaktivitäten, mit ihren Freunden und mit dem, was Kinder vor allem tun wollen und sollten, mit unheimlich viel Spielen. Keine Therapien, keine außer der Reihe-Arztbesuche, keine zusätzliche Förderung.

Doch das wird eine Illusion bleiben. Denn immer dann, wenn ich gerade das Bild im Kopf habe, das der Kinderzug nun sicher auf seinen Schienen fährt, ruckelt irgendetwas oder irgendjemand an den Gleisen und der Zug gerät aus der Spur. Klar, denke ich, wie kann auch der bildliche Kinderzug stabil fahren, wenn unter den Gleisen das Kiesbett nie ordentlich angelegt wurde, ihnen das frühkindliche Vertrauen und die fürsorgliche Obhut der ersten Lebensmonate und -jahre fehlt. Diesen Kies wieder aufzufüllen, ist mühselig und schwierig. Denn wir können nicht alle Schienen abbauen und alles von Anfang an wieder neu aufbauen und anlegen. Wir können nur an den brüchigen, instabilen Stellen etwas Fundament auffüllen. Doch auch da rieselt der Kies manchmal einfach weg.

Nadeschda tat und tut sich nach wie vor schwer mit der Schule. Ja, sie geht gerne hin. Wenn ich sie mit ihren Klassenkameradinnen beobachte, habe ich das Gefühl, dass sie ein glückliches Kind ist und sich in ihrer Klasse wohlfühlt. Dennoch hält ihre nachmittägliche Überforderung, wie ich sie ja schon mal in „Mehr im Einklang mit meinen Adoptivkindern“  beschrieben hatte, an.

Um noch einmal einen vollständigen Blick auf meine Tochter in der Schule zu bekommen, sprach ich vor ein paar Wochen mit ihrer Klassenlehrerin. Es war wie immer ein sehr wohlwollendes und offenes Gespräch. Sie bestätigte meinen Eindruck, dass Nadeschda auf der einen Seite ein sehr glückliches Mädchen in der Schule sei. Dennoch trotz all des Lobes über die wunderbare Entwicklung meiner Tochter kamen zwei Themen zu Tage, die ich in den vergangenen Monaten und beinahe Jahren gut verdrängt hatte.

Zum einen sprach mich Nadeschdas Lehrerin auf Nadeschdas Hüfte an. Irgendwie hätte sie den Eindruck, dass da etwas blockiere, und damit Nadeschdas Hand und Fußkoordination leide. Da war er wieder der „Zombie“ aus unserem ersten Jahr nach der Ankunft der Kinder. Damals schienen wir glimpflich weg gekommen zu sein. Andere Schwierigkeiten waren damals dringlicher. Zudem hatte man uns an vielen Stellen gesagt, dass eine mögliche Hüftfehlstellung, so wie sie bei Nadeschda möglicherweise vorhanden sei, sich auswachsen könnte. Doch nun kam Nadeschdas mögliches Problem mit der Hüfte zurück. Und das sollten wir dringend abklären. Nun, ich war dankbar für meine Hartnäckigkeit in der vergangenen Woche; denn bereits für Ende Januar habe ich einen Termin für eine genauere Diagnose und mögliche Behandlung bekommen.

Zum anderen beschrieb Nadeschdas Lehrerin ihr Verhalten beim „Arbeiten“ in der Klasse so, dass bei mir alle Alarmglocken anschlugen. Ja, sie würde schon interessiert mitarbeiten, doch die Lehrerin oder auch die Substitutslehrer müssten sie eng begleiten. Denn sie sei immer sehr schnell dabei, sich ablenken zu lassen oder auch andere abzulenken. Wenn die Kinder gemeinsam strickten, würde Nadeschda zwar so tun, als strickte sie, doch viel lieber schwatzte sie mit ihrer Tischnachbarin. Ginge es um das Malen und schreiben, wäre sie eine gewitzte Geschichtenerzählerin, um möglichst von der Sache abzulenken. Leise, still und heimlich zeigte sich bei meiner Tochter also auch die Vermeidungsstrategie. Das Arbeiten in der Schule war für sie eine anstrengende Herausforderung, auch wenn dies alles noch nichts mit einem schulischen Leistungsdruck zu tun hatte. Doch Nadeschda versuchte schon jetzt sich dem zu entziehen, so gut es ging. Sie tat das mit der Überlebensstrategie ihres einzigartigen Charmes, auf den schon so mancher hereingefallen war. Und selbst ihre Klassenlehrerin war ein Stück weit auf sie hereingefallen. Denn eher schmunzelnd und amüsiert schilderte sie mir Nadeschdas Verhalten.

Ich bin dankbar, dass wir diesmal schon früh erkannt haben, dass auch Nadeschda dieses vielen Adoptivkindern so typische Vermeidungsverhalten zeigt. So haben wir jetzt noch die Chance, ohne den tatsächlichen schulischen Druck, sie genauso wie Maxim – aber viel spielerischer – zum regelmäßigen Üben zu bewegen. So dass es einfach eine Routine wird, die nicht mehr in Frage gestellt wird. Doch wird Nadeschda auch hier weitere therapeutische Hilfe brauchen. Ab Januar werden wir ihre Kunsttherapie wieder aufgreifen und fortführen, um so zu versuchen, ihr die Angst zu versagen auch auf eine andere Art zu nehmen.

Es liegt nun wieder eine Phase von viel „Arbeit“ – denn die Therapien sind für Nadeschda anstrengend und bewegend und haben wenig mit Spass gemein – vor uns. Da geht sie also hin, die Illusion von einem „normalen“ Alltag. Doch auch wenn sich ein Funken Schwermut breit macht, so denke ich auch, dass genau das wichtig ist, um genauso die vielen wunderbaren Dinge, die meine Tochter meistert, als ein großes Geschenk anzunehmen. Wie glücklich macht es mich, dass Nadeschda aus eigenem Antrieb nun beschlossen hat, Klavier zu spielen und Unterricht zu nehmen. Als die Klavierlehrerin nach der ersten Stunde sagte: „Sie scheint Talent zu haben und feinmotorisch sehe ich hier überhaupt kein Problem.“ ging mir das Herz auf.

3 Gedanken zu “Drei Schritte vor und zwei zurück? – Nadeschda’s Schulentwicklung

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