Von der Anstrengungsverweigerung (2)- Oder wie mein Sohn sich „schlecht verkaufte“

Bachlauf kind

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Maxim ist ein cleveres Kerlchen. Immer schon gewesen. Ungeachtet seiner frühen Selbstständigkeit, anerzogen im Kinderheim, hat er früh die Dinge des Alltags verstanden und durchdrungen. Vor allem die typisch „männlichen“. Mit vier Jahren erklärte er mir, wie ein Auto funktioniert und wie man einen Traktor fährt. Mit fünf benutzte er bereits unfallfrei eine elektrische Säge und zeigte mir, wie man die Bohrmaschine bedient. Spielzeug war bei ihm überbewertet. Nein, es mussten immer die richtigen Werkzeuge sein. Nicht die Spielzeug-Bohrmaschine, sondern Richards echte. Seine Spielzeugautos dienten lediglich dem Zweck, auseinander geschraubt und dann wieder richtig zusammen gesetzt zu werden. Mit sechs begann er das Zählen bis zwanzig, fing an vor sich hin zu rechnen. Beim Autofahren durfte er nicht mehr vorne sitzen, denn er griff mir zu oft ins Lenkrad, um für mich den Blinker in die Richtung zu setzen, in die wir abbogen, oder betätigte vor mir die Gangschaltung. Seitdem er seine Sprache gefunden hatte, wurde er nicht müde, seiner blühenden Phantasie freien Lauf zu lassen und uns bis in die Abendstunden von seinen Plänen und seinen Ideen zu erzählen und uns seine Sicht auf das Leben mitzuteilen. Ein zauberhafter Junge, der fit für die Schule war.

Doch dann kam das Aufnahmegespräch für die erste Klasse. Maxim’s Aufregung war offensichtlich. Und auch ich war zugegebener Maßen ein wenig nervös, selbst wenn ich davon überzeugt war, dass er seinen Weg gehen wird. „Wackelt bei Dir schon etwas im Mund?“ fragte die eine Lehrerin. Maxim: „Nö.“ Er hatte natürlich insofern recht, dass im Moment kein Zahn wackelte, dennoch hatte er die ersten Milchzähne im Sommer verloren und aktuell kamen zwei neue Backenzähne durch. „Wann hast Du Geburtstag?“ fragte die Lehrerin weiter. „Weiß ich nicht.“ Natürlich wusste er seinen Geburtstag. „Kannst Du schon Deinen Namen schreiben?“ Maxim: „Nö.“ Natürlich konnte er seinen Namen schreiben vorwärts und rückwärts. Malen war nicht so sein Ding, aber schreiben war für ihn ganz wichtig. Weiter ging es mit den Rechensteinen. Mittlerweile lümmelte Maxim mehr auf seinem Stuhl als das er saß. Manchmal räkelte er sich. Sein Muskeltonus ließ eindeutig nach. Manchmal stand sein Mund halb offen und die Zunge lag entspannt vorne an den Zähnen. Beim Zählen und Mengen Erkennen lavierte er sich so durch. Hatte er die Fragen der Lehrerin zu Beginn noch verneint, so schwieg er zunehmend, beantwortete ihrer Fragen gar nicht mehr. So ging das weiter, bis er seinen Teil des Gesprächs überstanden hatte. Freundlich lächelnd verabschiedete er sich von der Lehrerin. – Was dann folgte war eigentlich klar: Die zweite Lehrerin, die als Beobachterin im Gespräch gesessen hatte und mit Richard und mir im Nachgang ihre Beobachten reflektierte und versuchte ins rechte Licht zu rücken, eröffnete unsere Runde zu dritt – ohne Maxim – mit der zögerlichen Frage: „Nun, wie schätzen Sie die Entwicklung ihres Sohnes mit Blick auf eine Einschulung ein?“ Mir war klar, worauf sie hinauswollte. Denn Maxim hatte in den vorangegangenen zwanzig Minuten nur gezeigt, dass er wenn überhaupt, nur bedingt schulreif ist. Er hatte sich jeglicher Anstrengung verweigert.

Was war also passiert? Auch wenn die beiden Lehrerinnen das Aufnahmegespräch noch so nett und spielerisch gestalteten, Maxim spürte nur zu deutlich, dass es hier um etwas ging. Er war nervös. Er fühlte den Druck, der auf ihm lag. Er musste hier eine Leistung abliefern, eine Leistung, nach der beurteilt wurde, ob er schulreif war oder nicht. Mit diesem Druck kann er (noch) nicht umgehen. Er ist für ihn bedrohlich, er macht ihm Angst. So viel Angst, dass sein Unterbewusstsein ihm signalisiert, er muss um sein Überleben kämpfen. Das kann er auf zweierlei Weise tun: Er kann kämpfen, sein Gegenüber angreifen oder sich tot stellen und gar nichts tun. Maxim kann beides. Zuhause in einer vertrauten Umgebung kämpft er. Einen Wutausbruch zu initiieren ist hier für ihn durch aus ein probates Mittel, um eine ihm gestellte Aufgabe nicht zu erledigen. Außerhalb unserer vier Wände zieht er es vor, sich tot zu stellen. Er macht gar nichts mehr, er stellt sich dumm. Sämtliche Muskeln in seinem Körper scheinen zu erschlaffen, bis die Situation vorüber ist. Nur so kann er mit dem Druck und der Angst umgehen. In der Konsequenz mag man ihn oft für weniger intelligent halten. Schnell landet er in der Schublade von Kindern, die einen ganzen Sack voll von funktionalen Therapien brauchen und die auf eine Förderschule gehen müssen, da sie den Anforderungen einer Regelschule nicht genügen. Es sei denn, man durchschaut seine Überlebensstrategie und hilft ihm, seine Angst zu überwinden und den innerlich aufsteigenden Druck in solchen Situationen auszuhalten. Dies tun wir, einerseits mit einer Kunsttherapie, in der er seine Ängste aus seiner Frühtraumatisierung abbauen kann, andererseits mit regelmäßigem Üben zuhause, wo wir jeden Tag wieder Arbeitssituationen schaffen, in denen er sich „anstrengen“ muss. Mit meiner Begleitung geht er immer wieder ein Stück durch dieses Gefühl. Und mit jedem Mal macht er die Erfahrung, doch seiner Aufgabe gewachsen zu sein. Er braucht sich ihr nicht zu entziehen. Er schafft das. Jeden Tag ein bisschen besser.

An der Schule hatten wir Glück, denn seine Lehrerinnen haben gesehen, dass sein Verhalten in dem Gespräch nicht dem entsprach, was sie sonst von ihm kannten. Sie kannten ihn ja bereits aus der Vorklasse und wussten, zu was er in Lage war und zu was nicht.

6 Gedanken zu “Von der Anstrengungsverweigerung (2)- Oder wie mein Sohn sich „schlecht verkaufte“

  1. Liebe Charlotte, darüber wusste ich noch nicht viel. Es ist erstaunlich, wie die Kinder unter Druck reagieren und gut, dass manch Erwachsener ein scharfes Auge in dieser Situation hat. Maxim ist ein kluger Kerl. Das Technische scheint ihn sehr zu begeistern.

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    • Ja, die Erwachsenen, vor allem pädagogisches Personal, die das erkennen, sind rar gesäht. Selbst Therapeuten sehen das nicht immer. Wir waren mit Nadeschda ja mal bei einer Ergotherapeutin, die sie für schwer motorisch zurückentwickelt hielt, nur weil Nadeschda nicht mitgemacht hat. Gut, dass wir inzwischen ein Umfeld und Netzwerk haben, die einen anderen Blick auf unsere Kinder haben.

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  2. Ich kenne das auch von meiner Tochter. Der Schuleinführungstag lief bei uns ähnlich ab wie hier geschildert.
    Und auch jetzt in der dritten Klasse, immer wenn die Hausaufgaben zu viel sind oder nur viel erscheinen, wird über eine Stunde erst getobt und geschrien und es geht gar nichts. Wenn wir einen gut Tag erwischen sind die Sachen in 10-20 Minuten erledigt. Und ohne Druck, wenn Zeit ist, wird Harry Potter gelesen, werden Wecker auseinander geschraubt und über einen Spiegel mit der Fernbedienung der Radio an und ausgeschaltet, d.h. versuche nachgemacht …und dann wieder, sobald das Wörtchen „muss“ kommt( was aus dem Alltag nicht immer zu entfernen geht) wir müssen noch, du musst noch, oder wenn etwas neu ist, wird verweigert …

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    • Ja, manchmal ist es immer noch frappierend, wie weit verbreitet das Phänomen der „Anstrengungsverweigerung“ ist. Dann erfordert es unheimlich viel Kreativität, das Wort „muss“ zu vermeiden. Wir fahren inzwischen gut damit, das Üben zur sträflichen Routine werden zu lassen. Dann stellt sich die Frage des „Müssen“ nicht mehr. Dann ist es einfach so… Danke für Deine Worte und Erfahrungen!

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