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„Kinderbetrachtung“ – vom wertfreien Umgang mit der Biografie eines Kindes

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„Kinderbetrachtung“ wird in der Waldorfpädagogik als ein Teil der Entwicklungsdiagnostik wie folgt definiert: Erzieher und Lehrer „beobachten das Kind systematisch über einen längeren Zeitraum, machen sich ein Bild und tauschen sich dann mündlich im Kreis von Kollegen intensiv über dieses Kind aus. Kinderbeobachtung, Kinderbetrachtung, Kinderbesprechung, Kinderkonferenz sind die Bezeichnungen, die in der Waldorfpädagogik für diese Form der Entwicklungsdiagnostik verwendet werden. In den verschiedenen Benennungen mag sich eine grundsätzliche Erfahrung spiegeln: Kinderbetrachtungen sind unterschiedlich. Sie verlaufen nie gleich. Sie sind so verschieden wie die Kinder, um die es geht, und auch so verschieden wie die Erzieherinnen, die daran teilhaben. Aber sie haben dennoch einen gemeinsamen Kern. Dieser Kern besteht aus den Anforderungen, die die Anwesenden bearbeiten müssen, wenn sie sich dem Kind im Gespräch annähern. Sie müssen zum Beispiel das Kind genauestens darstellen, Fragen und Ergänzungen zu der Darstellung formulieren und versuchen, den Kern des kindlichen Wesens zu erfassen. Diese Anforderungen sind immer die gleichen, unabhängig, ob ein Kindergartenkind oder ein Schüler betrachtet wird. Sie müssen von den Erzieherinnen oder Lehrern bearbeitet werden, wenn sie sich im Entwicklungsdialog um den Entwicklungsstand eines Kindes kümmern.“ (Erziehungskunst März 2011 „Entwickeln im Dialog“ von Daniela Heidtmann und Reinhold Schmitt)

Neulich besuchte ich hierzu ein Seminar, auch wenn oder gerade weil ich diesem pädagogischen Instrument ambivalent gegenüber stehe. Auf der einen Seite fand ich es spannend zu erfahren, wie man sich von pädagogischer Seite professionell und in positiver und wohlgesonnener Grundhaltung einem Entwicklungsstand eines Kindes näherte. Auf der anderen Seite sah ich es als hochgradig kritisch an, wenn sich eine Gruppe von Menschen, ohne eine fundierte Kenntnis der Biografie eines Kindes ein „Urteil“ – und sei es auch noch so wohlgesonnen – erlauben würde und daraus pädagogische Rezepte für eine adäquate Behandlung des Kindes ableiteten.  Erst recht störend empfand ich das Vorgehen – ganz nach Rudolf Steiner „Wir gehen direkt in das tun.“, dass eine Gruppe von Seminaristen, die zu dem Zeitpunkt gerade einmal den Status von Möchtegern Pädagogen erreicht hatten, sich in so einer Kinderbetrachtung üben sollten.

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Meine innere Ambivalenz hing mit meinem eigenen persönlichen Hintergrund zusammen. Denn auf der einen Seite war ich es aus meiner bisherigen Karriere selbst gewöhnt, Mitarbeiter in ihrer Entwicklung zu beurteilen und ich wusste, wie schwierig eine fundierte Beobachtung nachzuvollziehen war. Zudem war ich in der Beobachtungsgabe und Beschreibung geübt. Denn ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt über sechs Jahre detaillierte Entwicklungsberichte und Tagebucheinträge über die Entwicklung meiner eigenen Kinder geschrieben und teilweise als Erziehungsbeiträge veröffentlicht. Ich maßte mir also einen gewissen Erfahrungshorizont an. Auf der anderen Seite war ich mit meinen Kindern oft genug die Leidtragende falscher Beurteilungen und fehlender Sachkompetenz gewesen. Ich wusste vor dem Hintergrund der besonderen Biografie meiner Kinder, dass ein objektives und fundiertes Beurteilen von Verhaltensmustern nicht ohne ein Wissen und vor allem Verstehen des biografischen Hintergrundes und der Auswirkungen traumatischer Erlebnisse möglich sei. Die Erfahrungen in der „Kinderbetrachtung“ ließen mich Recht behalten.

Was passierte? Ausgehend vom reinen Äußerlichen über die Beschreibung von bestimmten Verhaltensmustern, die an sich schon schwierig ist, sie so zu gestalten, dass sie objektiv und wertfrei bleibt, gingen die Schilderungen des Kindes über in die wenigen Fakten, die von seinem biografischen Hintergrund bekannt waren. Man spürte förmlich im Raum, wie bei dem Nennen bestimmter Ereignisse, die Gruppe sich doch entgegen der Vorgaben, ein Urteil machte. Schnell schienen die Ursachen für mögliche Schwierigkeiten in der Schule, wie etwa Konzentrationsstörungen ausgemacht zu sein. Ob dies nun alles tatsächlich so war, dem Faktischen entsprach, oder ob es vielmehr die Mutmaßungen der Gruppe aufgrund ihrer eigenen Lebenserfahrungen waren, ist fraglich. Aufgrund der wenigen Geübtheit der Seminargruppe wurde die Diskussion hoch emotional, so sehr, dass selbst Eingriffe in die Diskussion auf Widerstand trafen. Aufgelöst werden konnten die Konflikte nicht.

Bei mir blieb am Ende hängen, dass sicherlich die Technik der „Kinderbetrachtung“ eine pädagogisch gute ist, wenn sie denn in der Wertfreiheit und Objektivität bleibt. Doch wie viel Übung und eigene kritische Selbstreflexion als Lehrer braucht es, um diese Instrument wirklich zum Wohle des Kindes anzuwenden? Ist das überhaupt möglich? Braucht es dafür nicht die fundierte Erfahrung eines Therapeuten, der profund darin ausgebildet ist? Und selbst hier finden sich zu viele, die wenig urteilsfrei ihre Aufgaben erfüllen, die sich schnell von Vorurteilen und falschen Bildern leiten lassen. Habe ich dies doch selbst schon zu oft bei meinen eigenen Kindern erfahren müssen. Wohlmöglich bleibt es immer eine schmale Gratwanderung, die besonnen gegangenen werden muss, und es braucht das Korrektiv der Gruppe, um eine Kinderbetrachtung zu einem hilfreichen Ergebnis für Kind und Lehrer zu bringen. Das Seminar war allerdings zu kurz dafür, um dies den Seminarteilnehmern zu transportieren. Zurück bleibt die Hoffnung, dass wir Seminarteilnehmer im späteren Berufsleben, wenn wir denn mit der „Kinderbetrachtung“ arbeiten möchten, auf Kollegen treffen, die tatsächlich die Erfahrung und kritische Selbstreflexion besitzen, um von ihnen uns in Wertfreiheit und Objektivität schulen zu lassen.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (37)

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Wochen mit Feiertagen haben etwas wunderbar Erholsames. Auch wenn ich mit meinen To Dos nicht so vorankomme, wie ich müsste, habe ich zumindest einmal mein Schlafdefizit aufgeholt. Während die Kinder am Brückentag Freunde zum Spielen da hatten, habe ich doch tatsächlich für ein paar Stunden im Garten gesessen und habe gelesen. Herrlich! So sind nach einem Familienwochenende mit viel Besuch dies meine Sonntagslieblinge:

  1. Langsam aber stetig bewältigen wir Maxim’s Schwierigkeiten im Rechnen. Ich bin wieder fünf Schritte zurückgegangen im Üben. Mit Streichhölzern und Streichholzschachteln üben wir nun den Unterschied zwischen 10ern und Einern. Allmählich sehe ich Licht am Ende des Tunnels und Maxim fühlt sich so groß, wenn er nun richtig rechnet.
  2. Nadeschda und ich hatten einen wunderbaren Mama-Tochter Nachmittag und haben ihren Schulranzen für die 1. Klasse gekauft. Wie zu erwarten, ist der Ranzen ein Traum aus Lila und Pink. Voller Aufregung hat sie sich danach Zuhause hingesetzt und ihre Einschulungsfeier geplant, mit Gästen, Essen und Programm.
  3. Ich habe den Feiertag genutzt und endlich den Flur in meinem Büro gestrichen. Nach etlichen Monaten schließt sich somit auch die vorerst letzte Baustelle in meinem Büro. Es ist befreiend, keinen rohen Putz und Reste von Kreppklebeband mehr ansehen zu müssen, wenn ich zur Tür hereinkomme.

Habt einen erholsamen Frühlingssonntag und einen besonnenen Start in die neue Woche!

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Biografiearbeit – Über disharmonische Familienkonstellationen

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Neulich sprach ich mit einer bekannten Adoptivmutter über „Biografiearbeit“ mit unseren Adoptivkindern. Unsere Kinder werden älter und größer, und das Thema der Herkunft spielt immer öfter eine Rolle. Meistens im Alter zwischen acht und zehn Jahren, wenn der nächstes Identitätsschub kommt und eine stärkere Abgrenzung im Kind vom eigenen Ich zur äußeren Umwelt sich entwicklet, stellt sich das Kind die Frage nach der biologischen Familie und dem, was wirklich Familie ist. Darauf müssen Adoptivfamilien vorbereitet sein. Dabei geht es nicht nur darum, dass wir Geld sparen für einen Flug und eine Reise in das Herkunftsland unserer Kinder, sondern dass wir Antworten auf ihre Fragen haben.

Wer ist meine leibliche Mutter? Warum hat sie mich abgegeben? Warum bin ich nicht aus Deinem Bauch gekommen? Wo lebt sie heute? Lebt sie überhaupt noch? Wie war mein Leben im Kinderheim? Warum habt gerade Ihr mich adoptiert? – Das könnten mögliche Fragen sein. Es geht aber auch darum, welches Bild von „Familie“ wir unseren Kindern transportieren. Dass das Entstehen unserer Familie eine andere war, als bei vielen Familien, die sich im sozialen Umfeld meiner Kinder bewegen, ist die eine Geschichte. Doch wie sieht ihre Familie nun heute aus? Die Mischung aus ihrer biologischen und ihrer sozialen Familie, in der aber auch nicht alles Eitelsonnenschein ist und wenig mit dem Klischee der harmonischen „Rama“- Familie zu tun hat. Das Gespräch mit der Bekannten ließ mich nachdenken. Denn, wenn ich meine Kinder begleiten möchte, einen gesunden Umgang mit ihrer Herkunftsgeschichte und heutigen Familie zu finden, so muss ich selbst noch einmal in meine eigene Biografie zurückgehen und einen Umgang mit meiner eigenen Familie und dem, was daraus für meine Kinder wird, finden.

Wenn Maxim über seine Familie spricht, dann hat diese fünf Mitglieder: Er, Nadeschda, Mama, Papa und Onkel Daniel. Der russische Teil seiner Herkunftsfamilie spielt für ihn im Alltag (noch) keine dominante Rolle. Es sind eher im Moment seine kulturellen Wurzeln , die ihn interessieren. Seine russische Mutter ist in seiner momentanen Wahrnehmung gestorben, sie lebt für ihn im Himmel. Alles andere schiebt er noch ganz weit von sich, ganz zu Schweigen von der Frage, ob wir seine russische Mutter irgendwann einmal suchen werden. Sicherlich würde ich mich mit Maxim, wenn er alt genug ist, auf diese Suche machen. Ich für meinen Teil habe inzwischen eine klare Haltung gegenüber der russischen Mutter und sehe dem – zumindest im Moment – gelassen entgegen. Spannend ist hingegen die Frage nach den Geschwistern, die Maxim und Nadeschda noch in Russland haben. Sollen wir diese jetzt schon suchen? Dank Internet und sozialen Medien dürfte dies nicht schwierig sein. Und ich kenne immer mehr Adoptivfamilien, die beginnen, Kontakte zu den leiblichen Geschwistern zu knüpfen. Doch Maxim und Nadeschda haben noch nicht einmal realisiert, dass sie tatsächlich noch zwei Geschwister in Russland haben. Diese weitere Familie findet nicht statt.

Vielleicht – und hier komme ich dann zu der Auseinandersetzung mit meiner eigenen Biografie – findet bei meinen Kindern diese „erweiterte Familie“ nicht statt, weil sie bei Richard und bei mir auch nicht stattfindet. Denn auch unsere biologischen Herkunftsfamilien sind so viel größer als der harte Kern, den Maxim als seine Familie wahrnimmt. Schon allein, dass im Grunde zu unserer Familie auch noch eine Omi – meine Mutter, die sich immer seltener blicken lässt -, gehört, ist ihm nicht bewusst. Bei näherer Betrachtung kaum verwunderlich, wenn ich mir mein eigenes gespaltenes Verhältnis zu ihr ansehe. Unsere Familie war aber mal viel größer. Oder sollte ich sagen, sie könnte so viel größer sein, würden nicht Neid und Missgunst auf der einen Seite regieren, und ein Mangel an sozialer Empathie auf der anderen Seite herrschen. Denn zu meiner Stiefmutter und meinen Halbgeschwistern habe ich keinen Kontakt mehr. Nachdem wir uns in der Auseinandersetzung um das Erbe meines Vaters endgültig zerfleischt haben, ist jegliche Basis für einen weiteren Kontakt geschwunden. Vielleicht war es aber auch nur, dass wir ohnehin nie eine gemeinsame Basis hatten, und der Kontaktabbruch nur die logische Konsequenz war, als mein Vater nicht mehr als Bindeglied da war. Nur weil wir ein paar Gene mit einander teilen, müssen wir nicht befreundet sein. Jedoch entbehren meine Kinder damit ein paar weitere Onkels und Tanten. Ähnlich auf Richards Seite der Familie: Auch zu seinem Bruder und dessen Familie gibt es keinen Kontakt mehr. Auch hier trennten sich die Wege gänzlich, nachdem meine Schwiegermutter gestorben war. So haben meine Kinder Cousins und Cousinen, von deren Existenz sie nichts wissen.

Manchmal finde ich das schade. Wir werden irgendwann für die Schule mit unseren Kindern einen Stammbaum malen müssen, in dem es viele leere und unbekannte Stellen gibt. Auf der einen Seite macht mich das traurig, denn immer noch trauere ich dem bunten harmonischen Familienbild aus der Margarine-Werbung nach. Doch auf der anderen Seite weiss ich, dass dieses harmonische Familienbild ein Mythos ist. So würde es bei uns nie sein. Wie gesagt, gemeinsame Gene sind nicht die Garantie für ein friedliches und freundschaftliches Miteinander. Muss ich also meinen Kindern diesen Zwang antun? Nein. Dennoch bleibt die Frage, ob ich ihnen nicht den Weg offenhalten kann, ihre spätere Familie so für sich zu definieren, wie sie es für richtig halten und für sich brauchen werden. Dies gilt sowohl für ihre russische Familie als auch für ihre deutsche Familie.

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Charlotte‘s Sonntagslieblinge (36)

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Eine Woche mit wenig Schlaf liegt hinter mir – zu viele Abendtermine an der Schule – und mein Körper rächt es. Trotz frühlingshaften Temperaturen bin ich mal wieder erkältet. Auch am Wochenende waren wir mit anderen Familien unterwegs, was meinem Schlafkonto nicht wirklich gut tat. Um so mehr freue ich mich, dass die nächste Woche uns nur drei Schultage beschert und uns viel Mama-Kinder-Zeit erwartet. Viel Zeit, in der wir einfach so in den Tag reinleben dürfen, auch wenn natürlich ein paar Dinge erledigt werden müssen und unsere tägliche Übzeit für die Schule uns erhalten bleibt. Dennoch gab es auch in dieser Woche wieder einmal schöne und wohltuende Momente. So sind dies meine heutigen Sonntagslieblinge:

  1. Maxim und Nadeschda haben ihren ersten Erdbeerkuchen alleine gebacken. Er war so lecker und tröstete über eine verwüstete Küche hinweg, die aber, das muss ich gestehen, beide Kinder danach nach bestem Wissen und Gewissen geputzt haben.
  2. Habt Ihr schon einmal Kühen in der letzten Abendsonne beim Grasen zugeschaut? Wir waren am Freitag auf einem Bauernhof, wo wir dies inmitten der Kuhherde von an die hundert Kühe auf der Weide erleben durften. Zuerst musste ich an die lustigen Lieselotte-Kinderbücher denken mit der verrückten Kuh, die den Postboten jagt. Doch nach einer Weile ließ ich mich auf diese Kühe und die beruhigenden Wirkung ihres phlegmatischen Grasens ein. Lange habe ich nicht mehr so viel innere Ruhe in mir gespürt.
  3. In der Akademie wollte ich an der Einheit im Plastizieren zur Embryonalentwicklung nicht teilnehmen. Die Seminarleiterin bot mir daraufhin an, dass ich auch Zuhause mir eine eigene Aufgabe stellen könnte, um so die Fehlzeiten zu vermeiden. Diese Sonderregelung fand ich ausgesprochen nett. Ich bin dankbar, dass es doch Menschen gibt, die meine „besondere“ Situation respektieren und darauf Rücksicht nehmen, und das ohne unangenehme Fragen zu stellen.

Habt einen wunderbaren Sonntag und einen erholten Start in die neue Woche!

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48 Stunden im Leben einer Adoptivmutter

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Vorab

„48 Stunden im Leben einer Berufstätigen Mutter“ hat mich zu diesem Beitrag inspiriert. Danke an „Die verlorenen Schuhe“ für diesen Impuls!

Tag 1

5:45h:  Mein Wecker klingelt. Schlaftrunken stehe ich auf. Die Nacht war wieder kurz. Ich war zu spät im Bett, lange Telefonate in Vorbereitung auf die Elternbeiratssitzung heute Abend an der Schule. Mein kurzer nächtlicher Schlaf wurde immer wieder von Kinderfüßen in meinem Gesicht unterbrochen. Wenn Richard nicht da ist, schlafen die Kinder meistens bei mir im Bett, da sie ihren Vater zu sehr vermissen. Müde schleppe ich mich in die Küche, mache mir den ersten Kaffee, bereite die Brotdosen für den Tag vor und räume die Restanten des Vorabends auf. Danach duschen und anziehen. Richard ist auf Dienstreise und ich fahre die Kinder in die Schule.

6:30h Kinder wecken. Es braucht wie jeden Morgen viel Überredungskunst, Maxim und Nadeschda aus den Betten zu bekommen. Die Spielverabredung am Nachmittag hilft.

Bis 7:15h: Kinder anziehen bzw. sie sich anziehen lassen, Zähneputzen, Frühstücken, letzte Sachen für die Schule packen und ab ins Auto zur Schule.

7:45h. Ankunft in der Schule. Maxim geht alleine in seine Klasse, Nadeschda bringe ich in die Vorklasse. Kurzes Warten auf die Lehrerin, kurzer Plausch mit anderen wartenden Eltern, kurzer Informationsaustausch mit der Lehrerin: „Und denken Sie daran, dass ich Nadeschda heute früher abhole. Wir haben einen Ohrenarzttermin.“

8:30h Wieder Zuhause. Aufräumen, Waschmaschine anschmeißen, ein paar Überweisungen machen, Handwerker anrufen, etc.

9:30h Ich sitze endlich in meinem Büro und schreibe einen Auftragstext.

11:00h Ich klappe meinen Rechner zu, esse kurz etwas, trinke einen Kaffee und mache mich wieder auf den Weg zur Schule, um Nadeschda abzuholen.

11:30h Eine wütende Nadeschda beschwert sich bei mir im Auto über ihre Klassenkameraden und mich, die sie zu früh von der Schule abgeholt hat. Sie will nicht zum Ohrenarzt gehen.

12:00h Ankunft beim Ohrenarzt. Gottseidank müssen wir nicht lange warten. Nach Untersuchung und Hörtest ist alles okay. Erleichterung. Nach Jahren scheinen wir dieses Problem gelöst zu haben.

14:00h Wieder zurück an der Schule holen wir Maxim ab. Der ist wenig begeistert, doch die Spielverabredung zieht immer noch.

14:30h Zuhause angekommen, beginnen Maxim und ich sofort mit den Hausaufgaben. Wir sind ja verabredet. Bei Aufgabe 3 im Rechnen werde ich schief von der Seite angeraunzt, bei Aufgabe 4 wird wüst im Heft rumgekritzelt und bei Aufgabe 5 fliegen Heft, Bleistift und Radiergummi durchs Zimmer. Mir ist klar, dass das jetzt dauert, und dass wir zu unserer Verabredung zu spät kommen.

15:30h Maxim hat sich von seinem Tobsuchtsanfall beruhigt. Wir können die restlichen drei Aufgaben machen. Und dann mit deutlicher Verspätung zu unserer Verabredung fahren.

16:15h Wir kommen mit einer Stunde Verspätung bei unserer Verabredung an. Die Freundin und die Kinder freuen sich trotzdem und spielen schön, während wir Mütter im Garten in der Frühlingssonne sitzen und plauschen. Zum ersten Mal an diesem Tag kann ich durchatmen.

18:30h Wieder Zuhause duschen die Kinder schnell, ich koche derweil das Abendessen, immer wieder unterbrochen von Hilferufen des gerade duschenden Kindes. Richard kommt ausnahmsweise früh von seiner Dienstreise nach Hause. Denn ich habe ja einen Abendtermin an der Schule.

19:30h Beginn der Elternbeiratssitzung. Nachdem ich noch kurz beim Abendessen dabei saß, wir die wichtigsten Neuigkeiten der letzten zwei Tage ausgetauscht haben, bin ich mit wehenden Fahnen zur Schule gefahren. Ich ergattere gerade so noch den letzten Parkplatz. Irgendwie hatte ich verdrängt, dass noch drei weitere Veranstaltungen an der Schule an diesem Abend stattfinden. Dennoch sitze ich pünktlich auf meinem Stuhl.

23:30h Nach einer aufreibenden Sitzung – es ging um den Haushaltsplan der Schule – und den nacharbeitenden Parkplatzgesprächen bin ich wieder Zuhause. Nach einem kurzen Gespräch mit Richard falle ich hundemüde ins Bett.

Tag 2

6:00h Wieder reisst mich der Wecker aus dem Tiefschlaf. Heute Nacht hatte ich zwar keine Kinderfüße im Gesicht, dafür rief Nadeschda zweimal nach mir. Immer wenn ich abends nicht da bin, wird sie nachts wach und ruft nach mir, als müsste sie sich vergewissern, dass ich tatsächlich zurückgekommen bin. Wie erschlagen schleppe ich mich in die Küche. Sechs Stunden Schlaf und die auch noch mit Unterbrechung sind einfach zu wenig. Nach meinem ersten Kaffee packe ich die Brotdosen und neue Wechselklamotten für Maxim.

6:30h Ich wecke die Kinder, die erst einmal viel kuscheln müssen. Nach dem Abend Abwesenheit besteht Nachholbedarf. Danach eiliges Anziehen, Zähneputzen, Frühstücken.

7:15h Nachdem Richard mit den Kindern das Haus Richtung Schule verlassen hat, würde ich mich am liebsten noch einmal hinlegen. Aber vor mir liegt ein voller Vormittag. Also, zweiter Kaffee, duschen, anziehen, aufräumen, drei Maschinen Wäsche, die gestern so zwischendurch liefen, zusammenlegen, wegräumen, Kühlschrank nochmal checken, ob für das Abendessen alles da ist. „Ach, Mist, es fehlt der Grillkäse.“ Also zum Supermarkt, Grillkäse kaufen. Das war so mit den Kindern abgesprochen. Und da ich heute Abend in der Akademie bin und die Kinderfrau da ist, darf es keine Überraschungen geben.

9:00h Ich sitze in meinem Büro, arbeite schnell ein paar Textänderungen in unterschiedliche Aufträge ein, stelle einen Blogpost ein, um mich dann meiner Portfolioarbeit für die Akademie zu widmen. Heute Abend ist Zwischenbesprechung. Da muss ich etwas vorweisen.

12:00 Wieder Zuhause, schnell noch den Kartoffelsalat für heute Abend vorbereiten. Dann auf zur Schule. Maxim hat Kunsttherapie und der Termin liegt leider so, dass die Kinder an diesem Tag nicht in der Schule essen können.

13:30h Gerade so mal wieder pünktlich kommen wir bei der Therapeutin an. Ich bringe Maxim in den Raum und bereite ihn für die Therapiestunde vor. Zum Glück geht er gerne hin und freut sich jedes Mal auf die Stunde. Nadeschda und ich warten derweil im Wartezimmer. Nachdem ich ihr vorgelesen habe, überkommt mich die Müdigkeit. Ich würde mich am liebsten auf den Spielteppich legen und kurz die Augen schließen. Aber Nadeschda will mit mir die Eisenbahn aufbauen. Das tun wir dann auch und ich schiebe die Müdigkeit weg.

15:00h Zuhause zurück trinke ich erst einmal einen doppelten Espresso. Ich weiss in dem Moment nicht, wie ich heute Abend noch vier Stunden Akademie überstehen soll. Aber gut. Zum Jammern bleibt keine Zeit. Wir haben eine Stunde Zeit, um Maxims Hausaufgaben zu machen und Lesen zu üben. Nadeschda spielt friedlich in ihrem Zimmer. Zum Glück sind die Hausaufgaben nur klein und schnell gemacht. Auch das Lesen klappt immer besser. Maxim hat danach sogar noch eine Viertelstunde Zeit sich auszuruhen, bevor wir auch schon wieder losmüssen.

16:00h Abfahrt zum Zirkus. Maxim hat Zirkustraining. Danach Weiterfahrt zur Musikschule, wo Nadeschda Unterricht hat. Ich verabschiede sie schnell, danach mache ich mich auf den Weg zur Akademie. Die Kinderfrau holt später Maxim und Nadeschda ab, übt Zuhause noch mit Maxim Trompete und bringt die Kinder dann später ins Bett. Hoffentlich schafft sie es heute pünktlich. Im Auto zweifele ich noch, ob das alles so eine gute Idee ist. Vielleicht sollte ich das mit der Ausbildung doch besser sein lassen, Nadeschda in einen anderen Musikschulkurs anmelden und versuchen, Maxim in einer anderen Zirkustrainingsgruppe unterzubringen. Dieser Tag ist einfach zu dicht. Doch ab morgen haben wir wieder entspannte Nachmittage ohne Programm.

22:00h Dank viel Cola habe ich die Akademiestunden gut überstanden und komme hellwach Zuhause an. Zum Glück hat heute das Abholen und das Abendprogramm mit der Kinderfrau gut geklappt. Beide Kinder schlafen friedlich in ihren Betten. Ich bin beruhigt und entlasse zufrieden die Kinderfrau in ihren Feierabend. Richard ist noch auf einem Kundenabendessen. Ich könnte die Gelegenheit nutzen und sofort ins Bett gehen. Aber nun bin ich wach. Ich räume auf, lege Wäsche zusammen, lese und schreibe noch ein paar E-Mails.

23:30h Richard kommt nach Hause. Wir sprechen noch kurz, dann gehen wir schlafen. Auch diese Nacht wird wieder zu kurz sein. Nadeschda wird mich bereits um 1:00h rufen, dann noch einmal um 3:00h. Maxim muss um 5:00 auf die Toilette (es ist der Kinderfrau nicht beizubringen, dass die Kinder vor dem Schlafen noch einmal auf die Toiletten gehen sollten….) und hat Durst. Eine Stunde später klingelt wieder mein Wecker.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (35)

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Endlich liegt ein wenig Frühling in der Luft. Maxim stand vor ein paar Tagen vor mir und rief erfreut: “ Ahhhh, Mama, riechst Du das auch? Es riecht irgendwie endlich nach Frühling.“ An unseren freien Nachmittagen waren wir viel im Garten, haben Blumen gepflanzt und meinen Kräutergarten frisch angelegt. Ich hoffe nun, das er auch angeht, auch wenn meine Kinder gleich die Gelegenheit ergriffen haben und haben aus ein paar Kräutern erst Kräutertee produziert – wenig einfühlsame Menschen würden sagen, sie hätten ein paar Blätter abgerissen und in einem Matschwasserbad zerquetscht -, um dann die spannende Mischung zum Trocknen auszubreiten. Ungeachtet dieser spannenden Kräutererfahrungen sind dies meine Sonntagslieblinge aus dieser Woche:

  1. Maxim und ich hatten wieder einmal ein paar harte Hausaufgabenstunden. Doch ich werde nicht müde, ihm zu sagen und zu zeigen, dass er es kann, auch wenn er manchmal der Meinung ist, dass er es nicht kann. Und natürlich kann er es, das kleine 1×1. Wie schön war es dann, als er am Ende der Woche bei den Übungsaufgaben sagte: „Mama, das ist ja jetzt babyeinfach.“
  2. Meine Kinder kochen nicht nur, sie haben doch tatsächlich angefangen, regelmäßig die Spülmaschine auszuräumen, ohne dass ich etwas sagen muss. Ob wohl der dezente Hinweis anspornt, dass ich nur über ein Haustier nachdenke, wenn sie mir zeigen, dass sie kontinuierlich ein wenig im Haushalt mithelfen?
  3. Heute ist Muttertag, doch wir feiern ihn nicht. Genauso wenig wie den Vatertag. Dennoch ist es auch für mich ein Moment, um noch einmal innezuhalten, und mir bewusst zu werden, wie dankbar ich bin, Mutter sein zu dürfen. Für diese zwei wunderbaren Kinder!

Habt einen traumhaften Sonntag und einen wohlbehaltenen Start in die neue Woche!

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#muttertagswusch – Mein Wunsch für mehr Respekt und Anerkennung der Leistung von Adoptivfamilien

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Der Muttertag naht. Auch wenn meine Kinder wie so viele andere fleißig gebastelt haben, und sie mir ihre Geschenke am Sonntag feierlich übergeben werden, wird es für uns ein gewöhnlicher Familiensonntag werden. So wenig wie wir den Vatertag zelebrieren, feiern wir den Muttertag. Denn „Muttertag“ ist bei uns jeden Tag, wenn ich in die strahlenden Gesichter meiner Kinder blicke und ich dankbar bin, die Mutter von Maxim und Nadeschda sein zu dürfen. Dennoch bewegt auch mich die Aktion #muttertagswunsch von mutterseelesonnig und ich nehme dies zum Anlass, auch meinen Wunsch für all die Adoptivfamilien zu adressieren.

Die Adoption von Nadeschda und Maxim liegt mittlerweile etliche Jahre zurück. Noch immer kämpfen wir dafür, dass die Kosten der Adoption als außergewöhnliche Belastung anerkannt werden. Kosten für eine medizinische Kinderwunschbehandlung werden seit Jahren steuerlich anerkannt. Die Kosten für eine Adoption nicht. Erst kürzlich kam der Bescheid, dass unser Einspruch abgelehnt wurde. Er sei zulässig, aber nicht begründet. In der Begründung heißt es: „Die organisch bedingte Sterilität eines Ehepartners ist als Krankheit anzusehen. Aufgrund dessen ist die heterologe Insemination als medizinische Maßnahme zur Beseitigung der unmittelbaren Krankheitsfolge der Kinderlosigkeit eines Paares anzusehen und führt zur Abzugsfähigkeit als Krankheitskosten. Die Aufwendungen eines Paares hingegen, die bei einer Adoption eines Kindes aufgrund einer organisch bedingten Sterilität eines Partners entstehen, stellen keine Krankheitskosten dar. (…) Als Außergewöhnliche Belastungen kommen nur Aufwendungen in Betracht denen sich die Steuerpflichtigen nicht entziehen können. Kosten für eine Adoption hingegen sind Kosten der individuell gestaltbaren Lebensführung, auch wenn die ungewollte Kinderlosigkeit von den Betroffenen als schwere Belastung empfunden wird, die ursächlich für den Adoptionsentschluss ist.“ An anderen Stellen wird deutlich, dass die Kosten für Adoption zumutbar seien, und daher keine Zwangsläufigkeit gegeben ist. Eine spannende Argumentation, der ich aber nicht folgen kann. Fühle nur ich mich hier diskriminiert und benachteiligt? Es hat so ein wenig den Beigeschmack eines „Luxusproblems“. Aus freiem Willen haben wir uns entschlossen, unsere Kinder zu adoptieren. Ja, das stimmt! Und ich würde es immer wieder tun! Und ja, natürlich hatten wir einen Kinderwunsch, der auf biologischem Wege unerfüllt blieb. Doch haben wir uns gegen den medizinischen Weg entschieden. Ganz bewusst. Es fühlte sich nicht richtig an. Dennoch finde ich die Bewertung und Einordnung der Finanzbehörden vermessen. Der medizinische Weg, sich einen Kinderwunsch zu erfüllen, ist zwangsläufig, aber alternative Wege nicht? Das verstehe ich nicht.  Um den eigenen tiefen Wunsch nach Kindern zu erfüllen, aus welchen Gründen auch immer die Kinderlosigkeit vorliegt, sollten alle Wege, die heute zur Verfügung stehen, gleich angesehen und anerkannt werden. Das ist im Falle der Adoption nicht gegeben.

Genauso wie Adoptivfamilien bei der Mütterrente seit der Neuregelung 2014 benachteiligt werden: Nimmt eine Familie ein Kind an, das drei Jahre alt ist oder älter, schlägt sich das negativ in der Anrechnung der Erziehungszeiten nieder. Die Adoptivmutter, die also eine Weile zuhause bleibt, um sich der Fürsorge ihres Kindes zu widmen, bekommt später weniger Rente. Auch hier wurde mit viel Taktgefühl der Hinweis auf Diskriminierung kommentiert: Rentenexperten merkten an, dass es um eine pauschale Anerkennung gehe, es aber in Einzelfällen zu Ungerechtigkeiten kommen kann. Mal abgesehen von dem bürokratischen Aufwand, den es Bedarf, sich überhaupt Erziehungsheimen anerkennen zu lassen als Adoptivmutter. Bis heute ist meine Rentenzeiten nicht geklärt. Es scheint schwierig zu sein, Zeiten nachzurechnen, wenn Geburtsdatum des Kindes und Beginn der Elternzeit fast drei Jahre auseinanderliegen. – Auch in der Versicherungswirtschaft kommt es oft zu Ungleichbehandlungen. Werden doch häufig für Adoptivkinder, ob ihrer ungesicherten medizinischen Diagnosen pauschal Risikozuschläge bei den Beiträgen erhoben. So auch bei unseren Kindern.

Der fehlende sensible Umgang an vielen öffentlichen Stellen mag ein Problem der Fallzahlen sein. In Deutschland sind die Zahlen von Adoption aus dem In- und Ausland einfach zu niedrig (und auch noch rückläufig in den letzten Jahren), dass sie einen nennenswerten Einfluss auf den politischen Willen haben könnten. Allerdings kommen wir doch, wenn wir die Adoptionszahlen der letzten zehn Jahre zusammenzählen, auf eine beachtenswerte Gruppe in der Bevölkerung von etwa der Größe einer Kleinstadt. Aber auch das ist noch zu wenig, um beachtet zu werden.

Doch darum geht es mir hier nicht. Zum Muttertag wüsche ich mir, dass der Mut und der Einsatz der Adoptivfamilien von der Administration mehr respektiert und anerkannt wird. Dass an der ein oder anderen Stelle die besondere Situation von Adoptivfamilien nicht beachtet wird und es keine Sonderregelungen oder den Freiraum für individuelle Ermessensentscheidungen gibt, mag ich ja noch hinnehmen können. Doch dass die Lebenssituation von Adoptivfamilien an vielen Stellen einfach so abgetan wird, kann ich nur schwer ertragen. Den Adoptivfamilien ging es selten bei dem Entschluss zur Adoption um die bloße egoistische Erfüllung des Kinderwunsches. Sie haben alle eine große Verantwortung übernommen, der sie sich von Anfang an bewusst waren. Sie stellen sich jeden Tag von neuem harten und herausfordernden Aufgaben. Gerade die Mütter, die bald erkennen, dass sie ihren Job nicht mehr wahrnehmen können, weil ihre Kinder eine kontinuierliche Anwesenheit zumindest einen Elternteils brauchen. Viele Adoptivkinder benötigen nicht nur die ständige liebevolle Fürsorge von mindestens einem Elternteil, sie brauchen eine intensive Förderung und Begleitung mit den unterschiedlichsten Therapien, häufigen Arztbesuchen, Terminen bei Spezialisten und manchmal medizinischen Eingriffen. In der Schule bedarf es einer engen Hausaufgabenbetreuung und intensivem Engagement, Gespräche mit Lehrern, Werben für die besondere Situation des Kindes, Wissen, was in der Schule gerade passiert. Und eigentlich beginnt das schon im Kindergarten. Sport und das Spielen eines Musikinstrumentes sind wichtig, neben der kontinuierlichen Förderung von Fähigkeiten in der täglichen Alltagsroutine. Adoptivmutter zu sein, ist ein Vollzeit-Job, neben dem permanenten Bewusstsein der Verantwortung und der emotionalen Belastung, die durchaus hin und wieder gegeben ist. Es gibt unzählige Adoptivmütter, die auch nach Jahren, selbst wenn die Kinder längst schon dem Babyalter entwachsen sind, selten eine Nacht durchschlafen, da die Kinder von Alpträumen verfolgt werden, oder sie auch nachts die enge Nähe der Mutter brauchen. Jede Stunde, die eine Adoptivmutter vielleicht einmal etwas für sich alleine tut, um Kraft zu sammeln, und die Kinder dann vielleicht fremdbetreut sind, muss sie oft doppelt oder dreifach „bezahlen“ mit noch mehr eingeforderter Aufmerksamkeit ihrer Kinder. Dann stehen Wut oder Verlassensängste an der Tagesordnung, die Beziehung zwischen Mutter und Kind wird unmittelbar in Frage gestellt. Solange bis das Adoptivkind sich wieder sicher ist, dass seine Mutter bei ihm bleibt und es immer halten und aushalten wird. Jedes Kind hat Trotzanfälle und Wutausbrüche, aber vielleicht nicht immer über eine Stunde oder länger. Jedes Kind hängt an seiner Mutter, aber nicht über Wochen, wenn es schon sechs Jahre alt ist. Pausen gibt es nicht, Zeit und Raum zum Durchatmen bleibt kaum, Kranksein ist nicht erlaubt.

Ich wünsche mir, dass mit diesen Familien, die den Schritt der Adoption und Annahme eines bedürftigen Kindes mutig und unerschrocken gegangen sind und die jeden Tag darum ringen, ihre ihnen anvertrauten Kinder gut und gesund ins Leben zu begleiten,   respektvoll umgegangen wird. Formulierungen, wie sie die Finanzbehörde wählte, sind da in meinen Augen eher respektlos. Doch wenn in Deutschland schon grundsätzlich die Leistung von Eltern und Familien weder finanziell noch gesellschaftliche anerkannt wird, warum sollte man dann den Einsatz und das Engagement von tausenden von Adoptivfamilien sehen und würdigen?