Von Herkunft und Heimat (3) – Wurzelsuche bei Adoptivkindern

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Danke an unsplash.com

In Vorbereitung auf ein Seminar mit Adoptivfamilien sagte eine Bekannte zu mir neulich: „Schauen Sie doch als Einführung einen Film.“ Ich zögerte und entgegnete: „An welchen haben Sie denn gedacht?“ „Lion! – Er zeigt sehr schön, wie unterschiedlich Adoptierte auf ihre Wurzelsuche reagieren. Der eine ist von vorne herein „problematisch“, negiert dann aber die Suche nach seiner Herkunft. Den anderen, überaus angepasst, erwischt seine Wurzelsuche mit voller Vehemenz und schickt ihn auf eine emotionale Achterbahnfahrt. Man steckt nicht drin, was die Wurzelsuche mit adoptierten Kindern einmal macht. Und darauf müssen Adoptiveltern vorbereitet sein.“

Noch einmal zur Erinnerung: Basierend auf einer wahren Begebenheit, erzählt „Lion“ von der Suche nach dem Geburtsort und der Mutter des indischen Jungen Saroo. Chronologisch erzählt der Film seine Geschichte. Der fünfjährige Saroo versucht gemeinsam mit seinem älteren Bruder Guddu, die alleinerziehende Mutter nach Kräften zu unterstützen. Eines Abends bleibt der kleine Junge bei der Nachtarbeit jedoch schlafend am Bahnhof zurück – und steigt später in einen Zug, mit dem er ungewollt in die 1600 Kilometer entfernte Metropole Kalkutta fährt. Nach einer von Bedrohungen begleiteten Zeit auf der Straße landet Saroo in einem Waisenhaus. Da er weder die korrekte Bezeichnung seiner Heimatstadt noch den richtigen Namen seiner Mutter nennen kann, wird er zur Adoption freigegeben – und kommt so nach Tasmanien zu dem fürsorglichen Ehepaar Sue und John Brierley, welches bald darauf noch ein weiteres Kind aus Indien adoptiert, den schwer traumatisierten Mantosh. Zwei Dekaden später zieht Saroo nach Melbourne, wo er Hotel-Management studiert. Auf einer Studentenparty entdeckt er die indische Süßigkeit Jalebi, die ihn unmittelbar in seine verdrängte Kindheit zurück katapultiert. Als Saroo seiner neuen Clique von seiner Vergangenheit berichtet, ermutigen ihn seine Freunde, mit Hilfe von Google Earth sich auf die Suche zu begeben. So fängt er an, Berechnungen über seine damalige Zugfahrt anzustellen und seinen einstigen Wohnort zu suchen. Nach Jahren der Recherche findet er tatsächlich seinen Geburtsort und reist dorthin, um seine leibliche Mutter zu suchen und zu finden.

Ich habe den Film gesehen und bin gerade in den letzten Zügen des Buches, auf dem der Film basiert. Beides hat mich auf der einen Seite sehr mitgenommen und auf der anderen Seite sehr berührt. Auch wenn Saroos Geschichte wenig mit der meiner eigenen Kinder zu tun hat. Gemeinsam ist ihnen lediglich die Erfahrung der Adoption. Und Indien als Herkunftsland macht Saroos Lebensgeschichte auch noch einmal anders besonders, wie wir ja auch in der Dokumentation „Die Reise meines Lebens – Ruby sucht nach ihrer Mutter“  sehen konnten.

Dennoch, die Szenen, in denen der kleine Saroo nach seiner Mutter sucht und nach ihr fragt, er sie schmerzlich vermisst, während er schutzlos durch Kalkutta irrt, zerreissen einem das Herz. Zumal ich nachempfinden kann, dass es meinen eigenen Kindern in gewisser Weise auch so ergangen sein muss. Wie oft werden sie irgendwie nach ihrer russischen Mutter gerufen haben, als sie im Krankenhaus und später im Kinderheim waren. Werden diese Bilder irgendwann einmal wieder in ihnen hochkommen. Werden sie genauso von Flashbacks heimgeholt, die sie an ihre ersten Lebensjahre oder -monate erinnern? Wie werden sie dann damit umgehen? Wollen sie überhaupt damit umgehen? In der Therapie, die beide gemacht haben, kamen an der ein oder anderen Stelle im Unterbewussten bereits Erinnerungen hoch, ohne dass die Kinder sie kognitiv zuordnen konnten. Aber beide haben zu unterschiedlichen Zeitpunkten die Herausnahme aus der Familie nachgestellt. Bewusst schieben sie alles andere weg. Auch wenn Maxim von seiner russischen Mutter spricht, so hat er keine konkreten Erinnerungen. Oder er will sich selbst mit diesen nicht konfrontieren, wie in der letzten Woche schon hier  geschrieben.

Im Gegensatz zu Saroo wissen wir, woher unsere Kinder kommen. Wir haben einen Geburtsort und wir haben die Namen der Eltern. Werden Maxim und Nadeschda sich irgendwann auf die Suche ihrer Wurzeln begeben wollen, beginnen sie nicht bei Null. Sie müssen sich nicht auf nebulöse Erinnerungen verlassen und versuchen diese faktisch zu rekonstruieren. Das würde es ein wenig leichter machen, auch wenn das logistische Abenteurer einer Spurensuche in Russland bleibt. Ob unsere beiden Kinder das überhaupt wollen, steht auf einem anderen Blatt. Das wird die Zeit zeigen. Wir als ihre Adoptiveltern können ihnen dann nur helfen und ihnen zur Seite stehen, ihnen frühzeitig zeigen, dass wir auch bei der Wurzelsuche für sie da sind und sie unterstützen, wo es nur geht.

Doch, das hat der Film auch sehr schön gezeigt, auf die Suche machen sich adoptierte Kinder dann oft alleine, ohne ihre Adoptiveltern. Es fällt ihnen schwer, diese mit einzubeziehen. Nicht, weil vorher die Adoption tabuisiert wurde – das war in der Vergangenheit einmal -, sondern weil sie ihre Adoptiveltern nicht verletzen wollen. Noch liegt die Wurzelsuche meiner Kinder in weiter Ferne, doch sie wird kommen, dessen bin ich mir gewiss. Wie sie sich gestaltet, werden wir sehen. Der emotionalen Herausforderung, vor allem für Nadeschda und Maxim, bin ich mir bewusst. Mögen meine Kinder bis dahin seelisch so stark sein, dass sie für diese Reise gewappnet sind.

4 Gedanken zu “Von Herkunft und Heimat (3) – Wurzelsuche bei Adoptivkindern

  1. Ich finde es schön, dass ihr euch damit so offen auseinander setzt. Ich bin ja selber adoptiert und meine Adoptiveltern waren ja sehr offen mit dem Thema „du bist adoptiert“ auch wenn es direkt nach Geburt war. Wenn es um Infos zu meinen leiblichen Verwandten geht dann sind sie da allerdings weniger hilfreich. Ich muss gestehen, dass ich zunächst nicht an meinen „Wurzeln“ interessiert war, aber vieles ändert sich auch wenn man mal eigene Kinder hat. Und so habe ich mich doch langsam mit dem Gedanken auseinander gesetzt wer eigentlich meine leibliche Mutter ist und woher ich komme. Was meine Adoptiveltern denken weiß ich mittlerweile, sie wollen tatsächlich nicht das ich suche. Wenn das Thema aufkommt heißt es immer „aber wir sind doch so glücklich das wir dich haben“ oder ich bekomme widersprüchliche Häppchen meiner Adoptionsgeschichte mit wechselnden Fakten angeboten die mich zufrieden stellen sollen. Nun ja. Ich ziehe den Hut vor euch! ❤

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    • Danke Dir für Deine Worte und Deine Offenheit. Es war mir nicht bewusst, dass Du adoptiert bist. Ja, wenn man selber Mutter wird und ist, dann kommen noch einmal die Fragen nach den Wurzeln – spätestens dann, wenn man adoptiert ist, aber auch bei mir, die ich es nicht bin, sondern eine vielleicht nicht ganz normale Familienkonstellation habe. Aber da würde ich einem nächsten Post vorgreifen…;-))

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  2. Liebe Charlotte, wie haben es schon paar mal gemacht- die Orte in Russalnd bereist, woher die Kinder stammen- u.a. deren Geburtskrankenhaus und Kinderhaus besucht. Es ist bewegend für die Kinder und nicht einfach – aber auch gut- weil es realistisches Bezug gibt, Boden gibt, auch wenn es schmerzt. Wir haben viele Fotos gemacht, ein unserer Kinder hat nach einem Koffer gebeten mit dem Schloss und hat seine Fotos mit erklärenden Texten in diesem Koffer. Sie sind noch „unter Verschluss“- so mag er- aber wennn er möchte, macht er den Koffer auf- alleine oder mit uns- und schaut sich die Bilder an oder spricht darüber. Aussenstehenden zeigen will er alles aber noch gar nicht. Die Tocher redete umgekehrt zu viel davon- aber es war nicht ernst, dahinter stant der Wusch aufzufallen- ihr musste ich ungekehrt klar machen, dass das, was man am Herzen hat, erzählt man nicht ungefragt an jeder Strassenecke (ich habe kein Problem mit Adoption und Fragen beantworten, bei ihr war es auffalllend einfach um Aufmerksamkeit zu erregen, deswegen habe ich etwas eingegriffen). Und noch für dich- persönlich ich habe dir email geschickt, wie du evt noch selber etwas suchen kannst.

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  3. Pingback: Rechenbeispiel: Wie lange die ersten Lebensjahre nachwirken… | Charlotte's Adoptionsblog ©

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