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#muttertagswusch – Mein Wunsch für mehr Respekt und Anerkennung der Leistung von Adoptivfamilien

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Der Muttertag naht. Auch wenn meine Kinder wie so viele andere fleißig gebastelt haben, und sie mir ihre Geschenke am Sonntag feierlich übergeben werden, wird es für uns ein gewöhnlicher Familiensonntag werden. So wenig wie wir den Vatertag zelebrieren, feiern wir den Muttertag. Denn „Muttertag“ ist bei uns jeden Tag, wenn ich in die strahlenden Gesichter meiner Kinder blicke und ich dankbar bin, die Mutter von Maxim und Nadeschda sein zu dürfen. Dennoch bewegt auch mich die Aktion #muttertagswunsch von mutterseelesonnig und ich nehme dies zum Anlass, auch meinen Wunsch für all die Adoptivfamilien zu adressieren.

Die Adoption von Nadeschda und Maxim liegt mittlerweile etliche Jahre zurück. Noch immer kämpfen wir dafür, dass die Kosten der Adoption als außergewöhnliche Belastung anerkannt werden. Kosten für eine medizinische Kinderwunschbehandlung werden seit Jahren steuerlich anerkannt. Die Kosten für eine Adoption nicht. Erst kürzlich kam der Bescheid, dass unser Einspruch abgelehnt wurde. Er sei zulässig, aber nicht begründet. In der Begründung heißt es: „Die organisch bedingte Sterilität eines Ehepartners ist als Krankheit anzusehen. Aufgrund dessen ist die heterologe Insemination als medizinische Maßnahme zur Beseitigung der unmittelbaren Krankheitsfolge der Kinderlosigkeit eines Paares anzusehen und führt zur Abzugsfähigkeit als Krankheitskosten. Die Aufwendungen eines Paares hingegen, die bei einer Adoption eines Kindes aufgrund einer organisch bedingten Sterilität eines Partners entstehen, stellen keine Krankheitskosten dar. (…) Als Außergewöhnliche Belastungen kommen nur Aufwendungen in Betracht denen sich die Steuerpflichtigen nicht entziehen können. Kosten für eine Adoption hingegen sind Kosten der individuell gestaltbaren Lebensführung, auch wenn die ungewollte Kinderlosigkeit von den Betroffenen als schwere Belastung empfunden wird, die ursächlich für den Adoptionsentschluss ist.“ An anderen Stellen wird deutlich, dass die Kosten für Adoption zumutbar seien, und daher keine Zwangsläufigkeit gegeben ist. Eine spannende Argumentation, der ich aber nicht folgen kann. Fühle nur ich mich hier diskriminiert und benachteiligt? Es hat so ein wenig den Beigeschmack eines „Luxusproblems“. Aus freiem Willen haben wir uns entschlossen, unsere Kinder zu adoptieren. Ja, das stimmt! Und ich würde es immer wieder tun! Und ja, natürlich hatten wir einen Kinderwunsch, der auf biologischem Wege unerfüllt blieb. Doch haben wir uns gegen den medizinischen Weg entschieden. Ganz bewusst. Es fühlte sich nicht richtig an. Dennoch finde ich die Bewertung und Einordnung der Finanzbehörden vermessen. Der medizinische Weg, sich einen Kinderwunsch zu erfüllen, ist zwangsläufig, aber alternative Wege nicht? Das verstehe ich nicht.  Um den eigenen tiefen Wunsch nach Kindern zu erfüllen, aus welchen Gründen auch immer die Kinderlosigkeit vorliegt, sollten alle Wege, die heute zur Verfügung stehen, gleich angesehen und anerkannt werden. Das ist im Falle der Adoption nicht gegeben.

Genauso wie Adoptivfamilien bei der Mütterrente seit der Neuregelung 2014 benachteiligt werden: Nimmt eine Familie ein Kind an, das drei Jahre alt ist oder älter, schlägt sich das negativ in der Anrechnung der Erziehungszeiten nieder. Die Adoptivmutter, die also eine Weile zuhause bleibt, um sich der Fürsorge ihres Kindes zu widmen, bekommt später weniger Rente. Auch hier wurde mit viel Taktgefühl der Hinweis auf Diskriminierung kommentiert: Rentenexperten merkten an, dass es um eine pauschale Anerkennung gehe, es aber in Einzelfällen zu Ungerechtigkeiten kommen kann. Mal abgesehen von dem bürokratischen Aufwand, den es Bedarf, sich überhaupt Erziehungsheimen anerkennen zu lassen als Adoptivmutter. Bis heute ist meine Rentenzeiten nicht geklärt. Es scheint schwierig zu sein, Zeiten nachzurechnen, wenn Geburtsdatum des Kindes und Beginn der Elternzeit fast drei Jahre auseinanderliegen. – Auch in der Versicherungswirtschaft kommt es oft zu Ungleichbehandlungen. Werden doch häufig für Adoptivkinder, ob ihrer ungesicherten medizinischen Diagnosen pauschal Risikozuschläge bei den Beiträgen erhoben. So auch bei unseren Kindern.

Der fehlende sensible Umgang an vielen öffentlichen Stellen mag ein Problem der Fallzahlen sein. In Deutschland sind die Zahlen von Adoption aus dem In- und Ausland einfach zu niedrig (und auch noch rückläufig in den letzten Jahren), dass sie einen nennenswerten Einfluss auf den politischen Willen haben könnten. Allerdings kommen wir doch, wenn wir die Adoptionszahlen der letzten zehn Jahre zusammenzählen, auf eine beachtenswerte Gruppe in der Bevölkerung von etwa der Größe einer Kleinstadt. Aber auch das ist noch zu wenig, um beachtet zu werden.

Doch darum geht es mir hier nicht. Zum Muttertag wüsche ich mir, dass der Mut und der Einsatz der Adoptivfamilien von der Administration mehr respektiert und anerkannt wird. Dass an der ein oder anderen Stelle die besondere Situation von Adoptivfamilien nicht beachtet wird und es keine Sonderregelungen oder den Freiraum für individuelle Ermessensentscheidungen gibt, mag ich ja noch hinnehmen können. Doch dass die Lebenssituation von Adoptivfamilien an vielen Stellen einfach so abgetan wird, kann ich nur schwer ertragen. Den Adoptivfamilien ging es selten bei dem Entschluss zur Adoption um die bloße egoistische Erfüllung des Kinderwunsches. Sie haben alle eine große Verantwortung übernommen, der sie sich von Anfang an bewusst waren. Sie stellen sich jeden Tag von neuem harten und herausfordernden Aufgaben. Gerade die Mütter, die bald erkennen, dass sie ihren Job nicht mehr wahrnehmen können, weil ihre Kinder eine kontinuierliche Anwesenheit zumindest einen Elternteils brauchen. Viele Adoptivkinder benötigen nicht nur die ständige liebevolle Fürsorge von mindestens einem Elternteil, sie brauchen eine intensive Förderung und Begleitung mit den unterschiedlichsten Therapien, häufigen Arztbesuchen, Terminen bei Spezialisten und manchmal medizinischen Eingriffen. In der Schule bedarf es einer engen Hausaufgabenbetreuung und intensivem Engagement, Gespräche mit Lehrern, Werben für die besondere Situation des Kindes, Wissen, was in der Schule gerade passiert. Und eigentlich beginnt das schon im Kindergarten. Sport und das Spielen eines Musikinstrumentes sind wichtig, neben der kontinuierlichen Förderung von Fähigkeiten in der täglichen Alltagsroutine. Adoptivmutter zu sein, ist ein Vollzeit-Job, neben dem permanenten Bewusstsein der Verantwortung und der emotionalen Belastung, die durchaus hin und wieder gegeben ist. Es gibt unzählige Adoptivmütter, die auch nach Jahren, selbst wenn die Kinder längst schon dem Babyalter entwachsen sind, selten eine Nacht durchschlafen, da die Kinder von Alpträumen verfolgt werden, oder sie auch nachts die enge Nähe der Mutter brauchen. Jede Stunde, die eine Adoptivmutter vielleicht einmal etwas für sich alleine tut, um Kraft zu sammeln, und die Kinder dann vielleicht fremdbetreut sind, muss sie oft doppelt oder dreifach „bezahlen“ mit noch mehr eingeforderter Aufmerksamkeit ihrer Kinder. Dann stehen Wut oder Verlassensängste an der Tagesordnung, die Beziehung zwischen Mutter und Kind wird unmittelbar in Frage gestellt. Solange bis das Adoptivkind sich wieder sicher ist, dass seine Mutter bei ihm bleibt und es immer halten und aushalten wird. Jedes Kind hat Trotzanfälle und Wutausbrüche, aber vielleicht nicht immer über eine Stunde oder länger. Jedes Kind hängt an seiner Mutter, aber nicht über Wochen, wenn es schon sechs Jahre alt ist. Pausen gibt es nicht, Zeit und Raum zum Durchatmen bleibt kaum, Kranksein ist nicht erlaubt.

Ich wünsche mir, dass mit diesen Familien, die den Schritt der Adoption und Annahme eines bedürftigen Kindes mutig und unerschrocken gegangen sind und die jeden Tag darum ringen, ihre ihnen anvertrauten Kinder gut und gesund ins Leben zu begleiten,   respektvoll umgegangen wird. Formulierungen, wie sie die Finanzbehörde wählte, sind da in meinen Augen eher respektlos. Doch wenn in Deutschland schon grundsätzlich die Leistung von Eltern und Familien weder finanziell noch gesellschaftliche anerkannt wird, warum sollte man dann den Einsatz und das Engagement von tausenden von Adoptivfamilien sehen und würdigen?

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„Anders Mutter werden“ – neue Rezensionen

cover_anders_mutter-werden_blog„Anders Mutter werden“, mein Buch über unser erstes Jahr als Adoptivfamilie, zieht langsam seine Kreise. Vor allem eine Rezension von Irmela Wiemann, eine der Fachkräfte zum Thema Adoption  – und hier vor allem rund um das Thema Biografiearbeit – hat mich sehr gefreut. Es berührt mich, zu erfahren, dass ich mit meinem Buch den „Nerv“ getroffen habe, und vielleicht tatsächlich einen Beitrag leisten kann für Adoptivfamilien und für all die, die es noch werden.

Wiemann’s Rezension und auch eine weitere von Adoptivsinn könnt Ihr hier auf der Seite des Verlags FamArt lesen.

 

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (34)

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Irgendwie flog diese so verregnete Woche nur so dahin. Nach einem langen Wochenende vergingen die letzten arbeitssamen Tage viel zu schnell. Doch jetzt liegt ein wunderbares Wochenende mit Freunden hinter uns, das wir sehr genossen haben. So sind also dies heute meine drei Sonntagslieblinge:

  1. Beharrlich etwas vorleben zeigt doch seine Wirkung: Meine Kinder haben das aufräumen nicht erfunden und begeistern können sie sich ob ihres cholerischen Temperamentes (Link) auch nicht dafür. Aber als wir am Freitag so im Garten spielten und pflanzten, packte Maxim auf einmal die Aufräumwut. Er räumte alle Kinderfahrzeuge aus unserem Unterstand, kehrte diesen und räumte dann alle Fahrzeuge wieder ordentlich ein, so wie Richard es alle paar Wochen auch macht. Selbst wenn es nicht so scheint, doch offensichtlich bekommt unser Sohn sehr wohl mit, wie eine „schöne Ordnung“ aussehen kann.
  2. Nadeschda kann stricken. In der Schule haben sie nun begonnen, an den Abschlussarbeiten für die Vorklasse zu arbeiten: Eine Tasche stricken. Die Klassenlehrerin strickte Nadeschda eine Reihe vor, Nadeschda nahm die Nadeln und strickte. Mit einer Emsigkeit, die ich noch nie bei einem Kind gesehen habe.
  3. Meine Kinder kochen. Maxim hat mittlerweile das sonntägliche Pfannkuchenbacken übernommen. In dieser Woche wurde das Kochrepertoire um Pizza (die selbstgemachte und kein TK-Ware!) und Salat erweitert.

Habt einen erholsamen Sonntag und einen wohlbehaltenen Start in die neue Woche!

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Die andere Seite der Herkunft – Über meine drei Mütter

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In Summe habe ich drei Mütter: Eine biologische Mutter, eine Stiefmutter und eine amerikanische „Ersatzmutter“. Alle drei haben in mir Spuren hinterlassen. Wie sehr sie mich geprägt und beeinflusst haben, das habe ich erst vollständig realisiert, seitdem ich selbst Mutter bin. Dass ich mit Leib und Seele Mutter bin, und dabei es manchmal auch übertreibe und „Helikoptermutter aus Überzeugung“ bin, mag nicht nur mit der Lebensgeschichte meiner Kinder und den Bedürfnissen, die sich daraus ergeben, zu tun haben, sondern auch in den Vorbildern, die ich in meiner Kindheit und Jugend bis ins Erwachsenenalter erleben durfte, begründet sein.

Katja von homeiswheretheboysare hat im vergangenen Jahr einen bewegenden Post zu „Regretting Motherhood“  geschrieben. Immer wieder waberte ein darauf bezogener Post durch meinen Kopf. Dann verwarf ich ihn wieder. Doch nachdem Sylvi von momsfavoritesandmore sich dem Thema in einer wunderbaren Weise angenommen hat (und dabei tatsächlich eine Frau, die ihre Mutterschaft bereut, für ein Interview gefunden hat), nehme ich diesen Ball noch einmal auf. Diesmal als Betroffene, als Kind, das von zwei Frauen ins Leben begleitet wurde, die meiner Meinung nach ihre Mutterschaften immer bereut haben, und das dann in der späten Jugend das Glück hatte, noch einmal eine Mutter zu erleben, die ihre Mutterrolle angenommen hat.

Meine Mutter ist ein schwieriger Charakter. Neben vielen Persönlichkeitsbezogenen Schwierigkeiten, bin ich davon überzeugt, dass auch sie zu den Müttern gehört, die ihre Mutterschaft bereuen. Nicht umsonst sprach mir Katjas Beitrag zu „Regretting Motherhood“, vor allem ihre Aspekte zur Traumarisierung der Kinder, so aus der Seele. Nicht nur wegen meiner eigenen Kinder. – Meine Kinder wurden von einer Frau geboren, die zumindest nicht Mutter sein konnte. Sonst hätte sie Maxim und Nadeschda nicht abgegeben. Meine Kinder haben diese Erfahrung gemacht, abgegeben zu werden, aus welchen Gründen auch immer. Noch immer fällt es mir schwer, der Geschichte zu glauben, dass sie ihre Kinder aus Liebe abgegeben hat. Ja, vielleicht auch. Doch vielmehr war es eine Notwendigkeit aus den Umständen heraus. Dennoch bleibt bei den Kindern das Gefühl zurück, nicht gewollt zu sein, egal wie. Noch immer hallt des Nicht-gewollt sein. – Nein, auch ich bin sicherlich nicht aus tiefstem Herzen gewollt gewesen. Ihr ganzes Leben lang hat meine Mutter meinen Vater und meinen Bruder und mich für ihr Unglück und ihr „verfuschtes“ Leben verantwortlich gemacht. Sie hat damals Kinder bekommen, weil man das eben so machte, weil es dazu gehörte, weil es von einer Frau erwartet wurde. Die Frage nach einem anderen Weg stellte sich gar nicht. Geschweige denn, dass meine Mutter den Mut dazu gehabt hätte. Verantwortung zu übernehmen gehört bis heute nicht zu ihren Stärken. Sicherlich bemühte sie sich mehr recht als schlecht, uns Kinder zu versorgen, aber maßgeblich war mein Elternhaus von emotionaler Kälte und Desinteresse dominiert. Wir Kinder hatten zu funktionieren, unsere Leistung zu bringen und uns einzufügen, in die Regeln und gesellschaftlichen Konventionen, die herrschten. Empathie, Wärme und Fürsorge aus einem mütterlichen Grundbedürfnis heraus gab es nicht. Auch heute sucht sie nur gelegentlich den Kontakt zu ihren Enkeln. Und auch das wiederum nur, weil man das so von ihr erwartet. Ein wirkliches Interesse und das Bemühen sich mit ihren Enkeln ernsthaft auseinanderzusetzen hat sie nicht. Es hat mich Jahre der Therapie gekostet, alte Glaubenssätze, die vor allem meine Mutter mir mit ins Lebensbuch geschrieben hat, abzulegen und mit neuen zu ersetzen. Und erst in der Konfrontation mit ihrem Verhalten gegenüber meinen eigenen Kindern habe ich gelernt, loszulassen. Lange habe ich noch geglaubt, es wäre auch wieder meine Verantwortung, dass meine Mutter ein gutes Verhältnis zu ihren Enkeln hat. Ist es aber nicht. Es ist allein ihre Verantwortung.

Wie wenig sie das Bild einer Mutter erfüllt, führte mir mein Sohn vor Augen. Da war Maxim fünf. Wieder einmal war meine Mutter zu Besuch bei uns gewesen, der mehr oder weniger angespannt verlief. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich mich auch mit ihr wieder gestritten habe und laut wurde. Abends blickte ich mit Maxim und Nadeschda auf den Tag zurück. Selbstkritisch muss ich so etwas gesagt haben wie: „Ja, es war nicht gut, dass ich die Omi angebrüllt habe, denn sie ist ja meine Mutter.“ Mein Sohn blickte mich irritiert an und antwortete: “Wie, die Omi ist Deine Mama?? Sie ist gar nicht so wie eine Mama.“

Die Geschichte zu meiner Stiefmutter ist schnell erzählt. Bösartig kann ich sagen, dass mein Vater in dem Moment sich von meiner Mutter trennte, als er jemanden neues, junges gefunden hatte, der ihm seine Hemden bügelte. Nach mehr als zwanzig Jahren Ehe verließ er seine erste Frau und begann eine neue Beziehung. Meine Stiefmutter griff zu dem Mittel, dass vielen Frauen seit Jahrhunderten benutzen, um einen Mann vermeintlich langfristig an sich zu binden: Sie wurde schnell schwanger. Das nicht nur einmal, sondern gleich dreimal. Ihre eigenen Kinder mussten genauso nur gesellschaftliche Konventionen erfüllen. Empathie und Fürsorge vermisste ich als beteiligter Betrachter. Mein Bruder und ich, als ihre Stiefkinder, waren nur lästiges Beiwerk. Oder gar Konkurrenz. Zum Glück war ich da schon so alt, dass ich nicht mehr Zuhause lebte. Doch Besuche bei meinem Vater waren eine Qual. Die Anwesenheit dieser Frau bereitete mir physische Schmerzen.

Ich hatte das große Glück, als Jugendliche in den USA für einige Zeit bei einer Familie zu leben, die mich annahm wie ihre eigene Tochter. Wäre ich damals nicht schon zu alt gewesen, hätten meine Gastmutter und mein Gastvater mich sicherlich adoptiert. Richard fasst es immer so schön zusammen: „Ich habe drei Schwiegermütter. Und die, die am weitesten weg lebt, ist mir eigentlich die liebste.“ In der Zeit bei ihnen begegnete mir auf einmal wirkliches Interesse an mir und meinem Leben, Empathie und Fürsorge. Die Sicherheit und Geborgenheit eines „Zuhauses“. Meine Gastmutter kümmerte sich mit mir um die Schule, sie fuhr mich zu Freunden, sie nähte mir ein Kleid für den Abschlussball, sie ergriff Partei für mich, als ich Schwierigkeiten mit der Austauschorganisation hatte, sie hatte immer ein offenes Ohr für meine Sorgen und genauso Freuden in meinem amerikanischen Alltag. Ich erinnere mich, wie ich einmal viel zu spät nachts nach Hause kam. Sie saß auf der Treppe und wartete auf mich. Natürlich war sie sauer. Aber nicht weil ich mich nicht an die Regeln gehalten hatte, sondern weil sie sich Sorgen gemacht hatte. Ich bekam eine Woche Stubenarrest. Doch als ich zu einem Date eingeladen wurde, lockerte sie den Stubenarrest für diesen einen Tag. – Seit meiner Zeit dort hielten wir den Kontakt aufrecht und immer wieder bin ich in regelmäßigen Abständen zu meiner amerikanischen Familie für mehrere Wochen oder Monate zurückgekehrt. Heute verbringen wir meist einen Familienurlaub im Jahr zusammen. Dort habe ich ein Stück „Zuhause“ gefunden. Weniger aus der Heimatverbundenheit zu diesem Ort, sondern vielmehr, weil ich dort gelernt habe, was es heißt: “Du wirst geliebt für das, was Du bist und nicht für das, was Du tust.“

Ich hoffe, dass ich meinen eigenen Kindern genau das mitgeben kann. Ich als ihre Mutter liebe sie für die Persönlichkeiten, für die Menschen, die sie sind – so wunderbar, tapfer, mutig und einzigartig. Eines werde ich in meinem Leben nicht bereuen: Die Mutter von Maxim und Nadeschda sein zu dürfen. Ich bin dankbar, dass das Schicksal mir diese zwei Kinder gebracht hat, ja geschenkt hat! Selbst wenn das Leben mit ihnen viele Herausforderungen bereit hält, die ich nicht erwartet hätte, und es durchaus auch Momente gab, in denen ich gedacht habe, dass es leichter wäre, so bin ich dankbar für all das, was mich meine Kinder gelehrt haben, und was sie mich sicherlich noch lehren werden. Letztlich haben sie mir auch geholfen, mein eigenes Trauma des Nicht-gewollt-seins, zu überwinden. Sie haben mir den Weg zu einem eigenen Muttersein gewiesen und die verletzende Vergangenheit da zu lassen, wo sie hingehört, in die Vergangenheit.

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Von Herkunft und Heimat (3) – Wurzelsuche bei Adoptivkindern

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In Vorbereitung auf ein Seminar mit Adoptivfamilien sagte eine Bekannte zu mir neulich: „Schauen Sie doch als Einführung einen Film.“ Ich zögerte und entgegnete: „An welchen haben Sie denn gedacht?“ „Lion! – Er zeigt sehr schön, wie unterschiedlich Adoptierte auf ihre Wurzelsuche reagieren. Der eine ist von vorne herein „problematisch“, negiert dann aber die Suche nach seiner Herkunft. Den anderen, überaus angepasst, erwischt seine Wurzelsuche mit voller Vehemenz und schickt ihn auf eine emotionale Achterbahnfahrt. Man steckt nicht drin, was die Wurzelsuche mit adoptierten Kindern einmal macht. Und darauf müssen Adoptiveltern vorbereitet sein.“

Noch einmal zur Erinnerung: Basierend auf einer wahren Begebenheit, erzählt „Lion“ von der Suche nach dem Geburtsort und der Mutter des indischen Jungen Saroo. Chronologisch erzählt der Film seine Geschichte. Der fünfjährige Saroo versucht gemeinsam mit seinem älteren Bruder Guddu, die alleinerziehende Mutter nach Kräften zu unterstützen. Eines Abends bleibt der kleine Junge bei der Nachtarbeit jedoch schlafend am Bahnhof zurück – und steigt später in einen Zug, mit dem er ungewollt in die 1600 Kilometer entfernte Metropole Kalkutta fährt. Nach einer von Bedrohungen begleiteten Zeit auf der Straße landet Saroo in einem Waisenhaus. Da er weder die korrekte Bezeichnung seiner Heimatstadt noch den richtigen Namen seiner Mutter nennen kann, wird er zur Adoption freigegeben – und kommt so nach Tasmanien zu dem fürsorglichen Ehepaar Sue und John Brierley, welches bald darauf noch ein weiteres Kind aus Indien adoptiert, den schwer traumatisierten Mantosh. Zwei Dekaden später zieht Saroo nach Melbourne, wo er Hotel-Management studiert. Auf einer Studentenparty entdeckt er die indische Süßigkeit Jalebi, die ihn unmittelbar in seine verdrängte Kindheit zurück katapultiert. Als Saroo seiner neuen Clique von seiner Vergangenheit berichtet, ermutigen ihn seine Freunde, mit Hilfe von Google Earth sich auf die Suche zu begeben. So fängt er an, Berechnungen über seine damalige Zugfahrt anzustellen und seinen einstigen Wohnort zu suchen. Nach Jahren der Recherche findet er tatsächlich seinen Geburtsort und reist dorthin, um seine leibliche Mutter zu suchen und zu finden.

Ich habe den Film gesehen und bin gerade in den letzten Zügen des Buches, auf dem der Film basiert. Beides hat mich auf der einen Seite sehr mitgenommen und auf der anderen Seite sehr berührt. Auch wenn Saroos Geschichte wenig mit der meiner eigenen Kinder zu tun hat. Gemeinsam ist ihnen lediglich die Erfahrung der Adoption. Und Indien als Herkunftsland macht Saroos Lebensgeschichte auch noch einmal anders besonders, wie wir ja auch in der Dokumentation „Die Reise meines Lebens – Ruby sucht nach ihrer Mutter“  sehen konnten.

Dennoch, die Szenen, in denen der kleine Saroo nach seiner Mutter sucht und nach ihr fragt, er sie schmerzlich vermisst, während er schutzlos durch Kalkutta irrt, zerreissen einem das Herz. Zumal ich nachempfinden kann, dass es meinen eigenen Kindern in gewisser Weise auch so ergangen sein muss. Wie oft werden sie irgendwie nach ihrer russischen Mutter gerufen haben, als sie im Krankenhaus und später im Kinderheim waren. Werden diese Bilder irgendwann einmal wieder in ihnen hochkommen. Werden sie genauso von Flashbacks heimgeholt, die sie an ihre ersten Lebensjahre oder -monate erinnern? Wie werden sie dann damit umgehen? Wollen sie überhaupt damit umgehen? In der Therapie, die beide gemacht haben, kamen an der ein oder anderen Stelle im Unterbewussten bereits Erinnerungen hoch, ohne dass die Kinder sie kognitiv zuordnen konnten. Aber beide haben zu unterschiedlichen Zeitpunkten die Herausnahme aus der Familie nachgestellt. Bewusst schieben sie alles andere weg. Auch wenn Maxim von seiner russischen Mutter spricht, so hat er keine konkreten Erinnerungen. Oder er will sich selbst mit diesen nicht konfrontieren, wie in der letzten Woche schon hier  geschrieben.

Im Gegensatz zu Saroo wissen wir, woher unsere Kinder kommen. Wir haben einen Geburtsort und wir haben die Namen der Eltern. Werden Maxim und Nadeschda sich irgendwann auf die Suche ihrer Wurzeln begeben wollen, beginnen sie nicht bei Null. Sie müssen sich nicht auf nebulöse Erinnerungen verlassen und versuchen diese faktisch zu rekonstruieren. Das würde es ein wenig leichter machen, auch wenn das logistische Abenteurer einer Spurensuche in Russland bleibt. Ob unsere beiden Kinder das überhaupt wollen, steht auf einem anderen Blatt. Das wird die Zeit zeigen. Wir als ihre Adoptiveltern können ihnen dann nur helfen und ihnen zur Seite stehen, ihnen frühzeitig zeigen, dass wir auch bei der Wurzelsuche für sie da sind und sie unterstützen, wo es nur geht.

Doch, das hat der Film auch sehr schön gezeigt, auf die Suche machen sich adoptierte Kinder dann oft alleine, ohne ihre Adoptiveltern. Es fällt ihnen schwer, diese mit einzubeziehen. Nicht, weil vorher die Adoption tabuisiert wurde – das war in der Vergangenheit einmal -, sondern weil sie ihre Adoptiveltern nicht verletzen wollen. Noch liegt die Wurzelsuche meiner Kinder in weiter Ferne, doch sie wird kommen, dessen bin ich mir gewiss. Wie sie sich gestaltet, werden wir sehen. Der emotionalen Herausforderung, vor allem für Nadeschda und Maxim, bin ich mir bewusst. Mögen meine Kinder bis dahin seelisch so stark sein, dass sie für diese Reise gewappnet sind.

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#BestofElternblogs im Mai

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Anja von der Kellerbande ruft regelmäßig zum 1. des Monats zu den besten Beiträgen der Elternblogs auf. Auch am 1. Mai schreckt sie nicht davor zurück. Und natürlich mache ich wieder mit. „Vom Umgang mit der Anstrengungsverweigerung(4) – Zum Gebrauch der elektronischen Medien“, in dem ich mich mit dem Nutzen von elektronischen Medien bei Kindern und ihrem nicht immer guten Einfluss auseinandersetze, war im April der meist gelesene Beitrag von Euch. Das freut mich! Und ich danke Euch natürlich fürs Lesen und Eure Kommentare.

Habt eine guten Start in eine kurze Woche nach einem hoffentlich herrlichen Frühlingswochenende!