Das „Wutmonster“ ist wieder da…

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Danke an Pixabay

Mein alt bekannter Freund, das „Wutmonster“ ist wieder da. Ja, ich hatte schon einmal geschrieben, dass ich es nicht so nennen soll. Doch inzwischen ist es mir ein alt bekannter – und manchmal liebgewonnener Freund. Und somit ist der Begriff fast liebevoll gemeint, auch wenn mich seine Auswirkungen doch zu weilen erschrecken, in ihrer Intensität und in ihren Ausbrüchen. Vor allem wenn es diesmal meine Tochter ist, die so von Zorn erfüllt ist. Nachdem wir im Winter Maxim’s Wut nach einiger Zeit ganz gut „in den Griff bekommen“ haben, er mittlerweile beinahe ausgeglichen ist, treiben nun Nadeschda immer häufigere Besuch des „Wutmonsters“ um. Ja, zum einen ist es der ständige Alarm im Kopf, über den ich ja in der vergangenen schrieb. Nun könnte es mit den begonnenen Ferien etwas ruhiger werden, doch weit gefehlt.

Gestern Abend hatten wir wieder so einen Ausbruch von neuer Qualität. Den ganzen Tag schon war Nadeschda motzig und grantig. Nichts passte ihr, nichts sollte ihr Spass machen. Nun waren wir auch noch zu allem Überfluss beim Zahnarzt, wo sie geröntgt und Abdrücke für eine mögliche Zahnstange gemacht wurden. Maxim amüsierte sich derweil in seinem Zirkuscamp. Erst am späten Nachmittag, als Maxim vom Zirkus zurück war und wir in unsere alt bekannten Rituale zurückkehrten – die Kinder spielten erst ein wenig, dann übten wir wie jeden Tag, um dann gemeinsam das Abendessen vorzubereiten – beruhigte sie sich ein wenig und ihre Laune schien sich zu bessern. Doch es war eher die Ruhe vor dem Sturm, der sich mit voller Wucht vor dem Zubettgehen entlud. Erst wollte sie sich nicht ausziehen, geschweige denn ihren Schlafanzug anziehen. Stattdessen flogen lieber zahllose Gegenstände in ihrem Zimmer umher. Sie räumte mit einem Streich ihren Schreibtisch ab, alles fiel auf den Boden, zornig griff sie zur Schere und wollte ihre neue selbst gestrickte Tasche zerschneiden. Da griff ich ein, versuchte Nadeschda zu halten und zu beruhigen, doch stattdessen wurde sie nur noch wütender. Nadeschda schlug um sich, trat nach mir und wenn ich sie hielt, versuchte sie in meinen Arm zu beißen, damit ich los ließ. Mein Mädchen kämpfte um ihr Überleben.

Nichts wollte gelingen, um sie aus diesem Teufelskreislaufs herauszuholen. Auch im Bad beim Zähneputzen setze sich das „Drama“ weiter fort. Erst beim Vorlesen kam Nadeschda etwas zur Ruhe, um dann am Ende, als ich beide Kinder zur Nacht legte, erneut aufzudrehen. Kissen flogen durch die Gegend, wieder trat sie um sich. Überraschenderweise ließ sie sich dann aber von mir am Rücken eincremen und massieren. Erst da beruhigte sich Nadeschda langsam. Hatte sie Richard vorher erzählt, dass sie Angst beim Zahnarzt gehabt hatte und sie deswegen so wütend sei, so schüttete sie mir jetzt das Herz aus, dass sie nicht weiter in die Schule gehen wolle. Sie wolle nicht in die erste Klasse gehen. Ihre Freundinnen seien blöd und die neue Lehrerin sowieso. Ich hörte ihr aufmerksam zu, beruhigte sie, erklärte ihr aber auch, warum es so wichtig sei, dass sie in die Schule geht. Denn nur so könnte sie Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Und das bräuchte sie ja, wenn sie später einmal Tierärztin werden wolle, um sich dann um Maxims Tiere auf seinem Bauernhof zu kümmern. Ein wenig lenkte sie dann ein und kam zur Ruhe. Doch hielt sie meine Hand ganz fest, bis sie eingeschlafen war.

Während ich so über den Schlaf meiner Tochter wachte, wurde mir klar, wie groß doch wieder die Phase der Veränderung für meine kleine Nadeschda ist. Maxim ist fein raus, er genießt die Ferien, ist im Zirkus mit seinen zwei Kumpels wie im letzten Jahr, er freut sich auf unsere Urlaube und weiß, dass er am Ende der Ferien in seine bekannte Klasse zu seinen bekannten Lehrern zurückkehrt. Doch für Nadeschda ist wieder alles anders. Sie ist mit den Ferien aus ihren gewohnten Rhythmus geworfen worden, ihr fehlt die starre Struktur, die wir sonst in unserem Alltag haben. Ihr fehlt ihr Bruder zum Spielen. Zudem muss sie für ein paar Stunden am Tag mit unserer Kinderfrau vorlieb nehmen, wenn ich arbeite. (Ein Ferienprogramm wollte sie nicht machen.) Vor allem aber ahnt sie, das Großes mit der Einschulung in die 1. Klasse auf sie zukommt. Der Abschied von ihrer alten Klassenlehrerin fiel ihr schwer. Sie weiß noch nicht, was sie von der neuen Lehrerin halten soll. Sie spürt, dass neue Anforderungen und Herausforderungen auf sie zukommen, die ihr schon jetzt Angst bereiten. Sie ist sicher, dass alles nach den Ferien anders sein wird, weiß aber noch nicht wie. Und das ist ihr unheimlich, erschreckend unheimlich. Ihre Wut ist damit Ausdruck ihrer eigenen Ohnmacht über ihre Situation. Und in der Ohnmacht schrillt ihr innerer Rauchmelder auf höchster Alarmstufe.

4 Gedanken zu “Das „Wutmonster“ ist wieder da…

  1. Dieses Urangst und die Möglichkeiten mit dem umzugehen beschreiben B.Bonus gut in der ersten Hälfte des 4. Buches, auch das Buch von Maike Lohmann „Traumatisierte Schüler in Schule und Unterricht“ ist hilfreich (auch für Lehrer) und 2 Bücher von Andreas Krüger „Powerbook- erste Hilfe für die Seele“- die letzten erstmal für uns, weil deine und meine Kinder noch etwas zu klein sind, aber die sind super geschrieben und etwas davon kann man schon brauchen. Ich kenne diese Angst auch gut. Ich würde sagen es ist eigentlich kein Wutmonster, es ist Urangst, fehlendes Urvertrauen und dazu noch niedriges Selbstwertgefühl- und aus dieser Mischung heraus haben die Kinder das Gefühl, erneut verletzt zu werden und ums Überleben kämpfen zu müssen. Es bricht denen plötzlich wieder den Boden unter den Füssen. Für Aussenstehende oft gar nicht nachvollziehbar, warum. Auch uns überrascht es manchmal- wenn wir nicht wach genug für die Vorzeichen sind oder etwas müde, etwas unaufmerksam oder etwas weniger präsent sind. Alarm im Kopf ist Alarm im ganzen Körper und in der Seele. Ich stelle mir das so vor, das das Kind fühlt sich wie beim Erdbeben. Verliert den Boden unter der Füssen. Alles wackelt und fliegt herum. Und es fühlt sich machtllos und verloren und hat panische Angst. So schlimm ist es. Und so schwierig ist es, Sicherheit und Ruhe wieder herzustellen….
    Meinen Kinder helfen noch Ganzkörpermassagen mit Lavendelöl und Solum Uliginosum ÖL- natürlich von Mama gemacht. Schlafen auf einem Fell. Und am besten bei Mama im Bett 🙂 Warmes Milch mit Honig oder Lieblingtee aus der Flasche. Selbstausgedichtetes von Mama Märchen/Geschichte. Lange Wanderungen in der Natur in nächsten Tagen. Baden im warmen Wasser. Viel Glück euch!

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    • Liebe Tina, hab lieben Dank für Deine Worte. Danke vor allem noch einmal für die Literaturtipps. Bettina Bonus lese ich gerade ohnehin schon wieder, aber die anderen sind neu für mich. Massagen mit Lavendelcreme machen wir schon, und ja die warme Milch und schlafen bei Mama im Bett…. Das tut Nadeschda mittlerweile schon seit bald vier Monaten wieder…Und es tut UNS gut. 😉
      Liebe Grüße Charlotte

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