Unter Kühen – Eine Meditation im Sonnenuntergang

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Heute Morgen beim Laufen über bayrische Kuhweiden musste ich wieder an mein Erlebnis vor ein paar Wochen zurückdenken, meine Erfahrung unter Kühen im Sonnenuntergang. Seitdem ich wieder regelmäßig laufe und damit neue Impulse und Inspirationen bekomme, will ich heute noch einmal zu dieser Kuhherde zurückkehren. Vielleicht unter dem Aspekt, dass gerade im Moment, wo ich merke, wie gut es tut, neben dem Alltag als Adoptivmutter mit zwei fordernden Kindern – auch wenn zur Zeit alles weitestgehend gut läuft, ist nicht immer alles eitel Sonnenschein, nein gerade nicht. Dass es gut läuft ist oft auch harte Arbeit. – und meiner Ausbildung andere ganz persönliche Ressourcen für mich zu haben. Was man dabei in der Natur entdecken darf, ist manchmal eine spannende Erfahrung…

Unter Kühen – Eine Meditation im Sonnenuntergang

Bis zu einem Abend im Frühsommer hatte ich ein gespaltenes Verhältnis zu Kühen. Natürlich sah ich sie, wie es auch schon die Redewendung aus dem Volksmund sagt, als furchtbar dumm an. Doch auch wenn ich ihnen jegliche Intelligenz absprach, so stellten sie für mich auch eine Bedrohung dar. An meiner Laufstrecke musste ich immer an einer Herde von Kühen vorbei laufen. Kaum kam ich dem Zaun der Kuhweide näher, so jagte die Herde auf mich los, als gäbe es kein Halten mehr und folgte mir in rasendem Tempo über die Weide, wenn ich auf der anderen Seite des Zaunes meiner Laufstrecke weiter folgte. Ich war froh, dass zwischen den Tieren und mir ein elektrischer Zaun mich vor dem Wahnsinn der Kühe schützte. In meiner Zeit in Spanien hatte ich Stierkämpfe erlebt und war nachhaltig schockiert von der menschlichen aber auch der tierischen Brutalität. Zudem genährt von der Lektüre Ernest Hemingways „Pamplona“, in dem er den Stierkampf als männliche Demonstration von Mut, Macht und Männlichkeit verherrlicht. Zu den niedlicheren Begebenheiten gehörte ein Kinderbuch von einer verrückten Kuh, die mit dem Postboten zusammen die lustigsten Dinge auf einem Bauernhof erlebte, das meine Kinder mit großer Begeisterung gelesen hatten. Doch auch Lieselotte war für mich nicht ganz bei Trost.

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So begab ich mich an einem frühlingshaften Abend mit gemischten Gefühlen auf die Kuhweide eines Bauernhofes in unserer Nähe. Zuvor waren wir bereits über Ackerland gestreift, hatten die Unterschiede zwischen Weide- und Ackerland erfahren dürfen. Und nun sollten wir uns mitten unter eine Herde von an die 80 Tieren mischen. Der Lehrbauer hielt uns zur Ruhe an. Ich dachte, dass wir damit die Kühe nicht aufschrecken sollten und sie sich nicht aggressiv gegen uns wenden würden. Immer noch spukte Lieselotte in meinem Kopf herum, die sich gerne den Spaß erlaubte, ungebetene Gäste auf ihrem Bauernhof zu erschrecken und zu verjagen. Doch weit gefehlt. Sicherlich gab es ein paar Jungtiere, die uns zunächst neugierig beobachteten und auch uns berühren wollten. Doch der Großteil der Herde graste weiter friedlich vor sich hin und ließ sich durch nichts beirren. Ich hatte das Gefühl, dass wir gar nicht wahrgenommen wurden. Die Kuhherde ignorierte uns völlig. Vollständig nach innen gekehrt, grasten sie weiter, umschlangen das Gras mit ihrer riesigen feuchten Zunge und rissen die Halme und Blätter ab, um sie dann zu verschlingen und in ihrem gigantischen Verdauungsapparat zu  verarbeiten. Ruhig blieben die meisten Tiere über eine lange Zeit an ein und derselben Stelle stehen und gaben sich ganz und gar der Nahrungsaufnahme hin. Fast träumerisch nach innen gekehrt, ließen sie sich dabei von nichts und niemandem ablenken. Allein die Nahrungsaufnahme und deren Verarbeitung standen im Interesse dieser an die 600 Kilogramm schweren Wiederkäuer. Irgendwann legte sich das eine oder andere Tier auf den Boden, wartete darauf, dass das gefressene Gras aus einem seiner Mägen wieder hervor gedrückt wurde und nun zum erneuten Male gekaut und wieder in den Verdauungstrakt entlassen werden konnte.

Als ich auf dieser Kuhweide stand und die Kühe beim Fressen beobachtete, wurde es auf einmal ganz still. Um mich herum und auch in mir drin. Eine tiefe Ruhe machte sich in breit, während ich nur noch ab und zu die Verdauungsgeräusche der Tiere leise wahrnahm. Ich erinnerte mich, dass auch in meinen Urlauben in den bayrischen Bergen, wo unser Haus umringt war von Kuhweiden, sich jedes Mal in mir eine unendliche Ruhe ausbreitete, wenn ich morgens auf der Terrasse meinen Kaffee trank und ich im sich lichtenden Morgennebel die Kühe auf den Weiden sah und ihr monotones Glockengebimmel vernahm. Es hatte etwas so beruhigendes und befriedendes, diese Tiere um einen herum zu spüren. Von meiner anfänglichen Angst war nichts mehr zu merken. Im Gegenteil, ich fühlte mich tief verbunden mit der phlegmatischen Ausstrahlung dieser Tiere, die so ganz eine Einheit bildeten mit der Natur um sie herum.

Diese meditative Kraft der Kühe war für mich eine unerwartete Erfahrung. Nicht nur, weil ich mein bisheriges Bild über die Kuh an sich revidieren musste, sondern vor allem weil mir diese meditative Begegnung auf der Weide einen neuen Impuls gab, wie ich zu innerer Ruhe finden könnte. Dass ein ruhiges Innenhalten wichtig ist, ist unbenommen. Doch dass Kühe ein Kraftquell sein können, war für mich neu. Vielleicht werde ich also nun, wenn ich mich auf meinen regelmäßige Laufstrecke begebe, an der Kuhweide anhalten, mich für ein paar Momente ins Gras setzen und für ein paar Augenblicke das Grasen der Kühe verfolgen und mich von ihrer monotonen Ruhe anstecken lassen. Ein Geschenk, dass diese Tiere einem bereitwillig geben, wenn man sich drauf einlässt.

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