Die andere Dimension der Wut

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Foto von Sarah Mak auf unsplash.com

Nadeschda’s Wut hält an. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger. Klar, wir sind immer noch in dieser Phase zwischendrin. Und auch wenn Maxim nun wieder die Zeit mit uns verbringt, wir in der Zeit in den Bergen viel zusammen waren, so sind wir immer noch in der Übergangsphase der Ferien. Die Schule mit ihren neuen Herausforderungen schwebt immer noch wie ein umkonkretes Phantom über Nadeschdas Kopf. Dennoch, die viele Zeit zusammen hilft. Sie tut Nadeschda gut, sicher und fürsorglich umhüllt zu sein, sie gibt ihr den Raum, auch über ihre Angst hin und wieder zusprechen. Und sie gibt mir die Chance, die quälende Angst zu verstehen und nachzuerleben. Denn es ist nicht nur die Ohnmacht vor dem Phantom „Schule und 1. Klasse“. Da schwelt noch eine ganz andere Wut in ihr.

Unser Lieblingshaus in den Bergen gehört einer lieben Freundin, die nach der Ankunft von Maxim und Nadeschda ihre zwei Kinder bekommen hat. Beide Schwangerschaften haben meine Kinder miterlebt und auch beide Kinder als Säuglinge und nun mittlerweile Kleinkinder bzw. Kindergartenkinder. Nun ist auch noch eine weitere Freundin schwanger. Überraschend und unverhofft, nachdem sie sich vom natürlichen Kinderwunsch verabschiedet hatte und wie wir ein Kind aus Russland adoptiert hat. Was unmöglich schien, ist nun passiert: Sie ist schwanger und ein Baby wächst in ihrem Bauch. Nadeschda beschäftigt das ungemein. Wie kann das sein? Sie konnte doch genauso wie Du keine Babys bekommen. Warum ist da jetzt ein Baby in ihrem Bauch?

Manchmal bricht Nadeschda ihre Fragen schlagartig ab und zieht sich zurück. Dann knallen wieder mal Türen und Spielzeug fliegt durch Gegend oder es wird mutwillig ein Streit mit dem großen Bruder vom Zaun gebrochen. Oder Nadeschda wird ganz anhänglich, krabbelt auf meinen Schoß und will nur noch gehalten und getragen werden. In diesen Momenten kommt sie durch, die Wut und die Trauer, nicht in meinem  Bauch gewachsen zu sein, die Trauer und der Schmerz, nicht bei der Mama sein zu dürfen und zu können, die sie in ihrem Bauch getragen hat. In diesen Momenten macht sich die Traurigkeit breit, verlassen worden zu sein. Gepaart mit einer so schmerzhaften und unermeßlichen Wut, nicht das Glück gehabt zu haben, in eine wohlbehütete Welt hineingeboren worden zu sein.

Vielleicht wird diese Wut und der Schmerz irgendwann einmal weniger. Ich wünsche meiner Tochter so sehr, dass sie irgendwann ihr Schicksal so annehmen kann und damit leben kann, ohne sich so ohnmächtig zu fühlen. Für den Augenblick kann ich sie nur halten, ihre Wut aushalten und ihren Schmerz mit ihr tragen.

5 Gedanken zu “Die andere Dimension der Wut

  1. Achje….wenn ich das so lese wird mir das Herz ganz schwer 😦
    Ich hoffe und wünsche es Nadeschda, dass sie eines Tages ganz objektiv auf diesen Umstand blickt und erkennen kann, was für großartige Eltern ihr seid und dass es ihr an elterlicher Liebe nie gefehlt hat.

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    • Dass wir als Eltern für sie da sind, spürt sie und weiss sie wahrscheinlich schon heute. Sonst würde sie ihre Wut sicherlich nicht so ausleben. Doch der Schmerz und die Trauer über das, was sie verloren hat, bleiben. Und ja, es bleibt nur zu hoffen, dass sie irgendwann mit ihrer Geschichte und der Trauer lernt zu leben. – Danke Dir für Deine Worte und Dein Mitfühlen….;-)

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  2. Liebe Charlotte, auch wenn wir als Eltern uns bemühen, uns in unser Kind hineinzufühlen, können wir oft wahrscheinlich nur erahnen, wie zerrissen es in seinem Inneren ist. Dann können wir nur für es da sein und hoffen, dass man durch seine Liebe und seinen Trost alles ein wenig erträglicher für das Kind macht. Und der Wunsch, einfach auch nur ganz normal bei seiner Mama aus dem Bauch geschlüpft zu sein, die es liebt und für es sorgt, ist nur allzu verständlich und normal. Schließlich erleben unsere Kinder, dass das „normal“ ist und es bei den allermeisten Kinder einfach so ist. Da kann man sein Kind verstehen, dass es wütend und zornig ist und diese Gefühle rauslassen muss, ist doch der Gedanke daran, wie sich das Kind dadurch fühlt schon für Erwachsene kaum auszuhalten. Lg

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    • Danke Dir für Deine Zeilen! – Ja, die Grenzen des Verstehens von uns Eltern müssen unbegrenzt und unermesslich sein. Solange unsere Kinder noch so jung und klein sind, müssen und können wir ihren Schmerz, ihre Wut und ihre Trauer tragen und ertragen. Wir können hoffen, dass das ein Stück weit zu ihrer inneren Heilung beiträgt und sie irgendwann in ihrem Leben das „Anders“ sein in ihr Leben integrieren können. Denn wie hieß so schön ein PFAD-Seminar Titel? „Wenn die Wunde verheilt ist, schmerzt die Narbe.“ Ja, die Narbe wird bleiben und sie wird immer wieder schmerzen. Wir können nur hoffen und alles dafür tun, dass der Schmerz erträglicher wird.

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  3. Pingback: Herkunft reloaded (6): Trauer um das verlorene Babysein | Charlotte's Adoptionsblog ©

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