Das Wachsen einer bedingungslosen Liebe – Gedanken einer Adoptivmutter

mother and two kids walking on at sunset

Die Geburt meiner Kinder war eine andere. Ich habe sie nicht neun Monate unter meinem Herzen getragen. Vielmehr ließ mich das Schicksal ihre Mutter werden und unsere Liebe anders wachsen.

Maxim und Nadeschda waren ungefähr ein Jahr bei uns, als Richard mich eines Abends fragte: „Liebst Du unsere Kinder?“ Nachdenklich antworte ich: „Ja, so langsam.“ Hinter uns lag zu diesem Zeitpunkt ein wunderschönes, aber genauso aufreibendes Jahr, in dem wir nach einer abenteuerlichen Adoption in Russland Eltern von zwei Kindern geworden waren. Es war ein Jahr, in dem ich immer wieder und wieder mit meiner Mutterrolle gehadert hatte , ständig das Gefühl hatte, nicht „gut genug zu sein“.

Folgen meiner eigenen Kindheit

Ich selbst habe in meiner eigeneren Kindheit keine bedingungslose Liebe erfahren. Nur wenn ich die von mir erwartete Leistung brachte, bekam ich die positive Aufmerksamkeit meiner Eltern. Doch oft war selbst diese Leistung nicht gut genug. Liebe und Empathie fanden in meinem eigenen Elternhaus nicht statt. Heute weiss ich, dass meine biologischen Eltern dazu nicht in der Lage waren, da sie selbst diese Liebe als Kinder nie erfahren hatten. Wie sollten sie dann ihre eigenen Kinder lieben? Alles war ausgerichtet an gesellschaftlichen Konventionen. Gefühle wurden wenn dann nur negative gezeigt. Erst als ich in die USA ging, erfuhr ich, was es heißt, geliebt zu werden für das was man ist und nicht für das was man tut. Doch da war ich bereits fast eine erwachsene Frau. Lange habe ich selbst an mir gezweifelt, ob ich in der Lage bin, Kinder nach meinen eigenen Maßstäben und Wertvorstellungen großzuziehen. Ich wollte dem Rollenmodell meiner Kindheit nicht folgen. Lange wollte ich keine Kinder haben. Als ich mir es doch zutraute, mich dieser Lebensaufgabe zu stellen, war es zu spät. Mein Körper wollte keine leiblichen Kinder mehr austragen.

Alles sollte so sein….

Heute denke ich, es hat alles so sollen sein. Denn ohne die Adoption hätte ich mich nie so intensiv mit der Aufgabe und Rolle einer Mutter auseinandergesetzt. Ohne die Annahme von Maxim und Nadeschda, die bis heute unsere ungeteilte Aufmerksamkeit brauchen, hätte ich nicht so mit meiner Rolle als Mutter gehadert und gerungen. Bin ich gut genug? Bin ich die Mutter, die meine Kinder verdient haben? Ist all das, was wir für Maxim und Nadeschda tun, ausreichend? Habe ich genügend Geduld, diese zwei Kinder durch das Leben zu begleiten. Reicht meine Liebe aus, sie zu halten und auszuhalten? Bis heute ist die Entwicklung meiner Kinder selten „normal“. Sie werden immer ein „Mehr“ brauchen. Mehr Halt, mehr Sicherheit, mehr Verlässlichkeit, mehr Fürsorge, mehr Zuneigung. Oft sind sie ein „Fass ohne Boden“, deren Bedürfnisse nach Nähe und Sicherheit nie gestillt zu werden scheinen. All das kann ich ihnen aber nur geben – und wenn ich dafür immer wieder über meine eigenen Grenzen und Kraftressourcen hinausgehen muss -, weil ich diese beiden, meine beiden Kinder bedingungslos liebe. Ich habe sie nicht neun Monate unter meinem Herzen getragen, wo vielleicht eine bedingungslose Mutterliebe automatisch entsteht. Als wir Maxim und Nadeschda im Kinderheim zum ersten Mal begegneten, stellte sich auch nicht die viel romantisierte „Liebe auf den ersten Blick“ ein. Meine Liebe für diese zwei Kinder wuchs erst im Laufe unseres gemeinsamen Lebens. Je mehr ich in meiner Rolle als Mutter ankam, um so mehr liebte ich meine Kinder. Je mehr ich mich überzeugte, dass ich gut genug bin als ihre Mutter, um so mehr gedieh die bedingungslose Liebe zwischen uns. Je mehr ich unser „anderes“ Leben als Adoptivfamilie akzeptierte, um so freier wurde die Liebe zu meinen Kindern.

Dankbarkeit

Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke und innehalte, so breitet sich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit aus, Dankbarkeit für meine Kinder und für all das, was ich bisher durch sie und mit ihnen habe lernen dürfen. Den Wahnsinn unseres Familienalltags zu ertragen und lieben zu lernen; die Verantwortung, zwei Kinder mit besonderen Bedürfnissen auf ihrem Weg groß zu werden zu führen und zu begleiten; meinen Kindern die Nähe und das Verständnis zugeben, die sie brauchen, manchmal bis zur eigenen emotionalen Selbstaufgabe; als Paar und als Familie zusammenzuhalten, wenn das Umfeld einen alleine lässt; zum Experten zu werden, wenn es um die richtige medizinische oder therapeutische Behandlung der eigenen Kinder geht; Vorurteile zu überwinden, um die bestmögliche Begleitung und Förderung für Maxim und Nadeschda zu finden; das Bewusstsein und das Selbstvertrauen zu haben, allein zu wissen, was meinen Kindern gut tut. Nach all den Jahren spüre ich, dass ich in meiner Rolle und Aufgabe als Mutter – als Adoptivmutter – angekommen bin. Ja, ich bin gut genug. Maxim und Nadeschda den Himmel zu geben, nach dem sie sich strecken, ist meine Lebensaufgabe. Ich habe diese Bestimmung angenommen. Heute habe ich das Gefühl, dass ich dieser Herausforderung gerecht werden kann. Demütig danke ich dem Schicksal, das mir diese zwei Kinder anvertraut hat. Denn sie geben meinem Leben einen wahren Sinn.

Meine Kinder nehmen mich als ihre Mutter an…

Doch nicht nur geben Maxim und Nadeschda meinem Leben einen Sinn, mehr noch haben sie mich die Fähigkeit bedingungslos zu lieben gelehrt. Für diese Kinder da zu sein, für sie zu sorgen, sie zu beschützen und zu behüten, egal wie viel Kraft es auch kosten mag. Sie so anzunehmen, wie sie sind. Einfach das Herz aufgehen zu lassen, wenn ich an sie denke, sie betrachte oder mit ihnen bin. Ja, es ist ein großes Geschenk, die Mutter dieser zwei Kinder zu sein. Maxim und Nadeschda haben mich als ihre Mutter genauso angenommen, bedingungslos. Und dass obwohl sie allen Grund gehabt hätten, mich auf den „Prüfstand“ zu stellen. Sie waren tief verletzt und enttäuscht worden. Und nun kam ich und behauptete, es besser machen zu können. Sie waren zu klein, um zu widersprechen. Sie mussten sich in ihr Schicksal fügen, ob sie wollten oder nicht. Auch wenn sie bis heute nicht direkt gesagt haben: “Mama, ich hab dich lieb.“, so zeigen sie ihre ungeschminkte Liebe auf so viele unterschiedliche Arten. Der Arm, der sich fest um mich legt, mich festhält und der Kindermund sagt: „Meine Mami ganz alleine.“, die stürmische Begrüßung auf dem Schulhof, die Bemerkung zu einem Freund „Meine Mama kann alles.“, die Tränen, wenn ich in die Akademie fahre, oder die Feststellung „Beim nächsten Bauernhofwochenende musst Du aber mitfahren. Ohne dich ist es doof.“ und das gepflückte Blümchen auf dem Nachhauseweg, genauso wie die Beruhigung nach einem mißglückten Kuchen „Ist doch nicht schlimm, Mama, er schmeckt doch immer bei Dir.“ Wie kein anderer werden sie nicht müde, mir jeden Tag wieder zu sagen: „Mama, du bist gut genug. Und noch viel mehr als das.“

P.S. Lieben Dank an Katja von homeiswheretheboysare für ihren Beitrag zu „Bedingungslos lieben“, der mich zu diesem Post inspiriert hat.

7 Gedanken zu “Das Wachsen einer bedingungslosen Liebe – Gedanken einer Adoptivmutter

  1. Auf irgendeine Art und Weise rührt mich dein Post sehr. Das war eine ganz konkrete Fragestellung bei uns (falls es zu einer Adoption gekommen wäre): kannst du das Kind so lieben als wäre es dein leibliches?

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    • Danke für Deine Worte! Spannend, dass Du Dir schon die Frage im Vorfeld gestellt hast, bevor es überhaupt zu einer Adoption gekommen wäre. Mir stellte sie sich damals (noch) nicht, vielleicht auch, weil ein leibliches Kind keine Option (mehr) war…
      Liebe Grüße Charlotte

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  2. Hallo Charlotte,
    da kommen bei mir ein paar Tränchen geflossen, so wunderschön hast du diesen Beitrag geschrieben. Vielen Dank!
    Er hat mich sehr ermutigt und mir einfach nochmal vor Augen geführt, wie wichtig es ist bedingungslos zu lieben und diese Berufung mit allen Facetten anzunehmen und zu bejahen.
    Meine beiden Herzenjungs kosten mich auch oft viel Kraft und Nerven aber ohne sie wäre mein Leben nicht mein Leben und auch überhaupt nicht mehr vorstellbar.
    Ich wünsche dir alles erdenklich Gute für die Lebensreise mit deinen Kindern und auch wenn wir uns nicht kennen, glaube ich sagen zu können, dass DU eine ganz schön tolle Frau und Mutter bist!

    Herzliche Grüße von Veronika

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    • Liebe Veronika,
      hab Dank für Deine so bestätigenden und ermutigenden Worte! Da wird es mir ganz warm ums Herz…;-) – Und es freut mich, dass ich damit auch Gedanken von anderen Adoptivmüttern aufgreife…
      Auch Dir alles Liebe und Gute!
      Charlotte

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  3. Oh! Erwischt! Dein Text ist so emotional und berührt…. ♥ ♥ ♥ Dein Mamaherz ist voller Liebe für die beiden….Und wieder mal der Beweis, dass Liebe ihren Weg findet und es bedingungslose Liebe gibt, die erfahren werden will…. Ich glaube auch das die Liebe des anderen zu einer Heimat werden kann. Wurzeln und Flügel verleiht..

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