Der Blick hinter das Lächeln am 1. Schultag

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Photo by JJ Thompson on unsplash.com

Nadeschda hat die Einschulungszeremonie in die 1. Klasse bravurös gemeistert. Ja, mit einem Lächeln, gar Strahlen im Gesicht. Tage vorher war sie unheimlich aufgeregt. Ich spürte, dass das Warten für sie kaum noch auszuhalten war. Doch es war nicht nur ein Warten in Vorfreude auf die Lehrerin, auf das Wiedersehen mit ihren Freundinnen, auf all das Neue, was sie erwarten würde. Nein, sie hatte auch Angst. Große Angst! Angst, die sich jetzt nach den ersten paar Schultagen wieder in Wut entlädt. Wut, wie sie sich auch im Sommer zeigte, wenn das Wutmonster zurückkehrte.

Es war gut, dass ich in den Tagen vor der Einschulung auf diesen Beitrag von Sherrie Eldridge – „Look beneath your adopted & foster child’s smile“ – gestoßen bin, der mir wieder einmal mehr als deutlich vor Augen geführt hat, was in meiner Tochter passiert. Ja, hinter ihrem strahlenden Lächeln stand die große Panik und Angst. Die Angst vor dem Ungewissen, die Angst vor der großen Veränderung, vor dem großen Neuen. Die Angst was die Lehrerin von ihr denkt, neben wem sie sitzt, wie die anderen Kinder in der Klasse sind. Die Angst, ihre Gefühle in der Schule im Griff zu haben.

Und so versuche ich nun, mit Nadeschda durch ihre Angst zu gehen. Tage vor der Einschulung waren wir in ihrer Klasse und haben mit ein paar anderen Müttern den Klassenraum geputzt. Alle anderen Kinder, die auch ihre Mütter zum Putzen begleiteten, spielten draußen auf dem Schulhof. Nadeschda blieb bei mir. Während wir so werkelten, setzte sie sich immer wieder in eine andere Ecke des Raums, wenn sie mir nicht gerade beim Putzen half. Sehr zur Begeisterung ihrer neuen Lehrerin. Abwartend beobachtete Nadeschda  diese, vermied aber jeden Kontakt mit ihr. Dennoch, so konnte Nadeschda schon einmal den Raum und seine Atmosphäre erspüren.

Genauso haben wir im Vorfeld über genau die sie quälenden Fragen gesprochen. Wann werde ich aufgerufen, neben wem werde ich sitzen, wer ist noch in meiner Klasse, was wird meine Lehrerin mit uns machen? Das schien ein wenig zu helfen und den Einschulungstag für sie erträglich zu machen.

Zuhause packen wir jeden Tag ihren Ranzen zusammen in aller Ruhe, besprechen, was sie wofür braucht, klären,was sie am nächsten Tag mit zum Frühstücken mitnehmen will. Wir üben nach wie vor täglich, haben schon Hefte und Stifte eingeführt, die sie dann auch in der Schule benutzt.  Wir sprechen darüber, was sie in der Schule erwarten wird, was sie im Unterricht in den ersten Wochen lernen wird. Wenn Nadeschda sagt, dass sie das nicht kann, dann zeige ich es ihr und dann üben wir es zusammen.

Dennoch, jetzt wo langsam der Zauber der Einschulung verfliegt und der Alltag einkehrt, spüre ich täglich Nadeschda’s Angst. Wenn sie morgens aufwacht und mich eben nicht freudig erwartend, sondern eher verhalten fragt: „Ist heute wieder Schule, Mama?“ Und ja, ich kann Nadeschda immer wieder nur bestätigen: Ich kann Deine Angst verstehen, und es ist okay. Ich weiß, dass Du das schaffen wirst. Wie so vieles schon in Deinem Leben. Du wirst Deinen Weg gehen. Und die Angst wird irgendwann weichen…

2 Gedanken zu “Der Blick hinter das Lächeln am 1. Schultag

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