Herkunft reloaded: Maxim spricht über seine Adoption

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Photo by Vanessa Bumbeers on unsplash.com

Neulich abends klingelt zu später Stunde das Telefon. Es ist Maxim’s Klassenlehrerin. „Nein, es ist alles in bester Ordnung.“ sagt sie. „Ich wollte Sie nur darüber informieren, dass Maxim nun in der Schule über seine Adoption spricht.“ Das Thema sei damit auch in der Elternschaft angekommen, fährt Maxim’s Klassenlehrerin fort. Denn über die Nachfrage einer Mutter hätte sie erst davon erfahren, dass Maxim nun seine Herkunft benennt. Was genau unser Sohn seinem Klassenkameraden erzählt hat, wissen wir nicht. Müssen wir auch nicht wissen. Werden wir auch nicht nachfragen. Denn entscheidend ist, dass er sich jetzt mit diesem Thema auseinander setzt. Und das ist gut. Das ist wichtig.

Gerade jetzt, wo er in seiner kindlichen Entwicklung mitten im „Rubikon“ steckt, in dem sich das Kind noch einmal anders von seiner Außenwelt abgrenzt und sich neu definiert, seine Herkunft hinterfragt, gesetzte Strukturen und Beziehungen für sich neu definiert. Im „Rubikon“ entwickelt sich beim 9 bis 10-jährigen Kind die zunehmende Fähigkeit zur inneren Distanz. „Das Kind bekommt zu dem, womit es einst so eng verbunden war, ein anderes Verhältnis. Es empfindet unbewusst: Ich bin ein Eigenes, ich bin ein Einzelnes und damit bin ich ein Getrenntes. Das Seelenleben stellt sich auf eine neue Basis. (…) Das 9 – 10 jährige Kind schaut die Autoritäten jetzt durch andere Augen an. Was zuvor eine Einheit war, wird jetzt eine Zweiheit: eine Beziehung zwischen einem Ich und einem Du.“ heißt es dazu in der Literatur. Und an anderer Stelle ist dazu zu lesen: „Mehr als Gefühl tauchen Fragen auf: Mag er mich überhaupt? Mag mich überhaupt jemand? Man fühlt sich einsam und unverstanden. Das Kind braucht Bestätigung und Zuwendung von den nahe stehenden Menschen. Die innere Unsicherheit führt zuweilen dazu, dass man anzweifelt, das Kind seiner Eltern zu sein, man träumt von einer ganz anderen Herkunft, legt sich einen neuen Namen zu.“

Ein paar Tage später hole ich Maxim bei seinem Freund Nikolai ab. Nikolai’s Mutter ist Russin. Bisher weiss sie nichts von der Herkunft unserer Kinder. Glaube ich. Auf der Heimfahrt fragt mich Maxim: „Mama, kannst Du Xenia mal fragen, ob sie mir Russisch beibringen kann?“ – Er hatte den Wunsch im Allgemeinen ja schon einmal geäußert, aber nicht in Verbindung mit einer konkreten Person, geschweige denn so insistierend wie jetzt. – Ich antworte ihm: „Das kann ich gerne machen. Vielleicht wird sie dann aber auch fragen warum. Darf ich ihr das dann sagen?“ Maxim antwortet: “Das weiss sie doch schon längst. Ich habe Nikolai doch schon lange erzählt, dass ich in Russland geboren bin und dass ich zwei Mamas habe.“ Ich bin ein wenig überrascht, vor allem über die Abgeklärtheit und Gelassenheit meines Sohnes. Es scheint, als wäre das alles ganz normal für ihn. Maxim blickt schweigend zum Fenster hinaus. „Wie heißt eigentlich nochmal meine russische Mutter?“ „Svetlana.“ antworte ich. Nach ein paar nachdenklichen Momenten stellt Maxim fest: „Ein schöner Name.“ und schweigt wieder. Zuhause geht er in sein Zimmer und kommt aber nach ein paar Augenblicken wieder zu mir. Er hält einen Zettel in der Hand. „Mama, schau mal, schreibt man so Svetlana? Ich habe es mal aufgeschrieben, damit ich mich besser daran erinnern kann. Und riech mal, ich habe hier etwas Parfüm drauf gesprüht. Vielleicht hat sie ja so gerochen.“ Wir lassen den Augenblick einfach so stehen wie er ist, ohne ihn zu werten, ohne ihn zu kommentieren.

Ich bin dankbar für diesen Moment, der mir zeigt, dass Maxim einen unendlich großen Schritt weiter gegangen ist in den vergangenen Wochen und Monaten. Bisher  hatte er jedes Gespräch um seine russische Mutter schnell beendet mit den Worten „Die ist doch im Himmel, Mama.“ Mehr wollte er nicht hören, konnte er nicht ertragen. Nun geht er den nächsten Schritt der Annäherung. Es ist vielleicht an der Zeit, mit ihm sich der ganzen Geschichte seiner Herkunft anzunehmen. Stück für Stück und immer so viel, wie er zulässt und verträgt.

Ich kann nur hoffen, dass er in der Schule keinen Anfeindungen ausgesetzt wird, dass dieses zarte Pflänzlein, was da nun wächst, nicht wieder zertrampelt wird. Als unsere Kinder begannen, auf diese Schule zu gehen, hatten wir uns bewusst entschlossen, nicht überall die Adoptionsgeschichte zu erzählen. Denn, wie ich ja hier  schon einmal geschrieben habe, ist das soziale Umfeld schnell mit der Tatsache der Adoption überfordert. Zudem wollten wir es Maxim und Nadeschda überlassen, wem sie wie viel von ihrer Herkunft erzählen. Denn es ist in erster Linie ihre Lebensgeschichte. Nun hat Maxim für sich entschieden, über seine Herkunft zu sprechen. Es ist beruhigend, wie normal das für ihn zu sein scheint. Es gibt eben Kinder, die sind in Deutschland in einem Krankenhaus auf die Welt gekommen und leben noch immer bei der Mutter, die sie geboren hat. Und genauso gibt es eben Kinder, die sind adoptiert. Wo ist da also das Problem? Ich wünsche ihm so sehr, dass er sich diese Haltung bewahren kann.

Doch genauso wie wir nun Zuhause die Geschichte seiner Herkunft hegen und pflegen werden, muss ich wahrscheinlich Maxim nun genauso stärken, um mit bestimmten Kommentaren, Fragen oder Anfeindungen umzugehen. Wieder einmal hat Sherrie Eldridge dazu eine schönen und vor allem hilfreichen Post veröffentlicht: „PREPARING YOUR ADOPTED OR FOSTER CHILD FOR SCHOOL BULLIES“ Neben dem Spiel mit den Steinen fand ich die folgenden vier Aspekte sehr hilfreich, um sich gegen Anfeindungen zu wehren:

  1. Geht weg! Dreh dem Fragenden einfach den Rücken zu und gehe weg.
  2. Einfach antworten: „Weißt Du was, das ist sehr privat.“
  3. Die Erfahrung der Adoption teilen und gucken, wie der Gegenüber reagiert. Wenn er verletzend wird, greift wieder Option 1.
  4. Mit Fakten über Vorurteile von Adoptionen aufklären und den anderen somit Mundtot machen. Wenn der gegenüber weiter verletzende Fragen stellt, greift auch hier Option 1.

Am Ende bin ich mir aber gewiss, dass mein Sohn ohnehin in den vergangenen Wochen so stark und selbstbewusst geworden ist, dass er auch hier wieder einmal seinen Weg gehen wird. Unbeirrt, tapfer, mutig und selbstbestimmt!

6 Gedanken zu “Herkunft reloaded: Maxim spricht über seine Adoption

  1. Vielen Dank für diesen wichtigen und wunderschönen Bericht – ich habe eine richtige Gänsehaut bekommen. Ich freue mich sehr für Maxim, dass er diesen großen Schritt ganz eigenständig und ohne Druck gegangen ist und sich das für ihn richtig anfühlt und ihn ein weiteres Stück in Richtung Versöhnung mit seiner eigenen Geschichte bringt. Ich bin gespannt, wie sich dieser Weg weiterentwickelt und hoffe, dass du uns weiterhin daran teilhaben lässt.

    Unsere beiden (Adoptiv-) Kinder sind in einem ähnlichen Alter und gehen sehr unterschiedlich mit ihrer Geschichte um. Das Jüngere scheint bislang den größeren Frieden mit seiner Geschichte gemacht zu haben und geht in der Schule offen damit um. Unser älteres Kind mag aktuell seinen Klassenkammeraden nicht davon erzählen, was wir akzeptieren. Nun ist es so, dass unsere Kinder in eine kleine, behütete Dorfschule mit je zwei ersten Klassen gehen. Die Eltern kennen sich alle untereinander. Unser älteres Kind stellt plötzlich fest, dass ihm durch die Offenheit des jüngeren Geschwisterchens, ein gewisser Handlungsspielraum genommen wird. Plötzlich liegt es nicht mehr in seinem eigenen Ermessen, was es erzählt und was nicht. Für uns Eltern ist das eine schwierige Situation: wir wollen unser jüngeres Kind nicht bremsen in seiner positiven Stimmung zu seiner Herkunft, verstehen aber auch das ältere Kind, dass ziemlich sauer darüber ist, dass gewisse Informationen ohne sein Zutun publik gemacht werden. Interessanterweise ist es für die Klassenkammeraden selbst gar nichts Besonders, denn in der heutigen Zeit sind Patchworkfamilien oder Kinder mit ausländischen Wurzeln selbst in unserer kleinen Dorfschule nichts Besonderes mehr. Erst die Eltern machen etwas Besonderes daraus. Ob es daran liegt, dass eine Adoption per se einfach etwas Interessantes ist, über die man wenig weiß oder auch eine gewisse Sensationslust dahintersteckt – keine Ahnung. Lustiger weise spricht uns keiner der Eltern direkt an. Bis auf einmal, da sprach mich eine Mama mit den Worten an: „Du bist also die Adoptivmama.“ Daraufhin meinte ich: „Nein, ich bin die Simone.“, und lies es damit gut sein. Da war sie erstmal sichtlich irritiert und merkte dann wohl selbst, dass ihre Wortwahl nicht gerade günstig gewählt war.

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    • Schon lange wollte ich auf Deinen Kommentar antworten… Hab Dank für das Teilen Eurer Erfahrungen, gerade aus dem Mikrokosmos „Dorf“…;-) Wie wahr es ist, dass der Umstand der Adoption für viele Kinder eigentlich nichts besonderes ist. Maxim sagt immer, dass ein Klassenkamerad von ihm ja auch zwei Mamas hat. Der Junge kommt aus einer Regenbogenfamilie. Ja, erst die Erwachsenen machen etwas besonderes daraus. Und übertragen das dann auf ihre Kinder.
      Ich bin gespannt, wie es sich bei uns entwicklen wird. Bisher halten sich die Eltern bedeckt. Und wahrscheinlich wird sich auch niemand trauen, mich anzusprechen. Denn was sollten sie fragen? Am Ende wären es dann so „dumme“ Kommentare wie in Deinem Fall, auf den Du aber wie ich finde sehr cool reagiert hast. Oder sie müssten sich die Gegenfrage gefallen lassen: „Ach, und wie war Deine Geburt so?“

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  2. Wir waren auch kurz davor ein Kind zu adoptieren bevor ich nach einem langen Kinderwunsch dann doch noch selber schwanger wurde. Ich verfolge deinen Blog mit Spannung und weisst du was? Ich hätte nie gedacht, dass man sich Sorgen machen muss, dass adoptierte Kinder vielleicht gehänselt werden. Eigentlich macht mich das traurig, denn eine Adoption ist ein Akt der Liebe und Hingabe ❤

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