Herkunft reloaded (6): Trauer um das verlorene Babysein

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Photo by Tim Gouw on unsplash.com

Der Schmerz sitzt tief. Der schmerzliche Verlust, nicht ein Baby gewesen zu sein, wie alle anderen, die in Liebe und Fürsorge ihre ersten Lebensmonate verbrachten, umgeben von der sorgenden Mutterhülle, mit Menschen drum herum, die sich alle so über die Geburt des neuen Menschenkindes freuen. Immer wieder holt dieser Schmerz meine Tochter ein. Mit ihm kommt die Wut. Denn nur mit ihr kann der ohnmächtigen Trauer Ausdruck verliehen werden. Und so hat sie wieder Einzug gehalten in unseren Alltag, diese andere Dimension der Wut. Es ist nicht die Frustration über die Schule und die Angst dort zu scheitern. Ja, auch die ist manchmal da. Doch im Moment dominiert einmal wieder die Wut, so vieles nicht gehabt zu haben, was andere Babys haben. Geweckt durch bestimmte Ereignisse in den vergangenen Tagen und Wochen:

Da war der Streit und das Gespräch mit Marie über „echte Eltern“ vor ein paar Tagen. Nadeschda hatte nicht mitbekommen, dass ich mit Marie gesprochen hatte. Ich wunderte mich nur im weiteren Verlauf des Nachmittags, dass Nadeschda so wütend war und ihr nichts passte, was Marie tat. Ständig hatten sich die beiden Mädchen in den Haaren. Am Abend fragte ich Nadeschda, ob sie wütend gewesen wäre, weil Marie zu ihr gesagt hatte, dass ich nicht ihre echte Mutter bin. Es kam ein fast erleichtertes Ja. „Aber Mama, das kann die doch nicht einfach sagen. Das stimmt doch gar nicht! – Die Marie ist blöd. Die ist nicht mehr meine Freundin.“ Ich erzählte daraufhin meiner Tochter von meinem Gespräch mit Marie. „Und weisst Du, was Marie am Ende gesagt hat?“ Nadeschda schaut mich fragend an. „Sie will jetzt auch zwei Mamas und zwei Papas haben.“ Ein Lächeln huscht über das Gesicht meiner Tochter und ihre zornverdunkelten Augen hellen sich ein wenig auf. „Warum?“ Ich: „Vielleicht weil sie es toll findet, zwei Eltern zu haben.“ „Mmhhmm, manchmal ist das aber auch gar nicht schön…“ entgegnet meine Tochter. Ich nehme sie in den Arm und flüstere ein: „ Ja, ich weiss.“

Das Baby meiner Freundin kommt bald auf die Welt. Seitdem wir sie das letzte Mal besuchten, wo natürlich viel über das Baby gesprochen wurde, gärt die Wut in Nadeschda. Deutlich wurde mir das erst vor ein paar Tagen, als ich mit Nadeschda zusammen ein Geschenk zur Geburt aussuchte. Erst fragte Nadeschda mich immer wieder: „Mama, warum bekommen Babys zur Geburt ein Geschenk? Habe ich auch Geschenke bekommen?“ Da dämmerte mir schon, was in meiner Tochter gerade vor sich ging. Im Kindergeschäft wurde Nadeschda nicht müde, mir zu zeigen, was das Baby noch alles braucht. Stofftiere, Decken, ein Schnullertier, ein wärmendes Kuscheltier, Rasseln, Knisterbücher und vieles mehr. Ihr „Mama, Mama, das müssen wir unbedingt kaufen. Das braucht das Baby. Ganz dringend!“ wurde immer intensiver und eindringlicher, je länger wir uns in dem Geschäft aufhielten. Der Nachdruck, mit dem Nadeschda mir immer wieder neue Dinge zeigte, ließ mich innehalten. Und mit einem Schlag wurde mir klar: Es ging ihr gar nicht um das Baby meiner Freundin, sondern aus ihr sprach der Herzenswunsch, all das auch so gerne gehabt zu haben. Hätte ich Nadeschda gefragt, ob sie selbst auch so ein Schnullertier oder eine Rassel haben wollte, hätte sie es wahrscheinlich verneint. „Nee, Mama, das ist doch Babykram. Ich bin doch jetzt groß.“ Doch es war offensichtlich, dass sie hier eine leere Stelle in ihrem Leben versuchte nachzunähren. Für einen Moment wurde es mir schwer ums Herz. Doch dann beschloss ich, an einem anderen Tag in diesen Kinderladen ohne Nadeschda zurückzukehren und vielleicht doch etwas zu kaufen, was ihren unerfüllten Bedürfnissen als Baby ein klein wenig Rechnung tragen könnte.

Spielzeug wird die Wunden meiner Tochter nicht heilen. Das weiß ich. Sie wird immer wieder durch den Schmerz und die Trauer hindurch gehen müssen, bis er vielleicht im Laufe der Zeit ein bisschen weniger wird, er nicht mehr so eine überbordende Ohnmacht ausstrahlt. Ich kann nur für Nadeschda da sein, sie halten und ihre Wut, wenn sie denn kommt, aushalten.

4 Gedanken zu “Herkunft reloaded (6): Trauer um das verlorene Babysein

  1. Ich finde es schön zu sehen, wie bewußt Du im Umgang bist mit Deinen Kindern (darf ich das schreiben oder muss ich Adoptivkinder schreiben??). Obwohl wir in einer Zeit leben, die anscheinend mehr auf die Kinder eingegangen wird, sehe ich auch ganz viel, dass Kinder auch in der klassischen Familie funktionieren müssen. Heute nicht mehr, wegen starrer Regeln, sondern wegen der Berufstätigkeit, die überall maximal im Vordergrund steht. Schön, dass Du für das „Zwischen“ so viel Sinn hast. Ich denke, dass das sehr wichtig ist.

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    • Danke Dir für Deine Worte. Und natürlich sind es meine Kinder – auch wenn es genauso meine Adoptivkinder sind. Wobei der Zusatz „Adoptiv“ ja vielmehr die Entstehung unserer Familie beschreibt. Und das Päckchen, was meine Kinder zu tragen haben und damit ich auch als ihre Mutter. Aber allen voran sind es meine Kinder…. Ja, ich hatte erst am Beginn der Woche eine Diskussion mit meiner Mutter, dass es vielleicht auch der Weg der Adoption ist, der mich bewusster Mutter sein lässt (und auch dazu zwingt) und es einfach auch per se nicht klappt, dass meine Kinder einfach funktionieren. Das geht bei uns nicht….

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      • Ich denke, dass Kinder überhaupt nicht „funktionieren“ wir hätten es nur gerne so, in einer erwerbszentrierten Welt und daher ist es natürlich besonders wichtig, dass Du der Geschichte Deiner Kinder Raum gibst. Der bewusste Umgang mit der Lebensgeschichte kann glaube ich ganz viel heilen lassen.

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  2. Liebe Charlotte, diese Schilderung vom Verhalten deiner Tochter rührt mich sehr. Obwohl oder gerade weil er es in der Kindheit vermisst hat, ist es jetzt ein Thema und ihr als Eltern habt die Situation richtig erkannt und könnt daher ganz viel Heilsarmes gemeinsam mit ihr daraus ziehen. Sicher hat Nadescha das absolute Recht, wütend und traurig darüber zu sein, dass ihr diesenr für viele Kinder ganz normale Lebensabschnitt verwehrt wurde. Aber leider kann man an dieser Situation nichts mehr ändern. Stattdessen macht es Sinn, die Dinge nachzunähren, die möglich sind und sie mit den anderen Dingen ein möglichst versöhnliches Ende finden zu lassen.

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