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scoyo ELTERN! Blog Award 2018: „Homeschooling für traumatisierte Kinder?“

scoyo-blogward-2018-siegel-bewerberinIn diesem Jahr versuche ich es einmal, und bewerbe mich mit „Homeschooling für traumatisierte Kinder?“ für den scoyo ELTERN! Blog Award 2018. Das Thema des Awards „Nachhilfe und Förderung“ war einfach zu verführerisch, nicht daran teilzunehmen, streiften mich doch in der vergangenen Woche zum ersten Mal Gedanken über eine Abschaffung der Schulpflicht….zumindest für meine Kinder…

Homeschooling für traumatisierte Kinder?

Die 36 Schüler der sechsten Klasse einer Waldorfschule erheben sich zum Morgenspruch. Während alle Schüler ordentlich und mit angespannter Körperhaltung vor ihrem Tisch stehen, erhebt sich der 13-jährige Maxim nur mühsam von seinem Stuhl. Gerade ist er erst noch in den Klassenraum gehuscht, wieder einmal zu spät, wie so oft in den letzten Monaten. Sein T-Shirt zeigt Flecken des Mittagessens vom Vortag, seine Schnürsenkel an den Schuhen sind nicht gebunden. Ungelenk stellt Maxim sich hin. Doch seine Schultern hängen herunter, sein langes Haar hängt ihm im Gesicht und sein Mund ist halb geöffnet. Er wirkt müde und unmotiviert. „Ich schaue in die Welt, in der die Sonne leuchtet…“ Wenn die Blicke des Klassenlehrers ihn streifen, senkt er entweder den Kopf oder dreht sich zu seinem Tischnachbarn. Später wird der Klassenlehrer feststellen, dass Maxim wiederholt keine Hausaufgaben gemacht hat. Sein Heft ist leer. Ihm ist bereits aufgefallen, dass Maxim seit langem abwesend im Unterricht ist, ausweicht, oft fehlt. Viel beteiligt hat er sich am Unterricht in den vergangenen sechs Jahren noch nie. Doch Maxim’s Verweigerung hat jetzt eine neue Dimension. Spricht der Lehrer ihn auf seine nicht erbrachte Leistung an, reagiert Maxim aggressiv und gereizt. Er weicht nicht mehr aus, sondern er droht dem Lehrer mit der Faust. Einmal schon hat er seinen Schultisch umgeworfen. Danach musste er von seinen Eltern abgeholt werden.

Das war das „Horrorszenario“, dass sich in meinem Kopf über die zukünftige Schulkarriere meines Sohnes ausmalte, als Maxim vor ein paar Jahren in die Schule kam und ich merkte, dass trotz liebevoller Woldorfpädagogik und fehlendem Leistungsdruck ich eben nicht der Schule allein die Bildung und die Vermittlung von Kulturfähigkeiten überlassen konnte. Mein Sohn zog sich entweder geschickt aus der Affäre im Unterricht – und als kleiner sechs oder siebenjähriger ist das ja noch süß – oder er war vielleicht physisch in der Schule anwesend, aber der Unterrichtsstoff zog nur rauschend an ihm vorbei.

Wie diejenigen, die meinem Blog regelmäßig folgen, wissen, haben wir unsere Kinder vor etlichen Jahren aus Russland adoptiert. Sowohl Maxim als auch seine kleine Schwester Nadeschda sind aufgrund ihrer Lebensgeschichte, bevor sie zu uns kamen,  frühtraumatisiert. In der Folge zeigte Maxim deutliche Charakteristika eines Anstrengungsverweigerers und – hätten wir dies nicht rechtzeitig erkannt – würde er wohlmöglich das „Vollbild“ eines Anstrengungsverweigerer wie eingangs beschrieben mit Beginn der Pubertät erfüllen.

Das Phänomen der „Anstrengungsverweigerung“

Bei einer Anstrengungsverweigerung geht es um die stetige Verweigerung einer Anstrengung oder Leistung. Tätigkeiten, die das normale bürgerliche Leben erforderlich

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Danke an Pixabay

machen, werden vom anstrengungsverweigernden Kind oder Jugendlichen nicht ausgeführt. Typisch ist, dass das betroffene Kind bereit ist, „einen weit höheren Energieaufwand aufzubringen, um eine bestimmte Tätigkeit zu verweigern, als die eigentliche Aufgabe ihm abverlangt hätte.“, so Bettina Bonus, die dieses Phänomen erstmals im Kontext mit Pflege- und Adoptivkindern ausführlich beschrieben hat.

Am deutlichsten tritt die Anstrengungsverweigerung im Kontext der Schule zu Tage. Das beginnt beim morgendlichen Aufstehen und dem Weg zur Schule. Anstrengungsverweigernde Kinder können dadurch auffallen, dass sie stunden-, tage- oder sogar wochenweise den Schulunterricht schwänzen. Andere sind zwar physisch im Unterricht anwesend, bekommen aber vom Unterricht und seinen Inhalten nichts mit. Sie nehmen nicht am Unterrichtsgeschehen teil, entziehen sich unterschiedlichen Aufgaben und umgehen meist Aufgabenstellungen oder Aufträge des Lehrers. Dies zeigt sich nicht zuletzt in schlechten Beurteilungen, doch vor allem schon in leeren oder schlecht geführten Heften, einem unordentlichen Schulranzen und beschädigten oder unvollständigen Schulmaterialien.

Das Phänomen der Anstrengungsverweigerung oder auch Leistungsverweigerung in der Schule tritt allerdings nicht nur bei Adoptiv- und Pflegekindern auf. Folgt man den Medien, so finden sich immer mehr in deutschen Schulen verhaltensoriginelle Kinder aus schwierigen sozialen Gefügen und traurigen familiären Umständen, die immer öfter Zeichen von Leistungsverweigerung zeigen. Schaut man genauer hin, trifft man in vielen Fällen auf traumatische Erfahrungen im Leben dieser Kinder.

Unser Schulalltag mit einem anstrengungsverweigernden Kind

„Ich trage meine Kinder durch das Abitur.“ hatte ich von Beginn an, als die schulische Ausbildung unserer Kinder in unser Leben trat, gesagt. Mehr denn je stehe ich zu dieser Äußerung und bin überzeugt davon, dies als die wichtigste Aufgabe in meinem Mutterdasein zu sehen. Und dies nicht, weil ich davon träume, dass meine Kinder den Nobelpreis einmal bekommen, sondern allein um sie überlebensfähig zu machen und sie in die Lage zu versetzen, einmal ein eigenständiges Leben zu führen. Um so leichter fällt mir das natürlich, wenn ich eine pädagogische Ausbildung habe, noch dazu eine, in der meine Kinder auch in der Schule erzogen werden. Es ist mehr als förderlich, wenn ich die Unterrichtsinhalte kenne, und hier genauso tief einsteigen kann, um meinen Kindern Zuhause zu helfen, mit ihnen passend mehr zu üben. Denn aufgrund ihrer traumatischen Lebensgeschichte und der daraus resultierenden Anstrengungsverweigerung brauchen meine beiden Kinder mehr Hilfe und Unterstützung als andere. Das Wissen und das Können fliegen ihnen nicht einfach zu. Manchmal steigen sie aufgrund einer schnellen Überforderung im Unterricht aus. Sie dissoziieren, bekommen vom Unterrichtsgeschehen nicht mehr mit. Sie sind in einer anderen Welt, aus der sie erst wieder mit Verlassen des Schulgebäudes auftauchen. Das ist ihre Überlebensstrategie, wenn ihnen alles zu viel wird. Die Lücken, die diese Dissoziationen reißen, muss ich Zuhause füllen. Genauso können sie nicht mit Leistungsdruck umgehen, dann fühlen sie sich bedroht. Können sie sich diesem Druck nicht entziehen, greifen sie an. Nur wenn sie sich einer Sache sicher sind, spüren sie diesen Druck nicht, nur dann gehen sie durch den Schulalltag als ruhige zufriedene Kinder. Auch deshalb müssen wir Zuhause viel arbeiten, damit sich meine Kinder ihrer Sache sicher sind.

In den vergangenen vier Jahren sind wir durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Denn das tägliche Üben, das zwischen einer und drei Stunden oder mehr dauern kann, ist jedem Tag von neuem eine Herausforderung. Auch wenn die Anstrengungsverweigerung uns manchmal schon wie eine alte Freundin vorkommt. Manchmal läuft alles gut, dann kommen wir gut durch unseren Stoff. Es wird fleißig gerechnet, inzwischen schöne Aufsätze geschrieben oder ordentlich gelesen. An anderen Tagen passiert irgendetwas – Maxim meint, dass er etwas nicht kann – und die Wut sucht uns heim. Manchmal hat sie uns dann für Stunden im Griff. Erst wird Papier zerknüllt, Stifte fliegen durchs Zimmer oder sie kritzeln mit voller Wucht über das Papier  Mein Sohn brüllt herum, schreit, schlägt um sich, manchmal wirft er seinen Stuhl um. Am Ende verfällt er meist einfach nur noch in ein verzweifeltes Weinen, aus dem er sich erst nach über einer Stunde wieder beruhigt. Erst dann können wir weiter arbeiten. Vielleicht….

Sklavische Routine und tägliches „Arbeiten“ zahlt sich aus

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Mit der Zeit sind diese Szenarien zum Glück deutlich weniger geworden. Die Intervalle zwischen den wütenden und verzweifelten Zusammenbrüchen werden immer größer. Nur gelegentlich, vor allem in Phasen, in denen ein neuer Unterrichtsstoff eingeführt wird, kann es zu überraschenden Leistungseinbrüchen und damit einem Wiederaufladen der Anstrengungsverweigerung Zuhause kommen. In diesen Ferien haben wir – auch wenn ich komisch angeschaut werde, dass wir auch in den Ferien jeden Tag arbeiten – große Fortschritte gemacht. Kein zerrissenes Papier, keine Gegenstände flogen durch das Zimmer, alle Möbel bleiben stehen, und die Lautstärke blieb auch auf einem normal erträglichen Niveau. Das Geheimnis ist nicht nur die sklavische Kontinuität des täglichen Üben und Arbeitens, sondern all dies ist eingebettet in einen feste Struktur und Routine, die meine beiden Kinder so sehr brauchen. Denn nur das gibt ihnen Sicherheit. Und wenn sie sich sicher fühlen, dann haben sie innerlich Kapazitäten frei, um Lesen zu lernen, Schreiben zu üben, schön zu formulieren, sich zu erinnern, was wir am Vortag gemacht haben, und dies in einem schönen Text zu Papier zu bringen; dann können sie sich konzentrieren, um im Kopf das 1 x 1 vielleicht auch durcheinander zu rechnen. All das hat auch dazu geführt, dass mein Sohn inzwischen den eigenen inneren Wissensdurst spürt, und sich nun zum ersten Mal selbstständig Dinge erarbeitet. So sitzt er manchmal stundenlang über seinen Büchern zu Kristallen und Mineralien, liest, schreibt auf und katalogisiert seine eigenen Kristalle. Für meine Tochter könnte ich ähnliche wunderbare Entwicklungsfortschritte anbringen.

Homeschooling für traumatisierte Kinder?

Das tägliche Arbeiten für die Schule ist anstrengend. Für meine Kinder und für mich. Vor allem in der Schulzeit, wo eh das Pensum der Hausaufgaben nicht immer gering ist, wo oft Zeitdruck entsteht, da es ja noch andere Hobbys und Freizeitaktivitäten gibt, ich einen Job habe und meine Kinder vielleicht auch noch ab und zu ihre Freunde treffen möchten. Schule ist ohnehin grundsätzlich belastend. Nicht nur der Unterricht, sondern auch das Ganze drum und dran in diesem riesigen sozialen Gefüge einer Klasse. Gerade für meine Kinder sind die Stunden in der Schule extrem anstrengend, aufreibend und Kräfte zehrend. Streit, Ungerechtigkeiten, ein lauter Ton der Lehrerin, Abweichungen von der täglichen Schulroutine, weil ein Lehrer krank ist, nehmen meine Kinder ganz anders auf. Das nimmt sie mehr mit, damit können sie schlecht umgehen, damit sind sie überfordert.

Wenn ich mir die Entwicklung meiner Kinder in den vergangenen Jahren ansehe – und vor allem jetzt noch einmal mit der frischen Entwicklung in den Ferien, wo wir uns sechs Wochen lang in einem stressfreien Raum bewegt haben -, dann begeistern mich die riesigen Fortschritte und der inzwischen (meistens) entspannte Umgang mit dem Arbeiten, Lernen und Üben. Das geht so viel leichter, wenn wir nicht täglich in die Schule gehen. – Und man darf bei unseren Kindern nicht vergessen, dass wir uns in der vermeintlich heimeligen Waldorfwelt ohne all den Notendruck und Leistungsdruck bewegen. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn wir an einer Regelschule wären. – Manchmal habe ich schon in den vergangenen Tagen gedacht, ob es nicht viel besser wäre, wenn ich meine Kinder Zuhause selbst unterrichten würde. Es mag vermessen klingen, aber dass sich die Kulturfähigkeiten wie Rechnen, Schreiben und Lesen bei meinen Kindern in den vergangenen Jahren verfestigt haben, ist maßgeblich auf unsere Arbeit Zuhause zurückzuführen.

Natürlich bin ich mir dessen bewusst, dass wir zum einen in der privilegierten Lage sind, dass ich die Zeit und auch mittlerweile die pädagogische Ausbildung habe, um dies zu tun. Ich weiß, dass dies in vielen Familien nicht gegeben ist. Deshalb denke ich auch nicht über eine grundsätzliche Abschaffung der Schulpflicht nach. Zu vielen Kindern wäre dann der Zugang zu Bildung grundsätzlich versagt. Und nicht alle Familien schaffen es, ihren Kindern Zuhause ein lernendes Umfeld zu bieten. Zum anderen bin ich mir bewusst, dass Kinder im schulischen Umfeld auch noch so viel anderes lernen, über das Schreiben, Lesen, Rechnen hinaus. Soziale Kompetenzen, gesellschaftliche Regeln, Zusammenarbeiten in der Gruppe, Rituale, etc. Das kann ich meinen Kindern hier Zuhause nur in einem gewissen Rahmen bieten. Insofern bin ich mir der Grenzen des „Homeschooling“ durchaus bewusst. Wenn ich mir allerdings vergegenwärtige, welche Belastung der schulische Kontext nach wie vor für meine Kinder ist, und ich auf der anderen Seite weiß, dass ein umhüllendes, fürsorgliches und friedliches Umfeld so wichtig für die Heilung und das Heranwachsen meiner traumatisierten Kinder ist, dann mag das Modell eines Unterrichts Zuhause in meiner Wunschvorstellung doch überwiegen. Zumindest für die ersten vier bis sechs Schuljahre.

Am Ende weiß ich, es wird ein Wunsch bleiben und wir werden weiter unseren Weg in der Realität der Schule finden. Aber wünschen kann man sich ja mal was….

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (98)

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Danke an Pixabay.com

Ein wenig früher als gedacht sind wir aus den Bergen aus meinem Lieblingshaus zurückgekehrt. Aber so sehr ich das Haus und die Kühe liebe, so anstrengend kann es auch werden, wenn uns dann doch Dauerregen heimholt. Ja, der Regen war so wichtig, und eigentlich wünschte ich, dass wir ihn hier Zuhause auch einmal hätten. Doch lässt der im Moment immer noch auf sich warten. Langsam wird das schon ein wenig unheimlich. Ich kann mich kaum erinnern, dass wir sooooo lange ohne Regen waren. Meine Regentonnen zum Blumengießen haben sich schon gänzlich aus meinem Bewusstsein katapultiert, da ich sie in diesem Sommer noch gar nicht benutzt habe, da in ihnen gähnende Leere herrscht. Nun denn. Hinzukam, dass Nadeschda schreckliches und schmerzhaftes Heimweh bekam. Somit brachen wir vorzeitig nach Hause auf und haben nun hier eine wunderbare Restwoche verbracht. Beide Kinder hatten Freunde zum Spielen und Schwimmen da, ich habe weiter meinen Plan verfolgen können, und am Berg der lang unerledigten Dinge arbeiten können, und egal wie man es dreht, es tat einfach gut, in der häuslichen Routine zu sein. Doch an diesem Sonntag bin ich vor allem für diese drei Sonntagslieblinge dankbar:

  1. Wir waren auf dem russischen Konsulat und haben endlich die russischen Pässe für Maxim und Nadeschda erneuert. Lang wabberte dieses Thema in unserer Familie, musste nun aber mit konkreten Reiseplänen nach Russland angegangen werden. Trivial war das Vorhaben nicht. Doch Dank der Unterstützung einer Agentur, die sich auf Visa- und Passangelegenheiten für Russland spezialisiert hat, ging dann alles recht reibungslos. Maxim fand das sehr spannend. Nadeschda fügte sich mehr in ihr Schicksal. Sie will ja auch nicht nach Russland reisen. Und einen russischen Pass braucht sie ja nicht: “ Der ist doch nur für die Babys, die da her kommen, Mama!“
  2. Gestern Abend durften Richard und ich seit langem einmal wieder „Kevin allein zuhause“ spielen. Unsere Kinder übernachteten bei Freunden und wir hatten den Abend für uns zwei allein. Das war auch einmal wieder wichtig.
  3. Heute morgen bin ich nun ganz allein zuhause und genieße die Zeit für mich. Richard fährt eine Rallye und Maxim und Nadeschda sind noch mit unseren Freunden an einem Badesee, bevor sie gleich wahrscheinlich total erschöpft von Übernachtungsparty und Schwimmspass in der Sonne heimkehren.

Doch umso mehr freue ich mich jetzt auf und über meine Kinder, wenn sie gleich nach Hause kommen. Mehr als eine Nacht ohne sie ist schon schwer für mich zu ertragen. Habt noch einen geruhsamen Sonntag und einen guten Start in die neue Woche!

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Freitagsfragen

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Photo by Cathryn Lavery on unsplash.com

Die Brüllmaus stellt jeden Freitag ihre Freitagsfragen. Nachdem mir das Projekt der #1000 Fragen an mich selbst irgendwann zu persönlich wurde, werde ich nun mal die Freitagsfragen beantworten und schauen, was sie mit mir und meinem Blog machen. Hier meine Antworten:

 

1.) Hast Du Dir einmal ein Theaterstück angeschaut? Welches war es?

Theaterstücke habe ich schon unzählige gesehen, vor allem in meiner Zeit, als wir noch ohne Kinder lebten. Mehr aber noch Opern. Sie alle aufzuzählen würde zu weit gehen. Da unsere Zeit als Ehepaar alleine heute knapp bemessen ist, gehen wir mittlerweile eher selten ins Theater oder die Oper. Wichtiger ist es uns, die Zeit zum Reden zu nutzen.

2.) Kann man mit Dir Pferde stehlen?

Im wörtlichen Sinne eher nein, da habe ich viel zu viel Angst erwischt zu werden. Ich bin da doch ein regelkonformer Mensch und bekomme schon Herzklopfen in einer Polizeikontrolle, selbst wenn ich mir nichts habe zu Schulden kommen lassen. Im übertragenen Sinne allerdings dann wohl doch…

3.) Kannst Du gut lügen?

Nein.

4.) Die Wahl der Qual: ab heute auf Salz oder auf Zucker in allen Lebensmitteln verzichten?

Da Süßes eh nicht so an mich geht, könnte ich wohl am ehesten auf Zucker verzichten. Fades Essen ohne Salz würde mir wirklich schwer fallen zu genießen. Und da muss ich mich nicht quälen….

Habt ein entspanntes Wochenende und genießt diesen wunderbaren Hochsommer!

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Mit Adoptivkindern heilsam durch den Sommer (Teil 2) – Warum Gewohnheit und Struktur so wichtig sind

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Danke an Pixabay.com

Jeden Abend, wenn ich Nadeschda ins Bett bringe, fragt sie mich: „Und was machen wir morgen, Mami?“ Ich erzähle ihr dann unsere Pläne für den nächsten Tag, was mit einem unermüdlichen „Und was machen wir dann am nächsten Tag?“ gefolgt wird. Nicht, dass sich meine Tochter nicht erinnern könnte, denn gestern habe ich ihr ja auch schon erzählt, was wir am Folgetag machen und wohlmöglich auch, was unsere Pläne für das Wochenende sind. Und wenn sich einmal Vorhaben ändern, dann weiß sie das auch sehr wohl. Nein, dies ist nicht Vergesslichkeit, dies ist allein der klare Ausdruck von „Ich brauche Struktur und Orientierung. Ich muss wissen, was morgen passiert, damit ich in Sicherheit einschlafen kann.“ Wahrscheinlich war das in den vergangenen Jahren auch schon so. Doch nicht zuletzt, weil meine Tochter mittlerweile sich unheimlich gut ausdrücken kann und ihrem Mitteilungsdrang auch freie Fahrt lässt, kann sie auch ihr Bedürfnis nach Sicherheit in einer Form artikulieren.

Dies sind die ersten Ferien, in denen wir nach unseren harten ersten Halbjahr wenig Programm und wenige Reisen bzw. nur kurze Reisen gemacht haben. Früher war zumindest noch einmal ein Kinderferienprogramm dabei und unsere Urlaube waren auch deutlich länger, zuweilen an neuen und unbekannten Orten. Möglichst wegfahren und die Zeit auskosten. Doch dies war immer gepaart mit einer gewissen Gewöhnungszeit, bis wir uns auch an einem neuen Ort wieder eine Routine erarbeitet hatten. Und auch immer wieder begleitet mit zum Teil kräftigen Stimmungsschwankungen. Dies blieb in diesem Jahr aus. Hier Zuhause haben wir unsere feste Routine. Spielen in den Morgenstunden, den übrigen Vormittag verbringen wir mit Besorgungen oder Aufräumen, Umräumen, Ordnung schaffen. Oder die Kinderfrau kommt an einzelnen Tagen, so dass ich ein wenig arbeiten kann und unternimmt mit den Kindern kleine Ausflüge ins Freibad oder einen großen Spielplatz. Immer an dieselben Orte. Nachmittags wird konsequent geübt, danach folgen Spielverabredungen oder ausgedehntes Schwimmen.

Darüber hinaus sind wir in diesem Sommer wieder an die gleichen Orte gefahren sind, wie im vergangenen Jahr. Sogar mit dem gleichen Ablauf. Erst Paddeln mit unseren Freunden im Schwarzwald, dann weiterfahren in die Schweizer Berge, in dasselbe Hotel und sogar dasselbe Hotelzimmer wie im Vorjahr. Auch die Feier auf der Rückfahrt aus unserem Urlaub wiederholte sich. Diesmal war es zwar keine berufliche Veranstaltung, sondern der Geburtstag einer lieben Freundin meines Mannes. Dennoch wieder eine Feier zum Abschluss der Reise. Auch das wiederholte sich. Und in unserem Lieblingshaus in den Bergen haben wir ohnehin schon mehr oder weniger die gleiche Routine seit Jahren. – Überhaupt, wenn ich so darüber nachdenke – sind wir in den vergangenen Jahren wenig experimentierfreudig gewesen, was die Wahl unserer Urlaubsziele angeht. Aber weniger, dass wir darüber nachdachten, als das sich das aus unserem Wunsch, ein Ziel zu haben, was für uns alle eine gewissen Erholung bietet, ergab. So fügte es sich, dass wir im Grunde mittlerweile vier feste Reiseziele haben, die sich in beliebiger Abfolge und Reihenfolge immer wieder wiederholen.

Diese viele Routine und Gewohnheit zahlt sich aus. Beide Kinder habe ich selten so ausgeglichen erlebt. Sie lachen viel, haben ihren Spass zusammen und sind sich selbst genug. Noch immer werde ich manchmal misstrauisch, wenn es so still in den Kinderzimmern ist. Doch muss ich immer wieder feststellen, dass sie dann „nur“ in einem der beiden Zimmer sitzen und lesen, oder einfach friedlich spielen.

Maxim und Nadeschda haben Kraft getankt, aus sich selbst heraus neue Dinge zu lernen und sich zuzutrauen. An einem verregneten Nachmittag waren wir in den Bergen in einem großen Freizeitwasserpark mit vielen Rutschen. Ich traute meinen Augen nicht, als Nadeschda – auch ohne ihren großen Bruder – sich alleine auf die Rutsche wagte, und unermüdlich rutschte. Immer wieder und immer wieder. Sie hatte sichtlichen Spass daran und war am Abend so stolz auf sich selbst, dass sie sich alleine auf diese riesige Rutsche getraut hatte, in der es erst dunkel war, dann Wasser kam, und dann funkelnde Sterne. Beim täglichen für die Schule Arbeiten zeigen sich ebenso wunderbare Fortschritte. Nadeschdas neue Fähigkeiten überraschen mich immer wieder und erfüllen mich mit großer Freude. Zu Beginn der Woche waren wir einkaufen, Maxim hatte den Einkaufszettel geschrieben. Auf einmal nahm Nadeschda den Zettel und begann, die Dinge durchzustreichen, die schon im Wagen waren. „Mama, da steht doch „Wurst“, oder?“

Abgesehen davon, dass Maxim mich mit seiner Lesewut fast arm gemacht hat – ich habe, den Überblick verloren, wie viele Bücher von den ??? ich gekauft habe -, was mich natürlich genauso begeistert und ich in den sauren Apfel beisse, da ich Bücher aus der Bibliothek nicht unbedingt mag und ich das Erlebnis, dass das Buch, was man gerade sucht, nun ausgerechnet nicht da ist – überrascht er mich zunehmend mit seinem Drang, Dinge zu lernen und zu erfahren. In den Schweizer Bergen waren wir einen Tag lang mit einem Strahler unterwegs. Viel hat er uns über Kristalle erzählt und die, die er gefunden hat, um dann auch mit uns in den Berg zugehen und selbst nach Kristallen zu suchen. Die Kinder wurden nun tatsächlich fündig. Seitdem hat Maxim alles an Literatur zu Kristallen, die wir zuhause haben, im wahrsten Sinne des Wortes durchgearbeitet. Nicht einfach gelesen. Nein, er sitzt stundenlang an seinem „Arbeitsplatz“, den er sich selbst hergerichtet hat, liest und studiert die Bücher, vergleicht und macht sich Notizen. Seine eigenen Kristalle hat er alle fein säuberlich katalogisiert, mit Nummern versehen und in einer Liste erfasst, mit Namen und Fundort. Beim täglichen Üben ist es nicht mehr seine eigene Versagensangst, die ihn daran hindert, sich bestimmten Themen zu widmen, auch wenn er weiss, dass er sie nicht kann. Vielmehr hat er gelernt, dass er sich dem stellen kann und es am Ende doch schafft. Inzwischen gibt es nur Diskussionen, wenn er tatsächlich einfach keine Lust zu etwas hat, wie etwa dem Trompete spielen. Und das ist wohl ausnahmsweise normal!

Es scheint, als würden beide Kinder durch die Zeit in gewohnter Umgebung und mit klaren – wenn auch von unserem Schulalltag abweichenden – Routinen nicht ihre Kraftreserven aufbrauchen, um sich an neue Umgebungen anpassen zu müssen, sondern ihre Energie und Ressourcen nutzen, um sich selbst gewähltes Neues zu erschließen. Solange sie klein waren, ist mir das vielleicht nicht so unmittelbar aufgefallen. Da waren die Anforderungen an Nadeschda und Maxim auch noch nicht so groß. Doch diese so deutliche Erfahrung in diesen Ferien hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig Struktur und Gewohnheit für meine Kinder sind. Und vor allem ist mir bewusst geworden, was alles möglich wird, wenn wir – manchmal sklavisch – an einer so vermeintlich langweiligen Routine festhalten.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (97)

Kuh auf Alpe liegt im Gras, Bayern

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Kaum zurück aus dem einen Bergurlaub sind wir schon wieder im nächsten. Seit ein paar Tagen sind die Kinder und ich einmal wieder in unserem Lieblingshaus in den Bergen. Wunderbar ist es hier, wie immer. Tapfer waren wir in einem eiskalten Bergsee schwimmen, haben einen kleinen Gipfel erklommen und die Weite der Aussicht genossen. Auch wenn es hier nicht mehr ganz so ursprünglich ist, wie noch in den Schweizer Bergen, wo mich die viele mühevolle Handarbeit der Bergbauern sehr beeindruckt hat, so genießen wir auch hier die Natur in vollen Zügen. „Meine“ Kühe sind auch wieder da, und begrüßen mich jeden Morgen zu meinem ersten Kaffee. So bin ich an diesem Sonntag für diese drei Dinge dankbar:

  1. Nachdem wir nun zwei Drittel unserer Ferien rumhaben, sind Maxim und Nadeschda deutlich entspannter. Es zahlt sich aus, dass wir unser Programm egal ob zuhause oder unterwegs deutlich reduziert haben. Maxim’s Verspannungen im Nacken haben sich gelöst, von Kopfschmerzen und Schwindel keine Spur. Für mich ein Zeichen, doch noch einmal über unser Alltagsprogramm nachzudenken und noch ein Stück weiter zu reduzieren. Zumal die Schule nach den Ferien anziehen, und vor allem Maxim noch einmal mehr Unterricht haben wird.
  2. In diesen Freiräumen entwickelt sich auch bei den Kindern wieder sehr viel. So kam Maxim Zuhause auf einmal auf die Idee, sein Zimmer umzuräumen – was wr dann auch gemacht haben. „Mama, ich möchte jetzt eine Leseecke unter einem Vorhang haben. Wir haben doch da diese Stange. Und die könnten wir aufhängen, und dann kann ich dadrunter meinen Sessel stellen und mich unter einem Vorhang dann zurückziehen. Und mein Playmobiltisch muss auch woanders hin, so habe ich nicht genug Platz für die Cowboys auf der Koppel.“ Als ich das einer Bekannten erzählte, kommentierte sie schmunzelnd: „Er macht es sich eben auch gemütlich und sorgt für sich.“
  3. Nadeschda’s Lesebegeisterung steigt stetig. Zu gerne versinkt sie nun die Comics ihres großen Bruders und sucht nach Wörtern, die sie kennt. Und dies manchmal stundenlang.

Habt eine traumhaften Sonntag und kommt wohlbehalten in die neue Woche!

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (96)

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Photo by Tamara Menzi on unsplash.com

Schon ist er wieder vorbei, der wunderbare Urlaub in den Schweizer Bergen. Heile und erholt sind wir nach Hause zurückgelehrt. Die Tage waren wunderbar! Und der Tapetenwechsel tat wie immer gut. Der Urlaub hat gehalten, was er versprochen hat: Viel Schwimmen, traumhafte kleine Wanderungen, einen spannenden Ziegenabtrieb, viel Lesen und Kraft tanken. So starten wir mit viel Energie und Elan in die zweite Ferienhälfte und umso dankbarer bin ich heute für diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Im Wasser sind meine beiden Kinder einfach in ihrem Element. Das warme Umhülltsein scheint tatsächlich eine therapeutische Wirkung auf sie auszuüben. Zum Glück waren sowohl das Schwimmbecken im Hotel als auch die örtliche Therme so warm, dass wir es dort stundenlang aushalten konnten. Danach waren Maxim und Nadeschda wie selten entspannt und ausgeglichen.
  2. Wenn wir nicht unterwegs waren, haben Maxim und ich – manchmal  zum Bedauern von Richard und Nadeschda – gelesen wie die Weltmeister. Es ist schon faszinierend, wie mein Sohn mir in dieser Leidenschaft nacheifert. Einmal mit einer Geschichte angefangen, kann er kaum wieder aufhören zu lesen, bevor nicht das Buch zu Ende ist.
  3. Spannend war für mich, die Landschaft und die Felder und Tiere in diesem Schweizer Tal, das sich nahezu selbst versorgt, noch einmal durch eine andere Brille zu sehen. Denn voraussichtlich muss ich im kommenden Schuljahr Sachkunde und damit auch Ackerbau unterrichten. Lange hatte ich überlegt, wie man den Kindern tatsächlich einen Zugang zur ursprünglichen Form der Landwirtschaft nahebringen kann. In den Schweizer Bergen habe ich ihn gefunden.

Habt einen wunderbaren Sonntag und einen erfolgreichen und zufriedenen Start in die neue Woche!

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Mehr als eine Beinprothese – Über die besonderen Bedürfnisse von Adoptivkindern

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Photo by Kelly Sikkema on unsplash.com

Vor einigen Monaten hatte Sherrie Eldridge wieder einmal einen bewegenden Beitrag auf ihrem Blog veröffentlicht: In „ BECOME YOUR ADOPTED/FOSTER CHILD’S CHEERLEADER IN ADOPTIONS’ OLYMPICS“  schildert sie, wie Adoptivkinder immer das Gefühl haben werden, anders zu sein und irgendwie eingeschränkt, als würde etwas fehlen. Das Bild der Beinprothese, die ihnen hilft, durchs Leben zu kommen, steht symbolisch für ein sicheres Netz aus fürsorglichen Eltern, Freunden, Familie, etc. Und sie schildert dann sehr ausführlich und hilfreich, welche besonderen Bedürfnisse Adoptivkinder haben und wie wir Eltern sie erfüllen können.

Ich habe lange über dieses Bild nachgedacht. Das Bild von Sherrie ist plakativ und ihr Beitrag hat wieder etwas bei mir bewegt. Ja, sie hat so Recht: Adoptivkinder sind Kinder mit besonderen Bedürfnissen aufgrund der Verluste, die sie erlitten haben. So ist das auch bei meinen Kindern. Beide sind auf ihre Art High-Need Kinder. Nach wie vor und immer noch. Auch heute noch brauchen sie so unendlich viel Fürsorge, können nach wie vor mit Veränderungen schlecht umgehen, Gefühlsausbrüche sind immer ein Stück intensiver, Grundbedürfnisse müssen sofort befriedigt werden, ansonsten scheint es, als hätten sie Angst um ihr Leben. (In ihrer Wahrnehmung ist das auch so, und damit ist es mehr als verständlich.) Sie brauchen eine besondere Begleitung in der Schule, wo nichts so alt ist, wie der Erfolg von gestern. Kann Maxim an einem Tag das große Einmaleins, ist nicht gegeben, dass er es am nächsten Tag noch vollständig erinnert. Kann Nadeschda an einem Tag nahezu flüssig einen Text lesen, bringt sie am nächsten Tag die Buchstaben nicht unbedingt in der richtigen Reihenfolge zusammen. Die Liste der Bedürfnisse erscheint manchmal unendlich…

Mir kommt es manchmal so vor, als würde eine „Beinprothese“ gar nicht ausreichen, um die emotionalen Bedürfnisse meiner Kinder zu erfüllen. Mir erscheint es, als würden sie trotz „Beinprothese“ immer wieder stolpern. Stolpern über die seelischen Verletzungen, die die Traumatisierung des Verlustes ihrer russischen Mutter und der Erfahrungen in ihren ersten Lebensjahren gerissen hat. In meinen Augen leben meine Kinder mit einem gebrochenen Herzen. Das wurde vielleicht gekittet. Aber der Bruch, die Narbe ist immer noch da. Manchmal setzt das Herz aus, oder es läuft nicht so wie es soll und dann passieren die Aussetzer….Da bricht bei dem einen Kind der Überlebensmodus durch, der sich mit der Traumatisierung bei ihm im tiefsten Inneren eingebrannt hat, und aus dem er nur schwer wieder herauskommt. Das andere Kind wird überrollt von unbeschreiblichen und tief schmerzenden Verlustängsten, die kaum auszuhalten sind. Da braucht es dann unermesslich viel Zuneigung und Liebe, noch mehr Verständnis, unendliche Ruhe, Gelassenheit und vor allem Geduld, die Wut und die Trauer und den Schmerz, die dann herausbrechen, auszuhalten, zu trösten, zu beruhigen. Meine Kinder saugen in diesen Momenten meine Fürsorge und Zuneigung auf wie ein trockener Schwamm. Ihr emotionales Loch, das die Traumatisierung gerissen hat, scheint manchmal wie ein Faß ohne Boden zu sein, in das nie ausreichend Liebe und Zuneigung hineinfließen können. Und immer noch und immer wieder gibt es Momente, in denen ich mich frage, ob es wirklich irgendetwas gibt, was meinen Kindern hilft, mit dieser Wunde und bleibenden Narbe zu leben. Wird es irgendwann einen Zeitpunkt geben, an dem sie mit ihrer Geschichte und mit den daraus gebliebenen Narben umgehen können?

Vielleicht kommt das erst mit einem zunehmenden Alter, wenn Maxim und Nadeschda größer werden. Bei Nadeschda ist es immer noch eine diffuse Wut, die immer wieder hochkommt, oder die Trauer um ihre verlorene Kindheit und Babysein. Doch sie ist noch zu klein, um ein Bewusstsein für ihre Emotionen zu haben. Dennoch beginnt auch sie zu merken und zu erkennen, dass sie manchmal anders ist. So fragte sie mich neulich: „Warum müssen die anderen Kinder nicht so viel für die Schule üben?“, um dann fortzufahren: „Ja, wenn wir das Zuhause üben, dann kann ich das schon, und dann fällt es mir in der Schule leichter.“ Auch bei Maxim zeigt sich eine spannende Entwicklung: So wie Sherrie es beschreibt, kommen auch bei ihm mit zunehmendem Alter die Emotionen, aber diesmal bewusst. Er weiß und spürt nun, dass er traurig ist und um sein Herkunftsland trauert. Er kann das benennen. Dann können wir damit arbeiten, darüber sprechen. So wie wir viel über Russland lesen und Bildbände anschauen, eine Reise planen. Während Maxim’s Klassenlehrerin erst kürzlich zu mir sagte, wie gut sich Maxim entwickelt hat und wie gut doch beide Kinder hier angekommen sind, um so mehr spüre ich, dass es eben alles nicht normal ist. Im Gegenteil, je älter meine Kinder werden, um so mehr erleben sie bewusst und spüren, dass sie anders sind. Was sie bisher als diffusen Schmerz, Wut und Trauer erlebt haben, bekommt für sie langsam ein Gesicht und einen Namen. So verändern sich auch ihre Bedürfnisse, bzw. nein, die Urbedürfnisse als High-Need Kinder bleiben. Nach wie vor brauchen sie unumstößliche Sicherheit und eine klare Struktur, unabdingbare Verlässlichkeit, bedingungslose Liebe, Geduld, Fürsorge und ein stetiges Überbehütet sein. Doch hinzukommen nun viele der von Sherrie adressierten besonderen Bedürfnisse im Umgang mit der Geschichte ihrer Adoption.

Wohlmöglich ist am wichtigsten die Erkenntnis, dass vor allem für meine Kinder ihre Adoption ein lebenslanger Weg ist. Ihre Adoption ist eben nicht ein „Projekt“, das irgendwann abgeschlossen ist. Es ist kein Thema, das irgendwann abschließend behandelt ist. Es ist eine Lebensreise, auf der ich meine Kinder ein großes Stück begleite und so für sie da bin und ihre Bedürfnisse versuche zu erfüllen, dass sie irgendwann in der Lage sind, mit den Narben ihrer frühkindlichen Verletzungen auch alleine leben zu können.

Oder, um auch wiederum mit Sherrie’s Worten zu sprechen: Gerade weil Adoption eine Lebensreise ist, ist es ein Weg voll Hoffnung und Zuversicht, den Schmerz, die Trauer und die Wut ganz gewiss irgendwann einmal hinter sich zu lassen.