Mit Adoptivkindern heilsam durch den Sommer (Teil 2) – Warum Gewohnheit und Struktur so wichtig sind

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Danke an Pixabay.com

Jeden Abend, wenn ich Nadeschda ins Bett bringe, fragt sie mich: „Und was machen wir morgen, Mami?“ Ich erzähle ihr dann unsere Pläne für den nächsten Tag, was mit einem unermüdlichen „Und was machen wir dann am nächsten Tag?“ gefolgt wird. Nicht, dass sich meine Tochter nicht erinnern könnte, denn gestern habe ich ihr ja auch schon erzählt, was wir am Folgetag machen und wohlmöglich auch, was unsere Pläne für das Wochenende sind. Und wenn sich einmal Vorhaben ändern, dann weiß sie das auch sehr wohl. Nein, dies ist nicht Vergesslichkeit, dies ist allein der klare Ausdruck von „Ich brauche Struktur und Orientierung. Ich muss wissen, was morgen passiert, damit ich in Sicherheit einschlafen kann.“ Wahrscheinlich war das in den vergangenen Jahren auch schon so. Doch nicht zuletzt, weil meine Tochter mittlerweile sich unheimlich gut ausdrücken kann und ihrem Mitteilungsdrang auch freie Fahrt lässt, kann sie auch ihr Bedürfnis nach Sicherheit in einer Form artikulieren.

Dies sind die ersten Ferien, in denen wir nach unseren harten ersten Halbjahr wenig Programm und wenige Reisen bzw. nur kurze Reisen gemacht haben. Früher war zumindest noch einmal ein Kinderferienprogramm dabei und unsere Urlaube waren auch deutlich länger, zuweilen an neuen und unbekannten Orten. Möglichst wegfahren und die Zeit auskosten. Doch dies war immer gepaart mit einer gewissen Gewöhnungszeit, bis wir uns auch an einem neuen Ort wieder eine Routine erarbeitet hatten. Und auch immer wieder begleitet mit zum Teil kräftigen Stimmungsschwankungen. Dies blieb in diesem Jahr aus. Hier Zuhause haben wir unsere feste Routine. Spielen in den Morgenstunden, den übrigen Vormittag verbringen wir mit Besorgungen oder Aufräumen, Umräumen, Ordnung schaffen. Oder die Kinderfrau kommt an einzelnen Tagen, so dass ich ein wenig arbeiten kann und unternimmt mit den Kindern kleine Ausflüge ins Freibad oder einen großen Spielplatz. Immer an dieselben Orte. Nachmittags wird konsequent geübt, danach folgen Spielverabredungen oder ausgedehntes Schwimmen.

Darüber hinaus sind wir in diesem Sommer wieder an die gleichen Orte gefahren sind, wie im vergangenen Jahr. Sogar mit dem gleichen Ablauf. Erst Paddeln mit unseren Freunden im Schwarzwald, dann weiterfahren in die Schweizer Berge, in dasselbe Hotel und sogar dasselbe Hotelzimmer wie im Vorjahr. Auch die Feier auf der Rückfahrt aus unserem Urlaub wiederholte sich. Diesmal war es zwar keine berufliche Veranstaltung, sondern der Geburtstag einer lieben Freundin meines Mannes. Dennoch wieder eine Feier zum Abschluss der Reise. Auch das wiederholte sich. Und in unserem Lieblingshaus in den Bergen haben wir ohnehin schon mehr oder weniger die gleiche Routine seit Jahren. – Überhaupt, wenn ich so darüber nachdenke – sind wir in den vergangenen Jahren wenig experimentierfreudig gewesen, was die Wahl unserer Urlaubsziele angeht. Aber weniger, dass wir darüber nachdachten, als das sich das aus unserem Wunsch, ein Ziel zu haben, was für uns alle eine gewissen Erholung bietet, ergab. So fügte es sich, dass wir im Grunde mittlerweile vier feste Reiseziele haben, die sich in beliebiger Abfolge und Reihenfolge immer wieder wiederholen.

Diese viele Routine und Gewohnheit zahlt sich aus. Beide Kinder habe ich selten so ausgeglichen erlebt. Sie lachen viel, haben ihren Spass zusammen und sind sich selbst genug. Noch immer werde ich manchmal misstrauisch, wenn es so still in den Kinderzimmern ist. Doch muss ich immer wieder feststellen, dass sie dann „nur“ in einem der beiden Zimmer sitzen und lesen, oder einfach friedlich spielen.

Maxim und Nadeschda haben Kraft getankt, aus sich selbst heraus neue Dinge zu lernen und sich zuzutrauen. An einem verregneten Nachmittag waren wir in den Bergen in einem großen Freizeitwasserpark mit vielen Rutschen. Ich traute meinen Augen nicht, als Nadeschda – auch ohne ihren großen Bruder – sich alleine auf die Rutsche wagte, und unermüdlich rutschte. Immer wieder und immer wieder. Sie hatte sichtlichen Spass daran und war am Abend so stolz auf sich selbst, dass sie sich alleine auf diese riesige Rutsche getraut hatte, in der es erst dunkel war, dann Wasser kam, und dann funkelnde Sterne. Beim täglichen für die Schule Arbeiten zeigen sich ebenso wunderbare Fortschritte. Nadeschdas neue Fähigkeiten überraschen mich immer wieder und erfüllen mich mit großer Freude. Zu Beginn der Woche waren wir einkaufen, Maxim hatte den Einkaufszettel geschrieben. Auf einmal nahm Nadeschda den Zettel und begann, die Dinge durchzustreichen, die schon im Wagen waren. „Mama, da steht doch „Wurst“, oder?“

Abgesehen davon, dass Maxim mich mit seiner Lesewut fast arm gemacht hat – ich habe, den Überblick verloren, wie viele Bücher von den ??? ich gekauft habe -, was mich natürlich genauso begeistert und ich in den sauren Apfel beisse, da ich Bücher aus der Bibliothek nicht unbedingt mag und ich das Erlebnis, dass das Buch, was man gerade sucht, nun ausgerechnet nicht da ist – überrascht er mich zunehmend mit seinem Drang, Dinge zu lernen und zu erfahren. In den Schweizer Bergen waren wir einen Tag lang mit einem Strahler unterwegs. Viel hat er uns über Kristalle erzählt und die, die er gefunden hat, um dann auch mit uns in den Berg zugehen und selbst nach Kristallen zu suchen. Die Kinder wurden nun tatsächlich fündig. Seitdem hat Maxim alles an Literatur zu Kristallen, die wir zuhause haben, im wahrsten Sinne des Wortes durchgearbeitet. Nicht einfach gelesen. Nein, er sitzt stundenlang an seinem „Arbeitsplatz“, den er sich selbst hergerichtet hat, liest und studiert die Bücher, vergleicht und macht sich Notizen. Seine eigenen Kristalle hat er alle fein säuberlich katalogisiert, mit Nummern versehen und in einer Liste erfasst, mit Namen und Fundort. Beim täglichen Üben ist es nicht mehr seine eigene Versagensangst, die ihn daran hindert, sich bestimmten Themen zu widmen, auch wenn er weiss, dass er sie nicht kann. Vielmehr hat er gelernt, dass er sich dem stellen kann und es am Ende doch schafft. Inzwischen gibt es nur Diskussionen, wenn er tatsächlich einfach keine Lust zu etwas hat, wie etwa dem Trompete spielen. Und das ist wohl ausnahmsweise normal!

Es scheint, als würden beide Kinder durch die Zeit in gewohnter Umgebung und mit klaren – wenn auch von unserem Schulalltag abweichenden – Routinen nicht ihre Kraftreserven aufbrauchen, um sich an neue Umgebungen anpassen zu müssen, sondern ihre Energie und Ressourcen nutzen, um sich selbst gewähltes Neues zu erschließen. Solange sie klein waren, ist mir das vielleicht nicht so unmittelbar aufgefallen. Da waren die Anforderungen an Nadeschda und Maxim auch noch nicht so groß. Doch diese so deutliche Erfahrung in diesen Ferien hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig Struktur und Gewohnheit für meine Kinder sind. Und vor allem ist mir bewusst geworden, was alles möglich wird, wenn wir – manchmal sklavisch – an einer so vermeintlich langweiligen Routine festhalten.

2 Gedanken zu “Mit Adoptivkindern heilsam durch den Sommer (Teil 2) – Warum Gewohnheit und Struktur so wichtig sind

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