„Aber ich sehe gar keine (Anstrengungs-) Verweigerung….“

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Photo by Joshua Rawsom Harris on unsplash.com 

„Aber ich sehe gar keine Verweigerung…“ wendet die Förderlehrerin unserer Schule in einem Elterngespräch ein. Sie verschränkt die Arme und zieht die Lippen nach unten, als wolle sie mit dieser Geste unterstreichen, was sie unter einem anstrengungsverweigernden Verhalten versteht. „Sie ist immer so freudig bei der Sache, strahlt und erzählt sehr viel und aufgeweckt. Neulich erst haben wir die Stufen gezählt, auf dem Weg zum Klassenraum – im Haupttreppenhaus sind es 50, und im Westtreppenhaus sind es sogar 53. Und das ist gar nicht so einfach. Denn zwischendrin haben wir ja diese Treppenabsätze. Alle Kinder haben konzentriert gezählt. Nadeschda hat mir die ganze Zeit von einer Begebenheit in der Pause berichtet und erzählt. Und erzählt….“ „Genau, denke ich, aber die Stufen hat sie nicht gezählt.“ Innerlich habe ich jetzt die Wahl: Entweder könnte ich mir die Haare raufen und mich aufregen, denn zu diesem Zeitpunkt des Gesprächs haben wir bereits eine gute halbe Stunde erneut auf Symptome eines möglicherweise anstrengungsverweigernden Verhaltens unserer Tochter im Unterricht verwandt. Zudem hat die Förderlehrerin meine Abschlussarbeit zum Thema Anstrengungsverweigerung gelesen. Nun gelesen vielleicht, aber offensichtlich nicht verstanden. Oder ich kann jetzt anfangen, laut zu lachen – und sogar ein wenig stolz auf meine Tochter sein, denn ihr ist es gelungen, selbst eine wirklich alt gediente und sehr, wirklich sehr erfahrene Lehrerin erfolgreich an der Nase herumzuführen. Die so versierte und erfahrene Förderlehrerin ist ihr voll und ganz auf den Leim gegangen. Doch ein wenig ist mir auch zum Heulen zumute…

Beschäftigt an sich mit dem Phänomen der Anstrengungsverweigerung, wie Bettina Bonus sie eindrücklich in ihren Büchern darstellt, so bleiben uns beim Lesen zunächst all die Kinder im Gedächtnis, die in ihrer Anstrengungsverweigerung mit regelverletzendem Verhalten reagieren. Sie sind aggressiv, sie schlagen um sich, sie werden laut, sie greifen den Lehrer an. Es sind die Kinder, die den Unterrichtsablauf stören, die ihre Klassenkameraden drangsalieren, die als grundsätzlich schwierig und verhaltensauffällig gelten. Oder es sind die Kinder, die sich vielleicht nicht gewalttätig zeigen, aber in eine offensichtliche und deutliche Verweigerungshaltung gehen. So wie ich es damals in Maxim’s Aufnahmegespräch für die erste Klasse erlebt habe. Und auch schon bei Nadeschda an der ein oder anderen Stelle mit erfahren durfte.

Doch meist zeigen beide ihr Anstrengungsvermeidendes Verhalten außerhalb des häuslichen Umfeldes ganz anders. Ihre Wut und ihre Frustration lassen sie ausschließlich Zuhause in ihrem vertrauten Umfeld raus. Da machen sie sich Luft, da testen sie ihre Grenzen zuweilen bis zum Äußersten. Niemals aber außerhalb der vertrauten Umgebung. Nein, hier machen sie das, was sie am besten können: Sie strahlen fröhlich, sie sind umgänglich, sie wickeln ihr Gegenüber mit einer ungeahnten Charmeoffensive um den kleinen Finger. Das können beide hervorragend. Das ist ihre absolute Stärke. Logisch, denn das ist ihre Überlebensstrategie!! Mit ihrem Strahlen, mit ihrem Lächeln, mit ihrer Umgänglichkeit haben sie widrigste Umstände in frühesten Kindesjahren überlebt. Maxim war so der Liebling seiner Erzieherinnen im Kinderheim. Nadeschda bekam vielleicht etwas mehr Zuneigung und Aufmerksamkeit, wenn sie ihre Erzieherinnen im Kinderheim mit ihren großen Kulleraugen anlachte. Früh haben sie gelernt, dass sie damit am meisten Erfolg haben. Sie bekommen positive Aufmerksamkeit, sie fallen nicht (unangenehm) auf.

Fühlen sie sich also unter Druck gesetzt – und eine Aufgabe, die ihnen unlösbar erscheint, erzeugt einen solchen Druck-,  wird ihre alte Überlebensstrategie geweckt, die in diesem Falle lautet: „Lächeln, strahlen, ablenken.“ Das beherrschen beide Kinder bis zur Perfektion. Immer noch. Bis heute.

Ich muss an eine alte Begebenheit denken, als Maxim noch in der Vorklasse war: Sie bastelten Adventskalender in der Vorweihnachtszeit. Noch bereitwillig hatte sich Maxim von seiner Lehrerin aus dem Spielraum zum Arbeiten an die Schultische holen lassen. Da saß er nun, redet erst mit seinen Sitznachbarn, erzählte Witze und brachte alle zum Lachen. Malen tat er nicht, geschweige denn überhaupt einen Stift in die Hand nehmen. Erst als die Klassenlehrerin sich neben ihn setzte und ihn zum Malen ermahnte, nahm er einen Stift zur Hand. Doch als er ansetzen sollte, einen Apfel zu malen, hielt er den Stift ungelenk verkrampft und war nicht in der Lage den Impuls auf das Papier zu bringen. Seine Arme erschlafften, sein Oberkörper fiel in sich zusammen. Er rieb sich die Augen und sagte zu seiner Lehrerin: „Ich bin so müde, das ist so anstrengend. Kann ich nicht lieber spielen gehen?“ Als diese ihn nicht gehen ließ, zog Maxim das nächste Register. Mit einem Leuchten in den Augen und wieder aufgerichtetem Rumpf wendete er sich seiner Lehrerin zu: „Weißt Du was, Frau Schmidt, am Wochenende fahren der Papa und ich mit ganz vielen anderen Vätern und Kindern auf einen Bauernhof. Da fahren wir dann Traktor und gehen reiten. Der Traktor ist so schnell. Und der kommt selbst auch durch dicken Schnee. Und wir  fahren als erste hin und weil Papa’s Auto so schnell ist, können wir alle anderen überholen und sind als erste da. Das ist doch cool.“ Ehe es sich die Lehrerin versah, war die Arbeitszeit um. Ein Bild in seinem Adventskalender hatte Maxim nicht gemalt. Beim Zusammenräumen legte Maxim schnell seinen Stift weg und verschwand ins benachbarte Spielzimmer, wo er zwar ein paar vereinzelte Bausteine beim Aufräumen mit aufhob, aber im Grunde genommen mehr oder weniger nur durch den Raum streifte, ohne tatsächlich mitzuhelfen.

Es ist schwierig zu vermitteln, dass auch eine Charmeoffensive und ein überaus angenehmes und freudiges Verhalten zu den „Gesichtern“ der Anstrengungsverweigerung gehört. Denn die eigentliche Verweigerung versteckt sich erfolgreich hinter einem kindlich charmanten Verhalten. Aber nicht jedes freudige Verhalten ist als eine Ablenkung vom Erledigen einer anstrengenden Aufgabe zu sehen. Um so wichtiger ist es, wachsam zu sein, hinzuhören und zu spüren, mit welcher Intention sich ein Kind nun gerade so verhält. Vor allem, wenn man denn weiß, dass es sich um ein frühtraumatisiertes Kind handelt. Denn ja, eine Verweigerung kann man nicht immer direkt und offensichtlich sehen. Sie kann sich gut verstecken…

7 Gedanken zu “„Aber ich sehe gar keine (Anstrengungs-) Verweigerung….“

  1. Wie kann man dann auch so eine „versteckte“ Anstrencungsverweigerung reagieren? Nicht darauf einsteigen und drauf beharren dass er jetht zb ein Bild malt?

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    • Genau so. Dem Kind wohlwollend sagen, dass seine Geschichte sicherlich wichtig ist, dass aber nun Zeit ist zu arbeiten. Und es dann malen lassen, bzw. ihm helfen das Bild zu malen. Auch da gäbe es unterschiedliche Wege: 1. Wir malen das Bild zusammen. Du eins und ich eins. 2. Ich helfe Dir, Dein Bild zu malen. Wir überlegen zusammen wie wir das schaffen. Ggf. sogar dann den Stift führen, je nach Alter des Kindes. 3. Das Kind malt das Bild und man sitzt als begleitender Erwachsener nur dabei und lobt. Etc. Unter Umständen wird das anstrengungsverweigernde Kind noch weiter versuchen, auszusteigen. Dann gibt es immer noch den ultimativen Satz, der für Eltern und auch für Lehrer gilt und geht: „Du kannst jetzt gerne Theater machen / Geschichten erzählen/ etc., aber am Ende malst Du dieses Bild. Oder Du malst es gleich und ich helfe Dir dabei. Es ist Deine Entscheidung, wie lange es dauert.“

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      • genau. und dann gibt es theater mit der aufführung „ich bin armes mädchen und ihr böse erwachsene überfordern mich und haben mich nicht lieb“
        spätestens in dieser phase steigen die lehrer aus und fordern nichts weiter oder geben viel zu leichtere ausgabe. da ich die aufführung kenne, gehe ich nicht darauf ein- dann gibt es- ja nach laune und glück- zwischen 30min und 2 stunden theater mit weinen und schreihen. da ich aber dabei bleibe, ist in der nächsten phase die aufgabe doch schnell gelöst. meistens in 5 minuten. frage warum macht man zuerst erste ablenkungsaufführung und nachhher 30min-2 stunden theater, statt sich 5 min sofort anzustrengen, bleibt für alle unbeantwortet, die ansterngungsverweigerung und bindungsstörung nicht verstehen. zugegeben, auch mich, obwohl ich alles weiss, bringt es gelegentlich- besonders wenn es wirklich
        2 st dauert und mich/uns für andere tätigkeiten blokiert- auf die palme….
        andere varinate, die meine tochter oft anwendet, ist lügen- mich anlügen über die lehrerin/schule und lehrerin anlügen über mich/zu hause; HA in der schule „vergessen“ oder zu hause „gelassen zu haben“- in wirklichkeit einfach um nichts zu machen. lügenvarinate ist viel gefählicher, als nur verweigerung oder ablenkungsmanöver, besonder weil sie ohne zucken „glaubwürdig“ für aussenstehende lügt… schwierig ist, dass ihr die konsequenzen meistens egal bleiben- hauptsache sie hat eindruck, in moment damit erfolg zu haben. es ist auch eine strategie ais kinderheim- vorteil jetzt mit allen mitteln, über nachhher wird nicht nachgedacht. auch beim verstehen ist nicht einfach damit zu leben…

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  2. Pingback: „Anstrengungs-Verweigerung“? Oder: Kann man Kinder zur Freiheit tragen? – mutter-und-sohn.blog

  3. Hallo Charlotte!
    Ich verfolge Deinen Blog schon eine ganze Zeit und finde es bewundernswert wie Du den Alltag und den sich daraus ergebenden Herausforderungen in der Familie und im Beruf meisterst! Deine Blogeinträge und Berichte inspirieren mich immer wieder und lassen mich nicht selten sehr nachdenklich zurück. Auch wir kennen das Phänomen der Anstrengungsverweigerung bei unserem Sohn, den wir im Alter von 5 Minuten direkt nach der Entbindung in unsere Arme gelegt bekamen und im Alter von knapp 2 Jahren adoptieren durften. Wir hatten bis dahin eine lange unsichere Zeit, da nicht sicher war, ob wir ihn denn „behalten“ durften oder er nicht doch wieder in seine Herkunftsfamilie zurückgeführt werden sollte. Ich bin überzeugt, dass diese Unsicherheit in Verbindung mit der Trennung von seiner leiblichen Mutter in ihm tiefe Spuren hinterlassen hat, und so sehen auch wir uns immer wieder in Situationen, in denen von ihm etwas erwartet wird, das er zu diesem Zeitpunkt nicht erfüllen kann mit der Anstrengungsverweigerung konfrontiert. Auch wir können sagen, dass es bessere und schlechtere Phasen gibt, und doch habe ich oft das Gefühl, dass durch scheinbare „Kleinigkeiten“ unser fragiles Kartenhaus der Sicherheit leicht ins Wanken gebracht werden kann. Ich finde ihn oft in Deinen Schilderungen über Verhaltensweisen Deiner Tochter wider. Und auch er „beherrscht“ es meisterhaft, sich mit Charme und Wortgewandtheit aus für ihn anstrengenden, aber in den Augen der Außenwelt leicht zu lösenden Aufgaben herauszumogeln. Wobei ich ausdrücklich darauf hinweisen möchte, dass es durchaus unterschiedliche Qualitäten gibt, mit denen er sich verweigert. Zu Hause lässt er dabei seinen Emotionen freien Lauf, schäumt vor Wut, schreit, macht sich selber schlecht bishin zum völlig verzweifelten Weinen, welches nicht selten darin mündet, dass er dann völlig erschöpft in meinen Armen einschläft. (Wohlgemerkt mitten am Tag, und er ist jetzt 7 Jahre alt.) Außerhalb seiner „sicheren 4 Wände“ hat er sich sehr stark unter Kontrolle und hält seine Gefühle total zurück. Und diese übermenschliche Selbstbeherrschung führt dann dazu, dass er kaum noch in der Lage ist, sich mit Aufgaben, die an ihn herangetragen werden zu beschäftigen.
    Auch für uns ist es immer wieder schwer, Außenstehenden die Anstrengungsverweigerung zu erklären, bzw. die verschiedenen Facetten dieser zu verdeutlichen. Der meisterwiderte Satz ist: „Das ist gar nicht so ungewöhnlich, das ist ganz typisch für Kinder in dem und dem Alter und das machen auch „normale“ Kinder!“
    Das mag so sein, dass auch Kinder, die in ihren Herkunftsfamilien leben, wie ja auch wir Erwachsenen in bestimmten Situationen Strategien entwickeln, die uns zumindest zeitweise unangenehme Dinge vermeiden lassen. Aber es gibt da grundlegende Unterschiede in den Auswirkungen dieser Strategien: Wir tun das, oder auch Kinder in ihren Herkunftsfamilien mit sicherer Bindung zu ihren Bezugspersonen, ohne, dass die Aufgabe als solche uns als potentiell existenzbedrohend erscheint. Wir vermeiden Sie eine Weile, dann erscheint es aber irgendwann sinnvoll, sie, wenn auch widerwillig doch zu erledigen. Bei Kindern mit einer frühen Verunsicherung oder Störungen in der Bindungsentwicklung oder frühtraumatisierte Kinder ist das eben grundsätzlich anders. Die Überlebenstrategie der „Verweigerung“ wie auch immer sie aussieht wird immer wieder angetriggert und die Kinder sind nicht ohne Hilfe in der Lage, sich den Herausforderungen des Alltags eigenständig zu stellen. Nur durch ritualisierte Abläufe und viel, viel Geduld tritt hoffentlich irgendwann ein Lernen ein und die Kinder können hoffentlich irgendwann mit einem adäquaten Verhalten die Vermeidung überwinden.

    Es ist ein langer Weg, aber einer, der sich lohnt und irgendwann auszahlen wird. Davon bin ich überzeugt, und davon, dass unsere Kinder, auf welchem Weg auch immer sie zu uns gekommen sind, spüren, dass da Menschen sind, die sie um ihrer selbst Willen lieben und annehmen, ganz gleich wie „kaktushaft“ sie sich gerade verhalten.

    Dir und allen mit ähnlichen Erfahrungen weiterhin alles Gute und viel Geduld auf diesem Weg!

    In tiefer Verbundenheit im Geiste.
    Julia

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    • Liebe Julia,
      hab tausend Dank für Deinen so ausführlichen und tiefgreifenden Kommentar. Wie klar Du noch einmal die „Mechanismen“ der Anstrengungsverweigerung aufgreifst und schilderst! Das gibt noch einmal einen wunderbaren, interessanten Blick auf das ganze Thema. Besonders spannend finde ich auch, dass Dein Sohn zwar auch eine schwierige und unsichere Zeit hatte, bis die Adoption endlich erfolgt ist, aber er eigentlich von Beginn an, wo er auf der Welt war, fürsorgliche und liebende Eltern hatte. Und selbst bei ihm sind die Folgen der frühen Trennung von seiner leiblichen Mutter bis heute wahrzunehmen und zu erfahren.
      Danke Dir für das Teilen Deiner Erfahrungen!
      Liebe Grüße
      Charlotte

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  4. Pingback: Anstrengungsverweigerung – Von der alles dominierenden Angst | Charlotte's Adoptionsblog ©

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