Anstrengungsverweigerung – Von der alles dominierenden Angst

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Danke an Pixabay

Er kam wie gerufen, der aktuelle Post von Sherrie Eldridge „What adopted and foster kids consider worse than anger“. Wie so oft schildert Sherrie Eldridge sehr ergreifend und klar, wie die übermächtige Angst, die Adoptivkinder aufgrund ihrer traumatisierenden Erfahrungen in ihrem frühen Leben verinnerlicht haben, sie lähmt und blockiert, sie so fest im Griff hat, dass es aus ihr kein Entrinnen gibt. Diese Angst macht nicht nur hilflos und ohnmächtig, sie isoliert und blockiert die Ressourcen, selbstbewusst und selbstbestimmt das Leben in die Hand zu nehmen. Sherrie zählt ein paar Punkte auf, die ihr verwehrt blieben, weil die Angst Überhand nahm: Verabredungen nicht einhalten, Feste absagen, sich nicht in der vertrauten Umgebung von Freunden und Familie entspannen können, vorzugeben, krank zu sein, um dem ersten Schultag nach den Ferien zu entrinnen, …

Es ist genau diese Angst, die meine Kinder  vor allem meine Tochter daran hindert, in der Schule das Potenzial zu zeigen, das sie in sich trägt. Sie kann lesen und schreiben. Aber sie ist so verhaftet in ihrer Angst, zu versagen, oder etwas falsch zu machen, oder vor der Klasse zu stehen, oder sich zu melden und aktiv am Unterricht teilzunehmen, letztlich aber in der Angst, nicht überleben zu können,  dass sie am liebsten unsichtbar sein möchte und verschwinden. Gelingt ihr das in der großen Klasse, ist es gut für sie. Dann kommt sie recht gut durch den Vormittag. Gelingt ihr das nicht und ist sie im Aufmerksamkeitsfokus der Lehrerin, ist sie so blockiert, dass sie fast automatisch vieles falsch macht, was die ohnmächtige Angst erneut befeuert.

Auf Dauer betrachtet, ist es genau diese Angst, die Sherrie beschreibt – und im Amerikanischen macht es der von ihr gewählte Begriff der „gut-level fear“, die Angst, die ganz tief in unserem Bauch sitzt und alles zusammenzieht, so plakativ – die in der Konsequenz zu einem anstrengungsverweigernden Verhalten führt. Nimmt diese Angst überhand, so fühlt es sich an, als wollten wir nur noch um unser Überleben kämpfen.

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal ein Bild, dass Bettina Bonus so schön beschrieben hat, wird klar, warum ein Kind im Angesicht dieser Angst nicht mehr der Schule folgen, geschweige denn lernen und arbeiten kann: Stellen wir uns vor, wir laufen durch den Wald und treffen unerwartet auf ein Wildschwein. Wie würden wir reagieren? Im direkten Angesicht der Gefahr zeigen wir drei Reaktionsmuster: 1. Wir bauen uns vor dem Wildschwein auf und brüllen, in der Hoffnung, dass das Wildschwein selbst die Flucht ergreift. 2. Wir nehmen unsere Beine in die Hand und laufen so schnell wie möglich weg. 3. Wir könnten versuchen, mit etwas Futter und zutraulichem Verhalten, das Wildschwein abzulenken. Wenn wir aber spüren, dass diese drei Optionen ausweglos sind, bleibt uns nur 4., starr stehen zu bleiben, in dem Glauben, dass uns das Wildschwein nicht wahrnimmt und weiter seines Weges zieht.

Mit Blick auf das traumatisierte Kind hießen diese vier Reaktionsmuster in der Schule: 1. Das Kind geht in den Angriff, schreit herum, brüllt, geht unter Umständen auf den Lehrer los. 2. Das Kind verlässt fluchtartig den Klassenraum, oder geht erst gar nicht zur Schule, meist unter dem Vorwand, es wäre krank. 3. Das Kind versucht den Lehrer von der eigentlichen Aufgabe abzulenken, wie es meine Tochter zur Perfektion beherrscht. Und 4. – und das ist das häufigste Reaktionsmuster – das Kind dissoziiert im Unterricht, zieht sich zurück und lässt das Geschehen in der Klasse nur noch in einem leisen Grundrauschen an sich vorbei ziehen.

2 Gedanken zu “Anstrengungsverweigerung – Von der alles dominierenden Angst

  1. Ich finde vieles sehr richtig und nachvollziehebar in der Anstrengunsverweigerungs-denkens-richtung. Mache selber viel in die beschriebene handlungsrichtig mit meinen kindern. Jedoch denke ich, ist das ganze noch etwas komlizierter- ich würde 4 problembereiche immer betrachten, wenn ich adoptiv-/pflegekindern helfen will
    1. schädigungen in der schwangerschaft durch alkohol oder/und drogen (besonders alkohol ist bei adoptiv/pflegekindern aus russland aktuell). Dazu gibe es Bücher von H.L-Spohr, R. Feldmann, M.Landgraf, Ratgeber FASD und Schule und Erfahrungsberichte „Solange ich noch Hoffnung habe: FAScetten eines Lebens“ von Bea Menger und „Erzähl ihm nicht von den Bergen“ von M.Dorris
    2. bindungsproblematik und bindungsstörungen- hier gut und viel von K.-H. Brisch geschrieben, auf seine website sind die ganze literaturliste und oft pdf von vorträgen
    3.trauma- hier ausser bücher von B.Bonus würde ich D.Weinberg empfehlen, „Verkörperter Schrecken: Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann“ von Bessel van der Kolk, „Powerbook – Erste Hilfe für die Seele“ 2 Bänder von A.Krüger und Ratgeber „Traumatisierte Schüler in Schule und Unterricht“ von M.Lohmann
    4. genetische veranlagungen zu psyhischer labiylität, weil die adoptiv/pflegekinder oft aus familien stammen, wo schon in mehreren generationen problemen vorhanden waren, hier muss man sich konkrete problematiken anschauen

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    • Liebe Tina,
      hab lieben Dank für Deine Hinweise. Ja, natürlich ist es viel komplizierter. Leider! FAS ist bei uns kein Thema, nachweislich, deshalb habe ich mich damit nur wenig befasst, kenne aber das ein oder andere Buch, das Du erwähnst. Aber ja, Bindung ist ein ganz großes Thema, vor allem weil Lernen in den ersten Schuljahren, nein eigentlich bis in die Oberstufe über Bindung funktioniert. Das habe ich an spannenden Stellen gelesen und auch inzwischen selbst erfahren in meiner Arbeit an der Schule. Selbst 16jährige funktionieren über die Bindung. Karl Brisch aber auch andere sind da großartige Ratgeber. Mit Blick auf Trauma sind es genau die von Dir genannten. Dorothea Weinberg findet man bei mir auch in der Literaturliste und Maike Lohmann ist meine „neue Bibel“ für die Arbeit mit schwierigen Kindern an der Schule. Hab aber Dank für den Hinweis auf Bessel von der Kolk. Und was ich auch interessant finde: Deinen Hinweis auf genetische Veranlagungen des Kindes. Es ist nur schwierig, wenn man da im Vermuten bleiben muss, weil die Aktenlage der Kinder nicht mehr hergibt.
      Liebe Grüße
      Charlotte

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