„Du bist nicht meine echte Mutter!“

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Da war er dann da der Tag, vor dem sich so viele Adoptivmütter vielleicht fürchten. Vor Jahren wurden sie vielleicht im Zuge des Adoptionsprozesses darauf vorbereitet. Doch dann liefen die Jahre nach der Ankunft des Kindes so dahin, man wuchs zu einer Familie zusammen. Ja, die Adoption war natürlich immer wieder ein Thema, auch die Tatsache, dass das Kind zwei Mütter hat, manche würden von einer Herzmama und einer Bauchmama sprechen – ich persönlich finde diese Begrifflichkeit immer noch unglücklich, habe aber bis zum heutigen Tag keine andere oder bessere Begrifflichkeit gefunden. Wir umgehen sie, in dem wir von der Mama in Russland sprechen, die unseren Kindern das Leben geschenkt hat, sie manchmal bei ihrem Vornamen nennen, und von mir, als der deutschen Mama, der Mama, die nun für Maxim und Nadeschda sorgt und sie durch das Leben begleitet. Doch alles geht so seinen Gang, Herkunft und Wurzeln sind wichtig, mal mehr mal weniger. Vielmehr überlagern immer wieder andere Themen unseren Alltag. Und dann ist er da, der Tag, an dem mein Sohn wutschnaubend vor mir steht und mir mit tiefster Inbrunst ins Gesicht brüllt: „Du hast mir gar nichts zu sagen. Du bist NICHT MEINE ECHTE MUTTER!!!!!“

Ich schlucke erst einmal und halte die Worte zurück, die ich darauf vielleicht genauso impulsiv wie mein Sohn hätte antworten wollen. Ich gucke ihn ein paar Momente an und verlasse das Zimmer. Innerlich gehe ich die Treppe herunter, von der so viele Traumtherapeuten sprechen, zähle nicht bis zehn, sondern bis zwanzig und dann auch noch einmal rückwärts. Ich konzentriere mich nur auf meinen Atem. Und dann kommt mir plötzlich in den Sinn, dass ich nun die Chance habe, mich endlich einmal wirklich so zu verhalten, wie es diese unzähligen Ratgeber einem immer sagen, man es aber ganz ehrlich im Eifer des Gefechts dann doch nicht immer hinbekommt. Ich gehe zurück zu meinem Sohn, bleibe ganz ruhig, bringe ihm sein Wasser und seinen Snack, um den es vor dem Streit und seinem Wutausbruch ging und erwähne seinen wütenden Ausruf mit keiner Silbe. Verdutzt schaut er mich an, denn es ist wahrscheinlich wirklich das erste Mal, dass ich auf seinen Wutausbruch gar nicht eingehe. Ich spiele das Spiel nicht mit, ich tanze den Tanz nicht mit. Denn er würde uns beide nur verlieren lassen. 

Erst am Abend in einem ruhigen Moment greife ich das Thema der echten Mutter wieder auf. Ruhig erkläre ich Maxim, dass er eben zwei Mütter hat, das ist etwas besonderes in dem Sinne, dass er damit anders ist als die meisten Kinder in seiner Klasse. Aber ich könnte sehr gut verstehen, dass ihn das wie so vieles andere auch manchmal unendlich wütend und traurig macht. Seine russische Mutter habe ihm das Leben geschenkt – wofür wir ihr sehr dankbar sind – und ist insofern seine echte Mutter, ich bin die Mutter, die ihn ins Leben begleitet und immer für ihn da ist So bin ich auch seine echte Mutter. Es gäbe eben kein echt und unecht oder kein richtig und falsch. Wir beide wären seine Mütter, aber mit unterschiedlichen Aufgaben. Wie so oft hörte mein Sohn mir nur stumm zu, doch ich merkte, dass es in ihm anfing zu arbeiten….

Ganz ehrlich, das ist kein schönes Gefühl, wenn das eigene Kind sich vor einem aufbaut und aus tiefster Überzeugung mit unendlich viel Wut in der Stimme brüllt „Du bist nicht meine echte Mutter.“ Wenn „ECHT“ gebären und ins Leben bringen heißt, worauf sich das Mutterverständnis meist reduziert, dann wäre es tatsächlich so, dass ich nicht Maxim’s echte Mutter bin, auch wenn ich mir bis heute so sehr wünschte, es gewesen zu sein, um ihm all dieses Leid, dass ihn bis heute in mancherlei Hinsicht noch prägt, erspart haben zu können. Doch das Schicksal wollte es anders. Und es schmerzt, mit all den anderen Mutterqualitäten, mit denen ich meinen Sohn versuche ins Leben zu begleiten, ihm nur so schwer und so langsam diesen Schmerz, Wut und Trauer zu nehmen. Es kommt mir ein wenig vor, als könnte all das, all diese Liebe und Fürsorge nicht oder manchmal nur kaum dieses eine aufwiegen. Das nagt in mir. Immer noch und immer wieder.

Aber auf der anderen Seite war ich sehr stolz auf mich, mit meinem Sohn eine neue Erfahrung für mich gemacht zu haben, eben nicht auf seinen Beziehungskampf einzusteigen, nicht mit ihm zu tanzen, sondern ganz ruhig zu bleiben und an einer ganz anderen Stelle und zu einem ganz anderen Zeitpunkt das Thema mit ihm zu klären. Sein überraschtes Gesicht sprach Bände: „Da reagiert doch die Mama nicht so, wie ich es von ihr gewohnt bin…“ Es scheint, als wären wir erneut ein Stück weiter gerückt in der Entwicklung unserer Beziehung. 

5 Gedanken zu “„Du bist nicht meine echte Mutter!“

  1. Liebe Charlotte,
    ich finde, du hast gegenüber deinem Sohn toll reagiert. Natürlich bereitet man sich als Adoptiveltern innerlich auf Situationen wie diese vor. Und dennoch ist es nicht selbstverständlich, dass man auch richtig reagiert, wenn der Moment dann tatsächlich eintritt. Es war genau die richtige Entscheidung, die Wut deines Sohnes erstmal verrauchen zu lassen, so dass er empfänglicher ist für das, was du sagst. Unsere beiden Kinder sind sehr unterschiedlich: unser jüngeres Kind spricht alles aus und an, was sie so bewegt. Das gibt uns die Möglichkeit Sichtweisen und Gefühle in die richtige Richtung zu lenken. Da sind wir sofort gefordert zu reagieren. Unser älteres Kind macht viel mit sich selbst aus, spricht aber so gut wie nie über die Gefühle oder Gedanken, die gerade so in ihm wüten. Dennoch hört es mit riesengroßen Elefantenohren zu, was wir unserem jüngeren Kind erzählen und ich glaube, dadurch nimmt es auch viel mit.Wir als Mütter sind hier stärker gefragt als die Väter. Denn oft sind es die Mütter, die besonders viel von der Wut und dem Schmerz der Kinder abbekommen – die leiblichen Väter scheinen dagegen keine große Rolle zu spielen. Umso wichtiger ist es, dass wir Mütter den Kindern Stabilität geben und ihnen gegen alle Widerstände zeigen: „Ich bin für dich da und ich lasse dich nicht allein.“

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  2. Pingback: #bestofElternblogs April 2019 | Charlotte's Adoptionsblog ©

  3. Ja, toll reagiert. Immer ein gutes Gefühl sich nicht mit in den Strudel ziehen zu lassen.
    Meine Große bindet mir zwar zurzeit dauernd auf die Nase, dass sie 18 ist und ich ihr somit gar nichts zu sagen habe, aber du bist nicht meine Mutter hat sie nie gebracht, dabei ist ihre leibliche Mutter recht präsent in unserem Leben.
    Liebe Grüße und weiter gute Nerven N
    Natalie

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  4. Pingback: „Zwei Kinder und keine Entbindung?“ – Über die Ignoranz von manchen Frauenärzten…. | Charlotte's Adoptionsblog ©

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