„The Window of Stresstolerance“ – Von den Bedingungen, unter denen traumatisierte (Adoptiv-) Kinder überhaupt lernen können

frustrated math school child

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Die Ferien und unser tägliches Üben Zuhause bringen es wieder zu Tage: Sind meine Kinder in einem Zustand der inneren Ruhe und Ausgeglichenheit, sind sie wenig (oder gar nicht) belastet mit schulischem Druck, halten sie sich hauptsächlich in unserem für sie sicheren häuslichen Umfeld auf, so können sie auch gut auf ihre inneren Ressourcen zurückgreifen, um zu lernen. Maxim braucht etwa nur die Hälfte der Zeit für seine Aufgaben wie sonst in der Schulzeit. Und auch Nadeschda kann auf einmal wieder auf lang erlerntes zurückgreifen. Schon vor den Ferien war mir aufgefallen, dass Maxim in Phasen der großen Anspannung schon längt gut Gelerntes einfach vergaß. Steif und fest behauptete er, dass er die 14er Reihe des großen 1×1 nie in der Schule (und schon gar nicht zuhause) gelernt hatte. Zunächst war ich irritiert und eine gewisse Nervosität machte sich auch in mir breit. Doch dann kamen mir die Antworten auf die „schwarzen Löcher“, die sich temporär in seinem schulischen Wissen zeigten:

Mit Blick auf das Lernen gibt es zwei Aspekte, die mir erneut die Augen öffneten, warum das Lernen für meine Kinder oft so schwierig ist. Auf den ersten Aspekt war ich schon vor Monaten bei Heather Forbes gestoßen. Jedes Kind hat ein eigenes Niveau an innerem Stress, den es aushalten kann. Dieses „Fenster von Stresstoleranz“ wird darüber definiert, wie gut das Kind Druck, Angst und Überforderung aushalten kann ohne innerlich disreguliert zu werden. Hat ein Kind ein großes Fenster der Stresstoleranz, ist es in der Lage gut in der Schule zu funktionieren. Es kann sich gut kontrollieren, es kann konzentriert arbeiten, sein Gedächtnis und Erinnerungsvermögen funktionieren, es kann logisch und sequenziell denken. Kinder, die traumatischen Erfahrungen erlebt haben, haben hingegen ein kleines Fenster der Stresstoleranz, denn der traumatische Stress hat sich in ihrem Inneren manifestiert und lässt sie in ständiger „Alarmbereitschaft“ zurück. Diese Kinder erscheinen ungeduldig, impulsive und unkonzentriert, sie sind kaum in der Lage klar und rational zu denken. Dass sie oft Schwierigkeiten haben, still zu sitzen und konzentriert zu arbeiten, liegt somit auf der Hand. Alle Fähigkeiten, die für ein konzentriertes und fokussiertes Lernen erforderlich sind, können diese Kinder kaum aktivieren. 

Zum zweiten zeigen neuro-biologische Reaktionsmuster, dass in einem Zustand des dauerhaften traumatischen Stress und der emotionalen Disregulation das Großhirn deaktiviert ist. (Ich hatte hier schon einmal darüber geschrieben, um mit dem Mythos von manipulativem Verhalten aufzuräumen.) Vereinfacht beschrieben ist das Großhirn verantwortlich für das rationale Denken – und damit Handeln, das Verarbeiten von Informationen und Wissen, das logische Denken, vorausschauende Planung und Struktur. In ihm sind somit alle rationalen und bewussten, aber auch unbewussten und bildhaften Funktionen verankert, die zum Lernen notwendig sind: Analytisches rationales Denken, Erinnerungsvermögen und Gedächtnis, Vorstellungsvermögen, Logik oder auch Sprache. Das Limbische System ist verkürzt gesagt das emotionale Zentrum des Gehirns. Hier spielen sich auch die schützende Prozesse von Flucht oder Kampf ab. Im Reptiliengehirn sind alle vitalen Funktionen und damit der natürliche Selbsterhaltungstrieb des Menschen angesiedelt. Es verarbeitet externe Impulse und leitet daraus die vegetativen Reaktionen ab. In der Regel ist das Großhirn der dominierende Teil, der das Limbische System und das Reptiliengehirn kontrolliert und steuert. Fühlt sich ein traumatisiertes Kind allerdings bedroht und lebt ohnehin aufgrund der traumatischen Erfahrungen in einem dauerhaften Zustand von Stress und Erregung, dann kontrolliert nicht mehr das Großhirn seine internen Prozesse und reguliert seine Gefühle und Reaktionen. Es ist ausgeschaltet, und allein das Limbische System und das Reptiliengehirn übernehmen. 

Somit ist offensichtlich, dass ein konzentriertes und fokussiertes Lernen kaum möglich ist, wenn der Zugang zu den dafür erforderlichen Funktionen im Großhirn gestört ist. Stattdessen dominieren in diesen Kindern die Hirnbereiche des Limbischen Systems und des Reptiliengehirns, die mit dem unmittelbaren „Überleben“ des Kindes beschäftigt sind. Sie fokussieren darauf, die primären physischen und emotionalen Bedürfnisse des Kindes sicherzustellen, nicht aber darauf zu lernen. Das heißt, dass ein Kind solange nicht in der Lage ist, akademisch zu lernen, solange nicht in seiner Wahrnehmung seine physischen und psychischen Grundbedürfnisse erfüllt sind. Fühlt sich also ein Kind in der Schule und in seinem schulischen Umfeld nicht sicher, was wohl bei den meisten traumatisierten Kindern der Fall ist, so ist es gar nicht erst in der Lage, Wissen aufzunehmen, geschweige denn es zu behalten. Befindet es sich wiederum in einer sicheren und wohlgehüteten Umgebung, lässt der äußere Stress und die Anspannung nach, kann es sehr wohl wieder lernen und neue Dinge aufnehmen. 

6 Gedanken zu “„The Window of Stresstolerance“ – Von den Bedingungen, unter denen traumatisierte (Adoptiv-) Kinder überhaupt lernen können

  1. Liebe Charlotte,
    Ich bewundere immer wieder deine Kraft soviel mit den Kindern zu lernen. Ich bekomme bei jedem Lesen ein schlechteres Gewissen.
    Ich habe das beim Großen Fundevogel definitiv nicht geschafft. Wir haben alle Ferien von vorn bis hinten gebraucht um uns vom Lernen und den Streitigkeiten darum zu erholen.
    Gut, ich habe mir irgendwann zu eigen gemacht, dass Lernen aufgrund der Intelligenzminderung nicht das wichtigste ist, aber es wäre wahrscheinlich deutlich mehr möglich gewesen, vielleicht sogar ein mäßiger Hauptschulabschluss, wieviel immer der genützt haben sollte.
    Mal sehen wie es beim zweiten, deutlich intelligenteren, aber stark verhaltensauffälligen Kind laufen wird, im Moment betreibe ich „Anstrengungsverweigerung“ und versuche die Einschulung ein Jahr herauszuzögern.
    Mir graust es jetzt schon.
    Schöne Feriern euch allen
    Natalie

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    • Liebe Natalie, danke für Deine Worte. Ja, es ist auch verdammt anstrengend, sich immer wieder auf die Bedürfnisse und emotionalen Gefühlslagen der Kinder einzustellen. Aber es einfach laufen zu lassen, ist für mich auch keine Option, vor allem wenn ich weiß, dass sie es könnten, die Schule nur nicht der gute Ort ist, an dem sie lernen könnten. Selbst wenn es eine „Privatschule“ ist. Dass Du gerade „Anstrengungsverweigerung“ betreibst, kann ich nur zu gut verstehen. Nicht nur wegen des dann ggf erforderlichen Lernens, sondern auch wegen der ganzen anderen emotionalen Herausforderungen, die dann auf Kinder, wie die unseren, hereinprasseln. Schule ist und bleibt in meinen Augen ein „Schlachtfeld“… Nun genießt ihr aber auch erst einmal die Ferien, so wie wir auch!
      Liebe Grüße
      Charlotte

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      • Das Hauptmotiv für die angestrebte Rückstellung ist natürlich nicht, dass ich kein Bock auf Schule habe, sondern dass ich gemeinsam mit einigen Fachleuten der Meinung sind, dass dem Kleinen ein Jahr extra gut täte. Außerdem wäre er , wenn er nicht 16 Wochen zu früh geboren wäre ein Kann_kind.
        Und er kann halt eigentlich nicht.
        Bei der Großen habe ich irgendwann akzeptitiert, dass ich etwas will, was ich nicht bekommen werde und dabei noch unsere Bindung ruiniere.
        Die Entscheidung von der theoretischen auf die praktische Lernebene zu wechseln, war vom heutigen Standpunkt aus gesehen richtig.
        Sie war auf dem Weg zur kompletten Schulverweigerin, hatte zu dem noch eine Freundin – ebenfalls ein Adoptivkind mit FAS -, das diesen Weg ging und nun im Heim lernt wieder zur Schule zu gehen.
        Es hätte vieles besser laufen können, aber tat es eben nicht. Auch euch schöne Ferien.
        Natalie

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      • Das war mir schon klar, dass es bei Deinem kleinen Fundevogel handfeste Gründe gibt, warum er jetzt noch nicht in die Schule kommen sollte. Vor allem da Du aus den Erfahrungen mit dem großen Fundevogel gelernt hast…. Ich drücke Dir die Daumen, dass die Entscheidungen so ausfallen, wie sie für Dein Kind richtig und gut sind!
        Liebe Grüße
        Charlotte

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  2. Vieles sehe ich auch so. Aber- zum Glück hast du kein Kind, das eine wirkliche Bindungsstörung hat. Die KInder mit Bindungsstörungen können eben sehr gut manipulieren.
    Und deren vor allen Adoptiv/Pflege-Mütter können oft ausbrennen. Vielleicht wird für dich auch interessant als Blickerweiterung, wenn auch privat nicht so aktuell
    https://www.instituteforattachment.org/all-you-need-is-loveand-7-other-things-to-raise-kids-with-reactive-attachment-disorder/
    https://www.instituteforattachment.org/5-lessons-an-adoptive-mom-wishes-she-learned-earlier/#comment-10
    https://www.instituteforattachment.org/updatedrevised-blog-how-an-adoptive-mom-becomes-a-nurturing-enemy/
    https://www.instituteforattachment.org/to-the-exhausted-beautiful-unappreciated-strong-moms-of-children-with-developmental-trauma-disorder-happy-mothers-day/

    Schwerwiegende Bindungsstörung in der Kindheit
    Fachbuch von: Niels P. Rygaard
    erschienen bei Springer 2006
    ISBN: 3211297065

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