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Hasst mich mein Adoptivkind? Warum es ihm so schwer fällt, Liebe zu zeigen…

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Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Vor einiger Zeit hat Sherrie Eldridge den erneut bewegenden Post „Why does my adopted child hate me?“ veröffentlicht. Er knüpft ein wenig an meine gelegentlichen Zweifel als Adoptivmutter an und hat mich in den vergangenen Wochen immer wieder beschäftigt, auch wenn er mich jetzt noch einmal zu einer bewussten Erkenntnis gebracht hat.

Wenn ich Maxim von der Schule abholte, oder ich nach einem Tag Arbeit nach Hause kam, so wünschte ich mir doch immer wieder insgeheim, dass mein Sohn mir freudestrahlend in die Arme lief und mich umarmte. – Lange, lange hat er das nicht getan und meine Hoffnungen blieben unerfüllt. Inzwischen zeichnet sich da allerdings eine Entwicklung ab. – Stattdessen wurde ich mit Gleichgültigkeit oder manchmal auch Ablehnung empfangen. Wenn Zuhause seine Wut hochkochte, wurde ich zuweilen auf das Übelste beschimpft, getreten, geschlagen. Oder es fiel auch der Satz: „Du bist nicht meine Mama!“ Ich weiß nach all den Jahren, dass ich die Projektionsfläche für die Wut und die Trauer über seine frühkindlichen Verletzungen, die unermesslich gewesen sein müssen, bin. Meistens kann ich mit dieser Wut umgehen. Ich nehme Maxim’s Angriffe nicht mehr persönlich, auch wenn es mir lange schwer fiel. Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass er nicht mich direkt meint.

Dennoch gibt es noch heute Momente, in denen ich seine Ablehnung und Abneigung nur schwer ertragen kann. Das sind die Augenblicke, in denen ich mich frage: „Bin ich gut genug?“ Bin ich gut genug als Adoptivmutter für meine Kinder? Würden sie vielleicht eine andere Mutter weniger ablehnen? Auch dann kommen die Zweifel, ob all das, was ich für meine Kinder tue und empfinde, ausreicht. So ausreicht, dass sie mich lieben lernen können.

Auf der anderen Seite weiß ich, dass die fehlende Fähigkeit, Zuneigung zu zeigen und eher die Wut, Aggression und Trauer herauszulassen, aus dem tiefen Gefühl des Verlassenwordenseins resultiert. So wie Sherrie es schreibt. Und das genau deshalb, weil ich als Adoptivmutter eben jetzt da bin und immer für meine Kinder sorge, sie liebe und so annehme wie sie sind, genau deswegen bin ich die Zielscheibe ihrer Wut und ihrer Ablehnung. „Wenn Ihr Adoptivkind Sie schlägt, dann ist es richtig bei Ihnen angekommen.“ sagte einmal unsere Jugendamtsbetreuerin zu uns. Wie Recht sie hatte. Denn im Grunde, so absurd das vielleicht erscheinen mag, ist dies das Zeichen, dass das Adoptivkind sich sicher genug fühlt, seine tiefen Gefühle zu zeigen und herauszulassen.

Mit Blick auf Maxim weiß ich aber auch, dass sein Verhalten immer noch auch ein Ausfluss seiner Bindungsstörung ist. Wenn ich der Literatur folge, so könnte er als „unsicher vermeidend gebunden“ gelten. Diese Kinder reagieren in einer Trennungssituation kaum und spielen einfach bei Betreten des Raums durch die Bezugsperson weiter. Auch bei der Wiedervereinigung vermeiden sie den Kontakt mit der Bezugsperson. In der Literatur heißt es dazu, dass diese Kinder ein Bindungsverhalten minimieren, da dieses in der Vergangenheit nicht den gewünschten Erfolg brachte. Denn bei Furcht, Kummer, Erschöpfung oder Unsicherheit war die Bindungsperson nicht verfügbar. Maxim hat dies mit Sicherheit so erfahren in seiner Ursprungsfamilie und vor allem auch im Kinderheim.

Erst jetzt nach Jahren als Familie, nach Jahren des immer auf Gedeih und Verderb verlässlich Daseins, nach Jahren der Fürsorge, nach Jahren in einer sicheren, geborgenen und stabilen Umgebung und auch nach Jahren mit therapeutischer Unterstützung spüre ich, dass Maxim langsam heilt. Ich fühle, dass er weiß, dass er sich auf mich verlassen kann, dass ich immer für ihn da bin, dass er bei mir sicher ist. Nach all der Zeit beginnt er sich an mich zu binden ohne Wenn und Aber. Heute kommt er mir auf dem Schulhof freudig entgegen gerannt, heute zeigt und sagt er, wenn er mich braucht. Heute überschüttet er mich zuweilen mit großen Zuneigungsbekundungen. Heute schiebe ich meine Zweifel bei Seite, denn immer mehr lerne auch ich: Ja, ich bin gut genug als Maxim’s Adoptivmutter und alles ist gut so wie es ist.

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Die andere Dimension der Wut

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Foto von Sarah Mak auf unsplash.com

Nadeschda’s Wut hält an. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger. Klar, wir sind immer noch in dieser Phase zwischendrin. Und auch wenn Maxim nun wieder die Zeit mit uns verbringt, wir in der Zeit in den Bergen viel zusammen waren, so sind wir immer noch in der Übergangsphase der Ferien. Die Schule mit ihren neuen Herausforderungen schwebt immer noch wie ein umkonkretes Phantom über Nadeschdas Kopf. Dennoch, die viele Zeit zusammen hilft. Sie tut Nadeschda gut, sicher und fürsorglich umhüllt zu sein, sie gibt ihr den Raum, auch über ihre Angst hin und wieder zusprechen. Und sie gibt mir die Chance, die quälende Angst zu verstehen und nachzuerleben. Denn es ist nicht nur die Ohnmacht vor dem Phantom „Schule und 1. Klasse“. Da schwelt noch eine ganz andere Wut in ihr.

Unser Lieblingshaus in den Bergen gehört einer lieben Freundin, die nach der Ankunft von Maxim und Nadeschda ihre zwei Kinder bekommen hat. Beide Schwangerschaften haben meine Kinder miterlebt und auch beide Kinder als Säuglinge und nun mittlerweile Kleinkinder bzw. Kindergartenkinder. Nun ist auch noch eine weitere Freundin schwanger. Überraschend und unverhofft, nachdem sie sich vom natürlichen Kinderwunsch verabschiedet hatte und wie wir ein Kind aus Russland adoptiert hat. Was unmöglich schien, ist nun passiert: Sie ist schwanger und ein Baby wächst in ihrem Bauch. Nadeschda beschäftigt das ungemein. Wie kann das sein? Sie konnte doch genauso wie Du keine Babys bekommen. Warum ist da jetzt ein Baby in ihrem Bauch?

Manchmal bricht Nadeschda ihre Fragen schlagartig ab und zieht sich zurück. Dann knallen wieder mal Türen und Spielzeug fliegt durch Gegend oder es wird mutwillig ein Streit mit dem großen Bruder vom Zaun gebrochen. Oder Nadeschda wird ganz anhänglich, krabbelt auf meinen Schoß und will nur noch gehalten und getragen werden. In diesen Momenten kommt sie durch, die Wut und die Trauer, nicht in meinem  Bauch gewachsen zu sein, die Trauer und der Schmerz, nicht bei der Mama sein zu dürfen und zu können, die sie in ihrem Bauch getragen hat. In diesen Momenten macht sich die Traurigkeit breit, verlassen worden zu sein. Gepaart mit einer so schmerzhaften und unermeßlichen Wut, nicht das Glück gehabt zu haben, in eine wohlbehütete Welt hineingeboren worden zu sein.

Vielleicht wird diese Wut und der Schmerz irgendwann einmal weniger. Ich wünsche meiner Tochter so sehr, dass sie irgendwann ihr Schicksal so annehmen kann und damit leben kann, ohne sich so ohnmächtig zu fühlen. Für den Augenblick kann ich sie nur halten, ihre Wut aushalten und ihren Schmerz mit ihr tragen.

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Wenn bei meinem Kindern der Alarm im Kopf losgeht…

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Maxim sitzt am Tisch und macht Rechenhausaufgaben. Die ersten zwei Aufgaben gehen noch leicht von der Hand. Bei der dritten muss er etwas nachdenken. Er verstummt. Ich wiederhole die Aufgabe für ihn. Er erstarrt. Gefühlte Minuten passiert gar nichts. Dann wandert sein Bleistift in den Mund. Mit dem Radiergummi malt er auf seiner Tischunterlage. Dann guckt er mich wie durch einen Schleier an und sagt einfach irgendeine Zahl, die fernab von der eigentlichen Rechenaufgabe ist. Ich schaue ihn überrascht an und sage: „Mmmh, bist Du Dir sicher? Rechne nochmal nach.“ Maxim wiederholt die falsche Zahl. Ich wiederhole die Aufgabe und helfe ihm mit einem Bild. Doch Maxim hört mich schon nicht mehr. Er nimmt seinen Stift in die Faust und streicht die Aufgabe wutentbrannt durch. In der Folge wird er irgendwann den Stift und das Heft durchs Zimmer schleudern, ich werde nicht mehr ganz so verständnisvoll sein, und irgendwann wird er anfangen zu brüllen und zu toben, was irgendwann in ein verzweifeltes Weinen und Schluchzen übergeht. Ich werde ihn trösten, ihm gut zureden und nach einer halben Stunde oder auch Stunde wird er sich beruhigen und sagen: „Mama, ich habe solche Kopfschmerzen.“

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Danke an Pixabay

Nadeschda kommt wutschnaubend aus der Schule. Sie piesackt ihren Bruder und lässt nicht von ihm ab. Mich schnauzt sie nur an, wenn ich sie etwas frage. Mit geballten Fäusten stampft sie in ihr Zimmer. Sie flucht weiter, wirft ein paar Dinge durch die Gegend. Wenn ich sie frage, was los ist, stellt sie sich vor mir auf und brüllt: „Mama, ich bin wütend.“ Ja, das merke ich. Auf meine Frage, warum, kommt ein „Sag ich Dir nicht.“ Okay, ich lasse sie eine Weile in Ruhe, doch ihre Stimmung bessert sich nicht. Als unsere Übzeit beginnen soll, ist sie immer noch grantig und motzt. Erst beim Händewaschen entlädt sich die gesamte Wut und Traurigkeit. Erst schreit sie lauthals, dann weint sie bitterlich. Unter Tränen erzählt sie, dass ihre Freundin in der Schule sie im Gesicht gekniffen hat. „Ich gehe da nie mehr hin, Mama. Die Schule soll abgerissen werden.“ Schluchzend sitzt sie dann auf meinem Schoß.

Wir verbringen einen friedlichen Nachmittag im Garten. Die Kinder plantschen vergnügt in unserem Schwimmbecken, wir genießen die sommerliche Sonne, lachen viel, das Spiel ist entspannt. Plötzlich ziehen Gewitterwolken auf. Doch ein Donnern ist noch nicht zu hören. Die Kinder kommen aus dem Wasser, Maxim rutscht auf der Leiter ein wenig ab und verletzt sich leicht am kleinen Zeh. Ist er meist hart im Nehmen, steigert er sich schnell in ein hysterisches Weinen. Er zittert. Er hat Angst. Ich wickele ihn in ein Handtuch und tröste ihn. Doch plötzlich stimmt Nadeschda aus heiterem Himmel in das Weinen ihres Bruders mit ein. Sie zittert wie Espenlaub. Die Panik, die ihren Körper durchzieht, ist offensichtlich. Auch sie wickele ich in ein Handtuch und setze sie zu mir auf den Schoß. Jedes Kind auf ein Bein und halte sie ganz fest. Nach einer Weile haben sie sich so weit beruhigt, dass wir ins Haus gehen können. Doch auch dort halte, wärme und beruhige sie noch eine Stunde, bis ihre Angst verflogen ist. – Das Gewitter zog an unserem Ort vorbei, mehr als ein paar Regentropfen kam nicht herunter.

Seitdem ich Sherrie Eldridges Beitrag zu „The Game Changer…“ gelesen habe, gehen mir so viele Situationen nicht mehr aus dem Kopf, in denen bei meinen Kindern der „Alarm“ losgeht. Frust bei den Hausaufgaben, Wut und Trauer über eine Gemeinheit einer Freundin in der Schule, ein harmloses Gewitter. Die Palette der Auslöser ist vielfältig und unüberschaubar. Und erst jetzt, wenn ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, mit wie vielen unterschiedlichen Ausprägungen sich das zeigt. Denn nicht immer sind es Wutanfälle oder offensichtliche Angstmomente. Eine von Nadeschdas Lehrerinnen sagte neulich erst zu mir: „Ich spüre immer noch diese Anspannung in ihr.“ Und Maxim’s Klassenlehrerin schilderte uns in einem Elterngespräch: „ Er ist ja ein Junge, der alles immer besonders gut machen möchte.“ Ich war mir bewusst, dass die Schule anstrengend für Nadeschda ist. Stets bemüht, dort allen Anforderungen gerecht zu werden. Darauf führte ich auch die Anspannung zunächst zurück. Doch das ist nur ein Teil der „Wahrheit“. Wenn ich mir wieder das Bild des Rauchmelders vor Augen führe, wird mir klar, warum Nadeschdas Körper in der Schule immer in einem Zustand der Anspannung ist. Sie ist dort in ständiger Habacht-Stellung, als müsse sie aufpassen, wann das nächste Mal der Rauchalarm in ihrem Kopf losgeht. Genauso bei Maxim. Er versucht, in dem er sich so bemüht, alles gut und richtig zu machen, zu vermeiden, dass der Alarm ausgelöst wird. So versucht er Kontrolle über das Geschehen in der Schule zu bewahren. Dass das für ihn anstrengend ist, ist nachvollziehbar. Erst Zuhause bei den Hausaufgaben entlädt sich dann der Druck mit aller Macht. Und kaum verwunderlich, dass er am Ende eines jeden Ausbruchs über Kopfschmerzen klagt.

Ich weiß, dass unsere Kinder mit der Zeit einen anderen Umgang mit ihrem Rauchmelder im Kopf finden werden und auch schon gefunden haben. Immerhin gibt es viele Zeiten, in denen sie sich besser entspannen können, in denen sie gelöst und angstfrei durch ihr Leben gehen. Doch es braucht noch mehr als Zeit und Geduld, dass sie auch in der Schule ihre permanente Anspannung etwas ablegen können. Ich weiß allerdings noch nicht was. Ich für mich habe nur erkannt, dass vor allem Maxims Wutausbrüche bei den Hausaufgaben zu einem Teil Anzeichen einer Leistungsverweigerung und Reaktionen auf einen vermeintlichen Leistungsdruck sind. Häufig ist es aber zu einem anderen Teil der Alarm in seinem Kopf, der alle Sicherungen durchbrennen läßt. Möge mir dieses Bild beim nächsten Mal gegenwärtig sein….

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Wie fühlt sich ein Kind mit einer desorganisierten Bindungsstörung…

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Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Wieder lese ich viel über Leistungsverweigerung und Bindungsstörungen. Das hat zum einem etwas mit meiner Ausbildung zu tun. Zum anderen hallt aber auch der „Angriff auf das Urvertrauen“  immer noch nach.

Vor ein paar Tagen hat erneut Sherrie Eldridge einen knackigen Post zu ihrer eigenen Bindungsstörung veröffentlicht:

The Game Changer for My Attachment Disorder

Stellt Euch einfach nur vor, Ihr werdet Mitten in der Nacht von einem Rauchmelder geweckt. Wie geht es Euch dann? … Genau. Und so fühlen sich Adoptivkinder jeden Tag. Jeden Tag! Jede Stunde, die sie wach sind, und auch jede Stunde, wenn sie schlafen. Sie leben, so Sherrie Eldridge, mit einem permanent warnenden Rauchmelder in ihrem Kopf.

Ich fand dieses Bild so treffend und es erklärt so vieles. Auch im Leben meiner Kinder…

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Wie sich ein Baby fühlt, dass nach der Geburt seine Mutter vermisst…

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„(…) Was there something wrong with me?

Was I ugly? Too little?

Is that why she suddenly whisked me off to a dimly-lit room where pleading and plaintiff cries hovered over me, like smog in LA? (…) “

Unter dem Titel „My Set-Up for Reactive Attachment Disorder“ hat Sherrie Eldridge einen aktuellen Beitrag veröffentlicht, in dem sie die Gefühle eines Neugeborenen beschreibt, dass von seiner Mutter unmittelbar nach der Geburt getrennt wird und zur Adoption freigegeben ist.

Reactive Attachment Disorder, so heißt die Bindungsstörung, die entstehen kann, wenn Säuglinge sofort nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt werden. Diese Bindungsstörung hat mich schon oft umgetrieben. Nicht zuletzt, da wir selbst mit unseren Kindern, auf jede Fall bei Maxim, in einer gewissen Form davon konfrontiert sind. Nicht zuletzt deshalb hat mich auch das Buch von Tina Traster „Rescuing Julia Twice“ so bewegt.

Sherrie Eldridge, selbst Adoptierte und eine führende Beraterin in der amerikanischen „Adoptionsszene“ und in der Adoptionsliteratur hat nun einen Blogbeitrag zu den Anfängen von Reactive Attachment Disorder veröffentlicht, bei dem mir beim Lesen einfach die Spucke wegblieb und die Tränen kamen:

My Set-Up for Reactive Attachment Disorder

Aber lest selbst. Stellt Euch vor, wie es leiblichen Kindern bei der Geburt geht. Und dann wisst Ihr, was gerade den Kindern, die bereits unmittelbar nach der Geburt von ihrer Mutter zurückgelassen wurden, fehlt. Ich denke, treffender kann man das nicht beschreiben. Auch wenn es noch so hart ist, es ist wahrscheinlich die Wahrheit. Denn die Autorin hat es selbst erlebt.

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Kinderphilosophie: Nadeschda’s Idee von Wiedergeburt

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Nadeschda beschäftigt sich in den letzten Monaten immer wieder einmal damit, was sie denn werden will, wenn sie groß ist. Hoch im Kurs ist im Moment der Wunsch, „Tierärztin“ zu werden. Denn am liebsten will sie dabei helfen, wenn Kälbchen, Fohlen oder auch „Babyschweine“ auf die Welt kommen. Der Berufswunsch passt irgendwie gut, denn Maxim will Bauer werden, nach wie vor. Dieser Wunsch hält schon lange an. So glaubt er, den ganzen Tag auf einem Traktor durch die Gegend rasen zu können.

Meist folgt nach Nadeschda’s gedankenversunkenen Überlegungen „Mama, ich glaube, ich will Tierärztin werden.“ ein nachdenkliches „Aber da seid Ihr, der Papa und Du, ja schon tot. Ihr wartet dann auf der Sternenwiese, dass Ihr als Babys wieder auf die Welt kommen dürft.“ Vor ein paar Tagen fuhr sie dann weiter fort: „Mama, und wenn ich irgendwann mal tot bin, dann seid Ihr ja schon wieder als Babys auf die Welt gekommen. Und dann werdet Ihr wieder groß. Und wenn ich dann als Baby wieder von der Sternenwiese auf die Welt komme, holt Ihr mich dann wieder im Kinderheim ab?“

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Der stumme Schrei nach Hilfe

Wenn Adoptiveltern nicht sehen, dass ihr Kind Hilfe braucht

Nachdem ich mich vor zwei Wochen über die fehlende Unterstützung von Adoptivfamilien ausgelassen habe, möchte ich heute auch die Kehrseite der Medaille adressieren:

Wer ein Kind adoptiert und dies gar aus dem Ausland, ist sich meistens der Tatsache bewusst, dass diese Kinder körperliche Beeinträchtigungen haben können. Schielen, Kiefergaumenspalte, sprachliche Entwicklungsverzögerungen, Leistenbruch, Hörschäden. Das bringt ihre Lebensgeschichte bis zur Adoption mit, und je nach Herkunftsland sind diese körperlichen „Defizite“ auch die Chance, warum diese Kinder nicht im Land selbst sondern international zur Adoption freigegeben werden. Auf all diese körperlichen Beeinträchtigungen werden zukünftige Adoptiveltern vorbereitet. Ich kenne keine Adoptivfamilie, die nicht die kritische Frage „Halten Sie körperlichen Beeinträchtigungen bei ihrem Adoptivkind für zumutbar?“ beantworten musste. Und sie alle haben sie mit „ja“ beantwortet. Schließlich haben wir in Deutschland ein modernes Gesundheitssystem, das körperliche „Mängel“ beheben kann. Oft haben Adoptivfamilien Glück. Die meisten Adoptivkinder vor allem aus dem Ausland sind physisch kerngesund. Adoptivkinder mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind eher in der Minderheit. Wird ein Adoptivkind mit körperlichen Beeinträchtigungen in die Familie aufgenommen, kümmern sich alle Eltern um das Heilen und Gesundwerden.

Ein Leistenbruch oder eine Gaumenspalte lassen sich operieren und damit reparieren. Das meist mit dem richtigen Arzt auch schnell und nachhaltig. Doch tragen Adoptivkinder, die früh von ihren leiblichen Eltern verlassen wurden und die lange Zeit ihrer ersten Lebensjahren in Heimen aufgewachsen sind, noch ganz andere Verletzungen von dieser Lebensgeschichte. Durch die Trennung von der leiblichen Mutter ist ihr Urvertrauen zerstört worden, das Leben im Heim mit wechselndem und nicht immer fürsorglichem Pflegepersonal hat häufig Bindungsstörungen in vielfältiger Form verursacht. Die Seelen dieser Kinder sind meist tief verletzt. Dies ist meiner Meinung nach bei der Mehrzahl dieser Kinder so. Diese Wunden aber sind selten sichtbar. Und im Vorfeld einer Adoption wird auf diese psychischen Beeinträchtigungen kaum oder nur verhalten offensiv hingewiesen. Erst wenn die Kinder ein paar Wochen, Monate in ihren Adoptivfamilien leben, kommen diese psychischen Wunden zum Vorschein. Zunächst sind die Kinder noch in einer Anpassungsphase, in der sie alles tun, um ja ihren Adoptiveltern zu gefallen, damit sie nicht ein erneutes Mal abgegeben werden. Doch spätestens nach einem halben Jahr lassen sie die Hüllen fallen. „Selten hält es ein Kind länger als ein halbes Jahr durch, seine seelischen Wunden und sein Trauma zu verbergen.“ sagte einmal unsere Betreuerin vom Jugendamt zu mir. Dann zeigt sich das Trauma des Weggeben-worden-Seins in seiner ganzen Massivität: Wutanfälle, aggressives Verhalten, Zerstörungsdrang gegen sich selbst oder gegen andere, Distanzlosigkeit oder totale Ablehnung von körperlicher Zuneigung der Adoptiveltern, sich in den Schlaf schaukeln, Hyperaktivität, Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, Essstörungen, um nur einige zu nennen.

Die meisten Adoptivfamilien setzen sich mit diesen Herausforderungen auseinander, lesen Ratgeber, lassen sich von Erziehungsspezialisten beraten, stellen ihren Lebenswandel um, suchen sich, wenn sie es alleine nicht mehr schaffen, die professionelle Hilfe von Therapeuten und Ärzten. Damit beginnt ein langsamer Heilungsprozess, an dessen Ende das Adoptivkind seine seelischen Wunden verarbeitet, eine stabile Bindung zu seinen Adoptiveltern aufbauen kann, ein gesundes Selbstgefühl entwickelt und sich sicher und geborgen fühlt. Das ist meist harte Arbeit, für das Kind und seine Adoptivfamilie, und immer ein jahrelanger Prozess mit vielen Rückschlägen, der unzählige Opfer verlangt. Doch am Ende wird die Gewissheit siegen, ein Kind in ein gesundes und beständiges Leben hineingeführt zu haben.

Zu meinem Bedauern gibt es aber auch immer wieder Adoptivfamilien, die die seelischen Wunden ihrer Kinder nicht sehen oder auch nicht sehen wollen. Ich bin mit einzelnen Fällen konfrontiert worden, in denen die Auswirkungen der psychischen Verletzungen einfach nicht wahrgenommen werden, klein geredet werden. „Er schuckelt sich eben immer noch in den Schlaf.“ sagt da eine Adoptivmutter. Das noch mehrere Jahre nach der Adoption. Aber ansonsten ist alles wunderbar und das Leben des Jungen geht unverändert weiter. Schule, dreimal die Woche Fussballtraining, Klavierunterricht, Schwimmen, jeden Abend zwei Stunden Hausaufgaben, danach zwei Stunden spielen auf dem IPad, bis der Schlaf ihn irgendwann übermannt. Die Eltern arbeiten beide Vollzeit mit vielen Abwesenheiten, das Au Pair-Mädchen übernimmt die Kinderbetreuung. In einem anderen Fall zeigt die Adoptivtochter ein unkontrolliertes aggressives Verhalten, wenn sie mit anderen Kinder zusammen spielen soll. Auch sie lebt mittlerweile seit mehreren Jahren in ihrer Adoptivfamilie. Wie aus dem Nichts schubst, tritt, beisst sie, schlägt um sich. Freunde hat sie keine. „Ja, ich weiss, manchmal ist sie im Moment schwierig. Ich weiss auch nicht, woher das kommt. Aber im Kindergarten läuft doch alles gut.“ Und auch hier wird weitergemacht, wie bisher. Die stummen Schreie der Kinder nach Hilfe werden nicht gehört. Sie werden zugedeckt unter dem Mantel der überdurchschnittlichen Entwicklung der Kinder – er kann schon Fahrradfahren, sie hat schon ihren Freischwimmer, sie ist in der Schule sehr ehrgeizig, er spielt fantastisch Klavier.

Mir tut es um diese Kinder so unendlich leid. Es könnte ihnen mit einem anderen ruhigeren Alltag und professioneller Hilfe so viel besser gehen. Aber therapeutische Hilfe mag ja oft auch als Zeichen von Schwäche gesehen werden. Vor allem aber ist es unbequem. Ich muss ja dann auch als Familie mein Leben vielleicht ändern. Auch ich habe mich lange der Illusion hingegeben, mit meinen beiden Adoptivkindern ein „normales“ Leben zu führen. Doch auch bei uns traten seelischen Wunden deutlicher auf, als wir das erahnen konnten. Auch ich habe erst versucht, diese Schwierigkeiten alleine zu lösen, bin aber schnell an meine Grenzen gestoßen. Ich habe mir professionelle Hilfe geholt, für die ich heute sehr dankbar bin. Denn auch ich als Adoptivmutter bin mit den Therapien meiner Kinder gewachsen. Die Heilung  meiner Kinder erleben zu dürfen, ist mehr als ein Geschenk. Um so mehr bin ich fassungslos, wenn ich von diesen problematischen „Fällen“ höre oder sie erlebe, in denen die Adoptiveltern einfach ihre Augen verschließen. Das ist naiv. Denn in einem späteren Alter, meist in der Pubertät passiert genau das mit diesen Kindern, was die Fachliteratur immer als „Horrorszenarien“ schildert: Sie lügen, stehlen, schlagen und prügeln sich, zerstören vor Wut die Einrichtung im Haus der Eltern, etc. Es sind diese Kinder, die die Literatur als „hochproblematisch“ bezeichnet. Doch soweit muss es meiner Meinung nach nicht kommen. Eltern können ihren Kindern helfen, frühzeitig. Doch dafür müssten sie Abschied nehmen von der Illusion, dass Adoptivfamilien ganz „normale“ Familien sind.