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Herkunft (reloaded): Sie spielten ihr eigenes Schicksal…

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Photo by Marco Bianchetti on unsplash.com

Im Frühsommer arbeitete ich für eine Theaterproduktion an der Schule, mit der 8. Klasse. Alle Kinder waren mitten in der Pubertät und sehr mit ihrem eigenen inneren emotionalen und seelischen Umbau beschäftigt. Zwei Jugendliche sind mir nachhaltig in Erinnerung geblieben, denn das Engagement mit dem sie ihre Rollen ausfüllten, zeigte zuweilen eine ganz besondere Art der Besessenheit.

Wir spielten „Oliver Twist“. Für diejenigen, die die Handlung des Klassikers von Charles Dickens nicht vor Augen haben: Eine junge schwangere Frau bricht erschöpft und völlig  ermattet in einer regnerischen Nacht vor einem Waisenhaus zusammen. Sie bringt noch ein Kind, Oliver, zur Welt und stirbt. Oliver Twist lebt fortan in einem Waisenhaus, bis er mit zehn Jahren in die Lehre bei einem Bestatter gehen soll. Von dort flieht er nach London und wird von einer Bande Kleinganoven aufgenommen. Bei seinem ersten eigenen Diebstahl begegnet er dem reichen Mr. Brownlow, der, wie sich später nach vielen Irrungen und Wirkungen herausstellt, Olivers Großvater ist.

Das Mädchen, das die Agnes, Olivers Mutter, spielte, fiel mir zunächst auf, weil sie zunächst so eine ganz fixe Idee von ihrem Kleid hatte. Zunächst tat ich das als „kleinen Mädchen Traum“ ab und ließ sie gewähren. Alle anderen sahen eher ihre Kostüme aus einer kritischen Distanz. Es war fast eher peinlich, so alten „Fummel“ anzuziehen. Auch als sie dann über mehrere Tage mit immer wieder neuen Ideen kam, wie man denn den schwangeren Bauch ausstopfen könnte, wurde ich noch nicht hellhörig. Bei den Proben war sie oft unkonzentriert und wenig bei der Sache. Lediglich der Schrei, den sie in der Geburtsszene ausstoßen musste, saß. Um so überraschter war ich, als „Agnes“ bei den eigentlichen Aufführungen dann ihre Rolle herzergreifend spielte. Wenn sie den Saal hinunter ging zur Bühne – auf dem Weg zum Waisenhaus, spürte man förmlich den Schmerz dieser Welt, der auf ihren Schultern lastete.

Genauso bewegte mich die Darstellung des Mr. Brownlow. Der Junge, der ihn spielte, war mir schon im Unterricht in der 8. Klasse aufgefallen. Nicht weil er nun der Cleverste war, aber er war so über aus bemüht und engagiert, bei mir, weniger bei seinem Klassenlehrer. Wenn ich ihn schon morgens auf dem Parkplatz traf, suchte er immer den Kontakt zu mir, als wollte er mir irgendetwas ganz anderes mitteilen. Die Fürsorge, mit der er als Mr. Brownlow sich um den Waisenjungen Oliver kümmerte, war bemerkenswert. Und in der Schlussszene, in der der Großvater seinen verlorenen Enkel in die Arme schließt, schien es, als würde der Schüler hier einen ganz tiefen eigenen inneren Wunsch zum Ausdruck bringen.

Vor ein paar Tagen nun schaute ich mir die Bilder der Aufführung noch einmal mit einer Kollegin an. Bei einem Foto der schmerzverzerrten Agnes bemerkte ich noch einmal, wie bewundernswert ich ihr Spiel fand. Unser Gespräch driftete zu den beiden Schülern. Als ich feststellte, dass der Schüler, der Mr. Brownlow spielte, so anders sei als sein Bruder, den ich aktuell im Unterricht habe, sagte sie: „Nun ja, die beiden haben ja auch nicht die gleichen Eltern.“ Ich schien wohl zu stutzen, obwohl mir die Antwort klar war, denn sie ergänzte: „Die beiden Jungen sind adoptiert. Und ich meine die „Agnes“ auch.“

Da war mir klar, warum diese beiden Schüler so in ihren Rollen auf der Bühne versunken waren: Sie spielten ihr eigenes Schicksal…

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Wurzelsuche – ein bewegendes Interview mit Irmela Wiemann

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Just kurz nach der Veröffentlichung meines Posts in der vergangenen Woche zur Suche nach den „Herzwurzeln“, stieß ich auf ein sehr bewegendes Interview mit Irmela Wieman in der Aargauer Zeitung. In „Das Leid wird unterschätzt: Was illegal adoptierte Kinder durchmachen“ schildert die langjährige Adoptionsexpertin Wiemann, warum die Suche nach den Wurzeln und den leiblichen Eltern für Adoptierte so wichtig ist und welche schmerzhafte und eben traumatisierende Folgen die Trennung vor allem von der leiblichen Mutter hat. Es geht dabei nicht nur um illegal adoptierte Kinder, sondern sehr grundsätzlich um alle adoptierten Kinder. Mehr als ein lesenswerter Artikel….

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Auf der Suche nach den „Herzwurzeln“ – Biografiearbeit ist so individuell wie jedes Adoptivkind

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Photo by Annie Spratt on unsplash.com

Zweimal im Jahr organisiere ich Treffen für Adoptivfamilien. Ich finde das wichtig, diesen Familien eine Möglichkeit zu geben, sich in einem ungezwungenen Rahmen auszutauschen. Meist haben wir an diesen Treffen auch immer wieder einen kleinen Seminarteil zu Adoptionsrelevanten Themen für die Eltern. Sei es über die Zusammenarbeit mit der Schule oder die „Anstrengungsverweigerung“ und der Umgang mit dieser oder über den Umgang mit Wut und Frustration. Eine Adoptivmutter, die regelmäßig zu diesen Treffen kommt, stresst nun seit Jahren das Thema „Biografiearbeit“.  Das wäre so wichtig, und wir Eltern müssten unbedingt daran arbeiten, und die Kinder auch. So ein ganzes Wochenende mit ganz intensiver Biografiearbeit in der großen Runde, natürlich Eltern und Kinder aus unterschiedlichen Perspektiven. Ich habe das immer wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber irgendwie traute ich mich nicht dadran. Irgendwie gab es für mich immer wieder einen Störfaktor. Und nun weiß ich auch warum….

Ohne Zweifel Biografiearbeit ist ungeheuerlich wichtig! Adoptivkinder wollen und sollen irgendwann ihren Wurzeln nachspüren, ihre Geschichte und ihre Herkunft kennen, verstehen und einen eigenen Umgang damit finden. Zu schmerzhaft sind die Wunden, die die Trennung von der leiblichen Mutter gerissen haben und zu omnipräsent die Folgen daraus. Ungeachtet der weiteren Lebensgeschichte, wie vielleicht ein Leben in einem Kinderheim oder die kulturelle Entwurzelung durch die Adoption. In der Euphorie der Adoption geht schnell verloren, was ein Kind auch mit seinem neuen Leben in einem anderen Land alles verliert. Ein Bild hat sich in mein Gedächtnis unlösbar eingebrannt: bei einem der Kinderheimbesuche in unserem Adoptionsprozess sahen wir Maxim, wie er mit seiner Gruppe zu einem Spaziergang aufbrach. Deutlich war zu sehen, wie wohl er sich da fühlte. Glücklich winkte er uns damals von der anderen Straßenseite zu. In diesem Augenblick wurde mir zum ersten Mal bewusst, was wir ihm auch alles mit der Adoption nahmen.

Dass Adoptiveltern sich auch intensiv damit auseinandersetzen müssen, wie Biografiearbeit heilsam eingebracht wird, ist genauso unbenommen. Entscheidend ist, das erforderliche Maß an Sensibilität zu haben, offen mit dem Thema umzugehen, sich selbst mit der Rolle der Adoptivmutter auseinandergesetzt und einen friedvollen und demütigen Umgang mit der leiblichen Mutter gefunden zu haben. Neben ein paar praktischen Werkzeugen, wie man gemeinsam mit seinem Adoptivkind, sich über seine Herkunft und seine Wurzeln und den damit verbundenen Gefühlen auseinandersetzen kann. Vor allem Irmela Wiemann hat hier im Deutschsprachigen Raum Großartiges geleistet. Ihre Ratgeber sind mehr als hilfreich und in meinen Augen Pflichtlektüre für alle Adoptiveltern. Lange habe ich ein passendes Kinderbuch zur Herkunfts- und Wurzelsuche vermisst. Auch das hat Irmela Wiemann gemeinsam mit Schirin Homeier mit „Herzwurzeln“ veröffentlicht.

Jannik ist Pflegekind und lebt erst seid ein paar Wochen bei seiner Pflegefamilie. In seiner Klasse lernt er Ayana kennen, die als Baby von ihren Eltern aus Äthiopien adoptiert wurde. Jannik versucht, in seiner Pflegefamilie anzukommen, aber immer wieder wird er von seiner „Blitzwut“, mit Trauer und Schmerz um die Tatsache, dass er nicht mehr mit seiner Mutter und seinen Geschwistern zusammenleben darf, eingeholt. Ayana ist auf der Suche nach ihren äthiopischen Wurzeln. Auch sie kämpft immer wieder mit Wut und Verzweiflung. Als die Bemühungen ihrer Eltern wieder einmal nicht fruchten, ergreift sie selbst die Initiative und schickt ihren Papagei mit einem Brief an ihre leibliche Mutter nach Äthiopien. In ihrem gemeinsamen Leid freunden sich Ayana und Jannik an und finden beide nach einem langen Weg ihre „Herzwurzeln“ in sich und in ihren Familien. Der Geschichte haben Schiri Homeier und Irmela Wiemann erstmals einen Ratgeberteil für Kinder angefügt, in dem nicht nur die Fachbegriffe aus dem Adoptions- und Pflegewesen kindgerecht erklärt werden, sondern genauso die Konzepte und unterschiedlichen Formen von Elternschaft und Familie. Mit wunderbaren Illustrationen gibt sie den Kindern Hilfestellungen für den Umgang mit diffusen Gefühlen wie etwa der „Blitzwut“ oder der Angst vor weiteren Verletzungen, die eingesperrt ist im „Herz mit den zwei Kammern“. Ergänzt wird das Buch um einen weiteren Ratgeberteil für Erwachsene, in dem Herkunftseltern, Adoptiveltern, aber auch Fachpersonal angesprochen werden.

In den Sommerferien habe ich es nun zum zweiten Mal gelesen. In der Hoffnung, dass vor allem auch Maxim vielleicht darauf anspringt. Tat er aber nicht. Obwohl wir, als er kleiner war, schon immer mal das ein oder andere Kinderbuch, in dem das Thema Adoption kindgerecht dargestellt wird, gelesen haben. Obwohl das Thema „Herkunft“ gerade wieder in den vergangenen Wochen wieder sehr präsent ist.

Maxim ist im „Russlandfieber“. Er will russisch lernen, er liest Geschichten über Moskau, er erkämpft sich selbst im Moment das russische Alphabet Buchstabe für Buchstabe. Und am liebsten will er schon morgen nach Moskau fliegen. Kaum kann er es erwarten, dass endlich sein russischer Pass neu ausgestellt ist. Nadeschda hingegen zeigt entweder gar kein Interesse oder vehemente Ablehnung: „Mama, ich will keinen russischen Pass. Der ist nur für die Babys, die daher kommen. Ich brauche das nicht. Und ich will das nicht. Und wenn ich Nein sage, dann heißt das auch Nein. Verstanden?“ Was beiden gemein ist, dass sie keinerlei Regung zeigen, nach ihrer russischen Mutter zu suchen. Maxim will seine russischen Wurzeln kennenlernen, versinnbildlicht mit dem Roten Platz in Moskau. Da will er hin. Aus den Büchern hier zuhause hat er inzwischen nahezu jedes Denkmal und Gebäude, das sich um den Roten Platz formiert, verinnerlicht. Doch weder seine Geburtsstadt, noch das Kinderheim, oder seine biologischen Wurzeln scheinen ihn zu interessieren. Doch bei näherer Betrachtung spürt er, dass er an diese Wunden nicht ran will. Das schafft er noch nicht. Mit seiner doppelten Elternschaft will er sich noch nicht auseinandersetzen. Auch Nadeschda hat das für sich wieder ganz weit unten in ihrem Inneren vergraben, nachdem es im vergangenen Herbst einmal für kurze Zeit aufflammte, aber von außen an sie herangetragen. Und ihre Reaktion damals war deutlich, dass sie sich damit nicht auseinandersetzen wollte.

Da wurde mir noch einmal bewusst, dass Biografiearbeit und das Auseinandersetzen mit der Herkunft ein sehr individueller Prozess ist. Es geht eben nicht nur darum, einen Ratgeber zu lesen, ein Seminar zu besuchen, um dann anschließend ein „Lebensbuch“ mit seinem Adoptivkind zu basteln, ein Bild der leiblichen Mutter zu malen und ihr einen Brief zu schreiben und dann irgendwann, wenn das Kind es wünscht, in sein Herkunftsland zu reisen und möglicherweise die leibliche Mutter zu suchen. Das ist alles wichtig! Und Adoptiveltern brauchen die professionelle Unterstützung und die Impulse, die eben vor allem Irmela Wiemann setzt. Doch danach ist es in meinen Augen ein sehr individueller Prozess, wie die Biografiearbeit zuhause in der Familie gestaltet wird. Sie muss meiner Meinung nach so individuell sein, wie die Lebensgeschichte eines jeden Adoptivkindes und auch so individuell und einzigartig, wie der Umgang des Kindes mit seiner Geschichte ist. Das sehe ich bei meinen eigenen Kindern. Sie haben dieselbe russische Mutter, sie teilen einen Großteil der Geschichte, auch bevor sie zu uns kamen. Aber beide haben einen ganz eigenen Umgang damit. Einen Umgang, der mich eben nicht die Ratschläge wie „Projekte“, wie die Fachliteratur sie vorschlägt, Checklistenartig bei meinen Kindern abarbeiten lässt.

Wie individuell jedes Adoptivkind mit seiner Geschichte umgeht, sehe ich auch in unserem Freundes- und Bekanntenkreis. Manche Adoptivkinder möchten unbedingt zurück in das Kinderheim fahren, aus dem sie kommen. Andere lehnen ihren russischen Namen ab mit der Begründung, sie haben an ihn keine schönen Erinnerungen. Entscheidend ist am Ende, dass wir als Eltern unseren Kindern die Offenheit deutlich zeigen, dass sie mit uns Adoptiveltern über ihre Herkunft und ihre Geschichte sprechen können, dass sie aber das Tempo und den Weg und auch den Inhalt bestimmen. Denn vor allem ist es ihre ganz persönliche Geschichte mit ihren ganz persönlichen traurigen Gefühlen. Einfühlsam und in meinen Augen auch nur ganz privat im Kreise der Familie sollte es den Raum geben, wo unsere Adoptivkinder sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen dürfen, wann und wie sie wollen. Und so, wie es für sie heilsam und gut ist.

 

Informationen zu „Herzwurzeln“:

„Herzwurzeln“

Schirin Homeier und Irmela Wiemann

Mabuse-Verlag GmbH, Frankfurt a.M. 2016

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Von Vorurteilen – Wenn ein gut gemeintes Lob doch eine Ohrfeige ist

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Photo by Annie Spratt on unsplash.com

Die Welt ist klein, auch wenn man in einem Ballungsgebiet wie wir leben. Denn neulich erzählte mir unsere Kinderfrau, die in der nächst größeren Stadt lebt, dass sie in ihrem Sportstudio eine Nachbarin von uns getroffen habe. Dies sprach sie wohl an: „Sie sind doch jetzt bei der Familie, die die zwei Kinder aus Russland adoptiert hat? (…) Ach, die sind ja so wohlerzogen.“

Das mag ja schön sein, dass an unserem Wohnort die Leute den Eindruck haben, dass meine Kinder wohlerzogen sind. Und so war es wohl auch als ein Kompliment gemeint. Doch kam es bei mir wie eine Ohrfeige an. Denn für mich schwang mit: „Das hätte ich jetzt nicht gedacht, dass russische Adoptivkinder sich so gut benehmen können.“ Da waren sie wieder die Vorurteile. Lange hatten sie uns nicht beschäftigt. In den vergangenen Jahren hatten wir ohnehin recht wenig Kontakt an unserem Wohnort, seitdem Maxim und Nadeschda in einen anderen Kindergarten und Schule gegangen waren. Doch offensichtlich ist der Stempel der „Russenkinder“ geblieben.

Als mein Ärger verrauchte, dachte ich an einen Ausspruch von Bettina Bonus auf einem ihrer Vorträge, der ungefähr sinngemäß so lautete: „Achten Sie auf das Äußerliche Ihrer Kinder. Denn so ecken sie weniger an und fallen weniger auf. Ziehen Sie ihrem Sohn ruhig die Kordhose, das weiße Hemd und den Pullunder an. Dann hat man gleich ein positives Bild von ihm.“ Wie recht sie behalten sollte! Ja, nach all den Jahren ist es auch mir in Fleisch und Blut übergegangen, bei meinen Kindern immer auf ein möglichst gepflegtes Aussehen zu achten. Zu meinem großen Glück ziehen sie auch immer noch das an, was ich ihnen hinlege. Und genauso sind sie in der Öffentlichkeit sehr höfliche und freundliche Kinder. Das habe ich ihnen zwar nicht anerzogen, doch folgen sie hier wahrscheinlich einfach dem Beispiel von uns Eltern. Dennoch gebe ich zu, dass es natürlich beruhigend ist, dass Maxim und Nadeschda eben nicht unangenehm in der Öffentlichkeit auffallen, sondern eben ganz im Gegenteil. Der Ausspruch der Dame im Sportstudio bestätigt das. Wie würde man da draußen wohl über meine Kinder sprechen, wenn sie sich nicht so „wohlerzogen“ verhielten?

Eigentlich mag ich es mir gar nicht ausmalen. Denn dann kehrt nur meine eigene innere Wut zurück. Warum dürfen Maxim und Nadeschda nicht einfach da draußen ganz normale Kinder sein? Ist ja schön, dass sie als wohlerzogen gelten. Die „Ohrfeige“ tat dennoch weh. Doch schlucke ich lieber meinen Ärger runter, freue mich über meine wunderbaren Kinder und fahre in die Stadt, um Maxim einen neue Kordhose zu kaufen.

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Herkunft reloaded (6): Trauer um das verlorene Babysein

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Photo by Tim Gouw on unsplash.com

Der Schmerz sitzt tief. Der schmerzliche Verlust, nicht ein Baby gewesen zu sein, wie alle anderen, die in Liebe und Fürsorge ihre ersten Lebensmonate verbrachten, umgeben von der sorgenden Mutterhülle, mit Menschen drum herum, die sich alle so über die Geburt des neuen Menschenkindes freuen. Immer wieder holt dieser Schmerz meine Tochter ein. Mit ihm kommt die Wut. Denn nur mit ihr kann der ohnmächtigen Trauer Ausdruck verliehen werden. Und so hat sie wieder Einzug gehalten in unseren Alltag, diese andere Dimension der Wut. Es ist nicht die Frustration über die Schule und die Angst dort zu scheitern. Ja, auch die ist manchmal da. Doch im Moment dominiert einmal wieder die Wut, so vieles nicht gehabt zu haben, was andere Babys haben. Geweckt durch bestimmte Ereignisse in den vergangenen Tagen und Wochen:

Da war der Streit und das Gespräch mit Marie über „echte Eltern“ vor ein paar Tagen. Nadeschda hatte nicht mitbekommen, dass ich mit Marie gesprochen hatte. Ich wunderte mich nur im weiteren Verlauf des Nachmittags, dass Nadeschda so wütend war und ihr nichts passte, was Marie tat. Ständig hatten sich die beiden Mädchen in den Haaren. Am Abend fragte ich Nadeschda, ob sie wütend gewesen wäre, weil Marie zu ihr gesagt hatte, dass ich nicht ihre echte Mutter bin. Es kam ein fast erleichtertes Ja. „Aber Mama, das kann die doch nicht einfach sagen. Das stimmt doch gar nicht! – Die Marie ist blöd. Die ist nicht mehr meine Freundin.“ Ich erzählte daraufhin meiner Tochter von meinem Gespräch mit Marie. „Und weisst Du, was Marie am Ende gesagt hat?“ Nadeschda schaut mich fragend an. „Sie will jetzt auch zwei Mamas und zwei Papas haben.“ Ein Lächeln huscht über das Gesicht meiner Tochter und ihre zornverdunkelten Augen hellen sich ein wenig auf. „Warum?“ Ich: „Vielleicht weil sie es toll findet, zwei Eltern zu haben.“ „Mmhhmm, manchmal ist das aber auch gar nicht schön…“ entgegnet meine Tochter. Ich nehme sie in den Arm und flüstere ein: „ Ja, ich weiss.“

Das Baby meiner Freundin kommt bald auf die Welt. Seitdem wir sie das letzte Mal besuchten, wo natürlich viel über das Baby gesprochen wurde, gärt die Wut in Nadeschda. Deutlich wurde mir das erst vor ein paar Tagen, als ich mit Nadeschda zusammen ein Geschenk zur Geburt aussuchte. Erst fragte Nadeschda mich immer wieder: „Mama, warum bekommen Babys zur Geburt ein Geschenk? Habe ich auch Geschenke bekommen?“ Da dämmerte mir schon, was in meiner Tochter gerade vor sich ging. Im Kindergeschäft wurde Nadeschda nicht müde, mir zu zeigen, was das Baby noch alles braucht. Stofftiere, Decken, ein Schnullertier, ein wärmendes Kuscheltier, Rasseln, Knisterbücher und vieles mehr. Ihr „Mama, Mama, das müssen wir unbedingt kaufen. Das braucht das Baby. Ganz dringend!“ wurde immer intensiver und eindringlicher, je länger wir uns in dem Geschäft aufhielten. Der Nachdruck, mit dem Nadeschda mir immer wieder neue Dinge zeigte, ließ mich innehalten. Und mit einem Schlag wurde mir klar: Es ging ihr gar nicht um das Baby meiner Freundin, sondern aus ihr sprach der Herzenswunsch, all das auch so gerne gehabt zu haben. Hätte ich Nadeschda gefragt, ob sie selbst auch so ein Schnullertier oder eine Rassel haben wollte, hätte sie es wahrscheinlich verneint. „Nee, Mama, das ist doch Babykram. Ich bin doch jetzt groß.“ Doch es war offensichtlich, dass sie hier eine leere Stelle in ihrem Leben versuchte nachzunähren. Für einen Moment wurde es mir schwer ums Herz. Doch dann beschloss ich, an einem anderen Tag in diesen Kinderladen ohne Nadeschda zurückzukehren und vielleicht doch etwas zu kaufen, was ihren unerfüllten Bedürfnissen als Baby ein klein wenig Rechnung tragen könnte.

Spielzeug wird die Wunden meiner Tochter nicht heilen. Das weiß ich. Sie wird immer wieder durch den Schmerz und die Trauer hindurch gehen müssen, bis er vielleicht im Laufe der Zeit ein bisschen weniger wird, er nicht mehr so eine überbordende Ohnmacht ausstrahlt. Ich kann nur für Nadeschda da sein, sie halten und ihre Wut, wenn sie denn kommt, aushalten.

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Herkunft reloaded (5): Von „echten“ Eltern

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Vor ein paar Tagen hatte Nadeschda ihre Freundin Marie zum Spielen zu Besuch. Sie ist die kleine Schwester von Maxim’s Freund Johannes. Marie ist ein durchaus aufgewecktes Mädchen, die in keiner Weise auf den Mund gefallen ist. Und so trug sich folgende Szenerie an diesem verregneten Nachmittag zu:

Während ich im Esszimmer über meinen ToDo-Listen brütete, hörte ich wie die Mädchen zunächst friedlich im Kinderzimmer spielten. Doch dann entbrannte plötzlich ein etwas lauterer Wortwechsel. „Stimmt gar nicht!“ hörte ich meine Tochter wutentbrannt rufen. „Die Charlotte ist meine echte Mama! Jawohl, ganz bestimmt!!!“ Marie wollte wohl noch etwas entgegnen, entschied sich dann aber zu mir zu kommen.

„Du Charlotte?“ zögerlich stand sie im Türrahmen unseres Esszimmers. „Die Nadeschda hat doch zwei Mamas und zwei Papas. Stimmt’s? Eine Mama und ein Papa sind irgendwo anders. Stimmt’s?“ Ich: „Ja….“ und schaute sie abwartend an. Marie zupfte an ihrem Rock und fuhr fort: „ Aber wenn sie noch irgendwo anders eine Mama und einen Papa hat, dann kannst Du doch gar nicht ihre echte Mutter sein.“ Ich wendete mich ihr zu und antwortete: „Weißt Du, Marie, wir sind alle Nadeschda’s echte Eltern. Nadeschda’s Mama und Papa in Russland sind ihre echten Eltern und genauso sind Richard und ich ihre echten Eltern. Nadeschda hat eben zwei echte Mamas und zwei echte Papas. Ihre Mama und ihr Papa in Russland haben ihr das Leben geschenkt. Ohne sie wäre Nadeschda gar nicht auf der Welt. Und Richard und ich sind ihre Mama und ihr Papa, die jetzt immer für sie da sind und sie durch ihr Leben begleiten.“ Marie drehte die Augen zur Decke und dachte nach. „Aber ich habe nur eine Mama und einen Papa. Ich war bei meiner Mama im Bauch und sie ist immer für mich da.“ Ich: „Ja, genau. Aber weißt Du, Nadeschda’s russische Mama konnte sich dann nicht mehr so um Nadeschda kümmern und hat um Hilfe gebeten, dass man eine Mama und einen Papa findet, die besser für Nadeschda sorgen können. So ist sie zu uns gekommen. Und so hat sie eben zwei echte Mamas und zwei echte Papas. Die einen haben ihr das Leben geschenkt und die anderen, Richard und ich, sind jetzt immer für Nadeschda da.“

Marie kaute nachdenklich auf ihrer Lippe und antwortete: „Das ist ja eigentlich ganz schön cool. Ich will auch zwei Mamas und zwei Papas haben!“

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Herkunft (4) reloaded: Über den Umgang mit der Herkunft – Warum Verschweigen keine gute Lösung ist….

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Danke an Pixabay

Wenn sich die Gelegenheit ergibt, dann kommen doch die ersten Reaktionen auf Maxim’s Erzählen seiner Herkunft in der Schule in kleinen Wellen zu uns zurück. Behutsam und einfühlsam. Und manchmal auch mit überraschenden Wendungen.

So hatten wir vor ein paar Tagen Besuch von Maxim’s Klassenkameraden und dessen Mutter. Nach dem ersten Kaffee sprach sie mich zaghaft auf unsere „Familiengeschichte“, wie sie es nannte an: „Sag mal, der Maxim hat ja dem Johannes schon vor ein paar Wochen in der Schule von Eurer Familiengeschichte erzählt.“ Ich schwieg und wartete ab. „Ja, und dass er zwei Mütter hat, eine in Russland und Dich hier. – Das hat mich doch sehr berührt.“ Ich nickte wohlwollend und erzähle ihr kurz unsere Geschichte. Weniger die von Maxim und Nadeschda mit ihren Erfahrungen im Kinderheim, sondern vielmehr, dass beide in Russland geboren sind, und wir sie dort vor mehr als sechs Jahren adoptiert haben. „Und weißt Du, wir haben mit dem Schuleintritt beschlossen, dass unsere Kinder entscheiden sollen, wem und wann sie von ihrer Adoption erzählen. Denn es ist ihre Geschichte. Und mich freut es, dass Maxim nun so weit ist.“ „Seit ihr denn hier Zuhause immer offen mit der Adoption umgegangen?“ fragt die Mutter. „Ja, von Beginn an wussten unsere Kinder, dass wir sie adoptiert haben und dass sie ebenso noch eine Mutter in Russland haben.Daraus haben wir nie ein Geheimnis gemacht.“ „Das finde ich ganz großartig und mutig.“ fährt die andere Mutter fort. „Weißt Du, mich hat das sehr berührt. – Denn… ich habe erst mit 23 erfahren, dass ich von meinem Vater adoptiert wurde und dass mein leiblicher Vater in der Türkei lebt.“ Bumm, das saß! Plötzlich kommt das Thema „Adoption“ in unserem sozialen Umfeld doch auch an anderen Stellen vor, als wir es je vermutet hätten. Und dann auch noch so…. Ich war tief berührt von der Offenheit von Johannes’ Mutter. Im Nachhinein hatte ich fast das Gefühl, sie war so dankbar, dass sie sich mir mitteilen konnte und in mir ein Gegenüber fand, die sie verstand und ihre Situation nachvollziehen konnte.

In der Folge fragte sie viel nach, wie wir mit der Herkunft unserer Kinder umgehen würden, neben dem Erzählen und offen Gesprächsbereitschaft immer wieder zu signalisieren. Denn nicht immer wollen Maxim und Nadeschda über ihre Herkunft und ihre Zeit in Russland sprechen. Vor allem Nadeschda schiebt das Thema immer wieder gerne ganz weit von sich. Doch beide Kinder wissen, dass sie mit allen Fragen immer zu uns kommen können. Immer und zu jeder Zeit, auch wenn mich zuweilen die Gelegenheiten  , die sie aussuchen, doch immer wieder überraschen. Ja, und natürlich würden wir auch irgendwann nach Russland reisen, um die Mutter zu suchen, wenn Maxim und Nadeschda das denn wollten.

Johannes’ Mutter zeigte mir mit ihrer Geschichte – auch wenn die Hintergründe und Umstände bei ihr ganz andere gewesen waren – , wie wichtig es war, gegenüber seinen Adoptivkindern offen mit ihrer Herkunft umzugehen. Nichts unter den Tisch zu kehren, zu verheimlichen oder zu verleugnen. „Selbst als ich mit meinem ersten Kind schwanger war und ich meine Mutter nach der Familienanamnese fragte, verschwieg sie meinen leiblichen Vater. Erst ein paar Jahre später brach sie ihr Schweigen.“ Johannes’ Mutter suchte ihren Vater und fand ihn auch, doch es blieb bei einer einzigen Begegnung. Vielleicht weil sie so enttäuschend verlief, wie Sherrie Eldridge es von den Treffen mit ihrer leiblichen Mutter schildert.  „Weißt Du, bis heute kann ich es nicht mehr ertragen, wenn etwa unter den Tisch gekehrt wird. Ich muss immer alles ansprechen. Ich will immer die Wahrheit wissen. Das ist fast manisch, aber ich kann nicht anders. Auch wenn ich mir damit manchmal das Leben schwer mache.“ Ebenso bestätigte sie mich, als sie erzählte: „Und weißt Du, man spürt das. Als ich in der Pubertät war, da kam dieser ganze Mist mit ‚Ihr seid nicht meine richtigen Eltern!‘, ‚Ich bin vertauscht worden.‘, ‚Irgendetwas stimmt hier nicht.‘ und ich hatte Recht. Es war so. Denn mein leiblicher Vater war ein ganz anderer.“

Für mich war das ein spannender Nachmittag. Denn neben der Bestätigung dessen, dass wir im Umgang mit den Wurzeln unserer Kinder einen vielleicht heilsamen Weg eingeschlagen haben, war es mehr als interessant unverhofft die Erfahrungen einer erwachsenen Adoptierten teilen zu dürfen. Ohne dass ich sie gesucht hatte. Es war einfach an einem Nachmittag unter Schulmüttern passiert.