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Von der Gestaltungsmacht über das eigene Leben

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Photo by Alice Achterhof on unsplash.com 

Oft fühlte ich mich in den vergangenen Wochen von unserem Alltag mit Schule, Arbeiten, Arzt- und Therapieterminen überrollt und zuweilen zu sehr eingenommen. Häufig blieb mir zu wenig Zeit für die Dinge, die ich wirklich tun wollte, oder mich mit den Themen zu beschäftigen, die mir wichtig sind und am Herzen liegen. Doch dann erinnerte ich mich wieder an die Gestaltungsmacht über mein eigenes Leben:

Schaut man Kindern beim Spielen zu, erleben wir häufig einen unermesslichen Schatz an Ideen, Phantasie und Vorstellungen gepaart mit dem unumstößlichen Glauben, wirklich alles im Leben zu erreichen. Da werden Verbrecher gejagt, da wird der Pferdestall immer größer, Reitturniere werden gewonnen. Man ist König über ein unendlich großes Königreich und alle Untertanen tun, was man will. „Mama, wenn ich groß bin, dann fahre ich einen Sportwagen und einen Traktor.“ oder „Mama, ich werde Tierärztin, dann habe ich auch einen großen Reiterhof mit vielen Pferden und kann sie alle gut versorgen.“ Oder einfach: „Ich bin so stark! Ich bin so groß! Ich kann werden, was ich will.“ mag man (hoffentlich) oft aus einem Kinderzimmer hören. Noch ist das Spiel wenig getrübt von den Realitäten und Zwängen eines Alltags. Einzig der Glaube an die Gestaltungsmacht über das eigene Leben ist präsent.

Doch irgendwann wendet sich das Blatt. Zunächst haben einen die selbst gewählten Verantwortlichkeiten des Lebens mit Job, Familiengründung und Kindererziehung – die vermeidlichen Träume eines erfüllten Lebens – fest im Griff. Diese Zwänge nehmen dann irgendwann wieder ab. Das Haus ist abbezahlt, die Kinder werden groß. Dann nimmt man immer wieder mehr an den Stammtischen oder auch in vertrauten Wohnzimmerrunden Aussagen wahr wie: „Ach, wäre ich nur 10 Jahre jünger, dann würde ich noch einmal…“, „Ach, nee, dafür bin ich nun wirklich zu alt.“, „Ach, als ich jung war, hatte ich so viele Träume. Und was ist nun daraus geworden?“ Irgendwann im Leben gibt es einen Punkt, an dem wir die Gestaltungsmacht über unser Leben abgeben. Die Sachzwänge des Alltags haben uns fest im Griff. Da bleibt kein Raum mehr für Träume, für neue Ideen. Wir laufen in unserem Hamsterrad. Die Arbeit, der Job müssen gut laufen, das Haus muss abbezahlt und in Schuss gehalten werden, die Kinder müssen versorgt sein, sie müssen groß gezogen werden, damit sie hoffentlich gut auf eigenen Beinen stehen. Jahr um Jahr geht ins Land. Aber die Träume oder die Gestaltungsmöglichkeiten werden vergessen. Muss das so sein?

Nein. Denn wir vergessen, dass wir die Gestaltungsmacht für unser Leben haben. Alles, was wir tun, tun wir aus freien Stücken. Auch unsere Träume nicht weiter zu verfolgen. Oder sie dann doch wieder zu verfolgen und uns die Gestaltungshoheit in unserem Leben zu bewahren? Eine Freundin von mir entdeckte auf einmal in der Mitte ihres Lebens ihre Leidenschaft für den Sport und das Laufen. Sie erinnerte sich an das Bild, das sie einmal als Studentin vor fast dreißig Jahren in New York hatte: Einmal beim New York-Marathon über die Brooklyn-Bridge laufen. Und sie begann zu laufen und zu laufen und zu laufen. Erst Halbmarathons, dann auch einmal einen ganzen. Im vergangenen Jahr wurde sie 50 und für das kommende Jahr sind die Flüge schon nach New York gebucht. Sie wird ihn laufen, ihren Traum vom New-York Marathon.

Mit der Ankunft unserer Kinder begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Mit vielen Hürden und Herausforderungen. Doch die Entwicklung meiner Kinder so zu begleiten, dass sie irgendwann selbstständig im Leben stehen können, eröffnete mir neue Horizonte. So öffnete ich mich für neue Perspektiven und Ideen. Und so taten sich nach einer Weile auch neue Tore auf für eine berufliche Zukunft. Mittlerweile habe ich eine Aufgabe außerhalb der Familie, die zu meiner Verantwortung als Mutter passt. Es ist kein Jugendtraum, der sich nun verwirklicht, aber ich habe eine Aufgabe gefunden, die mich erfüllt. Denn ich habe meine Gestaltungsmacht über mein Leben nicht abgegeben, sondern sie behalten. Dass der Alltag funktioniert, bedarf nun noch ein wenig Kreativität.

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„Rollentausch – Wenn die Eltern pflegebedürftig werden“ – Mein Interview auf mamastreikt

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Photo by Jorge Lopez on unsplash.com

Vor einiger Zeit habe ich ein langes und intensives Gespräch mit der wunderbaren Claire von mamastreikt, die sich so tapfer und hartnäckig für die Anerkennung von Care-Arbeit als Arbeit in unserer Gesellschaft eingesetzt, geführt. Ausführlich ging es um unsere Situation mit zwei bedürftigen Adoptivkindern, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Doppel- oder Dreifachbelastung durch die Pflegebedürftigkeit meiner Mutter. Entstanden ist ein wertvoller Beitrag, in dem Claire uns einmal wieder sehr deutlich vor Augen führt, dass es allerhöchste Zeit ist, in unserer Gesellschaft zu einem Umdenken zu kommen und endlich Fürsorgearbeit mehr wertzuschätzen und überhaupt erst einmal anzuerkennen. Aber lest selbst…

P.S. Claire von mamastreikt schreibt regelmäßig über Care-Arbeit. Schon ihrem Netzprotest #carearbeitmusssichtbarwerden bin ich aufmerksam gefolgt. Doch erst mit der bei mir einziehenden doppelten Care-Arbeit hat das Thema für mich eine neue Brisanz bekommen. Umso mehr möchte ich Euch Claire’s aktuelle Aktion „Care eine Stimme geben“ ans Herz legen.

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Über mangelnde Wertschätzung von Betreuungsarbeit

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Photo by Celia Ortega on unsplash.com

Nadeschda hatte nach den Ferien eine kleine Theatervorführung an der Schule. Als wir auf den Beginn der Vorstellung warteten, wurde ich von mehreren Müttern an unsere Schule mit den Worten begrüßt: „Na, Du Retterin unserer Schule.“ Ich wunderte mich ein wenig. Im Grunde habe ich nichts Weltbewegendes getan. Oder doch?

Im Hort der Schule unserer Kinder ist aufgrund einer längeren Krankheit eine Kraft ausgefallen. Nicht eine, die „nur“ die Kinder beim Spielen betreut, sondern eine Fachkraft, die auch die Hausaufgaben begleitet. Es ist also nicht irgendwer ausgefallen, sondern eine Betreuerin, die eine essentielle Aufgabe neben der Schule wahrnimmt, nämlich mit den Kindern das bei den Hausaufgaben nachzuarbeiten, was Zuhause aus welchen Gründen auch immer – meist mangelnde Zeit – nicht gewährleistet werden kann. Denn beide Eltern sind berufstätig, weil sie das wollen und vor allem auch müssen. Dies ist auch mit ein Grund für so viele Schüler an unserer Schule, da hier einfach eine konstante Betreuung bis 16:00h angeboten wird. Selbst bei „Hitzefrei“, wie gerade in den vergangenen Wochen. Und die Eltern wollen eben auch, dass die Hausaufgaben ordentlich gemacht sind und mit all dem „Schaff“, den Schule eigentlich so mitbringt, nichts zu tun haben.

In den Ferien kam der Hilferuf der Schule, ob ich nicht einspringen könnte. Nun, die komplette Zeit war für mich nicht zu realisieren – ich habe ja noch eine Fürsorgeaufgabe Zuhause – , aber ich habe dann binnen zwei Tagen eine Lösung für die Schule gefunden. Nun teile ich mir den Job mit einer Kollegin aus meiner Ausbildung, der ich den Job angeboten habe. Schon mit der Suche nach einer neuen Betreuungskraft für die Mittelstufe hatte die Schule extreme Schwierigkeiten, und so waren sie natürlich dankbar, dass ich so schnell reagiert habe.

Seitdem treibt mich aber der Gedanke um, warum das eigentlich Alles so schwierig ist. Mit „das Alles“ meine ich: Warum ist es so schwierig, wo doch in unserem Land Betreuung der Kinder vermeidlich so hoch gehalten wird, adäquate Betreuungskräfte zu finden? – Egal in welchem Feld der Betreuung. Denn auch als ich im Frühjahr eine Betreuerin für meine Mutter – also jemanden, der dreimal die Woche mit ihr die Dinge des Alltags erledigt, mit ihr spazieren geht, etc. – gesucht habe, gestaltete sich die Suche ähnlich schwierig. – Nicht das alle minder qualifiziert sind. Nein. Es gibt einfach niemanden!

Mit Blick auf die Schule treibt mich das natürlich gerade mehr um und so will ich auch bei dieser Baustelle bleiben. In den Medien geht wieder die Diskussion um die Erfüllung des Betreuungsangebots und der Kindergartenplätze für alle Kinder ab drei Jahren um. War ja ein Gesetz. Und selbst in den einschlägigen Medien des Hauses der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gab es einen Artikel („Wartelistenplatz Nr. 374“ vom 3. 08.2018) , wie sich in den vergangenen Jahren die Arbeitsverhältnisse vor dem Hintergrund der veränderten Betreuungssituation geändert haben, dank des vermeidlich ausgebauten Betreuungsangebots. Waren es 2006 noch 48 Prozent aller Paare, in denen der Mann der Alleinverdiener in der Familie war und 26 Prozent aller Paare, in denen der Mann Vollzeit und die Frau in Teilzeit arbeitete, so verschob sich dies bis  2016 zu 39 Prozent und er erst genannten Gruppe und 34 Prozent in der zweitgenannten Gruppe. Das mag ja alles gut und schön sein, und seit dem 1. August 2018 sind nun in einigen Bundesländern auch die ersten sechs Stunden am Tag der Betreuung in einem Kindergarten kostenlos. Alles wunderbar. Aber was passiert, wenn dann mal die zauberhafte Kindergartenzeit vorbei ist? Dann beginnt der Run auf die wenigen und heiß begehrten Hortplätze. Und wenn Kindergartenplätze gerade in den Großstädten noch nicht ausreichend geschaffen worden sind, wie sieht das dann erst in den Horten aus? Mal ganz abgesehen davon, dass man dort selbst bei einem Ausbau keine Kräfte findet. Und schon gar nicht zu den Gehältern, die dort bezahlt werden. Auch an unserer Schule könnte man über den Ausbau des Hortes nachdenken. Aber wer soll dann den Job machen?

Die Politik sagt, dass immer mehr Frauen wieder in die Erwerbstätigkeit gehen sollen. Das mag ja auch eine gute Idee sein. Aber wenn die Voraussetzungen dafür nicht geschaffen sind, wie soll das dann funktionieren? Und Voraussetzungen heißt für mich eben nicht nur ordentliche und schöne Kindergartenplätze zu schaffen, wo sich die Kleinen auch wirklich wohl fühlen. – Erst in den vergangenen Tagen habe ich im Radio wieder eine Diskussion gehört, wie man es kleinen Kindern leichter machen kann, sich von der Mutter im Kindergarten zu trennen. Mag ja alles sein. Aber wenn das Kind in dem Kindergarten nun völlig überfordert ist, weil es sich auf einmal mit 18 oder meist mehr Kindern in einem „offenen Konzept“  zurechtfinden soll, dann ist das nicht die Lösung, um Mütter in den Arbeitsmarkt zurückzuschicken. – Ungeachtet dessen, dass es dann mit Eintritt in die Schule vorbei ist mit der Herrlichkeit. Denn dann ist es vorbei mit zwei Wochen kompletter Schließzeit im Jahr, wenn es denn vorher gut lief. Dann stehen je nach Bundesland 14 Wochen Schulferien an, die nur begrenzt durch den Hort abgedeckt werden, wenn es denn einen gibt und wenn man da einen Platz bekommt. Wie soll es dann funktionieren, dass beide Eltern arbeiten und ihr Kind in der Zeit gut betreut ist?

Was es wirklich braucht, sind gute Betreuungskonzepte, wenn die Kinder dann einmal in der Schule sind. Nicht nur gute Betreuungsideen, dass die Kinder sich wohlfühlen, sondern auch gute Konzepte, dass man die Pädagogen findet, die diese Aufgaben mit Schulkindern bewältigen können und wollen. Denn auch hier in der Schule ist es neben dem fachlichen Wissen, um den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, ganz viel Beziehungspflege, die nötig ist. Das erlebe ich nun jeden Tag. – Natürlich geht mir das Herz auf, wenn ein 3. Klässler vor mir steht und sagt: „Wir haben heute Hausaufgaben auf. Und die will ich unbedingt bei Dir machen.“. Und wenn sie dann da alle sitzen ganz brav und ruhig und mit ihren Texten kämpfen, die sie in Schreibschrift übertragen müssen. Oder ich sehe, dass ein Mädchen, dass ich eben noch aus dem Kindergarten kenne, weil sie mit Nadeschda in einer Gruppe war, fast weint; ich mich zu ihr setze und sie beruhige und sie immer wieder sagt: „Ich schaffe das nicht, und ich muss doch eigentlich raus zu meinem kleinen Bruder. Der ist gerade ein die Vorklasse gekommen und der tut sich so schwer draußen.“ und ich sie in den Arm nehme und sage: „Du schaffst das. Ich helfe Dir. Du kannst das jetzt mit meiner Hilfe ganz schnell schreiben und dann gehst Du zu Deinem Bruder. Und solange Du hier bist, ist er draußen gut aufgehoben.“ Und das Mädchen einfach mit einem schweren Seufzer der Erleichterung das schreibt, was ich vorgemalt habe.

Die Arbeit mit Kindern ist so wunderbar, wenn auch anstrengend und herausfordernd. Und sie ist so unermesslich wichtig. Nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern, damit sie ruhigen Gewissens ihre berufstätigen Pflichten erfüllen können. Doch oft frage ich mich, warum diese Arbeit so wenig anerkannt und wertgeschätzt wird. Wenn ich allerdings so darüber nachdenke, ist das kaum verwunderlich: Denn wenn die Fürsorgearbeit Zuhause schon nicht wahrgenommen und wertgeschätzt wird, warum sollte man die Betreuungsarbeit außerhalb des Zuhauses, an die ja nur dieselbe heimische Fürsorgearbeit ausgelagert wird, wertschätzen und vielleicht auch entsprechend honorieren?

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#bestofElternblogs im September 2018

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Die liebe Anja von der Kellerbande  ruft jeden Monat dazu auf, den meist gelesenen Beitrag des vergangenen Monats zu benennen und zu teilen. Nach einem bewegenden Monat August, in dem ich auch ganz vielschichtige Themen veröffentlichen konnte, und mich ohnehin über ungeahnte und lange nicht dagewesene Zugriffszahlen freuen konnte, beteilige ich mich doch wieder sehr gerne an dieser wunderbaren Blogparade. Denn eigentlich hat mich das Ergebnis ein wenig überrascht – schon interessant, das ist oft so, dass ein Beitrag am meisten gelesen wird, von dem ich es gar nicht erwartet habe: Mein meist gelesener Beitrag war im August „Wie viel Berufstätigkeit vertragen (meine) Adoptivkinder?“, in dem ich einmal wieder darauf eingehen, wie sich überhaupt eine Berufstätigkeit mit dem Muttersein für zwei Adoptivkinder vereinbaren lässt, nämlich eigentlich gar nicht… Aber lest selbst!

Habt Dank für’s Lesen, Liken, Kommentieren und Schreiben….und genießt noch dieses so wunderbare Wochenende!

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Wie viel Berufstätigkeit vertragen (meine) Adoptivkinder?

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

An der ein oder anderen Stelle hatte ich in den vergangenen Jahren, die es meinen Blog mittlerweile gibt, über das Thema der Berufstätigkeit als Adoptivmutter geschrieben. Im Grunde ist das Thema der Berufstätigkeit ein Dauerbrenner für mich, auch wenn ich mich immer mehr in mein „Schicksal“ als maximal teilzeitarbeitende Frau gefügt habe. Denn irgendwann werden meine Kinder größer und brauchen mich vielleicht nicht mehr so sehr. Doch dann wäre ich für den Arbeitsmarkt unbrauchbar. Bereits ein paar denkwürdige Kontakte mit der Arbeitsvermittlung im vergangenen Jahr bestätigten mir dieses Gefühl. Und auch wenn mein Mann uns gut versorgt und wir in der luxuriösen Situation sind, dass ich nicht zwingend arbeiten muss, so gibt es doch niemals eine absolute Garantie, dass das alles auch so bleibt. Inspiriert von ein paar Nachfragen von einzelnen Leserinnen und unserer aktuellen Situation, dass ich nun nach den Ferien konstant in Teilzeit arbeite – mal sehen wie lange das gut geht – greife ich das Thema der Berufstätigkeit wieder auf. Zumal mich genauso erneut die Frage nach der Wertschätzung von Fürsorgearbeit in unserer Gesellschaft, wie Claire von mamastreikt sie immer wieder zurecht aufwirft, umtreibt. Aber dazu an anderer Stelle in den kommenden Tagen mehr.

Meine Kinder brauchen eine „Übermutter“

Doch wie viel Berufstätigkeit vertragen Maxim und Nadeschda? Die Lebensgeschichte meiner Kinder begann mit dem schlimmsten, was man sich im Leben eines kleinen Menschen vorstellen kann, wie gerade erst Irmela Wiemann in einem Interview in der Aargauer Zeitung sagte: Sie wurden von ihrer leibliche Mutter getrennt. Wie so viele Adoptivkinder mussten sie in ihren ersten Lebensjahren Dinge erleben, die kaum ein Erwachsener verkraften könnte. Ihr Urvertrauen wurde zerstört, und also Folge sie lassen sich schwer auf neue Bindungen ein, sie fühlen sich selten sicher und behütet. Ihre Frustrationstoleranz ist niedrig, das Lernen fällt ihnen schwer. Sie können Risiken nicht richtig einschätzen, übernehmen sich entweder, oder trauen sich vor lauter Angst gar nichts zu. Ihnen fehlt die entscheidende innere Basis an Vertrauen und Sicherheit, die leiblich und behütet geborene Kinder von Natur aus haben.

Meine Kinder brauchen eine „Übermutter“. Dies nicht nur im Sinne von zusätzlicher Förderung, um etwaige Entwicklungsverzögerungen, Sprachstörungen oder andere gesundheitliche Beeinträchtigungen zu überwinden. – Sie brauchen ein Vielfaches an Zuneigung, Nähe, Fürsorge, Kümmern, Begleiten. Nur wenn ich da bin, spüren sie den Halt und die Sicherheit, um sich gesund zu entwickeln. In den ersten Jahren war es ein Nachnähren vom Baby- und Kleinkind sein, von dem man ausgehen könnte, dass es irgendwann einmal abgeschlossen ist. Aber Kinder mit frühtraumatisierenden Erfahrungen, wie die Trennung von der leiblichen Mutter, fallen immer wieder in solche frühen Entwicklungsphasen zurück. Sie sind ein „Fass ohne Boden“, sie saugen die Zuneigung und das kleinkindliche Umsorgen auf wie ein trockener Schwamm. Ich war mir bei der Adoption der Folgen der Traumatisierung bewusst. Doch glaubte ich noch, dass meine Kinder nur im ersten Jahr therapeutische Unterstützung brauchen, um ihre Entwicklungsdefizite aufzuholen, und in den ersten Monaten meine permanente Fürsorge und Anwesenheit, um eine stabile Bindung aufzubauen. Aber nach beinahe einem Jahrzehnt muss ich feststellen: Das reicht nicht aus. Meine Kinder brauchen viel mehr. Noch heute benötigen sie immer einmal wieder therapeutische Hilfe in unterschiedlicher Form. Noch heute muss ich als ihre Mutter permanent verfügbar sein. Und immer da sein. Bin ich es nicht, verlieren meine Kinder ihren Halt und stellen unsere Bindung von neuem in Frage. – Erst in dieser Woche fanden meine Kinder mich nicht, als ich sie von der Schule mittags abholte. (Sie hatten mich beim Essen schon gesehen und wussten also, dass ich da bin.) Ich war an einer anderen Stelle in der Mensa mit einer Lehrerin im Gespräch. Die Panik stand Maxim und Nadeschda noch ins Gesicht geschrieben, als sie mich fanden. Und aus ihrer Wut „Mama, kannst Du verdammt nochmal Bescheid sagen, wenn Du weggehst!“ sprach die pure Angst, allein gelassen zu werden. –

Unser Alltag ist nach wie vor wenig geprägt von freiem sorglosem Spiel, sondern dominiert von vielen Therapieterminen, Arztbesuchen, Aktivitäten, die die Kinder in den Bereichen fördern, wo sie noch Unterstützung brauchen, lernen für die Schule, üben für die Logopädin, etc. Wir müssen einem sklavischen Tagesablauf folgen, der immer den gleichen Rhythmus und die gleiche Struktur hat. Nur das gibt den Kindern Sicherheit. Zudem reicht der routinierte Tagesablauf nicht aus, sondern Maxim und Nadeschda  brauchen mich, ihre Mutter, als stabilen Anker in ihrem Alltag. Diese Fürsorgearbeit für meine Kinder abzugeben, ist keine Option.

Permanente Fürsorge

So fahre ich meine Kinder in die Schule und zu ihren Freizeitaktivitäten und begleite sie bis zum Unterricht, nicht weil ich glaube, dass sie es selbst nicht könnten, oder weil ich fürchte, dass ihnen etwas im Straßenverkehr passiert. Nein, meine Tochter braucht mein Umsorgen als ihre Mutter, damit sie die Kraft für den Musikschulunterricht hat, dass sie weiss, dass ich da bin. Immer. Genauso lässt mein Sohn sich nach wie vor mit inzwischen zehn Jahren morgens beim Anziehen helfen, seinen Schulranzen packen, das Brot beim Essen schmieren. Nicht weil er es nicht selbst könnte, sondern weil er diese Form der Fürsorge nach wie vor braucht.

Wenn ich sage, dass ich meine Kinder zum Abitur trage, dann nicht, weil ich die Hoffnung hege, dass aus ihnen Starwissenschaftler oder Top-Manager werden. Nein. Es geht darum, sie solange wie möglich in einem behüteten und steuerbaren Lernumfeld zu belassen, bis sie auf eigenen Füßen stehen können. Viele Adoptions-Experten gehen davon aus, dass frühtraumatisierte Kinder erst mit Anfang zwanzig gelernt haben, mit ihrem Trauma zu leben und die Ausprägungen dessen selbst kontrollieren können. Erst dann sind sie vollends fähig, ein normales bürgerliches Leben zu leben. Es geht also darum, ihnen solange wie möglich einen Raum für innere Heilung zu geben.

Permanente Schulbegleitung

Eine Ausprägung der Traumatisierung ist sowohl bei Nadeschda als auch bei Maxim, dass die Schule ein unglaublicher Stressfaktor für beide ist. In der Folge zeigen sie Tendenzen eines anstrengungsverweigernden Verhaltens, über das ich schon an vielen Stellen geschrieben habe. Entscheidend ist bei beiden,d ass sie in Phasen der Überforderung einfach im Unterricht dissoziieren, also das Unterrichtsgeschehen einfach an ihnen vorbei rauscht. So müssen wir täglich Zuhause für die Schule arbeiten, sei es den Unterrichtsstoff nachholen, den sie nicht mitbekommen haben, sei es bestimmte Themen immer wieder und wieder zu üben, dass sie Sicherheit gewinnen und das Erlernte von ihnen eben nicht mehr als anstrengend empfunden und damit nicht mehr abgelehnt oder vermieden wird. Das braucht Zeit, viel Zeit. Je nach emotionaler Verfassung meiner Kinder arbeiten wir ein bis drei Stunden täglich, jeden Tag, egal ob Wochentag, Wochenende oder Ferien. Zudem engagiere ich mich bewusst in der Schule, um meinen Kindern das Fünkchen Mehraufmerksamkeit der Lehrköper auf der einen Seite und eine Portion mehr Wohlwollen zu teil werden zu lassen. Auch das kostet Zeit.

Der Löwenanteil der Fürsorge für Maxim und Nadeschda liegt also bei mir. Ich kümmere mich um die Schule, begleite Hausaufgaben und tägliches Üben, ich organisiere ihre Hobbies und Verabredungen, ich sorge für die richtige Begleitung durch Ärzte, Therapeuten etc., ich bin für sie immer verfügbar. Berufstätig sein kann ich nur in der Zeit, in der die Kinder in der Schule sind. Das ist nicht viel Zeit. – Ungeachtet dessen, dass hinzukommt, dass ebenso jegliche Familienarbeit auf meinen Schultern lastet. Denn Richard und ich haben uns auf die klassische Arbeitsteilung verständigt, was bedeutet, er verdient das Geld und ich mache den Rest. Dass der „Rest“ aber eben auch noch eine ganze Menge ist, wird viel zu wenig gesehen. – Bin ich außerhalb der Schule nicht so für meine Kinder da, wie ich es nun schon seit so vielen Jahren bin, verlieren sie ihren Halt, ihre Sicherheit. Dann bleibt vieles auf der Strecke. Und die Chancen sinken, dass sie irgendwann einmal heilsam mit ihrem Trauma leben und ein ganz normales bürgerliches Leben führen können. Doch sie genau dahin zu begleiten ist meine Hauptverantwortung und vor dieser muss eine Berufstätigkeit immer zurücktreten. So könnte ich also auch meine Ausgangsfrage „Wie viel Berufstätigkeit vertragen meine Adoptivkinder?“ mit einem einzigen Wort beantworten: KEINE!

P.S. Gerade als ich diesen Post fertig geschrieben hatte, rief die Schule an. Ich möge Maxim abholen. Er hätte starke Kopfschmerzen…..

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Über Impulse im Leben – ein paar kritische Gedanken zum Ende meiner Ausbildung

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Photo by honey fangs on unsplash.com

Impulse sind wie knallige Farbspritzer, die eine grau gewordenen und sich immer wiederholende Routine in neuem Licht leuchten lassen. Zu gerne lese ich daher auch die Montagsimpulse von Katja auf homeiswheretheboysare. Und auch in den vergangenen Tagen hat mich das Thema Impulse noch einmal im Rahmen meines Ausbildungsabschlusses bewegt. Deshalb ein paar Gedanken zu Impulsen, die jetzt einfach rausmüssen, um den Weg frei zu machen für Neues!

Ob neue Impulse immer von Innen heraus kommen, wenn man nur lang genug in sich selbst sucht, wie ein Zitat von Rudolf Steiner „Drei Schritte tue nach innen, dann den nach außen.“ – ein wenig suggeriert, wage ich zu bezweifeln. Oft genug kommt es vor, dass ein Lehrer viel zu lange in seinem eigenen Saft schmort, oft auch viel zu wenig Zeit und Energie hat, den Blick nach Außen zu wenden, um sich mit Neuem und Anderem auseinanderzusetzen. Nicht selten fehlt es dann auch an Mut, neue Wege zu gehen. An Altbewährtem festzuhalten ist eben nicht nur bequem, sondern vor allem auch sicher. Und gerade in der Arbeit mit Kindern will man keine Experimente eingehen.

Hinzukommt, so habe ich es zumindest in der Ausbildung empfunden, wird einem jungen Lehrer von Beginn an beigebracht, alleine seinen eigenen Weg zu gehen. Ein Austausch mit anderen Kollegen findet selten statt. Wenn dann sind es höchsten die „alten Hasen“ an den Schulen, die schon seit über dreißig Jahren bestimmte Unterrichtsmethoden, – inhalte und Konzepte fahren, die ja nicht in Frage gestellt werden dürfen. Ganz zu schweigen von einer neuen Lesart von Steiners Ideen. Nein, viel zu oft schwirrt der Satz herum „Das haben wir immer schon so gemacht.“

Doch woher nehmen, die neuen, frischen und farbenfrohen Impulse, die die Arbeit mit Kindern um so ein Vielfaches reicher machen könnten? Die Kollegen lassen sich nicht in die Karten schauen. Ein kritisches Überdenken althergebrachter Konzepte ist oft nicht erwünscht.

 Ja, innere Reflexion ist wichtig, um zu sehen, wo es eine Veränderung braucht. Doch kommt nicht meist der Anstoß von außen? Der frische Wind zu einer neuen Idee, die frische Farbe für einen neuen Weg? Neben aller kritischer Betrachtung braucht es vor allem auch den Blick über den Tellerrand, manchmal auch ab von allem wertvollen anthroposophischen Gedankengut und Waldorfpädagogik.

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„Mehr arbeiten können wir uns nicht leisten…“

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Photo by Marco Xu on unsplash.com

Gestern mittag, als ich mit Nadeschda am Bahnhof auf Maxim’s Rückkehr von einem Klassenausflug wartete, führte ich so eines dieser Müttergespräche mit einer anderen wartenden und befreundeten Mutter. Meine befreundete Mutter hatte mir schon vor ein paar Wochen erzählt, dass ihr Chef sie gefragt hatte, ob sie nicht ein paar Stunden mehr arbeiten wollte und könnte. Nachdem sie erst einmal Dampf abgelassen hatte, dass ihre Mutter sie einmal wieder als „Babysitterin“ im Stich gelassen hatte, fuhr sie weiter fort: „Und dann ging mir noch einmal durch den Kopf, dass ich ja eigentlich ein paar Stunden mehr arbeiten wollte. Aber wenn ich dafür einen bezahlten Babysitter engagieren muss… Weißt Du, ich habe zu meinem Mann gestern gesagt: Das können wir vergessen. Dass ich mehr arbeite, können wir uns nicht leisten! Ich müsste ja Geld mitbringen, um zu arbeiten und um die Betreuung unserer Kinder zu gewährleisten.“ Nach einem Moment des Schweigens fügte sie noch an: „Das ist einfach absurd….“

Das ist auf der einen Seite ein gewisses „Luxusleiden“, wenn ich die aktuellen Beiträge von Claire von Mama streikt lese. Bei ihr geht es um etwas ganz anderes und bekommt mit der sich abzeichnenden existenziellen Not eine ganz andere Dimension. Claire findet keinen Job, obwohl sie super qualifiziert ist, da sie durch die Betreuungsaufgaben für ihre Kinder als Alleinerziehende gebunden ist. Das wird ihr wahrscheinlich niemand so sagen, liegt aber auf der Hand. Und dann ist da noch die systemimmanente Ungerechtigkeit, dass der Kindesunterhalt von Hart IV abgezogen wird. Da wird es mir echt schlecht! Und ich frage mich, wer sich denn solche Regelungen ausdenkt. Genauso wie der Ausbau des Betreuungsangebots bis 22:00h, damit man der Schichtarbeit in vielen Bereichen gerecht wird. Haben wir dann auch Kindergartenbetreuung im Schichtbetrieb oder Schulunterricht im Schichtbetrieb? „Ach, von Montag bis Mittwoch habt Ihr Spätunterricht in der Schule. Der ist mit meinem Schichtplan abgestimmt…“ Das soll funktionieren? Mal ganz abgesehen davon, dass JEDER Erziehungsratgeber davon spricht, dass Kinder Rhythmus und Routine brauchen, dass sie Schlaf brauchen, um fit zu sein, um den Lernstoff aufzunehmen. Und JEDER weiß, dass wir hier eben nicht über Schlaf egal zu welcher Uhrzeit reden, sondern über den vor zwölf Uhr nachts.

Nun, unser Leben findet ohnehin fern ab von all dem statt. Muss es auch. Als wir uns vor mehr als acht Jahren in den Adoptionsprozess begaben, war mir zwar klar, dass ich mindestens für ein Jahr meinen Job an den Nagel hängen musste. Da redeten wir aber über ein Kind und über eine Großmutter nebenan. Und ich war trotz aller Fachliteratur noch so naiv, dass ich glaubte, alle Traumatisierungen könne man in einem Jahr heilen. Nun, es wurden zwei Kinder – wofür ich dem Schicksal ewig dankbar bin. Die Großmutter starb leider viel zu schnell – wofür ich das Schicksal ewig verfluche -, das hatte sie auf keine Fall verdient. Und die Traumatisierungen meiner Kinder lassen sich nun eben auch nicht in einem Jahr heilen, sondern sind auch nach sieben Jahren immer noch virulent. Wir haben akzeptiert, dass Maxim und Nadeschda mehr Förderung und Fürsorge als andere Kinder brauchen. Sie sind High-Need Kinder. Erst vor ein paar Tagen hatten wir ein Gespräch mit einer Lehrerin, die uns noch einmal sehr deutlich machte, dass Nadeschda die häusliche Unterstützung braucht. Ich habe daraufhin ein Jobangebot, in dem ich bis 16:00 Uhr hätte arbeiten müssen, abgelehnt. Das hätte nicht funktioniert. Ich kann nicht mit meinen Kindern um 16:30 Uhr anfangen, für die Schule zu arbeiten. Im Gegensatz zu Claire bin ich in der privilegierten Situation, dass ich allein aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus gerne wieder arbeiten möchte, um nicht zu lange vom Arbeitsmarkt weg zu sein, um drin zu bleiben. Denn wer sagt uns, dass mein Mann auf immer und ewig seinen Job behalten wird. Oder was ist, wenn er ihn aus irgendwelchen Gründen nicht mehr ausüben kann. Eine Garantie auf ein sorgenfreies Leben gibt es eben nicht. Auch bei uns nicht. So verhält es sich auch bei der eingangs erwähnten befreundeten Mutter. Sie arbeitet, um den Anschluss nicht zu verlieren, um ggf. falls bei ihrem Mann etwas schief läuft, die Möglichkeit auf einen Job zu haben, der zumindest in weiten Teilen die Familie ernährt. Doch wenn es so ist, dass sie Geld mitbringen muss, um das zu bekommen, dann ist eben das Ende der Fahnenstange erreicht.

Und viel mehr noch ist das Ende der Fahnenstange erreicht, und die Zeit endlich umzudenken mehr als überschritten, wenn hochqualifizierte aber eben alleinerziehende Mütter nicht mehr die Chance bekommen, ihre Kinder so gut zu versorgen, wie es ihre Kinder brauchen. Dann haben wir kein „Luxusproblem“, sondern ein ernsthaftes. Ein wirklich ernsthaftes und existenzielles!