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Hasst mich mein Adoptivkind? Warum es ihm so schwer fällt, Liebe zu zeigen…

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Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Vor einiger Zeit hat Sherrie Eldridge den erneut bewegenden Post „Why does my adopted child hate me?“ veröffentlicht. Er knüpft ein wenig an meine gelegentlichen Zweifel als Adoptivmutter an und hat mich in den vergangenen Wochen immer wieder beschäftigt, auch wenn er mich jetzt noch einmal zu einer bewussten Erkenntnis gebracht hat.

Wenn ich Maxim von der Schule abholte, oder ich nach einem Tag Arbeit nach Hause kam, so wünschte ich mir doch immer wieder insgeheim, dass mein Sohn mir freudestrahlend in die Arme lief und mich umarmte. – Lange, lange hat er das nicht getan und meine Hoffnungen blieben unerfüllt. Inzwischen zeichnet sich da allerdings eine Entwicklung ab. – Stattdessen wurde ich mit Gleichgültigkeit oder manchmal auch Ablehnung empfangen. Wenn Zuhause seine Wut hochkochte, wurde ich zuweilen auf das Übelste beschimpft, getreten, geschlagen. Oder es fiel auch der Satz: „Du bist nicht meine Mama!“ Ich weiß nach all den Jahren, dass ich die Projektionsfläche für die Wut und die Trauer über seine frühkindlichen Verletzungen, die unermesslich gewesen sein müssen, bin. Meistens kann ich mit dieser Wut umgehen. Ich nehme Maxim’s Angriffe nicht mehr persönlich, auch wenn es mir lange schwer fiel. Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass er nicht mich direkt meint.

Dennoch gibt es noch heute Momente, in denen ich seine Ablehnung und Abneigung nur schwer ertragen kann. Das sind die Augenblicke, in denen ich mich frage: „Bin ich gut genug?“ Bin ich gut genug als Adoptivmutter für meine Kinder? Würden sie vielleicht eine andere Mutter weniger ablehnen? Auch dann kommen die Zweifel, ob all das, was ich für meine Kinder tue und empfinde, ausreicht. So ausreicht, dass sie mich lieben lernen können.

Auf der anderen Seite weiß ich, dass die fehlende Fähigkeit, Zuneigung zu zeigen und eher die Wut, Aggression und Trauer herauszulassen, aus dem tiefen Gefühl des Verlassenwordenseins resultiert. So wie Sherrie es schreibt. Und das genau deshalb, weil ich als Adoptivmutter eben jetzt da bin und immer für meine Kinder sorge, sie liebe und so annehme wie sie sind, genau deswegen bin ich die Zielscheibe ihrer Wut und ihrer Ablehnung. „Wenn Ihr Adoptivkind Sie schlägt, dann ist es richtig bei Ihnen angekommen.“ sagte einmal unsere Jugendamtsbetreuerin zu uns. Wie Recht sie hatte. Denn im Grunde, so absurd das vielleicht erscheinen mag, ist dies das Zeichen, dass das Adoptivkind sich sicher genug fühlt, seine tiefen Gefühle zu zeigen und herauszulassen.

Mit Blick auf Maxim weiß ich aber auch, dass sein Verhalten immer noch auch ein Ausfluss seiner Bindungsstörung ist. Wenn ich der Literatur folge, so könnte er als „unsicher vermeidend gebunden“ gelten. Diese Kinder reagieren in einer Trennungssituation kaum und spielen einfach bei Betreten des Raums durch die Bezugsperson weiter. Auch bei der Wiedervereinigung vermeiden sie den Kontakt mit der Bezugsperson. In der Literatur heißt es dazu, dass diese Kinder ein Bindungsverhalten minimieren, da dieses in der Vergangenheit nicht den gewünschten Erfolg brachte. Denn bei Furcht, Kummer, Erschöpfung oder Unsicherheit war die Bindungsperson nicht verfügbar. Maxim hat dies mit Sicherheit so erfahren in seiner Ursprungsfamilie und vor allem auch im Kinderheim.

Erst jetzt nach Jahren als Familie, nach Jahren des immer auf Gedeih und Verderb verlässlich Daseins, nach Jahren der Fürsorge, nach Jahren in einer sicheren, geborgenen und stabilen Umgebung und auch nach Jahren mit therapeutischer Unterstützung spüre ich, dass Maxim langsam heilt. Ich fühle, dass er weiß, dass er sich auf mich verlassen kann, dass ich immer für ihn da bin, dass er bei mir sicher ist. Nach all der Zeit beginnt er sich an mich zu binden ohne Wenn und Aber. Heute kommt er mir auf dem Schulhof freudig entgegen gerannt, heute zeigt und sagt er, wenn er mich braucht. Heute überschüttet er mich zuweilen mit großen Zuneigungsbekundungen. Heute schiebe ich meine Zweifel bei Seite, denn immer mehr lerne auch ich: Ja, ich bin gut genug als Maxim’s Adoptivmutter und alles ist gut so wie es ist.

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Teilzeitarbeiten als Adoptivmutter?

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Photo by Andrew Neel on unsplash.com

Viele Mütter versuchen Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Meist weil sie es auch müssen, rein aus finanziellen Gründen. Ich bewundere diese Mütter, die neben der Familie und dem geliebten Haushalt auch noch berufstätig sind, und das mit deutlich mehr Stunden als ich es bin. Ich lebe in der privilegierten Situation, dass ich nicht arbeiten muss, sondern „nur“ um nicht ganz aus der Berufswelt zu verschwinden, ein paar Stunden in der Woche freiberuflich arbeite. – Insofern werd eich hier auch über ein „Luxusproblem“ reden. – Die Ausbildung mache ich, um vielleicht irgendwann dann doch wieder in einem Angestelltenverhältnis einen geregelten Arbeitstag nachgehen zu können. Irgendwann, wenn die Kinder vielleicht noch ein wenig größer sind. Doch wird das überhaupt funktionieren?

Mit den Zweifeln der vergangenen Woche geht für mich die Frage einher, ob ich mir nicht mit dem ganzen Pensum wieder einmal zu viel zumute. Meine Bilanz zur Familienarbeit  war für mich ja schon ernüchternd. Genauso wie meine Beschreibung von „48 Stunden im Leben einer Adoptivmutter“ . Wo bleibt da der Raum, mehr zu arbeiten, als ich es heute tue? Schon jetzt komme ich an meine Grenzen. Hatte ich nicht vor ein paar Wochen verkündet, dass es so wohltuend ist, dass mein To Do Zettel abgearbeitet ist? Nun, inzwischen ist er wieder so lang, dass es mir fast den Hals zuschnürt. Mit dem Ferienende beginnt nun auch wieder meine Ausbildung, zwei Abende in der Woche und ein Wochenendseminar pro Monat. Bis zum Ende des Jahres muss ich noch eine Seminararbeit schreiben, ein Praktikum mit Praktikumsbericht abliefern und an meiner Portfolioarbeit weiterschreiben. Ich muss schon zweimal durchatmen und mir immer sagen „Schritt für Schritt“, um nicht in Panik auszubrechen. Seitdem ich die Ausbildung begonnen habe, leiden eindeutig meine sozialen Kontakte. Es gibt Freundinnen, die ich schon seit Monaten nicht mehr gesehen, habe. Selbst zum Telefonieren oder Schreiben komme ich so gut wie gar nicht mehr, da ich ja abends unter der Woche entweder in der Akademie oder auf einem Elternabend in der Schule bin. Nur gelegentlich habe ich die noch die Muße, ein Buch zu lesen, was keine pädagogische oder Adoptionsfachliteratur ist. Und gerade auch letztere kam in den vergangenen Wochen zu kurz. Doch ich merke, dass ich wieder ran muss. Denn das Thema „Herkunft und Wurzeln“ drängt.

Dennoch stelle ich mir immer wieder die Frage: „Wenn es in anderen Familien funktioniert, dann müsste ich das doch auch hinbekommen.“ Ja, ABER: Ich habe einen Mann, der sehr viel arbeitet und insofern Haushalt, Kinder und Familie nahezu allein meine Aufgabe sind. Wir haben keine Großeltern in der Nähe, die helfen. Manchmal blicke ich neidvoll auf eine Freundin, deren Mutter den Haushalt quasi schmeisst mit Einkaufen, Kochen, Wäsche waschen, einspringt, wenn eines der Kinder krank ist, mal vormittags einen Arzttermin wahrnimmt und vieles mehr. Hätten wir so eine wunderbare Großmutter, dann würde ich es mir auch leichter vorstellen, nahezu 70% zu arbeiten. Haben wir aber nicht. Und schließlich haben wir zwei Adoptivkinder. Viele meiner Freundinnen, die ein Kind adoptiert haben, arbeiten in Teilzeit. Irgendwie geht das gut. Natürlich gibt es da auch einen Mann, der mithilft und Großeltern in der Nähe. Dass zwei Kinder dann doch etwas anderes sind und eine andere Herausforderung darstellen, wurde mir erst jetzt in den Ferien klar, als mir eine dieser befreundeten Adoptivmütter auf den Kopf zusagte: „Hätte das geklappt mit dem zweiten Kind, hätte ich sofort aufhört zu arbeiten.“

Das saß! Sollte ich mich also von dem Gedanken verabschieden, jemals mehr zu arbeiten, als ich es heute tue? Würde es mir nicht besser gehen, wenn ich mich ganz auf meine Kinder und meine Aufgabe als Mutter konzentriere? Bettina Bonus hat mal in einem Vortrag zur „Anstrengungsverweigerung“ deutlich gesagt: „Vergessen Sie es berufstätig zu sein. Ihre ganze Zeit und Kraft werden Sie für Ihr Kind brauchen, um es durch die Schule zu begleiten, mit ihm täglich zu trainieren und das tägliche Trainieren vorzubereiten. Und die dann noch verbleibende Zeit brauchen Sie, um sich selbst zu erholen.“ Je weiter meine Kinder in der Schule voranschreiten, um so mehr spüre ich, dass sie auch hier einmal wieder Recht hatte. Selbst wenn bei Maxim und Nadeschda die Anstrengungsverweigerung nicht tief ausgeprägt ist, und wir mit unserem täglichen Üben frühzeitig angefangen haben und es inzwischen so zur Gewohnheit geworden ist, dass uns tägliche Kämpfe nahezu erspart bleiben, so kostet auch das viel Zeit und Kraft. Und noch ist unser Lernpensum klein.

Sollte ich mir überlegen, ob ich nicht doch an der ein oder anderen Stelle kürzer trete? Ob ich nicht, in der Zeit, die mir alleine bleibt, wirklich nur das tue, wofür mein Herz schlägt? Sollte ich mich von der Idee verabschieden, eine dieser Heldenmütter zu sein, die Beruf, Familie und Haushalt alleine wuppen, ohne mit der Wimper zu zucken? Vieles davon ist ja auch nur mehr Schein als Sein. Und gerade hier in der anonymen Bloggerwelt liest man vielmehr, wie kräftezehrend eine solche Mehrfachbelastung ist. Das allein schon mit einem Kind.

Schließlich bleibt am Ende die Tatsache, dass Maxim und Nadeschda aufgrund ihrer Geschichte immer ein MEHR an Begleitung und Förderung brauchen werden. Ich bin diese Verantwortung eingegangen und ich will sie auch wahrnehmen. Alles andere muss dahinter zurücktreten. Vor allem der Wunsch nach einer Berufstätigkeit.

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„Bin ich als Adoptivmutter gut genug?“ – Von gelegentlichen Zweifeln

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In ihrem Beitrag „Bedingungslos lieben“ warf Katja von homeiswheretheboysare auch die Frage nach dem „Gut genug Sein“ auf. Irgendwie lässt mich diese Frage nicht los und hat mich auch durch den Urlaub in den Schweizer Alpen begleitet. Ja, auch wenn meine Kinder mir jeden Tag wieder und wieder zeigen „Mama, Du bist gut genug. Und noch viel mehr als das.“, so holen mich doch hin und wieder Zweifel ein:

Bin ich als Adoptivmutter tatsächlich gut genug? Tue ich alles erdenklich Mögliche um meine Kinder auf ein bürgerliches Leben gut vorzubereiten? So gut, dass sie irgendwann alleine ihren Weg durch das Leben gehen?

Reicht das, was ich mache? Reicht meine Unterstützung aus? Lernen, üben, ein stark rhythmisierter Alltag? Meine Präsenz in der Schule, um genau zu wissen, was passiert, um meine Kinder zu schützen und zu stärken. Um mit ihnen das Zuhause zu lernen, was sie vielleicht verpasst haben; um die Lehrer zu sensibilisieren und sie ein wenig wohlwollender gegenüber Maxim und Nadeschda zu stimmen, um ein Quäntchen mehr Achtsamkeit gegenüber ihnen sicherzustellen.  Alle möglichen und sinnvollen Therapien und Therapeuten auszuprobieren, die ihn helfen könnten. Unterschiedliche Ärzte und Arztmeinungen zu konsultieren, um die best mögliche medizinische Versorgung ihnen zu bieten.

Reicht meine Geduld, meine Fürsorge, meine Zuneigung? Ist meine bedingungslose Liebe für meine Kinder genug? Reicht es aus, für diese Kinder da zu sein, für sie zu sorgen, sie zu beschützen und zu behüten, egal wie viel Kraft es auch kosten mag? Ist es genug, sie so anzunehmen, wie sie sind?

An guten Tagen, wenn ich bewusst wahrnehme, wie Maxim und Nadeschda wachsen, wie sie sich entwickelt haben, wenn ich merke, dass es ihnen gut geht, dass sie sich wohlfühlen und sie geborgen sind, weiss ich, dass alles gut genug ist. Wenn Lehrer oder Therapeuten mir bestätigen, wie wunderbar beide Kinder sind und welche unglaubliche Entwicklung sie vollziehen, dann weiss ich, dass meine Förderung und Unterstützung genau richtig ist, dass sie ausreicht, dass sie gut genug ist. Dann weiss ich, dass ich gut genug bin, ich als Mutter. Dann bin ich davon überzeugt, dass Maxim und Nadeschda  mit meiner Hilfe und Begleitung den sicheren Weg in ein eigenständiges Leben gehen werden.

Doch dann gibt es die Tage, an denen die Zweifel kommen. An denen ich das Gefühl habe, es reicht eben nicht aus, was ich für sie tue. An denen ich glaube, dass meine Geduld nicht groß genug ist. An denen ich zweifle, ob meine Liebe und Fürsorge jemals ausreichen wird, da meine Kinder einfach ein Fass ohne Boden sind. Sie saugen meine Liebe auf wie ein trockener Schwamm. Und es wird niemals genug Liebe sein, um die Löcher zu füllen und die Wunden zu heilen, die in ihrer frühesten Kindheit aufgerissen wurden. Auch wenn ich weiss, dass ich den permanenten Alarmzustand im Kopf und in der Seele meiner Kinder nur mindern kann, ihn aber niemals vollständig heilen, so frage ich mich dennoch, ob es nicht ein noch nicht entdecktes MEHR gibt, was ich tun kann, um ihnen zu helfen, zu heilen. Es sind die Tage, an denen ich mich frage, ob ich nicht noch mehr für meine Kinder tun müsste und könnte. Sollte ich meine Ausbildung aufgeben, da Maxim und Nadeschda sich schwer tun, wenn ich abends weg bin? Sollte ich mich von jeglicher Fremdbetreuung verabschieden, um ganz und gar für meine Kinder da zu sein? Sollte ich nicht mein ehrenamtliches Engagement ganz einschränken und nur noch auf die Schule konzentrieren, um an den Vormittagen mehr Zeit für mich zu haben, damit ich nachmittags noch ausgeglichener und noch ruhiger bin, wenn meine Kinder sich nicht wohlfühlen und meine Grenzen erneut testen, wenn das Wutmonster uns wieder besucht, wenn Nadeschda in meinen Bauch krabbeln will, an mir klebt und mich keine Zentimeter wegbewegen lässt, wenn Maxim in den Widerstand geht, um zu prüfen, ob ich ihn dann immer noch halte?

Am Ende, wenn ich Katja’s Post noch einmal Revue passieren lasse, sind es immer die Tage, an denen ich mir selbst nicht gut genug bin. An denen ich unzufrieden mit mir selbst bin, weil ich nicht das geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe, an denen ich nicht nicht geduldig genug bin, weil ich unausgeschlafen oder erschöpft bin, an denen ich nicht ruhig und gelassen geblieben bin, an denen mir manchmal alles über den Kopf wächst. Die Tage, an denen ich mir jedoch nicht die Frage stelle, ob ich mir vielleicht zu viel vorgenommen habe. Die Tage, an denen ich in alte Muster verfalle – ich bin nur als Mutter gut genug, wenn ich dies und das geleistet habe. Die Tage an denen ich funktioniere und nicht bei mir bin.

Nicht nur meine Kinder sollen und können sich entwickeln. Auch ich als ihre Mutter kann und will mich weiter entwickeln. Wieder mehr auf mich und meine innere Stimme hören. Zu spüren, wann es zu viel ist. Und eben nicht zu fragen, ob da doch noch mehr gehen muss, ob ich da noch mehr leisten muss. Achtsam bei mir selbst zu bleiben und nicht bei meinen zu vollen To Do Listen. Anstatt mir die Frage zu stellen, was ich noch mehr für meine Kinder tun kann, sollte ich mir die Frage stellen, was ich für mich tun kann. Denn nur so, nur, wenn es mir gut geht, wenn ich bei mir bin, dann habe ich genügend Kraft und Ausdauer, so für meine Kinder da zu sein, wie sie es brauchen.

Die innere Stärke jeden Tag immer wieder von Neuem zu beginnen und sich niemals aus der Bahn werfen zu lassen, kommt letztendlich nur aus der bedingungslosen Liebe. Aus der bedingungslosen Liebe für meine Kinder und die meiner Kinder zu mir. Vor allem aber aus der bedingungslosen Liebe zu mir selbst. Denn so wie ich bin, bin ich gut genug.

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Das Wachsen einer bedingungslosen Liebe – Gedanken einer Adoptivmutter

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Die Geburt meiner Kinder war eine andere. Ich habe sie nicht neun Monate unter meinem Herzen getragen. Vielmehr ließ mich das Schicksal ihre Mutter werden und unsere Liebe anders wachsen.

Maxim und Nadeschda waren ungefähr ein Jahr bei uns, als Richard mich eines Abends fragte: „Liebst Du unsere Kinder?“ Nachdenklich antworte ich: „Ja, so langsam.“ Hinter uns lag zu diesem Zeitpunkt ein wunderschönes, aber genauso aufreibendes Jahr, in dem wir nach einer abenteuerlichen Adoption in Russland Eltern von zwei Kindern geworden waren. Es war ein Jahr, in dem ich immer wieder und wieder mit meiner Mutterrolle gehadert hatte , ständig das Gefühl hatte, nicht „gut genug zu sein“.

Folgen meiner eigenen Kindheit

Ich selbst habe in meiner eigeneren Kindheit keine bedingungslose Liebe erfahren. Nur wenn ich die von mir erwartete Leistung brachte, bekam ich die positive Aufmerksamkeit meiner Eltern. Doch oft war selbst diese Leistung nicht gut genug. Liebe und Empathie fanden in meinem eigenen Elternhaus nicht statt. Heute weiss ich, dass meine biologischen Eltern dazu nicht in der Lage waren, da sie selbst diese Liebe als Kinder nie erfahren hatten. Wie sollten sie dann ihre eigenen Kinder lieben? Alles war ausgerichtet an gesellschaftlichen Konventionen. Gefühle wurden wenn dann nur negative gezeigt. Erst als ich in die USA ging, erfuhr ich, was es heißt, geliebt zu werden für das was man ist und nicht für das was man tut. Doch da war ich bereits fast eine erwachsene Frau. Lange habe ich selbst an mir gezweifelt, ob ich in der Lage bin, Kinder nach meinen eigenen Maßstäben und Wertvorstellungen großzuziehen. Ich wollte dem Rollenmodell meiner Kindheit nicht folgen. Lange wollte ich keine Kinder haben. Als ich mir es doch zutraute, mich dieser Lebensaufgabe zu stellen, war es zu spät. Mein Körper wollte keine leiblichen Kinder mehr austragen.

Alles sollte so sein….

Heute denke ich, es hat alles so sollen sein. Denn ohne die Adoption hätte ich mich nie so intensiv mit der Aufgabe und Rolle einer Mutter auseinandergesetzt. Ohne die Annahme von Maxim und Nadeschda, die bis heute unsere ungeteilte Aufmerksamkeit brauchen, hätte ich nicht so mit meiner Rolle als Mutter gehadert und gerungen. Bin ich gut genug? Bin ich die Mutter, die meine Kinder verdient haben? Ist all das, was wir für Maxim und Nadeschda tun, ausreichend? Habe ich genügend Geduld, diese zwei Kinder durch das Leben zu begleiten. Reicht meine Liebe aus, sie zu halten und auszuhalten? Bis heute ist die Entwicklung meiner Kinder selten „normal“. Sie werden immer ein „Mehr“ brauchen. Mehr Halt, mehr Sicherheit, mehr Verlässlichkeit, mehr Fürsorge, mehr Zuneigung. Oft sind sie ein „Fass ohne Boden“, deren Bedürfnisse nach Nähe und Sicherheit nie gestillt zu werden scheinen. All das kann ich ihnen aber nur geben – und wenn ich dafür immer wieder über meine eigenen Grenzen und Kraftressourcen hinausgehen muss -, weil ich diese beiden, meine beiden Kinder bedingungslos liebe. Ich habe sie nicht neun Monate unter meinem Herzen getragen, wo vielleicht eine bedingungslose Mutterliebe automatisch entsteht. Als wir Maxim und Nadeschda im Kinderheim zum ersten Mal begegneten, stellte sich auch nicht die viel romantisierte „Liebe auf den ersten Blick“ ein. Meine Liebe für diese zwei Kinder wuchs erst im Laufe unseres gemeinsamen Lebens. Je mehr ich in meiner Rolle als Mutter ankam, um so mehr liebte ich meine Kinder. Je mehr ich mich überzeugte, dass ich gut genug bin als ihre Mutter, um so mehr gedieh die bedingungslose Liebe zwischen uns. Je mehr ich unser „anderes“ Leben als Adoptivfamilie akzeptierte, um so freier wurde die Liebe zu meinen Kindern.

Dankbarkeit

Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke und innehalte, so breitet sich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit aus, Dankbarkeit für meine Kinder und für all das, was ich bisher durch sie und mit ihnen habe lernen dürfen. Den Wahnsinn unseres Familienalltags zu ertragen und lieben zu lernen; die Verantwortung, zwei Kinder mit besonderen Bedürfnissen auf ihrem Weg groß zu werden zu führen und zu begleiten; meinen Kindern die Nähe und das Verständnis zugeben, die sie brauchen, manchmal bis zur eigenen emotionalen Selbstaufgabe; als Paar und als Familie zusammenzuhalten, wenn das Umfeld einen alleine lässt; zum Experten zu werden, wenn es um die richtige medizinische oder therapeutische Behandlung der eigenen Kinder geht; Vorurteile zu überwinden, um die bestmögliche Begleitung und Förderung für Maxim und Nadeschda zu finden; das Bewusstsein und das Selbstvertrauen zu haben, allein zu wissen, was meinen Kindern gut tut. Nach all den Jahren spüre ich, dass ich in meiner Rolle und Aufgabe als Mutter – als Adoptivmutter – angekommen bin. Ja, ich bin gut genug. Maxim und Nadeschda den Himmel zu geben, nach dem sie sich strecken, ist meine Lebensaufgabe. Ich habe diese Bestimmung angenommen. Heute habe ich das Gefühl, dass ich dieser Herausforderung gerecht werden kann. Demütig danke ich dem Schicksal, das mir diese zwei Kinder anvertraut hat. Denn sie geben meinem Leben einen wahren Sinn.

Meine Kinder nehmen mich als ihre Mutter an…

Doch nicht nur geben Maxim und Nadeschda meinem Leben einen Sinn, mehr noch haben sie mich die Fähigkeit bedingungslos zu lieben gelehrt. Für diese Kinder da zu sein, für sie zu sorgen, sie zu beschützen und zu behüten, egal wie viel Kraft es auch kosten mag. Sie so anzunehmen, wie sie sind. Einfach das Herz aufgehen zu lassen, wenn ich an sie denke, sie betrachte oder mit ihnen bin. Ja, es ist ein großes Geschenk, die Mutter dieser zwei Kinder zu sein. Maxim und Nadeschda haben mich als ihre Mutter genauso angenommen, bedingungslos. Und dass obwohl sie allen Grund gehabt hätten, mich auf den „Prüfstand“ zu stellen. Sie waren tief verletzt und enttäuscht worden. Und nun kam ich und behauptete, es besser machen zu können. Sie waren zu klein, um zu widersprechen. Sie mussten sich in ihr Schicksal fügen, ob sie wollten oder nicht. Auch wenn sie bis heute nicht direkt gesagt haben: “Mama, ich hab dich lieb.“, so zeigen sie ihre ungeschminkte Liebe auf so viele unterschiedliche Arten. Der Arm, der sich fest um mich legt, mich festhält und der Kindermund sagt: „Meine Mami ganz alleine.“, die stürmische Begrüßung auf dem Schulhof, die Bemerkung zu einem Freund „Meine Mama kann alles.“, die Tränen, wenn ich in die Akademie fahre, oder die Feststellung „Beim nächsten Bauernhofwochenende musst Du aber mitfahren. Ohne dich ist es doof.“ und das gepflückte Blümchen auf dem Nachhauseweg, genauso wie die Beruhigung nach einem mißglückten Kuchen „Ist doch nicht schlimm, Mama, er schmeckt doch immer bei Dir.“ Wie kein anderer werden sie nicht müde, mir jeden Tag wieder zu sagen: „Mama, du bist gut genug. Und noch viel mehr als das.“

P.S. Lieben Dank an Katja von homeiswheretheboysare für ihren Beitrag zu „Bedingungslos lieben“, der mich zu diesem Post inspiriert hat.

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Unter Kühen – Eine Meditation im Sonnenuntergang

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Heute Morgen beim Laufen über bayrische Kuhweiden musste ich wieder an mein Erlebnis vor ein paar Wochen zurückdenken, meine Erfahrung unter Kühen im Sonnenuntergang. Seitdem ich wieder regelmäßig laufe und damit neue Impulse und Inspirationen bekomme, will ich heute noch einmal zu dieser Kuhherde zurückkehren. Vielleicht unter dem Aspekt, dass gerade im Moment, wo ich merke, wie gut es tut, neben dem Alltag als Adoptivmutter mit zwei fordernden Kindern – auch wenn zur Zeit alles weitestgehend gut läuft, ist nicht immer alles eitel Sonnenschein, nein gerade nicht. Dass es gut läuft ist oft auch harte Arbeit. – und meiner Ausbildung andere ganz persönliche Ressourcen für mich zu haben. Was man dabei in der Natur entdecken darf, ist manchmal eine spannende Erfahrung…

Unter Kühen – Eine Meditation im Sonnenuntergang

Bis zu einem Abend im Frühsommer hatte ich ein gespaltenes Verhältnis zu Kühen. Natürlich sah ich sie, wie es auch schon die Redewendung aus dem Volksmund sagt, als furchtbar dumm an. Doch auch wenn ich ihnen jegliche Intelligenz absprach, so stellten sie für mich auch eine Bedrohung dar. An meiner Laufstrecke musste ich immer an einer Herde von Kühen vorbei laufen. Kaum kam ich dem Zaun der Kuhweide näher, so jagte die Herde auf mich los, als gäbe es kein Halten mehr und folgte mir in rasendem Tempo über die Weide, wenn ich auf der anderen Seite des Zaunes meiner Laufstrecke weiter folgte. Ich war froh, dass zwischen den Tieren und mir ein elektrischer Zaun mich vor dem Wahnsinn der Kühe schützte. In meiner Zeit in Spanien hatte ich Stierkämpfe erlebt und war nachhaltig schockiert von der menschlichen aber auch der tierischen Brutalität. Zudem genährt von der Lektüre Ernest Hemingways „Pamplona“, in dem er den Stierkampf als männliche Demonstration von Mut, Macht und Männlichkeit verherrlicht. Zu den niedlicheren Begebenheiten gehörte ein Kinderbuch von einer verrückten Kuh, die mit dem Postboten zusammen die lustigsten Dinge auf einem Bauernhof erlebte, das meine Kinder mit großer Begeisterung gelesen hatten. Doch auch Lieselotte war für mich nicht ganz bei Trost.

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So begab ich mich an einem frühlingshaften Abend mit gemischten Gefühlen auf die Kuhweide eines Bauernhofes in unserer Nähe. Zuvor waren wir bereits über Ackerland gestreift, hatten die Unterschiede zwischen Weide- und Ackerland erfahren dürfen. Und nun sollten wir uns mitten unter eine Herde von an die 80 Tieren mischen. Der Lehrbauer hielt uns zur Ruhe an. Ich dachte, dass wir damit die Kühe nicht aufschrecken sollten und sie sich nicht aggressiv gegen uns wenden würden. Immer noch spukte Lieselotte in meinem Kopf herum, die sich gerne den Spaß erlaubte, ungebetene Gäste auf ihrem Bauernhof zu erschrecken und zu verjagen. Doch weit gefehlt. Sicherlich gab es ein paar Jungtiere, die uns zunächst neugierig beobachteten und auch uns berühren wollten. Doch der Großteil der Herde graste weiter friedlich vor sich hin und ließ sich durch nichts beirren. Ich hatte das Gefühl, dass wir gar nicht wahrgenommen wurden. Die Kuhherde ignorierte uns völlig. Vollständig nach innen gekehrt, grasten sie weiter, umschlangen das Gras mit ihrer riesigen feuchten Zunge und rissen die Halme und Blätter ab, um sie dann zu verschlingen und in ihrem gigantischen Verdauungsapparat zu  verarbeiten. Ruhig blieben die meisten Tiere über eine lange Zeit an ein und derselben Stelle stehen und gaben sich ganz und gar der Nahrungsaufnahme hin. Fast träumerisch nach innen gekehrt, ließen sie sich dabei von nichts und niemandem ablenken. Allein die Nahrungsaufnahme und deren Verarbeitung standen im Interesse dieser an die 600 Kilogramm schweren Wiederkäuer. Irgendwann legte sich das eine oder andere Tier auf den Boden, wartete darauf, dass das gefressene Gras aus einem seiner Mägen wieder hervor gedrückt wurde und nun zum erneuten Male gekaut und wieder in den Verdauungstrakt entlassen werden konnte.

Als ich auf dieser Kuhweide stand und die Kühe beim Fressen beobachtete, wurde es auf einmal ganz still. Um mich herum und auch in mir drin. Eine tiefe Ruhe machte sich in breit, während ich nur noch ab und zu die Verdauungsgeräusche der Tiere leise wahrnahm. Ich erinnerte mich, dass auch in meinen Urlauben in den bayrischen Bergen, wo unser Haus umringt war von Kuhweiden, sich jedes Mal in mir eine unendliche Ruhe ausbreitete, wenn ich morgens auf der Terrasse meinen Kaffee trank und ich im sich lichtenden Morgennebel die Kühe auf den Weiden sah und ihr monotones Glockengebimmel vernahm. Es hatte etwas so beruhigendes und befriedendes, diese Tiere um einen herum zu spüren. Von meiner anfänglichen Angst war nichts mehr zu merken. Im Gegenteil, ich fühlte mich tief verbunden mit der phlegmatischen Ausstrahlung dieser Tiere, die so ganz eine Einheit bildeten mit der Natur um sie herum.

Diese meditative Kraft der Kühe war für mich eine unerwartete Erfahrung. Nicht nur, weil ich mein bisheriges Bild über die Kuh an sich revidieren musste, sondern vor allem weil mir diese meditative Begegnung auf der Weide einen neuen Impuls gab, wie ich zu innerer Ruhe finden könnte. Dass ein ruhiges Innenhalten wichtig ist, ist unbenommen. Doch dass Kühe ein Kraftquell sein können, war für mich neu. Vielleicht werde ich also nun, wenn ich mich auf meinen regelmäßige Laufstrecke begebe, an der Kuhweide anhalten, mich für ein paar Momente ins Gras setzen und für ein paar Augenblicke das Grasen der Kühe verfolgen und mich von ihrer monotonen Ruhe anstecken lassen. Ein Geschenk, dass diese Tiere einem bereitwillig geben, wenn man sich drauf einlässt.

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„Angriff auf das Urvertrauen“

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Ursprünglich wollte ich mich noch ein wenig über die Berufstätigkeit als Adoptivmutter auslassen. Doch ein Vorfall in der Schule in dieser Woche lässt mich das nun erst einmal hinten anstellen. Hatte ich nicht geschrieben, dass unser Leben so wunderbar normal und zwischenfallslos dahinplätschert? Nun das hatte vorerst in dieser Woche ein jähes Ende. Was war passiert?

Kennt Ihr Leander Plattner aus „Ein Sams für Martin Taschenbier“? Nun er ist überproportional groß und kräftig für sein Alter. Etwas ungelenk und vielleicht auch einfach eine unglückliche Gestalt. Maxim ist eher wie Martin Taschenbier, klein und zierlich, aber flink. Nun, Maxim hat so einen „Leander“ in der Klasse. Entgegen dem Charakter in dem Sams-Buch ist unser Leander aber leider auch ein verhaltensauffälliges Kind. Er kam als Quereinsteiger in die Klasse. Er hält sich an keine Regeln, er stört den Unterricht, er schwänzt hin und wieder die Schule. Er sucht Streit, wo er ihn nur finden kann. Und von Anfang an hatte er es auf Maxim abgesehen. Vor allem weil Maxim mit einem Jungen befreundet ist, den Leander von früher kennt und genauso mit diesem befreundet sein will. In dieser Dreierkonstellation ist Streit immer wieder vorprogrammiert. Da gibt es mal handfeste Rangeleien, Beschimpfungen, Sachen werden aus Wut in den Dreck geschmissen. Machtkämpfe unter Jungs. Doch vor ein paar Tagen ist die Situation eskaliert.

Als ich mittags zur Schule kam, um Maxim und Nadeschda abzuholen, fand ich Maxim auf dem Schulhof mit seinem Freund und einer Aufsichtsperson. Mein Sohn kämpfte mit den Tränen, sein Freund stand hilflos daneben. Die Aufsicht hielt nach Leander Ausschau. Der kam wutschnaubend aus dem Gebüsch und beschimpfte meinen Sohn. Der wollte nur seinem Freund noch etwas sagen, aber Leander ließ ihn nicht. Ich griff ein und schlug vor, dass wir jetzt gehen und Maxim dann seinen Freund von Zuhause aus anrufen könnte, um das zu besprechen, was er noch ohne Leander besprechen wollte. – Erst hinterher erzählte mir Maxim, dass ihm Leander zuvor mit der Faust ins Gesicht mitten auf die Nase geboxt hatte. – Mit den Tränen kämpfend kam mein Sohn mit mir mit. Fest hielt er meine Hand und kämpfte mit seinen Gefühlen von Verzweiflung und Wut. Wir waren fast am Schulgebäude, als aus dem Nichts Leander von hinten angeschossen kam und Maxim so anrempelte, dass dieser, obwohl noch bei mir an der Hand, zu Boden ging.

Ich war fassungslos, mein Sohn in Tränen aufgelöst. Mit dem weinenden Maxim auf dem Arm suchte ich die Leiterin der Mittagsbetreuung, um sie über das eben Geschehene zu informieren. Eine andere Aufsicht hatte derweil Leander geschnappt und zerrte ihn in das Schulsekretariat, wo er nun warten musste bis seine Mutter ihn vorzeitig abholte. Nadeschda kam zu uns gelaufen, sie hatte alles vom Klettergerüst aus beobachtet. Wir setzten uns erst einmal und ich tröstete Maxim. Schnell kamen andere Klassenkameraden und abholende Mütter aus Maxims Klasse, um zu schauen, was passiert war. Nadeschda informierte alle aufgebracht.

Von hinten aus dem Hinterhalt ein Kind so zu schupsen, dass es zu Boden ging, und das auch noch als es an der Hand der Mutter ging, war wirklich das allerletzte! Wie gestört und aggressiv war dieser Junge, der selbst vor dem „Schutzraum“ der Mutter keinen Halt machte? Das war ein Angriff auf das Urvertrauen, das Maxim in mich hatte. Denn an meiner Hand sollte er sich eigentlich sicher fühlen. Doch Leander hatte selbst vor dieser Grenze keinen Halt gemacht, sondern war gewaltsam in diesen Raum der Sicherheit und Geborgenheit eingebrochen. Das war eine Form der Gewalt, die mir neu war. Unermessliche Wut steig in mir auf. Es war gut, dass Leander bereits im Schulsekretariat saß.

Nachdem sich Maxim etwas beruhigt hatte – äußerlich verletzt war er zum Glück nicht -, holten wir seine Sachen und fuhren nach Hause. Da erst erzählte mir Maxim die ganze Geschichte mit der vorangegangenen Kopfnuss. Zum Seelenbalsam gab es erst einmal Blaubeeren und Süßigkeiten. Und wir telefonierten mit Richard. Der rief im weiteren Verlauf des Nachmittags Leaders Mutter an, was eine kluge Entscheidung war, denn ich hätte wahrscheinlich die Fassung vollständig verloren. Er ließ sie, die sich schnell in Entschuldigungen und Erklärungsversuchen, warum Leander im Moment so schwierig sei, verlieren wollte, kaum zu Wort kommen. Nach sieben Minuten hatte er unseren Standpunkt klar gemacht: Ein solches Verhalten ist ein Angriff auf das Urvertrauen und dieser wie auch jede andere Form von körperlicher oder verbaler Gewalt gegen unseren Sohn tolerieren wir nicht, egal aus welchen Gründen. Ein solches Verhalten müssen die verantwortlichen Eltern abstellen.

Bei Maxim hat dieser Vorfall zwei Dinge ausgelöst: Auf der einen Seite ist er nun in der Schule etwas haltlos, er muss oder will sich neu orientieren. Denn auch von seinem Freund ist er enttäuscht, dass der ihm nicht geholfen hat. Selbstbewusst sagt er zwar „Dann spiele ich eben mit jemandem anderes.“, doch ich weiß, dass ihn das belastet. Leander geht er aus dem Weg, beobachtet ihn aber sehr genau. Auf der anderen Seite ist es, als wäre er uns Eltern noch einmal ein Stück weit näher gekommen. Deutlich hat er lernen müssen, dass der einzige sichere Ort für ihn hier Zuhause ist, mit Richard, Nadeschda und mir. Wir sind die, die zu ihm halten, die für ihn einstehen, ihn schützen und verteidigen. Auch wenn ich ihn im Sturz nicht auffangen konnte, so spürte er, dass wir in der Auseinandersetzung mit Leander Mutter und den Lehrern an der Schule um ihn und für ihn kämpften. (Das mal an der Oberfläche betrachtet. Ich denke es ist auch noch etwas tieferes bei ihm in Bewegung gekommen, doch das füllt einen weiteren Post.)

Meine Wut und meine Fassungslosigkeit sind auch noch nach ein paar Tagen nicht verraucht. Sollte so etwas noch einmal vorkommen, kann ich mir vorstellen, dass ich alle Hebel in Bewegung setze, damit dieses Kind die Schule verlassen muss. Denn egal was die Ursachen für Leanders Verhalten sind, diese Form der Gewalt ist mit nichts zu entschuldigen. Nur weil die Großmutter im Sterben liegt und der Vater sich von der Mutter trennt, muss ein Kind nicht aus dem Hinterhalt mit so viel Wucht schupsen, dass ein anderes Kind zu Boden geht. Verständnis dafür habe ich in keiner Weise. Zumal meine eigenen Kinder in ihrem Leben, bevor sie zu uns kamen, traumatische Erfahrungen gemacht haben, die um ein vielfaches schlimmer waren. Aber sie rennen nicht auf dem Schulhof Amok, wenn ihnen etwas nicht passt. Denn wir haben ihnen geholfen, ihrer Traumata langsam zu verarbeiten. So sehe ich auch, dass dieser Akt der Brutalität ein lauter Schrei nach Hilfe war. Ein Hilferuf Leanders nach Aufmerksamkeit, Liebe und Zuwendung, die er Zuhause nicht bekommt. Ich fürchte allerdings, dass seine Eltern aus diesem Vorfall keine Konsequenzen ziehen und sich keine Hilfe suchen bzw. Leander nicht die Hilfe geben werden, die er braucht. Wenn ich mir das bewusst mache, tut dieser Junge mir (fast) leid.

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#BestofElternblogs im Juni

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Anja von der Kellerbande ruft regelmäßig zum 1. des Monats zu den besten Beiträgen der Elternblogs auf. So auch heute und natürlich mache ich wieder mit. „#muttertagswusch – Mein Wunsch für mehr Respekt und Anerkennung der Leistung von Adoptivfamilien“ war im Mai der meist gelesene Beitrag von Euch. Darin folgte ich der Aktion #muttertagswunsch von mutterseelesonnig und ließ ich mich über die ungleiche Behandlung von Adoptivfamilien aus. Die Aufmerksamkeit, die der Beitrag erhalten hat, freut mich sehr, zumal sie deutlich und mit Abstand höher war, als bei anderen Beiträgen. Vielleicht geht ja mein Wunsch irgendwann ein wenig in Erfüllung, dass mit Adoptivfamilien, die den Schritt der Adoption und Annahme eines bedürftigen Kindes mutig und unerschrocken gegangen sind und die jeden Tag darum ringen, ihre ihnen anvertrauten Kinder gut und gesund ins Leben zu begleiten,  irgendwann ein Stück weit respektvoll umgegangen wird.

Ich danke Euch für’s Lesen und für Eure Kommentare. Habt eine wunderbare Restwoche und erholsame Pfingsten!