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Die Ehen meines Vaters – mein Beitrag zum Story-Samstag

storysamstag_0Lange ist es her, dass ich mit „dem Sekretär“ an Tante Tex Story-Samstag teilgenommen habe. Doch eingedenk ihres aktuellen Themas „Heiliger Bund“ muss ich einmal wieder mit einem Beitrag mitmachen, nachdem mich nun unsere eigenen Familienkonstellationen in den vergangenen Wochen viel beschäftigt haben. Weniger mit einer Kurzgeschichte als mit den faktischen (und vielleicht ein wenig wertenden) Schilderungen der Ehen meines Vaters.

Von den Ehe(n)-Frauen meines Vaters

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Mit freundlicher Unterstützung von unsplash.com

Meine Mutter war von anmutiger Gestalt, als mein Vater sie kennenlernte. Sie gaben ein hübsches Paar ab. Doch schon vor der Hochzeit übernahm der Standesdünkel, der die Jugend und Kindheit meiner Mutter geprägt hatte, das Regiment in der Beziehung meiner Eltern. Mein Vater durfte meine Mutter erst heiraten, als er seine Promotion abgeschlossen und einen vernünftigen Job gefunden hatte. An der Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter zu arbeiten, galt als nicht standesgemäß. Das sollte noch gelingen, doch letztlich konnte meine Mutter sich nie von den Erwartungen und Anforderungen frei machen, die ihr ihre eigenen Eltern ins Lebensbuch geschrieben hatten. Und so war ihr Alltag dominiert davon, all das zu tun, was MAN von ihr erwartete und was MAN zu tun pflegte, egal, ob sie das wollte, geschweige denn konnte. Mein Vater bald aufgefressen von der Karriere und dem vielen Geld, das es galt zu verdienen, um meiner Mutter den Lebensstandard zu bieten, den MAN eben in den besseren Kreisen pflegte, glänzte Zuhause mit Abwesenheit und überließ meiner Mutter, die grundsätzlich nicht in der Lage war, Verantwortung für nichts und niemanden zu übernehmen, den Alltag mit Haus, Haushalt und zwei Kindern, der sie bald restlos überforderte und an die Flasche brachte. Glückliche Zeiten habe ich in der Ehe meiner Eltern nicht erlebt. Eher dominierte eine gefühllose und wenig emphatische Atmosphäre mein Elternhaus. Wahrscheinlich hätten sich meine Eltern bereits scheiden lassen sollen, als mein Bruder und ich noch klein waren. Doch dazu fehlte meiner Mutter sicher der Mut, und überhaupt, das tat MAN damals nicht. Koste es was es wolle, es wurde an dieser Ehe festgehalten. Erst als meine Mutter, da sie den normalen Alltag ob ihres Alkoholkonsums nicht mehr bewältigen konnte, das Hemdenbügeln für meinen Vater einstellte – und ich ins Ausland ging und insofern nicht einspringen konnte -, suchte mein Vater sich eine neue Frau, die ihm die Hemden bügelte. Nach zwanzig Ehejahren verließ er meine Mutter und zog mit Elvira zusammen.

Elvira, meine Stiefmutter, bügelte zunächst Hemden, dann ließ sie bald bügeln. Doch vielmehr war ihr die formvollendete Fassade einer Familie immer sehr wichtig. Familie war für sie ein starres formales Konstrukt, in das man sich einfügen musste, ob man wollte oder nicht. Hier galten für sie die unverrückbaren Maßstäbe und Regeln der „08-15-Mittelstands-Spießergesellschaft“. Alles passierte, weil man es so tat, weil man so sein wollte, wie die wohlhabende Freundin drei Häuser weiter, weil der Nachbar, der jeden Samstag sein Auto wusch und seinen Rasen mähte, es von einem erwartete. Als Frau machte man zwar eine Ausbildung, suchte sich aber einen wohlsituierten Mann zum Heiraten, bekam schnell einen ganzen Sack voller Kinder und bemühte sich dann als gestresste Hausfrau und Mutter um einen Teilzeitjob, damit man wenigsten sagen konnte, dass man arbeitete. Das große Haus mit Garten und Zimmern für jedes Kind musste dann schnell in einem repräsentativen Vorort her. Es wurde, wie man es als Mittelstandsfamilie tat, nach dem neusten Luxusmöbelkatalog eingerichtet. Die Designer-Couch war zwar nicht wirklich schön, aber sie galt als Statussymbol. Das eigene Pferd zum privaten Zeitvertreib war der willkommene Ausgleich für das fehlende Cabrio, das einfach mit drei Kindern unpraktisch gewesen wäre. Kinder waren nur Staffage und hatten sich in das starre Regelkonzept einzufügen. Wenn wir Kinder, vor allem ihre Stiefkinder, in ihrem Familienspiel nicht mitspielten, war Krach vorprogrammiert. Daniel und ich hatten selten mitgespielt. Nicht weil wir nicht wollten, sondern weil ihre Erwartungen uns so fremd waren.

Mein Vater fügte sich auch in diese Ehe, doch trat er auch hier bald die Flucht an. Noch einmal eine Familie, diesmal mit drei Kindern, wo doch die ersten Kinder schon aus dem Haus waren, war ihm eigentlich zu viel. Und vielleicht war ihm auch meine Stiefmutter zu viel. Wieder mit dem Vorwand, das viele Geld für den doch aufwendigen Lebenswandel zu verdienen, lebte er meist nur am Wochenende bei seiner zweiten Familie, wenn er sich nicht gerade heimlich mit Daniel oder mir traf. Denn nachdem Elvira gemerkt hatte, dass wir uns wenig in ihr Rollenmodell einer Familie einfügen wollten, und damit eine Bedrohung für ihre Ehe waren, ließen wir uns nicht mehr oft bei unserem Vater blicken.  Lange Jahre machten wir zwar gute Miene zu bösem Spiel, doch im Rückblick war es ein Befreiungsschlag, als es zwischen mir und Elvira über die Adoption unserer Kinder zum offenen Bruch kam. Unter fadenscheinigen Begründungen hatte Elvira um die Taufe  von Maxim und Nadeschda einen offenen Bruch geschaffen, auf den sie – und ich -zwanzig Jahre gewartet hatte. Als meine Kinder nun mit in diese kranke Ehe und Familie hineingezogen wurden, hatte ich die Schnauze endgültig voll von diesem ganzen formvollendeten Familienspiel. Ich hatte Elvira nie gemocht, von dem ersten Augenblick an, an dem ich sie vor all den Jahren kennenlernen musste. Lange ich hatte versucht, mich mit ihr als Frau meines Vaters zu arrangieren. Doch dann war der Punkt gekommen, an dem sie endlich die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen hatte. Ich war nicht mehr bereit, mich ihr gegenüber irgendwie zu verbiegen. Ich tat das, womit ich sie am meisten traf: Ich strich sie aus meinem Leben.

Es gehört zur Ironie des Schicksals, dass wenige Jahre nach diesem Bruch, Elvira sich von meinem Vater trennte. Oder um es präzise zu formulieren, sie verließ ihn für einen zwanzig Jahre jüngeren Mann, ihren Nachbarn. Ein Leben mit ihm dann doch attraktiver als mit einem dann schon Mitte siebzig-jährigen den Lebensabend zu verbringen. Mein Vater hatte für sie ausgedient.

Meine eigene Ehe ist zum Glück anders, auch wenn das ob der Rollenmodelle, die ich in meiner Herkunftsfamilie hatte, im Grunde verwunderlich ist. Richard und ich sind verheiratet, weil wir uns lieben, weil wir ein gemeinsames Ziel vor Augen hatten und haben und weil wir mit Maxim und Nadeschda eine vielleicht sogar besondere Aufgabe und Verantwortung haben. Denn diese beiden wunderbaren Kinder brauchen eine große Stabilität und Sicherheit, die wir ihnen als Eltern geben müssen. Dazu haben wir uns vor Jahren entschieden. Sie brauchen uns als Paar, dass ihnen verbindlich und unabdingbar zur Seite steht. Sie brauchen uns als starke Eltern. Gemeinsam. Zusammen. Damit ist unsere Ehe nicht etwas, was wir eingegangen sind, um gesellschaftliche Konventionen zu erfüllen. Sicherlich gibt es auch einmal schwierige Phasen und natürlich gibt es Tage, an denen ich meinen Mann am liebsten zum Mond schießen wollen würde. Doch wir arbeiten immer wieder an unserer Beziehung, was ein nie enden wollender Prozess des Lernens ist mit all seinen Höhen und Tiefen. In unserer Familienkonstellation stellt sich nicht die Frage, ob unsere Ehe auch scheitern könnte, ganz zu schweigen aus wohlmöglich niederen oder banalen Gründen. Wir haben uns das Versprechen gegeben, zu einander zu halten in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet. Insofern stellte sich nur die Frage, wie diese Ehe ein Leben lang gelingen kann. Für uns und vor allem für unsere Kinder.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (33)

Eine gute Woche liegt hinter uns. Maxim und Nadeschda haben unsere freien Nachmittage genossen. Wir sind zurück in unserer Routine, die uns gut tut. Unsere Schlafdefizite haben wir wieder aufgeholt. Die Nächte sind wieder ruhig und morgens kommen wir wieder schneller aus unseren Betten. Das entspannt ungemein. Meine Vormittage sind wieder schaffensreich, auch ohne hohen Koffeinkonsum. So wären dies heute meine drei Sonntagslieblinge aus den vergangenen Tagen:

  1. Maxim, Nadeschda und ich haben mit unserer Gemüsegartenplanung begonnen. In diesem Jahr wollen wir es wagen und inspiriert von Tilda Apfelkern unter anderem ein oder zwei Kürbisse ziehen. Doch auch Gurken, Paprika und Karotten sollen in unseren Hochbeeten wachsen. Hier machen wir zum ersten Mal ein Experiment. Erstmalig kaufen wir nicht die vorgezogenen Pflanzen in der Gärtnerei, sondern versuchen selbst die Setzlinge zu ziehen. Gesät haben wir in dieser Woche. Mal sehen, was da nun so wachsen wird.
  2. Ich bin stolz auf mich: Ich bin tatsächlich in dieser Woche drei Mal morgens im Wald laufen gewesen, auch wenn das Wetter nicht immer so mitgespielt hat. Aber ich habe meinem inneren Schweinehund den Kampf angesagt. Vor allem mein Rücken freut sich darüber.
  3. Gestern Abend waren Richard und ich zum ersten Mal nach unendlich vielen
    Loving couple standing by the beach looking at sunset

    Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

    Jahren wieder einmal in einer Opernpremiere. Großartig! Das hatten wir nicht mehr gemacht, seitdem Maxim und Nadesschda bei uns sind. Einen spannende Inszenierung und zuweilen herausfordernde Musik. Und vor allem einmal wieder ein kleines unvergessliches Ereignis als Paar.

 

Habt einen wunderbaren Sonntag und einen erholsamen Feiertag mit einem guten Start in eine kurze Woche!

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16. Juni – In unterschiedlichen Umlaufbahnen: Vom Vatersein und Paarkonflikten

Sunrise over group of planets in space

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Anders als ich hadert Richard nicht mit seiner Vaterrolle. Diese hatte er schnell für sich definiert. Mit Liebe und Leidenschaft kümmert er sich um Maxim und Nadeschda. Er ist der Vater, von dem viele Kinder träumen. Er tobt viel mit ihnen, macht viel Blödsinn, unternimmt an den Wochenenden viel mit ihnen. Bis heute hat er es geschafft, jeden Abend zum Abendessen Zuhause zu sein, um Maxim und Nadeschda zu sehen, bevor sie schlafen gehen. Mein eigenes inneres Kind hätte gerne einen solchen Vater gehabt. Ich bin dankbar, dass meine Kinder einen Vater haben, der sich ihnen mit soviel Enthusiasmus widmet, mit ihnen spielt und dabei aus einem nicht versiegenden Vorrat an Quatsch und Blödsinn schöpft. Regeln sind bei Richard sehr dehnbar. Erziehung findet bei ihm nicht statt: „In der wenigen Zeit, die ich unsere Kinder sehe, werde ich sie nicht erziehen.“ Maxim hat das schnell verstanden: „Mama-Nein ist Nein, Papa-Nein ist Ja.“ Richard lässt sich allein von seiner Intuition leiten, hat keine Bücher über Kindesentwicklung geschweige denn über die Entwicklungen und die Herausforderungen von Adoptivkindern gelesen. Das lässt ihn unvoreingenommener und unbeschwerter sein als mich.

Manchmal fühlt er sich jedoch in seiner Rolle als sorgender Familienvater überfordert und glaubt, den Anforderungen, die ich an ihn bewusst und unbewusst stelle, nicht gerecht zu werden. Es gibt durchaus Tage, an denen er das Gefühl hat, alles falsch zu machen: Wenn das Anziehen der Kinder morgens so lange dauert, dass ich eingreife. Wenn Maxim und Nadeschda nicht richtig essen, da sie den ganzen Vormittag schon Süßigkeiten von Richard bekommen haben. Oder wenn Maxim den Tanz beim Essen probt, er lustlos in den Nudeln stochert und mein Alternativangebot an Essen ablehnt, sondern nur darauf wartet, dass ich platze, Richard ihm aber die dritte Alternative anbietet. Wenn noch die achte Runde Memory gespielt wird, obwohl wir uns längst auf den Weg zu einer Verabredung machen müssten. Wenn Richard so spät mit den Kindern nach Hause kommt, dass es für das Baden eigentlich zu spät ist. Wenn meine kritischen Blicke Überhand nehmen und ich mich gezwungen sehe, in die undankbare Rolle des Spielverderbers schlüpfen zu müssen, der die Elefantenherde zum Galopp antreiben muss. Immer dann bekommt Richard das Gefühl, alles falsch zu machen. Ob berechtigt oder unberechtigt. Nur ist diese Haltung wenig förderlich.

Meist ist diesen Situationen schon vorausgegangen, dass wir – wie so häufig – über Tage nicht richtig miteinander im Austausch standen, die wenige Zeit an den Abenden gefüllt war mit den Ereignissen des Tages der Kinder. Für Richard gab es keinen Raum und genauso wenig für mich. In mir ist das Gefühl gewachsen, dass ich von ihm nicht mehr als ganze Person gesehen werde. Er reduziert mich nur noch auf den undankbaren Teil meiner Mutterrolle. Oft nimmt er nicht wahr, wie anstrengend  der Alltag mit Maxim und Nadeschda sein kann. Genauso wenig bemerkt er, dass mein Leben mit unseren Kindern inzwischen organisch und harmonisch verläuft und einfach gefüllt ist, mit vielen schönen Momenten. Manchmal glaube ich, dass Richard immer noch viel Zeit braucht, zu verinnerlichen, dass seine Kinder nicht mit leiblichen Kindern und ihrer Entwicklung vergleichbar sind, dass wir eben keine normale Familie sind. Es war schon in der Entwicklung der Beziehung zu unseren Kindern so, dass er meist erst zeitversetzt nach mir auf neue Herausforderungen bei Maxim und Nadeschda gestoßen ist. So wird er erst später erkennen, dass wir als Familie und als Eltern anders sind und anders sein müssen.

Selten versteht Richard mein Hadern und meine häufigen Selbstzweifel als Mutter. Oft glaubt er noch, dass ich unzufrieden bin in meiner Rolle, weil mir die Bestätigung von außen fehlt, weil ich gebunden bin an unser Haus, an unser Dorf, gefangen bin in einem Mutterdasein, das ich mir anders vorgestellt habe. Manchmal glaubt er, ich wolle wieder erwerbstätig sein, meine alte Karriere weiter verfolgen. Doch an diesem Punkt bin ich nicht. Ich bin schon darüber hinaus, oder noch gar nicht dort angekommen.

Zuweilen kommt es mir vor, als flögen wir in unterschiedlichen Umlaufbahnen um unsere Kinder herum. Jeder von uns ist gefangen in seiner eigenen Welt und zu sehr beschäftigt mit seinen eigenen Themen. Allein hier hat sich schon etwas in Richards und meinem Miteinander verändert: Vor der Ankunft der Kinder hatten Richard und ich viele gemeinsame Themen und Interessen: Reisen, Oldtimer Rallyes, alte Autos, Oper, Theater, Freunde treffen, unsere Jobs, die sich sehr ähnelten. Über allem lag unser gemeinsames Ziel, uns unseren Kinderwunsch zu erfüllen. Heute ist unser Kinderwunsch erfüllt, unsere gemeinsamen Interessen waren in den Hintergrund getreten, unsere täglichen Aufgaben gingen auseinander, vor allem in der Sicht, die wir darauf hatten. Während ich mich in meiner Mutterolle fügte und damit zunehmend Abstand zur Berufswelt fand, nahm der Job Richard maßgeblich ein. Seine Vaterrolle konnte er nur an den Abenden und Wochenenden ausleben. So musste es auch sein, denn wir hatten uns bewusst dazu entschieden, dem klassischen Rollenmodell – die Mutter bleibt Zuhause und der Vater sorgt für das Einkommen der Familie – entschieden. Während ich, auch aufgrund meiner eigenen Kindheitserfahrungen, mit dem Muttersein haderte, hatte Richard schnell in seine Rolle als Vater gefunden.

In der Fürsorge und Erziehung unserer Kinder hatten wir teilweise divergierende Haltungen, die sich allein schon aus der Zeit ergaben, die wir jeweils mit Maxim und Nadeschda verbrachten. Einmal hatte ich zu Freunden auf den Kommentar hin „Es ist ziemlich eindeutig, wer von Euch beiden für die Erziehung zuständig ist.“ geantwortet: „Ja, und es hat einfach auch etwas mit Überleben zu tun. Wenn Du vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche zusammen bist, dann geht das nur mit festen Regeln.“ Zum ersten Mal hatten wir in unserer Beziehung unterschiedliche Sichtweisen. Daraus ergaben sich zwangsläufig gelegentliche Reibereien oder Meinungsverschiedenheiten. Sich jetzt hin und wieder zu reiben war im Grunde genommen in Ordnung. Genauso in Ordnung, wie es jetzt nicht anstand, gemeinsame Hobbies und Interessen zu pflegen. Wir hatten eine neue zentrale Aufgabe mit Maxim und Nadeschda bekommen, hinter der alles andere zurückstand. Schwierig wurde es, wenn uns der gemeinsame Austausch abhanden kam. Wenn ich nicht wusste, was Richard bewegte, so konnte ich natürlich auch seine Reaktionen nicht einordnen. Und genauso umgekehrt. Was wir in einem ersten Schritt brauchten, war mehr Zeit zu zweit, allein ohne unsere Kinder. Doch es fehlte uns der Mut, egoistisch an uns selbst zu denken, und die Disziplin, uns konsequent diese Zeit zu nehmen. Denn zu schnell breitete immer wieder unser Alltag mit Maxim und Nadeschda seine Arme aus und hielt uns fest umklammert.

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22. März – Noch mehr schlechte Muttergefühle…

Einsam sitze ich hier und denke, was für ein bescheidener Montag dies gestern war. Ich mag es nicht, wenn die Woche so beginnt. Ich fühle mich schlecht. So als bricht jetzt alles über mich hinein. Ich habe das Gefühl, dass ich niemandem gerecht werde. Ich bin eine schlechte Mutter, eine unzureichende Ehefrau und eine Rabentochter sowieso. Da ist sie wieder die Schraube, die sich nach unten dreht, die ich nicht anhalten kann.

Eigentlich hatte ich doch einen großartigen Sonntag. Richard war mit den Kindern unterwegs mit seiner späten Väterrunde. Ich hatte fast einen ganzen Tag für mich. Das war schon lange nicht mehr vorgekommen. Viel zu spät kam er mit Maxim und Nadeschda nach Hause. Das sonntägliche Baderitual hatte ich schon geistig gestrichen, doch Richard wollte daran festhalten. Meine Entspannung schwand in Minuten. Natürlich wurde gebadet, die Kinder waren bereits völlig übermüdet, und so war es vorprogrammiert, dass es spätestens beim Abtrocknen zwischen Maxim und mir wieder einmal eskalierte. Ich kann gar nicht mehr sagen, warum. Er verweigerte sich und ich kam in Rage. Als ich mit ihm heulend das Bad verließ, und er sich auch oben im Kinderzimmer nicht beruhigen wollte, intervenierte Richard zum ersten Mal. „Ich mach das jetzt hier fertig. Kümmere Du Dich um das Abendessen.“ Ich war wohl selbst nicht mehr in der Lage, mich adäquat um meine Kinder zu kümmern. So fühlte ich mich zumindest in dem Moment.

Nachdem wir das Abendessen irgendwie über die Bühne gebracht hatten und Richard die Kinder ins Bett gebracht hatte, versuchte ich ihm meine Gefühlslage zu erklären. Doch anstatt Verständnis und Unterstützung zu bekommen, gingen mit Richard die Nerven durch. So saßen wir da, servierten uns gegenseitig unsere Unzulänglichkeiten als Nachtisch, ohne eine Lösung zu finden. Während Richard irgendwann einfach wortlos ins Bett ging, blieb ich mit meinen schlechten Gefühlen im Wohnzimmer sitzen. Unausgeschlafen machte es den nächsten Morgen auch nicht besser. Bis Maxim im Kindergarten war, durchlebten wir zwei weitere Tobsuchtsanfälle. Danach dachte ich die ganze Zeit nur, ob der liebe Gott diesen Tag einfach schnell vorüber gehen lassen kann. – Irgendwie ging es dann auch. Es muss ja immer irgendwie weitergehen. Doch gut geht es mir nicht.

Es kommt mir so vor, als würden jetzt noch einmal alle schlechten Gefühle, die sich in den letzten Wochen angestaut haben, herauskommen. Emotionen wegzudrücken, hilft nicht. Sie kommen heraus, ob ich will oder nicht. Ich muss das jetzt aushalten. Ich kann nur hoffen, dass das irgendwann vorbei geht. Aber mir fehlt eine Idee, wie ich diese negativen Gefühle los werde. Bestätigung und Wertschätzung habe ich nicht. Es ist niemand da, der mir sagt, dass ich das doch alles gut mache. Ich erfahre keine Anerkennung. Ich habe auch keinen Vergleich, aus dem ich sagen könnte: Das klappt doch hier bei uns schon ziemlich gut. Ich habe ja noch nicht einmal ein Rollenmodell, das es nach meinem Dafürhalten so gut macht, dass ich mich daran orientieren könnte. Wo ich sagen könnte: Wenn ich es so mache, dann ist es gut.

Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als diesen Zustand jetzt auszuhalten. Vielleicht gehört er einfach dazu. Ich muss dem Erschöpfungszustand Rechnung tragen, in dem ich mich befinde. Ich wollte ihn die ganze Zeit nicht wahrhaben. Doch nun hat er sich so in den Vordergrund gedrängt, dass ich ihn nicht mehr ignorieren kann. Ich sollte ihn ertragen, aushalten und dann loslassen. Vielleicht ziehen dann diese schlechten Gefühle mit all den Unzulänglichkeiten von dannen.

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15. Februar – Sorgen um Oma (Teil 2)

Noch immer ist Renates Zustand sehr schlecht. Die Krebsdiagnose hat sich erhärtet. Der Tumor ist recht groß und hat bereits die umliegenden Lymphknoten befallen. Doch es grenzt nahezu an ein Wunder, dass die Krebszellen noch nicht weiter gestreut haben. In Lungen und Leber sind bisher keine weiteren Krebsherde gefunden worden. Renates kritischer Gesundheitszustand ist daher vor allem auf Herzrhythmusstörungen zurückzuführen. Da sie so lange ihre Blutwerte und ihre Einstellung auf blutdrucksenkende Medikamente nicht hatte überprüfen lassen, ist ihr Herzrhythmus aus dem Ruder gelaufen. Sie schläft im Grunde die ganze Zeit, ist sehr schwach und bewegt sich auf einem schmalen Grad zwischen Leben und Tod. Erst wenn sich ihr Zustand stabilisiert hat, kann sie operiert werden.

Richard und ich sind immer noch in einem Funktionsmodus. Wir nehmen Renates Erkrankung von Tag zu Tag, mögen keine Prognosen abgeben, nicht die nahe liegende Zukunft planen. Wir wissen nicht wie es weiter gehen wird. Im Moment hoffen wir nur, dass alles gut geht, dass sich Renate erholt und bald operiert werden kann. Dennoch in stillen Momenten spüren wir, dass vor uns allen noch ein harter und steiniger Weg liegen. Nach der Operation werden Chemotherapie und Bestrahlungen folgen. Das wissen wir bereits. Was dies für uns als Familie bedeuten und welche Auswirkungen dies in unserem Alltag haben wird, können und wollen wir noch nicht absehen.

Ich weiß nicht, wie es Richard damit geht. Ich spüre bei dem Gedanken daran, wie sich mir der Hals zuschnürt, als hätte man mir einen Felsbrocken um das Genick gekettet, der mich langsam nach unten zieht. Doch auf der anderen Seite helfen mir Maxim und Nadeschda, mich nicht vollständig nach unten ziehen zu lassen. Denn ihnen gilt mein Leben. Für sie muss ich da sein. Meine Hauptaufgabe ist es, nun unseren Alltag so zu gestalten, dass er friedlich weiterläuft, auch mit der Belastung, dem Schmerz und den Sorgen um die Oma und einem Papa, der zur Zeit nicht so für seine Kinder da sein kann, wie er das gerne können möchte. Ich muss mein eigenes Kopfkino abschalten, um jeden Tag voll und ganz für Maxim und Nadeschda präsent zu sein. Ich muss ihnen die Stabilität geben, die um uns herum als Familie im Moment fehlt. Mehr denn je muss ich mich voll und ganz nur auf diese beiden, meine beiden Kinder konzentrieren. Das kostet auf der einen Seite Kraft, vor allem wenn keine Minute zum durchatmen bleibt. Auf der anderen Seite hilft es mir. Denn auch mir gibt die Tatsache, dass ich mehr als hundert Prozent und ohne Unterstützung für meine beiden Kinder da sein muss, Stabilität und eine klare Orientierung.