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„The Window of Stresstolerance“ – Von den Bedingungen, unter denen traumatisierte (Adoptiv-) Kinder überhaupt lernen können

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Die Ferien und unser tägliches Üben Zuhause bringen es wieder zu Tage: Sind meine Kinder in einem Zustand der inneren Ruhe und Ausgeglichenheit, sind sie wenig (oder gar nicht) belastet mit schulischem Druck, halten sie sich hauptsächlich in unserem für sie sicheren häuslichen Umfeld auf, so können sie auch gut auf ihre inneren Ressourcen zurückgreifen, um zu lernen. Maxim braucht etwa nur die Hälfte der Zeit für seine Aufgaben wie sonst in der Schulzeit. Und auch Nadeschda kann auf einmal wieder auf lang erlerntes zurückgreifen. Schon vor den Ferien war mir aufgefallen, dass Maxim in Phasen der großen Anspannung schon längt gut Gelerntes einfach vergaß. Steif und fest behauptete er, dass er die 14er Reihe des großen 1×1 nie in der Schule (und schon gar nicht zuhause) gelernt hatte. Zunächst war ich irritiert und eine gewisse Nervosität machte sich auch in mir breit. Doch dann kamen mir die Antworten auf die „schwarzen Löcher“, die sich temporär in seinem schulischen Wissen zeigten:

Mit Blick auf das Lernen gibt es zwei Aspekte, die mir erneut die Augen öffneten, warum das Lernen für meine Kinder oft so schwierig ist. Auf den ersten Aspekt war ich schon vor Monaten bei Heather Forbes gestoßen. Jedes Kind hat ein eigenes Niveau an innerem Stress, den es aushalten kann. Dieses „Fenster von Stresstoleranz“ wird darüber definiert, wie gut das Kind Druck, Angst und Überforderung aushalten kann ohne innerlich disreguliert zu werden. Hat ein Kind ein großes Fenster der Stresstoleranz, ist es in der Lage gut in der Schule zu funktionieren. Es kann sich gut kontrollieren, es kann konzentriert arbeiten, sein Gedächtnis und Erinnerungsvermögen funktionieren, es kann logisch und sequenziell denken. Kinder, die traumatischen Erfahrungen erlebt haben, haben hingegen ein kleines Fenster der Stresstoleranz, denn der traumatische Stress hat sich in ihrem Inneren manifestiert und lässt sie in ständiger „Alarmbereitschaft“ zurück. Diese Kinder erscheinen ungeduldig, impulsive und unkonzentriert, sie sind kaum in der Lage klar und rational zu denken. Dass sie oft Schwierigkeiten haben, still zu sitzen und konzentriert zu arbeiten, liegt somit auf der Hand. Alle Fähigkeiten, die für ein konzentriertes und fokussiertes Lernen erforderlich sind, können diese Kinder kaum aktivieren. 

Zum zweiten zeigen neuro-biologische Reaktionsmuster, dass in einem Zustand des dauerhaften traumatischen Stress und der emotionalen Disregulation das Großhirn deaktiviert ist. (Ich hatte hier schon einmal darüber geschrieben, um mit dem Mythos von manipulativem Verhalten aufzuräumen.) Vereinfacht beschrieben ist das Großhirn verantwortlich für das rationale Denken – und damit Handeln, das Verarbeiten von Informationen und Wissen, das logische Denken, vorausschauende Planung und Struktur. In ihm sind somit alle rationalen und bewussten, aber auch unbewussten und bildhaften Funktionen verankert, die zum Lernen notwendig sind: Analytisches rationales Denken, Erinnerungsvermögen und Gedächtnis, Vorstellungsvermögen, Logik oder auch Sprache. Das Limbische System ist verkürzt gesagt das emotionale Zentrum des Gehirns. Hier spielen sich auch die schützende Prozesse von Flucht oder Kampf ab. Im Reptiliengehirn sind alle vitalen Funktionen und damit der natürliche Selbsterhaltungstrieb des Menschen angesiedelt. Es verarbeitet externe Impulse und leitet daraus die vegetativen Reaktionen ab. In der Regel ist das Großhirn der dominierende Teil, der das Limbische System und das Reptiliengehirn kontrolliert und steuert. Fühlt sich ein traumatisiertes Kind allerdings bedroht und lebt ohnehin aufgrund der traumatischen Erfahrungen in einem dauerhaften Zustand von Stress und Erregung, dann kontrolliert nicht mehr das Großhirn seine internen Prozesse und reguliert seine Gefühle und Reaktionen. Es ist ausgeschaltet, und allein das Limbische System und das Reptiliengehirn übernehmen. 

Somit ist offensichtlich, dass ein konzentriertes und fokussiertes Lernen kaum möglich ist, wenn der Zugang zu den dafür erforderlichen Funktionen im Großhirn gestört ist. Stattdessen dominieren in diesen Kindern die Hirnbereiche des Limbischen Systems und des Reptiliengehirns, die mit dem unmittelbaren „Überleben“ des Kindes beschäftigt sind. Sie fokussieren darauf, die primären physischen und emotionalen Bedürfnisse des Kindes sicherzustellen, nicht aber darauf zu lernen. Das heißt, dass ein Kind solange nicht in der Lage ist, akademisch zu lernen, solange nicht in seiner Wahrnehmung seine physischen und psychischen Grundbedürfnisse erfüllt sind. Fühlt sich also ein Kind in der Schule und in seinem schulischen Umfeld nicht sicher, was wohl bei den meisten traumatisierten Kindern der Fall ist, so ist es gar nicht erst in der Lage, Wissen aufzunehmen, geschweige denn es zu behalten. Befindet es sich wiederum in einer sicheren und wohlgehüteten Umgebung, lässt der äußere Stress und die Anspannung nach, kann es sehr wohl wieder lernen und neue Dinge aufnehmen. 

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (146)

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Photo by Viko Mozara on unsplash.com

Endlich Ferien! Wir haben es geschafft für dieses Schuljahr! Auch wenn das nächste schon seine Schatten vorauswirft. Aber nun sind erst einmal Ferien. Sechs Wochen durchatmen, runterkommen, Routine aufrechterhalten und dennoch Luft zum Atmen schaffen. Mal sehen wie uns das gelingt. In der kommende Woche sind wir erst einmal Zuhause, ohne Programm. Ich habe davon Abstand genommen in den vergangenen Jahren, die Kinder gleich in irgendwelche Freizeitaktivitäten und Kinderbetreuungsangebote zu schicken. Nadeschda würde das ohnehin nicht wollen. Bei Maxim werde ich ab morgen zwei bis drei Tage das Programm „Mir ist so langweilig.“ aushalten müssen. Aber immer nur für zehn Minuten. Spätestens dann hat er etwas gefunden, womit er sich begeistert beschäftigen kann. Insofern schaue ich gespannt auf die kommende Woche und bin heute erst einmal dankbar für diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Es war eine sehr dichte und volle letzte Schulwoche. Und das unter harten klimatischen Bedingungen. Und doch haben wir alles gut im Sinne von allen überstanden. Die Theaterproduktion war ein voller Erfolg, in der ich aber auch gelernt habe, mich nur gezielt einzubringen und dabei die Bedürfnisse meiner Kinder nicht aufs Spiel zusetzen. Grenzen ziehen, meine Aufgaben entschlacken und entrümpeln, Verantwortung delegieren und abgeben, das werden Themen sein, die mich nun auch durch die Ferien begleiten werden. Aber ich bin dankbar für die Erfahrungen aus der vergangenen Woche, dass das an vielen Stellen auch funktioniert.
  2. Ich bin froh, dass nun sechs Wochen ohne Schulprogramm auf uns warten. Vor allem auf sechs Wochen ohne die emotionalen Belastungen aus der Schule. Gerade die vergangenen Wochen des Schuljahres haben vor allem Nadeschda gebeutelt und belastet. Auch bei Maxim lief nicht immer alles reibungslos. Allein der Schimpfwortpegel war dramatisch erhöht und hat allein in den vergangenen zwei Tagen genauso wieder um ein erstaunliches Maß abgenommen. Das lässt mich hoffen und freuen auf ein paar Wochen in denen wir durchatmen und Kraft tanken können.
  3. Beide Kinder haben beruhigende Zeugnisse mit nach Hause gebracht. Aus schulischer Sicht scheinen beide auf einem guten Weg zu sein. Selbst wenn ich dies vorher schon geahnt hatte, so tut eine schriftliche Bestätigung doch auch gut. Nun gilt es, dies im kommenden Schuljahr beizubehalten, und beide Kinder in den Ferien weiter so zu stärken, dass sie in der Schule noch besser auf ihre inneren Ressourcen zurückgreifen können.

Kommt noch gut durch diesen Hitze geplagten Sonntag und startet wohlbehalten und gut in eine neue Woche.

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Was brauchen Familien wirklich? – Blogparade

Wecker auf Schreibtisch, Bücher im Hintergrund, Breitbild

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Fast hatte ich es geahnt, dass es keine gute Idee ist, mit einem Beitrag zu Sunnybees Blogparade so lange zu warten. Der Arbeitsalltag vor den Ferien an der Schule mit einer neuen Theaterproduktion hat mich etwas überrollt. Aber nun gut. So ist es nun einmal. 

Auf der anderen Seite hatte ich nun genug Zeit nachzudenken, mich ein wenig zu sortieren. Denn nach Sunnybees Beitrag sind mir so viele Gedanken durch den Kopf gegangen. Als erstes kam mir da mehr Zeit, die ich mir für Familien für ihre Kinder wünsche. Egal wo ich bin, höre ich immer wieder: „Ich wünsche mir mehr Zeit. Mehr Zeit für mich, für meine Kinder.“ Zweitens fällt man als Frau und Mutter natürlich immer wieder in die „Falle“ der Gleichberechtigung. Auch mich bewegt das immer einmal wieder. Denn auch wir leben Zuhause nicht die „Gleichberechtigung“. Wir folgen eher dem Credo, wer am meisten verdient, bestimmt, und die anderen haben zu folgen. Aber seitdem ich mir noch einmal klar gemacht habe, dass mein Mann auch nur so erfolgreich arbeiten kann, weil ich ihm mit allem den Rücken freihalte, und ich im Grunde die „Hauptverdienerin“ in unserer Familie bin, habe ich damit zumindest für mich und mein Leben für eine Weile Frieden geschlossen. Und drittens ist dann da die ganze so wichtige Diskussion um Fürsorgearbeit und deren Anerkennung, in der Claire von mamastreikt so wunderbare Dienste tut. Hier ist ein Umdenken in unserer Gesellschaft so zwingend notwendig. Nicht nur damit die Generation unserer Eltern gut versorgt ist, sondern vor allem auch damit unserer Kinder ein Zuhause haben, in dem sie sich gesund entwicklen können. 

Das ist mein eigentliches Anliegen. Wie Ihr wisst beschäftige ich mich zwangsläufig immer wieder damit, wie es gelingen kann, Kinder, und vor allem meine Kinder gesund und heilend aufwachsen zu lassen. Dabei geht es auch um die gesunde Balance zwischen Beruf und Muttersein. Entgegen aller Überlegungen werde ich nun zum Sommer noch einmal meine Stelle an der Schule erweitern und eine eigene Klasse übernehmen. Ich bin bemüht, dass wir das gut hinbekommen. Und ich hoffe sehr, dass es funktioniert. Gerade in den vergangenen Woche schaue ich daher immer wieder darauf, was uns gut tut und was nicht. 

Aber das ist nicht das Eigentliche, was ich mir heute für Familien wünsche . Erschütternd und zum Denken erneut angeregt hat mich ein Buch, dass ich im Rahmen meines eigenen Forschungsprojektes angefangen habe zu lesen, in dem der Autor an vielen Stellen sehr eindrücklich schildert, dass es im Grunde immer mehr traumatisierte Kinder, oder konkreter beziehungstraumatisierte Kinder in unserer Gesellschaft gibt, weil die Rahmenbedingungen einfach nicht mehr gegeben sind, in denen Kinder auch mit zwei Eltern gesund aufwachsen können. Zu sehr in den Zwängen unserer Leistungsgesellschaft gefangen und oft auch aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten heraus stehen Eltern ihren Kindern nicht mehr so zur Verfügung wie sie es vielleicht brauchen. Und die Welt, in der unsere Kinder aufwachsen, ist längst auch schon keine heile mehr. Die Anforderungen an die Kinder sind schon viel zu früh viel zu groß für sie. Kind sein ist nicht mehr erlaubt, vielmehr werden sie oft in jeglicher Hinsicht schon zu führ zu kleinen Erwachsenen. 

Bei vielen Kindern mag das gut gehen, bei immer mehr aber nicht mehr. Dann fallen sie auf. Meist zuerst in der Schule. Plötzlich werden Kinder zu Problemen, die den Unterricht sprengen, die Klassenkameraden bedrohen, die die Lehrkräfte beschimpfen, die ausbrechen wollen aus dem stark reglementierten und einengenden Alltag. Hilfe bekommen sie, wenn überhaupt zu spät. Denn selbst wenn Eltern sehen, dass ihre Kinder Hilfe brauchen, die über ein sorgendes und fürsorgliches Zuhause hinausgehen, dann ist diese Hilfe in so vielen Fällen so schwer zu bekommen. Nicht nur, dass das Angebot von guten Therapeuten klein ist, einen Platz zu bekommen ist noch einmal schwieriger, von finanzieller Unterstützung hierfür ganz zu schweigen. Durch ewige Mühlen der Bürokratie mit unzähligen Hürden muss eine Familie durch, um die Unterstützung zu bekommen, die ihr Kind vielleicht braucht. Oft dauert dies Prozess Monate. Ob es dann die Hilfe ist, die wirklich zum Kind passt und es heilen lässt, ist fraglich. Zu oft – wenn die Situation in der Schule nicht mehr tragbar ist – wird der Weg über eine „Notfalldiagnostik“ gegangen. Die Kinder werden in eine Klinik eingewiesen, in denen sie zwar – manchmal über Monate – eine akute therapeutische Hilfe bekommen. Doch wirklich beginnen zu heilen und zu wachsen können sie nicht. Oft folgt eine Odyssee von Klinikaufenthalten, an deren Ende oft eine gebrochene Kinderseele steht. 

Wenn denn schon unsere Gesellschaft so ist, wie sie ist, und das Leben von Leistung und Druck dominiert ist, in dem unserer Kinder selten einen guten Platz haben, dann würde ich mir zumindest wünschen, dass der Zugang zu Hilfe für diese Kinder einfacher ist. Dass es auch Familien, die nicht über die finanziellen Freiräume verfügen, einfach und unkompliziert therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen können, vielleicht sogar für sich selbst auch. (Denn oft sind Beziehungstraumatisierungen verursacht durch ein generationsmäßiges Übertragen von Traumata aus der Kindheit der Eltern.) Ich wünsche mir weniger Hemmschwellen, Hilfe und Unterstützung zu bekommen, nicht nur weniger bürokratische Hemmschwellen, sondern vor allem auch gesellschaftliche und emotionale. Es ist nicht schlimm, wenn ein Kind in der Schule verhaltensauffällig wird. Es ist nur seine Form des Schreis nach Hilfe, nach Beachtung und Wahrnehmung. Schlimm ist, wenn dieses Kind vielleicht gehört wird, ihm aber die Hilfe, die es braucht, verwehrt wird. Das darf nicht sein. Und ich wünsche mir, dass sich genau das ändert. 

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (142)

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Danke an Pixabay.com

Weil es gestern noch meine #bestofElternblogs im Juni gab, folgen meine Sonntagslieblinge heute etwas später.

Diese Woche ist nicht ganz so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Eigentlich wollte ich mit meinem Buch weiterkommen, Unterricht vorbereiten, und so viele andere Dinge erledigen. Aber dann war ich nicht so fit und es ging nicht so schnell voran, wie ich mir das gewünscht hatte. Hinzukam, dass es einmal wieder eine „kurze“ Woche war bzw. ist, und wir viel Zuhause sind. Da häuft sich dann wieder das Aufräumen, Hinterherräumen, Struktur aufrechterhalten, wenn sie eigentlich keiner will, schlechte Launen der Kinder ertragen und so vieles mehr. Erst hatte ich gedacht, ich schreibe einmal andere Sonntagslieblinge, so etwas gewürzt mit Ironie: 1. Ich bin dankbar für den Wäschetrockner, der auch noch die Kilometer an Wäsche zusammenlegt, 2. Ich bin stolz darauf, dass meine Kinder endlich nach jahrelanger Erziehung nun wirklich ihre Sachen selbst aufräumen und dass unser Wohn- und Esszimmer nicht mehr aussehen wie ein Schlachtfeld mit Schuhen, Jacken, Schulsachen, Büchern und Spielzeug, über das ich permanent stolpere und 3.  Ich bin so froh, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Familienarbeit und Fürsorgearbeit so wirklich anerkannt wird. Aber da das alles nicht so  ist, und ich mir aber vor allem nicht meine wöchentliche Meditation, auch wenn sie mir noch dieser Woche wirklich schwer gefallen ist, nicht nehmen lassen will, bin ich also – und dies wirklich und mit vollem Herzen heute für diese drei Sonntagslieblinge dankbar:

  1. Üben mit Nadeschda ist mittlerweile – zumindest in der aktuellen Phase – eine wahre Freude. Sie ist sehr engagiert dabei, auch wenn sie am Anfang erst immer noch stöhnt. Aber dann nimmt sie ihre Aufgaben, oder die Schreibhefte, mit denen wir im Moment üben, macht ihre Aufgaben, um dann am Ende weiterzublättern, sich die nächsten Aufgaben anzusehen und dann zu sagen: „Mama, morgen mache ich diese Seite und diese Seite und diese Seite und vielleicht auch noch diese Seite. Das macht echt Spass!“ (!!!!) Hey, lernen kann auch Spass machen! Unglaublich!
  2. Maxim hatte ich schon angedroht, dass wir am Freitag Nachmittag sein Zimmer aufräumen und ausmisten, um dann am Samstag neue Regale aufzubauen. Als ich am Freitag mittag mit Nadeschda und ihrer Freundin Zuhause eintraf – Maxim hatte keine Lust gehabt mitzukommen und war zum ersten Mal fast eine Stunde allein zuhause geblieben (gut, Richard arbeitete in unserem Büro gegenüber, also im Notfall wäre jemand da gewesen…) – saß Maxim in einem Berg von Wust in seinem Zimmer und sagte: „Mama, ich hab schon mal mit der großen Schreibtischschublade angefangen. Der Haufen ist Müll, der Haufen sind Sachen, die nicht mehr brauche oder haben will, und der Haufen, den will ich behalten.“ Am Ende freute er sich, wie viel Platz er jetzt wieder in seinen Schubladen hat, denn der Behalten-Haufen war definitiv der kleinste. Und ich freute mich, dass mein Sohn nicht nur zum ersten Mal alleine zuhause blieb, sondern auch noch seine Zeit für etwas genutzt hatte, was ihm eh noch mit mir bevorgestanden hätte…
  3. Immerhin habe ich es dennoch geschafft, an meinem 100 Seiten Projekt in dieser Woche festzuhalten und habe ein neues spannendes Fachbuch begonnen, was mir noch einmal viele Impulse gegeben hat, nicht nur für mein Buch und meine Arbeit, sondern auch für Sunnybees Blogparade….Es geht um Traumarisierung und wie die gesellschaftlichen Umstände und der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft immer mehr traumatisierte Kinder produzieren. Es arbeitet in mir…. und das ist gut so…

Habt einen erholsamen und sommerhaften Sonntag und startet wohlbehalten in die neue Woche!

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Von der Wut – Immer wieder montags…

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Photo by Patrick Fore on unsplash.com

Montage sind immer schwierig. Zum einen weil wir wieder den Übergang vom Wochenende in den Schulalltag haben. – Auch wenn wir zu den Eltern gehören, die am Sonntag ihre Kinder durchaus rechtzeitig ins Bett bringen können. – Dennoch, Montage sind anstrengend, es braucht einfach, um wieder in der Schule anzukommen. Da die Euphorie, die sich oft nach den längeren Ferien einstellt, fehlt, fällt es eben montags schwieriger. Das hat etwas mit der fehlende Fähigkeit mit Veränderungen umgehen zu können zu tun. Da sind Phasenwechsel schwierig. Immer noch und nach wie vor. Wenn dann auch noch die montägliche Routine nicht eingehalten wird, dann kommt es wieder, mein kleiner Freund (bzw. manchmal auch mit zusammengebissenen Zähnen geduldeter), das Wutmonster.

Als ich mittags beide Kinder an der Schule abholen will, trödelt Maxim noch eine Weile herum. Bei ihm zeichnen sich Montage durch äußerst schlechte und müde Laune, aber vor allem durch eine ungeahnte Laaaaangsaaaaaamkeit aus. Nadeschda wartete schon auf dem Schulhof, und platzte in einer selten dagewesenen Form. Zumindest an der Schule! Lautstark brüllte sie ihren Bruder an, beschimpfte ihn wenig Mädchenlike, rempelte ihn sogar an. Dass Maxim sich das nicht gefallen ließ, und erst zurückbrüllte, um dann einfach mal kurz die Faust zu zücken, konnte ich ja fast verstehen. Meine Hortkollegin schaute ganz überrascht: “Ist Deine Tochter öfter so?“ Was auch immer sie mit der Frage bezwecken wollte, klar war, dass Nadeschda diese Wut wohl selten in der Schule zeigte, um so mehr aber zuhause. – Das Wutmonster kommt zwar immer seltener mit seiner ganzen Wucht, es ist über die Jahre ein wenig milder geworden, und meine Tochter wie auch mein Sohn haben Möglichkeiten entwickelt, sich mit ihm zurückzuziehen und es zu besänftigen. Mit einem kritischen Blick auf meine Kinder wünschte mir die Kollegin noch einen schönen Nachmittag. Ich war nur heilfroh, dass ich Maxims Judotraining ohnehin schon abgesagt hatte, da er sich am Sonntag Nachmittag einmal wieder das Knie geprellt hatte. So hatten wir zumindest einen Nachmittag ohne Zeitdruck und in Ruhe Zuhause vor uns. 

Nun ja, Ruhe stellte sich kaum ein. Über Stunden hatte ich das Gefühl einen kleinen brodelnden Vulkan um nicht herum zu haben. Egal, was Maxim oder ich taten oder sagten, alles war Mist, alles war falsch, alles machte man ja eigentlich anders, manchmal wurden wir beide übelst beschimpft, Türen wurden geknallt, es flogen ein paar Gegenstände durch die Gegend. Nadeschda wollte sich nicht beruhigen. Auf gar keinen Fall! Irgendwann bekam ich wenigsten heraus, dass die Klasse an dem Tag nicht in den Wald gegangen war, wie sonst üblich. Es hatte sich wohl kein begleitendes Elternteil  eingetragen und gefunden. Und so blieb die Klasse eben in der Schule. „Du musst Dich gefälligst für die Waldtage eintragen!“ brüllte mir meine Tochter ins Gesicht! Ah! Ja, hier hatten wir sie, die Unplanmäßigkeiten an einem Montag! Davon muss es noch ein paar mehr gegeben haben, die meine Tochter dann vollends aus dem Konzept brachten. Wenn schon Montag und Übergang in eine wieder andere Routine, dann doch aber bitte immer dieselbe. Ihre Wut war einmal wieder mehr der verzweifelte Versuch, Kontrolle über ihr kleines Leben zu bekommen, die Sicherheit und die Struktur zu finden, die sie unbedingt brauchte. Dass es diesmal aber zu so vehementen Reaktionen kam, wunderte mich dennoch. 

Erst am Abend stellte sich heraus, dass tatsächlich noch etwas deutlich „Schlimmeres“ in den Augen meiner Tochter passiert war: Es musste in der Zeit, als sie eigentlich im Wald gewesen wären, noch einen Vorfall gegeben haben, den Nadeschda aber nicht mitbekommen hatte. Was sie aber mitbekam, war, dass die Klassenlehrerin für eine ganze lange Weile den Klassenraum einfach verließ, wohl mit den Worten: „Ich muss jetzt hier mal raus.“. Keines der Kinder wusste, wo sie war, trauten sich aber auch nicht, sie zu suchen. „Wir saßen da ganz still und brav, Mama.“ erzählte mir meine Tochter. Erst nach einer ganzen Weile kam Nadeschdas alte Klassenlehrerin aus der Vorklasse und kümmerte sich um die Kinder. 

Es ist unerheblich, ob die Lehrerin so etwas darf, was vorgefallen war und was dazu geführt hatte. Einzig zählte, dass dieses plötzliche Verlassen der Klasse ohne eine Erklärung bei meiner Tochter wahrscheinlich schlimmste unbewusste Erinnerungen und Gefühle berührt hat. Im Fachjargon würde man davon sprechen, dass dies einer der berühmten Trigger ist, der das abgespaltene Trauma wieder wachruft. Und genauso hat sie sich verhalten. Nicht in der Schule, da hat sie sich nicht getraut. Aber allein meine und Maxims Präsenz auf dem Schulhof und die Klarheit, dass wir drei nun zusammen zum Auto gehen, wir drei als familiäre und vertraute Einheit, hat die Energie in meiner Tochter freigesetzt, ihrem Überlebensmuster der Wut, das sie genauso beherrscht wie das des Charmes, freien Lauf zu lassen. Wie stark sie die Situation an der Schule und in der Klasse mitgenommen hat, kann ich nur an der Intensität ihrer Reaktionen an diesem Nachmittag erahnen. Dass es nun auch noch Montag war, hat die Sache nicht besser gemacht. 

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (133)

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Photo by Tim Gouw on unsplash.com

Der Frühling hält Einzug, wir haben die Uhr auf Sommerzeit gestellt, das vermeidlich neue Jahr ist nun schon drei Monate alt. Die Zeit schreitet unaufhaltsam voran. Ich muss manchmal an mich halten, nicht in innere Hektik und Unruhe zu verfallen, weil meine To Do Listen nicht kleiner werden, weil die Sorge hochkommt, doch nicht alles zu schaffen, was ich mir vorgenommen habe. Nicht immer von einem Punkt auf der Agenda zum nächsten zu hetzten. Ich muss noch besser lernen mich abzugrenzen. In manchen Dingen gelingt mir das, in anderen nicht immer. Prioritäten setzen, entscheiden, was wirklich wichtig ist. Auch mal „Nein!“ sagen. Auch mal öfter „Nein!“ sagen. Nicht immer für alles die Verantwortung zu übernehmen. So bin ich heute für diese drei Sonntagslieblinge dankbar, wo ich „Nein“ gesagt habe:

  1. In der Schule höre ich mit den Osterferien im Hort auf zu arbeiten, ich werde mehr Unterrichtsstunden übernehmen und muss mich auf meine neue Klasse vorbereiten. Eine Nachfolge haben sie für mich immer noch nicht gefunden. Erst wollte die Schulleitung ein Konzept haben, wie der Hort sich nun zukünftig aufstellt. Lange war ich versucht, es zuschreiben. Doch dann erinnerte ich mich, dass es nicht meine Verantwortung und Aufgabe ist. Das muss meine Kollegin machen (die am Rande bemerkt auch dafür bezahlt wird) und nicht ich. Nur meckern geht eben nicht…
  2. Auch im Elternbeirat habe ich meine Aufgaben niedergelegt. Ich könnte sie zwar beibehalten, aber natürlich käme ich dann zunehmend in Rollenkonflikte. Und auch hier muss ich mich nicht müde machen, die Eltern davon zu überzeugen, dass sie über den Elternbeirat Einfluss an der Schule geltend machen können. Auch hier, nicht nur auf dem Schulparkplatz meckern, sondern mal machen…
  3. Und mit Blick auf Maxim’s Therapieversuche gegen seine Kopfschmerzen habe ich nach der Erkenntnis vor ein paar Wochen eine Therapie endgültig abgesagt, nachdem ich ja schon die ganze Zeit spürte, dass das nichts bringt. Ich fühlte mich erleichtert, ein wenig befreit und freute mich mit meinem Sohn über einen freien Nachmittag.

Habt einen wunderbaren Frühlingssonntag, hoffentlich, und einen ausgeruhten Start in die neue Woche.

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„Wie schmeckt Euch eigentlich die Plastiktüte?“

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Photo by Eddie Howell on unsplash.com

Maxim engagiert sich mit großem Elan in einem Umweltprojekt, das seine Klasse initiiert hat. Entstanden ist es aus einzelnen kleinen Projekten, die die Schüler selbst erarbeiten sollten. Nun ist die ganze Klasse in Bewegung und macht an allen Stellen über den zunehmenden Plastikmüll aufmerksam. Auch bei uns zuhause zeigt das Projekt erste Wirkung: Wir benutzen kein Duschgel mehr aus Plastikverpackungen sondern Seife, wir kaufen nur noch Obst und Gemüse, das nicht mehr in Plastik verpackt ist, Jogurt und Milch gibt es nun nur noch aus dem Glas, oder wenn es nicht anders geht, dann nehmen wir die Jogurtbecher, von denen wir wissen, dass sie in der Schulküche wiederverwendet werden als Aufbewahrungsboxen. Wir versuchen nun bewusst, wo es geht, unnützen Plastik im Alltag zu vermeiden. Im Büro meines Bruders haben sie aufgrund von Maxim’s Impuls Porzellan-Suppenschalen angeschafft, mit denen nun in der benachbarten Suppenküche mittags das Essen geholt wird, und man die Plastikgebinde der Suppenküche nicht mehr nimmt und nach dem Essen entsorgt. So gibt es noch mehrere Impulse, die Maxim mit seiner Klassenaktion gesetzt hat.

Und um auch Euch zum Nachdenken anzuregen, teile ich mit Euch den Flyer, den Maxim  mit seiner 4. Klasse geschrieben hat und, wo auch immer es geht, verteilt:

„Wie schmeckt Euch eigentlich die Plastiktüte?

Wir produzieren viel zu viel Plastik. Mit dem daraus entstandenen Müll könnte man die Welt 6 mal einhüllen. In den Ozeanen schwimmen riesige Müllstrudel, die immer mehr Plastik anziehen. Wenn zum Beispiel die Schildkröten zum Lufthüllen auftauchen, verheddern sie sich im ganzen Müll. Plastikmüll, alte Netze und Mikroplastikteilchen sind eine große Gefahr für die Meeresbewohner. Fische verwechseln Plastiktüten und Flaschen mit ihrer ursprünglichen Nahrung. Mehrere Kilo Müll wurden in den Mägen von toten Walen gefunden. 

Plastik enthält giftig Stoffe, die sich in den Flüssen und im Meer herauslösen. Sie gelangen ins Grundwasser, auf Felder und Wiesen. Sie vergiften die Tiere und Pflanzen und gelangen mit der Nahrung auch in unseren Körper. Mikro- und Nanoteilchen befinden sich in allen Meeresflächen. Was sie dort anrichten, darüber wissen die Forscher wenig. 

Dieser Flyer soll einfach zum Nachdenken anregen. 

Danke fürs Lesen. 

Weitere Informationen zu diesem Thema findet Ihr unter wwf-junior.de“