2

Dankbarkeit am Morgen in den Bergen

ales-krivec-335251

Photo by Ales Krivec on unsplash.com

Dienstag morgen: Wir sind immer noch in den Bergen. Ich vermisse meine Freunde, die Kühe. Ich hätte nicht gedacht, dass sie schon von den Almen herunter gekommen sind. Aber ja, auch hier wird es Herbst und die Nächte kalt. Ich genieße den Kaffee im noch stillen Haus und denke gerade an all das, was ich im vergangenen Jahr so geschafft habe. Gerade nach den letzten Wochen, wo ich immer wieder gezweifelt habe, wo ich mir mehr Ruhe und Zeit so nur für mich zum Nichtstun oder Lesen gewünscht hätte, wo ich vor allem mehr Schlaf herbeigesehnt habe. – Hier habe ich ihn nun, aber auch nur, weil ich in den ersten Tagen mit den Kindern hier alleine war und mir nun mit meiner wunderbaren Freundin, der Hausbesitzerin, zusammen, ein Schlafnachholprogramm auferlegt habe, an meinem Schlafdefizit gearbeitet. Und die Schlafbilanz nach die ersten Tagen sieht extrem gut aus. Also bin ich an diesem wunderbaren Dienstagmorgen einfach dankbar – über meine Sonntagslieblinge hinaus. Es hat mehr etwas von ein paar meditativen demütigen Gedanken an diesem noch frühen Dienstag morgen:

  1. Mein Sohn macht sich so wunderbar in der Schule, trotz aller Schwierigkeiten mit Leander. Ich bewundere seine Unermüdlichkeit und seinen Kampfgeist. Und auch Nadeschda entwickelt sich. Es ist schwer und es ist anstrengend, aber es ist ein Prozess, ein Weg. Und den geht sie. So schwere s ihr auch manchmal fällt.
  2. Ich bin so dankbar für all diesen wunderbaren Momente mit meinen Kindern, wenn Nadeschda abends den Arm um mich legt und sagt:“Jetzt bist Du meine Mama, ganz alleine.“ oder wenn Maxim im Halbschlaf lächelt, wenn ich nochmal nach ihm sehe, bevor ich schlafen gehe und ihm sage: „Jetzt ist alles gut. Mama ist da.“  Dann nimmt er meine Hand für einen kurzen Moment, lächelt für einen Moment und seufzt zufrieden.
  3. Trotz allem bin ich dann doch in der Rückschau immer wieder überrascht, was dann doch alles noch so gelingt: Mein Buch, mein Blog, meine Ausbildung, mein bisschen Job. Irgendwie geht es. Ich bin ein wenig stolz heute morgen auf mein Geschafftes. Bin mir aber auch des hohen Preises bewusst….

An so Morgen wie diesem bin ich so voller Zuversicht, dass alles gut wird. Auch wenn mich genauso die Zweifel noch quälen. Und es mir ein wenig davor graut, nach Hause zurückzukehren, wo der Alltag im Lehnsessel sitzen wird, wie ein altes Familienmitglied,  und wohlwollend wieder seine Arme um uns legen wird. Doch für heute nehme ich einfach einmal diese Dankbarkeit mit und genieße den Tag!

0

Erwartung und Realität in der 1. Klasse

board-1614646_1920

Danke an Pixabay

Inspiriert vom Gastbeitrag „Die 1. Klasse – Vorstellung vs. Realität“ von Marie bei Phinabelle und nach meinem letzten Post zu „Mehr Zeit….“ haben auch mich meine Erwartungen und die nun uns umfangende Realität in der 1. Klasse in den vergangenen Tagen beschäftigt. Aus der Erfahrung mit Maxim wusste ich, dass es nicht einfach wird, und war mir zudem den anstrengungsverweigernden Tendenzen bei Nadeschda bewusst. Insofern war mir klar, dass der Übergang in die 1. Klasse kein Spaziergang wird und ich nicht immer ein freudestrahlendes 1. Klasskind zuhause habe.

Auch bei Maxim war es nicht immer einfach. Doch verließ ich mich damals in nahezu blindem Vertrauen auf seine erste Klassenlehrerin, bis nach ein paar Wochen klar wurde, dass ich, wenn ich mich auf den falschen verlasse, ich selbst verlassen bin. So begannen für mich mittlerweile drei Jahre harter Arbeit. Arbeit an mir selbst, mich in Ruhe und Geduld zu üben, mich von meiner Angst zu befreien, dass meine Kinder vielleicht doch nicht die Schule schaffen. Mich in Selbst- und Gottvertrauen zu üben, Maxim bis zum Abitur zu tragen. Doch vor allem drei Jahre täglichen Übens an jedem Tag der Woche, egal ob Wochentag, Feiertag, Wochenende oder Ferien. Üben, um das nachzuholen, was er in der Schule nicht mitbekommen hatte. Üben, um zu helfen, dass er in den Dingen, die er in der Schule tatsächlich gelernt hatte, besser wurde. Und so ist es nun auch. Die Buchstaben hat er von mir gelernt, Lesen hat er mit mir gelernt, das Zahlenverständnis habe ich ihm gegeben und letztendlich hat Maxim auch das Rechnen in unserem täglichen Üben gelernt. Heute ist er so wissbegierig, dass er von selbst gerne schreibt, liest und rechnet. Meistens…Und zum Glück wurde die erste Lehrerin von der Schule auf Druck der Eltern ausgetauscht. Die neue Lehrerin geht wesentlich achtsamer mit den Schülern um und motiviert sie stetig zum Arbeiten.

Nach den schlechten Erfahrungen bei Maxim war ich beruhigt, dass Nadeschda eine sehr erfahrene Lehrerin bekommen sollte und auch bekam. Mit sehr viel Engagement und Enthusiasmus führt sie die Klasse, grundsätzlich ist Nadeschda sehr gut aufgehoben bei ihr. So hegte ich vor Beginn der Schule einige Hoffnungen. Ich wünschte mir:

  • dass Nadeschda der Übergang aus der Vorklasse in die 1. Klasse leicht fallen würde. Sie war den Tagesrhythmus gewohnt, sie kannte das Gebäude, sie kannte eine Vielzahl ihrer Klassenkameradinnen und sogar einen Teil der Lehrer.
  • dass sie jeden Morgen mit Begeisterung aufstehen und in die Schule gehen würde.
  • dass sie mit großem Wissensdurst in die 1. Klasse starten würde, da sie ja schon bei Maxim mitbekommen hatte, wie toll es ist, wenn man schreiben und lesen kann.
  • dass sie sich auf ihre Freundinnen aus der Vorklasse freuen und die Zeit mit ihnen in den Pausen genießen würde.
  • dass sie ihren Ranzen, den sie mit so viel Begeisterung ausgesucht und vor der Einschulung gepackt hatte, auch in Ordnung halten würde. Und vielleicht hoffte ich auch, da sie ja ein Mädchen ist, dass ohnehin alles ordentlicher und „schöner“ bei ihr sein würde als bei Maxim.

Sorgen machte ich mir lediglich darum:

  • dass Nadeschda wohlmöglich wegen ihrer zierlichen Gestalt im Klassenverband untergehen könnte und sich nur schwer durchsetzen könnte
  • dass sie zu wenig isst und trinkt, da sie es einfach im Spiel vergessen würde.
  • und dass sie aufgrund ihres doch manchmal verträumten Wesens auf dem Schulgelände sich etwas verloren fühlen würde.

Nun nach einigen Wochen Schule haben sich meine Sorgen nicht bestätigt, aber auch meine Hoffnungen haben sich nicht erfüllt.

Nadeschda geht alles andere als unter im Klassenverband. Im Gegenteil. Sie kann sich sehr gut durchsetzen, zur Not auch mit Hilfe körperlichen Einsatzes, was auch schon der ein oder andere Junge zu spüren bekommen hat. Erst gestern erwischte ich sie dabei, wie sie sich mit einem der kräftigsten Jungen in ihrer Klasse anlegte, weil er gerade für sie im Weg stand. Ihre Brotbox ist immer leer, und mittags wird mir regelmäßig berichtet, dass sie sich zwei Portionen zum Mittagessen geholt hat. Genauso hat sie sich das Schulgelände längst erobert. Selbstbewusst und freudig hat sie ihren Aktionsradius gegenüber der Vorklasse erheblich vergrößert. Sie kennt durchaus die Ecken, in denen man sich gut verstecken kann, um die Pause doch noch ein klitzekleines bisschen zu verlängern.

Jedoch, der Übergang in die 1. Klasse fällt ihr nach wie vor schwer. Die Zeit am Vormittag ist sehr anstrengend für sie. Dennoch dem Unterricht scheint sie zu folgen. Auf jeden Fall erinnert sie nach anfänglichen Schwierigkeiten immer alles. Soweit sie bereit ist, es mir Zuhause zu erzählen. Ja, es ist eine Flut von neuen Eindrücken, Regeln, Inhalten, die sie viel Kraft kosten. Sie ist froh, wenn sie am Nachmittag ihre Ruhe hat und alleine in ihrem Zimmer spielen kann. Somit sind ihr auch ihre Freundinnen im Moment nicht so wichtig. Hin und wieder gibt es wohl auch mal Streit, und dann ist die blöd oder jene blöd und überhaupt soll ja keine von ihren Freundinnen sie Zuhause besuchen und zu ihrem Geburtstag will sie auch niemanden einladen. Nadeschda’s morgendliche Begeisterung für die Schule hält sich ebenso sehr in Grenzen. Da kommt dann schon auch mal ein „Oh nee, nicht schon wieder diese sch* Schule…“ aus ihrem noch schlaftrunkenen Mund. Genauso hält sich ihr Wissensdurst in ausbaufähigen Sphären. „Schreiben wozu? Später kann ich das doch alles in den Computer sprechen…“ – Wo sie das her hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf jeden Fall ist sie um keine Ausrede verlegen, warum sie etwas nicht unbedingt können muss. – Nun ja, und schließlich müssen wir an der Ranzenordnung noch arbeiten. Würde ich ihn nicht jeden Abend ausräumen und wieder einräumen, hätten sich mittlerweile Tonnen von Steinen und Stöcken und Stapel von Papier mit Bildchen angesammelt. Ich habe einfach den Sammlerdrang meiner Tochter unterschätzt. Und dass sie das klischeehafte Ordnungsbewusstsein eines Mädchen nicht hat, hätte ich ja nun auch wissen müssen, wenn ich an mein Leben mit drei Cholerikern denke.

Nachdem ich Phinabelles Post gelesen hatte, war ich ungemein beruhigt, dass nicht nur meinen Kindern der Start in der 1. Klasse an der ein oder anderen Stelle schwer fällt. Dies ist ein Phänomen, mit dem viele Kinder konfrontiert sind, auch wenn sie aus einer glücklichen und meist wohlgehüteten Kindheit kommen. Der Start in der 1. Klasse ist eine Herausforderung und das ist „normal“. Für jedes Kind ist das ein riesen Einschnitt und auch zuweilen eine Ernüchterung. Denn auch bei den Kindern werden viele Erwartungen im Vorfeld geschürt, die dann zumindest nicht gleich erfüllt werden. Klar macht sich dann Enttäuschung breit und die Begeisterung jeden Morgen früh auszustehen hält sich zunehmend in Grenzen. Wenn ich mir nun meine Hoffnungen und Sorgen ansehe, so habe ich fast das Gefühl , dass wir – trotz unserer Herausforderungen bei den Hausaufgaben und dem täglichen Üben – letztendlich auf einem guten Weg sind. Mit jedem Tag kommt Nadeschda doch ein Stück weit mehr in der Schule an. Sie wird ihren Weg gehen, mal mit mehr, mal mit weniger Begeisterung.

Wenn auch die morgendliche Motivation, in die Schule zu gehen, unter der Woche gering ist, so haben zumindest schon unsere unsere Wochenenden – oder auch die bald nahenden Ferien – noch einmal eine neue Qualität bekommen. Und wenn es allein die Tatsache ist, dass beide Kinder es seit Neuestem genießen, am Samstag und am Sonntag ein wenig länger zu schlafen. Glück ist eben ein Kontrasterlebnis.….

4

Mehr Zeit, die Dinge einfach mal laufen zu lassen…

Manchmal wünschte ich, wir könnten einfach aus unserer alltäglichen Routine ausbrechen, unsere täglichen Verpflichtungen mal an den Nagel hängen.

child reading the book

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Unsere Tage sind streng durchstrukturiert. Und ich weiss, dass meine Kinder diese Struktur brauchen, sie einfordern. In der Küche haben wir einen Plan hängen, an dem wir die täglichen Aufgaben und Termine aufschreiben. Maxim macht es sich inzwischen zum montäglichen Ritual, diesen Plan für die frisch angebrochene Woche immer zu aktualisieren. „Ah, heute ist Montag. Da habe ich Schule, mache Hausaufgaben, übe – Mama, was üben wir heute? – und dann gehen wir zum Judo. Morgen ist Dienstag. Da habe ich Schule, gehe in den Zirkus, mache Hausaufgaben. Nadeschda hat auch Schule, muss Hausaufgaben machen und dann geht sie in die Musikschule. Mittwoch….“ und so weiter und so fort.

Hausaufgaben und Üben nehmen im Moment viel Raum ein. Je nach Gemütslage der Kinder, dauert das auch schon mal zwei Stunden. Vor allem Nadeschda tut sich nach wie vor mit den Hausaufgaben schwer. Sie erinnert sie gut, dennoch fühlt sie sich unter Druck gesetzt, glaubt, den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Und dann schlägt sie wieder durch die Überlebensstrategie. Zunächst versucht sie mit allerlei Ablenkungen sich eben nicht auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren. Sie erzählt von Gott und der Welt, von der Schule, von dem, wie andere Kinder malen. Erinnere ich sie unermüdlich, bei den Hausaufgaben zu bleiben, kann ich schon förmlich hören, wie der Alarm in ihrem Kopf losgeht. Über ihr Blatt gebeugt, das Wachsmalblöckchen in der Hand, hält sie beim Malen inne, malt einfach die Linie nicht weiter. Ihre Augen sind zornverdunkelt, wenn sie den Blick hebt. Sie geht auf Angriff. „Mama! Das geht so nicht! Das ist falsch! Das geht so…“ und mit aller Gewalt kratzt sie das Wachsmalblöckchen wütend über das Blatt, mit so viel Kraft, dass das Blatt zerreißt. Wenn ich versuche, sie zu beruhigen, dann kreischt sie irgendwann nur noch rum. „NNEEEEIIINNNNN!“ Dann wirft sie alles, was auf dem Tisch liegt, durch das Zimmer, um dann in Tränen zusammenzubrechen. Verzweifelt weint sie dann auf meinem Schoss. Später, wenn sich Nadeschda dann beruhigt hat, können wir ihre Hausaufgaben machen und üben.

Das wiederholt sich ungefähr jeden zweiten Tag. Nicht immer bleibe ich ruhig und gelassen. Manchmal entgleitet mir meine innere Ruhe. Dann werde auch ich laut, ermahne Nadeschda kein Theater zu machen, dass dieses uns keinen Meter weiter bringt. In der Theorie weiß ich, dass das so unnötig und so sinnlos ist, dass ich mir diesen Atem sparen könnte. Denn mein Brüllen befeuert nur Nadeschda’s Wut und Zorn, beschleunigt den Ausbruch des Alarms in ihrem Kopf. Doch es fällt mir schwer mich in Gelassenheit zu üben, die innere Treppe in diesen Momenten hinunter zu gehen und bis zehn zu zählen, dabei ruhig zu atmen und einfach nur zu hoffen, dass Nadeschda möglichst schnell aus ihrem Teufelskreislaufs der Anstrengungsverweigerung wieder herauskommt. Vielleicht kommt sie es auch nicht ohne meine Intervention. Denn ihr inneres Programm sagt ihr ja, alles zu tun, um die „Anstrengung“ der Hausaufgaben zu vermeiden. Doch dies ist keine Option.

Nun irgendwie bekommen wir es ja hin und die Hausaufgaben sind dann auch jedes Mal gemacht. Doch es kostet viel Zeit und Energie. Vor allem Zeit. Und damit bleibt viel zu selten Zeit, um etwas wirklich Schönes zu machen. Im Garten zu spielen, in den Wald zu gehen, Kastanien zu sammeln, Sonnenblumen pflücken zu gehen, zu malen, zu basteln, zu stricken, oder einfach zu spielen. In mir macht sich eine Sehnsucht nach mehr Spass und weniger Verpflichtungen breit. Einfach nur in den Tag oder zumindest in den Nachmittag hineinleben zu können, ohne an all das zu denken, was noch erledigt werden muss, ohne Stunde um Stunde damit zu verbringen für die Schule zu arbeiten, ohne im Anschluss zu irgendeinem Training oder Musikunterricht zu fahren. Manchmal denke ich, dass es vielleicht gut wäre, unsere zusätzlichen Verpflichtungen mit Sport, Zirkus, Musikschule und Musikinstrument und Therapie noch mehr zu reduzieren. Auch wenn Maxim sich dann beschweren wird, und wir eigentlich das alles so organisiert haben, dass immer noch genügend Luft und Zeit Zuhause ist. Vielleicht sind es nun auch eher die Wochenenden, an denen wir uns die Zeit zum „Nichtstun“ erlauben sollten. Wer weiß. An Tagen wie heute wünschte ich einfach, aus der festen Struktur ein wenig ausbrechen zu dürfen, auch wenn ich auf der anderen Seite weiß, dass meine Kinder diese Struktur auch brauchen. Sie gibt ihnen Sicherheit, Stabilität und strahlt so viel Verlässlichkeit aus. Dennoch sollte es vielleicht genauso Raum für „unstrukturierte Zeit“ geben. Mehr als wir es heute haben.

8

48 Stunden Alltag einer (Adoptiv-) Mutter (reloaded)

baby-sitter-1140861_1280

Danke an Pixabay

Da unsere letzte Woche ein wenig wahnsinnig zuweilen war und ich wieder mal bis zum Wochenende an chronischem Schlafmangel litt, musste ich an meinen 48 Stunden Beitrag von vor einigen Monaten denken und will ihn heute einmal wieder aufgreifen. Auch heute spüre ich wieder mein Schlafdefizit der vergangenen Nacht – Elternabende bis 23:30h sind einfach nichts für mich, wenn am nächsten Morgen um 6:00h der Wecker klingelt. Es ist alles andere als gesund. Aber nun denn…

Donnerstag

4:30h Aus dem Kinderzimmer kräht es laut:“Mama!“ Schlaftrunken stehe ich auf und schaue nach Nadeschda. „Mama, wann ist es endlich hell?“ In meinem verschlafenen Kopf denke ich noch, dass das jetzt nicht mein Plan eines frühen Schlafen am Abend war. Meine Tochter soll zwar morgens ausgeschlafen aufstehen, aber bitte nicht schon um 4:30h. Ich erkläre ihr, dass es noch mitten in der Nacht ist, bleibe bei ihr, bis sie wieder eingeschlafen ist und kehre zurück in mein Bett. An eine weitere Stunde Schlaf ist aber nicht mehr zu denken. Richard sägt neben mir einen ganzen Wald platt….

5:55h vor dem Klingeln des Weckers stehe ich dann auf. Nach zwei Tassen Kaffee schwindet auch die Müdigkeit. Brotboxen sind gepackt, ich suche die frische Wäsche für die Kinder zusammen, schmeisse die erste Maschine mit schmutziger Wäsche an.

6:30h Während Maxim noch unbedingt ein Bild für seine Lehrerin fertig malen will, dusche ich. Dann helfe ich den Kindern, sich anzuziehen und sich für die Schule bereit zu machen.

07:20h Richard verlässt mit den Kindern das Haus Richtung Schule. Ich räume schnell auf und setze mich dann an den Schreibtisch, um meine Semesterarbeit vorabzutreiben.  Lieber würde ich mich noch einmal hinlegen und wenigsten eine Stunde Schlaf nachholen.

10:30h Ich mache mich auf den Weg zur Schule, um Nadeschda’s Klasse mit in den Wald zu begleiten. Bis alle Kinder ihre Regensachen anhaben, in Reih und Glied stehen, und wir loslaufen können, vergeht eine gute halbe Stunde. Manche Kinder sind schon recht gut in der 1. Klasse angekommen und testen nun die Grenzen der Lehrerin. Manchen geht sie auf den Leim, anderen nicht.

12:40h Wir sind aus dem Wald zurück in der Schule. Ich esse mit Nadeschda in der Mensa. Dann machen wir uns auf den Weg zur Logopädin.

14:00h Ich freue mich über den Kaffee, den die Logopädin mir spendiert. Vielleicht sehe ich heute ja auch so müde aus wie ich mich fühle. Nadeschda macht tapfer ihre Übungen.

15:30h Wir sind zurück an der Schule, um Maxim abzuholen. Er hatte nach dem Unterricht noch Zirkustraining. Gott sei Dank hat er auch bereits seine Hausaufgaben gemacht.

16:00h Zuhause übt Maxim Trompete. Ich mache mit Nadeschda ihre Hausaufgaben. Wie so oft ist es ein Kampf mit ewigen Diskussionen. Ich trinke inzwischen meinen fünften Kaffee und übe mich in Geduld. Ein paar Mal höre ich mich selbst laut und tief durchatmen. Doch es zahlt sich aus. Nadeschda erinnert immer besser ihre Hausaufgaben. Und macht sie. Auch wenn Tränen fließen, wenn sie unzufrieden mit dem Ergebnis ist. – Ursprünglich hatte die Lehrerin diese immer an der Tafel stehen lassen. Da aber die Hausaufgaben für sie hauptsächlich ein Gedächtnistraining sein sollen, und es das für all die Kinder, die im Klassenraum der 1. Klasse dann nachmittags ihre Hausaufgaben machen, nicht war, wischt sie nun die Tafel immer sauber. Und ich bin drauf angewiesen, dass sich meine Tochter selbst an die Aufgaben erinnert.

17:00h Unsere Kinderfrau kommt, die Kinder spielen im Garten. Ich telefoniere noch schnell mit einer besorgten Mutter aus Nadeschda’s Klasse – es hatte mit ihrem Kind einen Zwischenfall im Wald gegeben. Dann mache ich mich erneut auf den Weg zur Schule.

18:00h Termin mit der Schulleitung zum Elternseminar für die zukünftige 1. Klasse. Die Mitarbeit der Eltern in der Schulgemeinschaft soll stärker in den Vordergrund gerückt werden. Zwei weitere Mütter und ich sollen dazu einen Workshop organisieren.

20:00h Wir wechseln den Raum und gehen gemeinsam zur Elternbeiratssitzung der Schule. Wie immer, wenn die Agenda kurz ist, dann dauert die Sitzung lange. Gut, ich bin nicht ganz unschuldig daran, dass es vor allem bei den Wahlen etwas länger dauert, da ich mit der Rekrutierung von Kandidaten nicht ganz einverstanden war. Später auf dem Parkplatz diskutieren wir immer noch ein paar mögliche Kandidaten.

23:00h Endlich Zuhause, finde ich Richard schlafend auf dem Sofa vorm Fernseher wieder. Ich denke: „Wunderbar, das mache ich jetzt auch.“ Doch vorher muss ich noch das Chaos in der Küche aufräumen. Ich befühle die Spülmaschine und schalte sie an. Im Bad wundere ich mich, warum ein T-Shirt von Maxim im Waschbecken eingeweicht ist. Da erinnere ich mich an die Wäsche vom Morgen im Trockner und in der Waschmaschine. Ich tausche die Wäsche und schmeiße noch einmal eine Ladung für die Nacht an. Als meine drei „Hausangestellten“ arbeiten, gehe ich müde ins Bett.

Freitag

06:00h Der Wecker klingelt. Trotz weniger als sieben Stunden Schlaf fühle ich mich fitter als gestern. Zumindest durfte ich durchschlafen. Kein rufendes Kind, kein schnarchender Mann. Oder ich war so erschlagen und habe so tief geschlafen, dass ich weder die eine noch den anderen gehört habe.

6:45h Ich bin bereits geduscht, das Frühstück steht auf dem Tisch und die Brotboxen sind gepackt. Maxim und Nadeschda quälen sich aus den Betten. Richard hatte mir bereits gebeichtet, dass es gestern Abend wieder mal etwas später geworden ist. Ich kann meine Begeisterung nur schwer kontrollieren.

07:30h Wir sind spät dran und hetzen aus dem Haus auf dem Weg zur Schule. Im Auto fällt Maxim ein, dass er sein Heft vergessen hat. Er rennt zurück und holt es. Mit einem Comic in der Hand kommt er wieder. Ich dachte, er holt sein Rechenheft, das er heute wieder mitnehmen muss. Doch das liegt noch auf seinem Schreibtisch. Also renne ich zurück ins Haus und hole es.

07:55h Gerade noch pünktlich vor dem ersten Klingeln kommen wir an der Schule an. Beide Kinder sind rechtzeitig in ihren Klassenräumen. Auf dem Parkplatz kommt mir eine befreundete Mutter mit ihrer brüllenden Tochter, Nadeschda’s Freundin entgegen. Wir winken uns zu, tauschen Blicke ohne Worte. In Gedanken bewundere ich ihre Gelassenheit und freue mich gleichzeitig über meine eigenen Kinder, die noch nie auf dem Weg zur Schule oder an der Schule morgens ein riesiges Theater veranstaltet haben. Egal wie müde sie waren.

09:00h Auf dem Rückweg von der Schule habe ich schnell unseren Wochenendeinkauf erledigt, ein Geschenk für eine Freundin besorgt, bei der wir am Wochenende eingeladen sind, habe eine Jacke zurückgeschickt, die für Nadeschda viel zu groß war. Nun stehe ich im Rathaus und will eigentlich gelbe Säcke für den Plastikmüll abholen. Freundlich erklärt man mir, dass sie schon seit einer Woche keine mehr haben und auch nicht wissen, wann die bestellte Lieferung kommt. So und jetzt? Dann ist wohl Mülltrennung erst einmal passé für die kommenden Tage. Bis ich dann mal wieder Zeit finde, ins Rathaus zu fahren und es dann auch noch aufhat…

10:00h Der Haushalt ist gemacht, die Waschmaschine läuft erneut, die Einkäufe sind verstaut. Endlich sitze ich am Schreibtisch, erledige ein paar mails und mache mich dann mal wieder an einen Auftragstext. Eigentlich wollte ich ja an meiner Semesterarbeit weiter schreiben. Aber die muss jetzt noch einmal warten. Hoffentlich finde ich in der kommenden Woche mehr Zeit dafür und das auch ausgeschlafen. Das Thema ist nicht ganz leichte Kost und ich muss dafür irgendwie ausgeruht sein, um meine Gedanken in eine ordentliche Form gießen zu können.

13:15h Zurück an der Schule. Ich sammle meine Kinder ein. Nadeschda ist erneut frustriert, dass die Hausaufgaben von der Tafel wieder weggewischt sind. Sie glaubt meiner Zuversicht nicht ganz, dass sie sich Zuhause an die Hausaufgaben erinnern wird.

14:30h Nachdem beide Kinder sich erst einmal ein wenig ausgeruht haben, geht es an die Hausaufgaben und das tägliche Üben. Nadeschda tut sich schwer. Dafür begeistert mich Maxim um so mehr. Mittlerweile macht er seine Hausaufgaben ordentlich alleine in seinem Zimmer. Mit Nadeschda zusammen am Esstisch ist es ihm zu laut und zu unruhig. Er hat auch keine Lust, sich ständig von ihr beschimpfen zu lassen. Wenn Nadeschda’s Wut kommt, ist Maxim meist die Zielscheibe ihrer Zornausbrüche.

15:05h Nadeschda hat immer noch keinen einzigen Strich gemalt. Ihre Vermeidungsstrategie läuft auf Hochtouren. Leere Blätter sind schon zerknüllt – „Ich mache heute keine Hausaufgaben!“ – Stifte und Glöckchen flogen bereits durch das Esszimmer. Erst als ich auf einem Blatt das male, von dem ich denke, dass es die Hausaufgaben sein könnten, was ich mir aus den Fragmenten, die Nadeschda mir erzählt hat, zusammenreimen kann, schlägt ihr cholerisches Temperament zu. „Nein, Mama!“ Sie reißt mir das Blatt aus der Hand, nimmt ihre Wachsblöckchen und malt. „Das geht so! Die grüne und die rote Gebogene dürfen sich nicht berühren.“ Die Atmosphäre ist angespannt, aber sie ist aus ihrer Vermeidung herausgekommen. Anstatt Nadeschda wegen ihres Tonfalls zu maßregeln, lobe sie viel und kann sie dazu bewegen, nun das Gemalte in ihr Hausaufgabenheft zu übertragen. Schön und ordentlich.

15:45h Nach den Hausaufgaben hat Nadeschda noch bereitwillig Schreiben geübt und ihre Übungen für die Logopädin gemacht. Auf einmal ging es dann doch schnell. Nun spielt sie in ihrem Zimmer. Die Tür ist zu und sie will ihre Ruhe haben. Ich sitze derweil bei meinem Sohn und genieße sein Trompetenspiel. Ich freue mich, dass er im Moment so gewissenhaft und fleißig übt. Allmählich sieht er selbst seine Erfolge. Manchmal guckt er mich strahlend an, wenn ihm etwas besonders gut gelungen ist und sagt: „Ja, Mama, Übung macht den Meister.“

16:30h Richard kommt nach Hause und ich mache mich auf den Weg in die Akademie. Eigentlich bin ich viel zu müde und würde am liebsten Zuhause bleiben.

17:30h Heute bin ich zügig durchgekommen und genieße noch ein paar Minuten vor Unterrichtsbeginn mit ein paar Mitseminaristen draußen in der Sonne. Doch unsere gute Stimmung fliegt dahin, als unser Dozent uns anschnauzt, wir sollten gefälligst pünktlich kommen. Wir waren vielleicht eine Minute zu spät im Saal. Zum ersten Mal denke ich: „Hey, Sie sind nur hier, weil wir Sie bezahlen.“ So einen Tonfall verbitte ich mir einfach.

22:30h Nach vier Stunden Akademie bin ich endlich wieder Zuhause. Kurz spreche ich noch mit Richard, gucke in meine Mails und falle dann eine Stunde später endlich in mein sehnlichst herbeigewünschtes Bett.

Samstag, 04:30h Aus dem Kinderzimmer kräht es laut:“Mama!“ Schlaftrunken stehe ich auf und schaue nach Nadeschda. „Mama, ich brauche Socken.“ Ich bin zu müde, um mich zu wundern, warum sie keine anhat. Sie schläft IMMER mit Socken. Ich ziehe meiner Tochter wärmende Strümpfe an und kehre in mein Bett zurück.  Doch richtig schlafen kann ich nicht mehr…

1

„Leander ist schwach…“ – Von überraschenden Entwicklungen

w9uljjwg2fa-michal-parzuchowski

Photo by Michal Parzuchowski on unsplash.com

Maxim macht mich gerade sprachlos. Seine innere Entwicklung ist atemberaubend. Ich bin überrascht, sprachlos, und dann auch einfach begeistert, dankbar und unglaublich stolz. Stolz auf meinen so großen und weisen Sohn, der in den vergangenen Monaten eine Entwicklung hingelegt hat, die mich nur noch dankbar staunen lässt. Von der Selbsterkenntnis, die in seinen Worten mitschwingt, kann sich so mancher Erwachsener eine Scheibe abschneiden….

Wie immer komme ich vor ein paar Tagen mittags in die Schule, um Maxim und Nadeschda beim Essen abzuholen. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch Leander wie er zornig an einer Säule steht und mich beobachtet. Doch ich kann meinen Gedanken, die ich bei seinem Anblick habe, nicht weiter nachhängen, denn Nadeschda stürmt auf mich zu. Und Momente später Maxim zusammen mit Nikolai. Seitdem wir uns mit Maxims Herkunft zuhause befassen, ist er sehr eng mit Nikolai. Auch wenn ich noch nicht den Russischsprachunterricht mit seiner Mutter habe besprechen können. Maxim sprudelt gleich los: „Mama, es gab wieder Streit mit Leander! Ja, er hatte mir etwas zu essen mitgebracht. Und dann in der zweiten Pause meinte er, ich hätte es nicht gegessen. Obwohl ich es gegessen hatte.“ Ich komme gar nicht dazu zu fragen, was es denn war, denn Maxim brodelt einfach weiter: „ Aber ich habe es gegessen. Und er hat dann wieder nicht locker gelassen und mich nicht in Ruhe gelassen. Da bin ich dann einfach weggerannt. Der Musiklehrer hat das mitbekommen. Und wollte es klären. Aber Leander wollte nicht. Ich habe dann auch nichts gesagt. Aber auch beim Mittagessen hat er mich dann nicht in Ruhe gelassen. Da bin ich dann zur Frau K. gegangen. Und deshalb musste Leander dann an einem anderen Tisch essen. Er ist dann mit Louis (Maxims bestem Freund, um den es ja immer Streit mit Leander gibt.) auf die Toilette gegangen und hat Louis gesagt, er müsse sich entscheiden zwischen mir und ihm. Mama, das ist doch Erpressung. Der hat sie doch nicht mehr alle.“

Inzwischen wird die Traube um uns größer. Ich unterbreche Maxim, sage ihm, dass wir gleich im Auto in Ruhe sprechen können, und dass er seine Sachen holen soll. Das macht er dann auch. Doch schon auf dem Weg zum Auto sprudelt es einfach weiter aus ihm heraus, wie dann auch auf der Autofahrt. Es ist das erste Mal, dass mein Sohn seinem ganzen Ärger verbal Luft macht. So richtig! Selbst Nadeschda ist während der ganzen Zeit ganz still und lässt ihn reden. Es ist einfach unglaublich!

„Und Zuhause schreibe ich Leander einen Brief und den gebe ich ihm dann morgen. Und wenn er mich dann nicht in Ruhe lässt, dann sage ich es Frau Fellner. Und wenn er dann nicht aufhört, dann mache ich mit ihm einen Judogriff. Ich weiss auch schon welchen, Mama. Den, wo ich ihn hintenrum aufs Kreuz lege. Tja, da soll er dann mal sehen.“ Irgendwann verstummt Maxim im Auto. Doch nach ein paar stillen und nachdenklichen Momenten sagt er: „Louis sagt immer, dass es unfair ist, wenn ein Starker einen Schwachen angreift. Und ich bin ja stark und Leander ist schwach! Der ist zwar größer als ich. Und viel schwerer. Aber ich bin stärker und sowieso viel schneller. Eigentlich ist er arm dran.“

5

Herkunft reloaded: Maxim spricht über seine Adoption

vanessa-bumbeers-117946

Photo by Vanessa Bumbeers on unsplash.com

Neulich abends klingelt zu später Stunde das Telefon. Es ist Maxim’s Klassenlehrerin. „Nein, es ist alles in bester Ordnung.“ sagt sie. „Ich wollte Sie nur darüber informieren, dass Maxim nun in der Schule über seine Adoption spricht.“ Das Thema sei damit auch in der Elternschaft angekommen, fährt Maxim’s Klassenlehrerin fort. Denn über die Nachfrage einer Mutter hätte sie erst davon erfahren, dass Maxim nun seine Herkunft benennt. Was genau unser Sohn seinem Klassenkameraden erzählt hat, wissen wir nicht. Müssen wir auch nicht wissen. Werden wir auch nicht nachfragen. Denn entscheidend ist, dass er sich jetzt mit diesem Thema auseinander setzt. Und das ist gut. Das ist wichtig.

Gerade jetzt, wo er in seiner kindlichen Entwicklung mitten im „Rubikon“ steckt, in dem sich das Kind noch einmal anders von seiner Außenwelt abgrenzt und sich neu definiert, seine Herkunft hinterfragt, gesetzte Strukturen und Beziehungen für sich neu definiert. Im „Rubikon“ entwickelt sich beim 9 bis 10-jährigen Kind die zunehmende Fähigkeit zur inneren Distanz. „Das Kind bekommt zu dem, womit es einst so eng verbunden war, ein anderes Verhältnis. Es empfindet unbewusst: Ich bin ein Eigenes, ich bin ein Einzelnes und damit bin ich ein Getrenntes. Das Seelenleben stellt sich auf eine neue Basis. (…) Das 9 – 10 jährige Kind schaut die Autoritäten jetzt durch andere Augen an. Was zuvor eine Einheit war, wird jetzt eine Zweiheit: eine Beziehung zwischen einem Ich und einem Du.“ heißt es dazu in der Literatur. Und an anderer Stelle ist dazu zu lesen: „Mehr als Gefühl tauchen Fragen auf: Mag er mich überhaupt? Mag mich überhaupt jemand? Man fühlt sich einsam und unverstanden. Das Kind braucht Bestätigung und Zuwendung von den nahe stehenden Menschen. Die innere Unsicherheit führt zuweilen dazu, dass man anzweifelt, das Kind seiner Eltern zu sein, man träumt von einer ganz anderen Herkunft, legt sich einen neuen Namen zu.“

Ein paar Tage später hole ich Maxim bei seinem Freund Nikolai ab. Nikolai’s Mutter ist Russin. Bisher weiss sie nichts von der Herkunft unserer Kinder. Glaube ich. Auf der Heimfahrt fragt mich Maxim: „Mama, kannst Du Xenia mal fragen, ob sie mir Russisch beibringen kann?“ – Er hatte den Wunsch im Allgemeinen ja schon einmal geäußert, aber nicht in Verbindung mit einer konkreten Person, geschweige denn so insistierend wie jetzt. – Ich antworte ihm: „Das kann ich gerne machen. Vielleicht wird sie dann aber auch fragen warum. Darf ich ihr das dann sagen?“ Maxim antwortet: “Das weiss sie doch schon längst. Ich habe Nikolai doch schon lange erzählt, dass ich in Russland geboren bin und dass ich zwei Mamas habe.“ Ich bin ein wenig überrascht, vor allem über die Abgeklärtheit und Gelassenheit meines Sohnes. Es scheint, als wäre das alles ganz normal für ihn. Maxim blickt schweigend zum Fenster hinaus. „Wie heißt eigentlich nochmal meine russische Mutter?“ „Svetlana.“ antworte ich. Nach ein paar nachdenklichen Momenten stellt Maxim fest: „Ein schöner Name.“ und schweigt wieder. Zuhause geht er in sein Zimmer und kommt aber nach ein paar Augenblicken wieder zu mir. Er hält einen Zettel in der Hand. „Mama, schau mal, schreibt man so Svetlana? Ich habe es mal aufgeschrieben, damit ich mich besser daran erinnern kann. Und riech mal, ich habe hier etwas Parfüm drauf gesprüht. Vielleicht hat sie ja so gerochen.“ Wir lassen den Augenblick einfach so stehen wie er ist, ohne ihn zu werten, ohne ihn zu kommentieren.

Ich bin dankbar für diesen Moment, der mir zeigt, dass Maxim einen unendlich großen Schritt weiter gegangen ist in den vergangenen Wochen und Monaten. Bisher  hatte er jedes Gespräch um seine russische Mutter schnell beendet mit den Worten „Die ist doch im Himmel, Mama.“ Mehr wollte er nicht hören, konnte er nicht ertragen. Nun geht er den nächsten Schritt der Annäherung. Es ist vielleicht an der Zeit, mit ihm sich der ganzen Geschichte seiner Herkunft anzunehmen. Stück für Stück und immer so viel, wie er zulässt und verträgt.

Ich kann nur hoffen, dass er in der Schule keinen Anfeindungen ausgesetzt wird, dass dieses zarte Pflänzlein, was da nun wächst, nicht wieder zertrampelt wird. Als unsere Kinder begannen, auf diese Schule zu gehen, hatten wir uns bewusst entschlossen, nicht überall die Adoptionsgeschichte zu erzählen. Denn, wie ich ja hier  schon einmal geschrieben habe, ist das soziale Umfeld schnell mit der Tatsache der Adoption überfordert. Zudem wollten wir es Maxim und Nadeschda überlassen, wem sie wie viel von ihrer Herkunft erzählen. Denn es ist in erster Linie ihre Lebensgeschichte. Nun hat Maxim für sich entschieden, über seine Herkunft zu sprechen. Es ist beruhigend, wie normal das für ihn zu sein scheint. Es gibt eben Kinder, die sind in Deutschland in einem Krankenhaus auf die Welt gekommen und leben noch immer bei der Mutter, die sie geboren hat. Und genauso gibt es eben Kinder, die sind adoptiert. Wo ist da also das Problem? Ich wünsche ihm so sehr, dass er sich diese Haltung bewahren kann.

Doch genauso wie wir nun Zuhause die Geschichte seiner Herkunft hegen und pflegen werden, muss ich wahrscheinlich Maxim nun genauso stärken, um mit bestimmten Kommentaren, Fragen oder Anfeindungen umzugehen. Wieder einmal hat Sherrie Eldridge dazu eine schönen und vor allem hilfreichen Post veröffentlicht: „PREPARING YOUR ADOPTED OR FOSTER CHILD FOR SCHOOL BULLIES“ Neben dem Spiel mit den Steinen fand ich die folgenden vier Aspekte sehr hilfreich, um sich gegen Anfeindungen zu wehren:

  1. Geht weg! Dreh dem Fragenden einfach den Rücken zu und gehe weg.
  2. Einfach antworten: „Weißt Du was, das ist sehr privat.“
  3. Die Erfahrung der Adoption teilen und gucken, wie der Gegenüber reagiert. Wenn er verletzend wird, greift wieder Option 1.
  4. Mit Fakten über Vorurteile von Adoptionen aufklären und den anderen somit Mundtot machen. Wenn der gegenüber weiter verletzende Fragen stellt, greift auch hier Option 1.

Am Ende bin ich mir aber gewiss, dass mein Sohn ohnehin in den vergangenen Wochen so stark und selbstbewusst geworden ist, dass er auch hier wieder einmal seinen Weg gehen wird. Unbeirrt, tapfer, mutig und selbstbestimmt!

0

Charlotte’s Sonntagslieblinge (50)

board-1614646_1920

Danke an Pixabay

Nadeschda’s erste „echte“ Schulwoche liegt hinter uns. Gut ist sie verlaufen. Auch wenn Angst und Wut Nadeschda immer einmal wieder heimsuchen. Sicherlich haben wir etwas weniger Veränderungen im Alltag, als andere 1. Klässler, da sie schon im vergangenen Schuljahr im Schulgebäude die Vorklasse besucht hat. Wir sind an das frühe Aufstehen gewöhnt. Nadeschda geht jeden Morgen in eine ihr vertraute Umgebung. Sie kennt sich im Schulgebäude aus. Sie kennt die Mensa und das Schulessen. Dennoch, nun steht ein richtiges „Arbeiten“ über fünf Schulstunden jeden Tag an der Tagesordnung. Das ist anders, es ist anstrengend. Und die Angst vor der Veränderung ist nach wie vor unser Begleiter. Alles in allem war es dennoch eine gute Woche und so sind dies meine Sonntagslieblinge:

  1. Wir sind gut in eine Routine gekommen. Nach beinahe sieben Wochen Pause vom Schul- und Arbeitsalltag hätte ich das nicht erwartet. Doch sicherlich hat sich ausgezahlt, dass wir unseren alltäglichen Rhythmus nicht komplett in den Ferien aufgegeben hatten und auch schon in den letzten zwei Wochen Schritt für Schritt wieder in unseren Alltag zurückgekehrt sind.
  2. Auch mir tut die vollständige Rückkehr in den Arbeits- und Ausbildungsalltag gut. Auch wenn ich manchmal nach wie vor mit meiner Ausbildung hadere, so habe ich zumindest heute das Gefühl, ich habe alles wieder ganz gut im Griff und übernehme mich nicht.
  3. Ich habe in dieser Woche begonnen, mich wieder einmal mit der Biografiearbeit für meine Kinder zu beschäftigen. Mein Gefühl sagt mir, dass das Thema der Herkunft und ein sprechsicherer Umgang damit für Maxim immer dringlicher wird. Dazu hat Irmela Wiemann gemeinsam mit Schirin Homeier ein ganz wunderbares Buch geschrieben. „Herzwurzeln“ hat mir viele Impulse gegeben, wie ich gemeinsam mit Maxim mich dem Thema seiner Herkunft noch einmal widmen kann. Dazu dann an anderer Stelle sicherlich noch einmal mehr.

Nach einem wunderbaren Samstag mit Freunden genießen wir nun einen ruhigen Sonntag. Ihr hoffentlich auch! Habt einen wunderbaren Tag und einen gelungenen Start in die neue Woche!