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Herkunft (4) reloaded: Über den Umgang mit der Herkunft – Warum Verschweigen keine gute Lösung ist….

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Wenn sich die Gelegenheit ergibt, dann kommen doch die ersten Reaktionen auf Maxim’s Erzählen seiner Herkunft in der Schule in kleinen Wellen zu uns zurück. Behutsam und einfühlsam. Und manchmal auch mit überraschenden Wendungen.

So hatten wir vor ein paar Tagen Besuch von Maxim’s Klassenkameraden und dessen Mutter. Nach dem ersten Kaffee sprach sie mich zaghaft auf unsere „Familiengeschichte“, wie sie es nannte an: „Sag mal, der Maxim hat ja dem Johannes schon vor ein paar Wochen in der Schule von Eurer Familiengeschichte erzählt.“ Ich schwieg und wartete ab. „Ja, und dass er zwei Mütter hat, eine in Russland und Dich hier. – Das hat mich doch sehr berührt.“ Ich nickte wohlwollend und erzähle ihr kurz unsere Geschichte. Weniger die von Maxim und Nadeschda mit ihren Erfahrungen im Kinderheim, sondern vielmehr, dass beide in Russland geboren sind, und wir sie dort vor mehr als sechs Jahren adoptiert haben. „Und weißt Du, wir haben mit dem Schuleintritt beschlossen, dass unsere Kinder entscheiden sollen, wem und wann sie von ihrer Adoption erzählen. Denn es ist ihre Geschichte. Und mich freut es, dass Maxim nun so weit ist.“ „Seit ihr denn hier Zuhause immer offen mit der Adoption umgegangen?“ fragt die Mutter. „Ja, von Beginn an wussten unsere Kinder, dass wir sie adoptiert haben und dass sie ebenso noch eine Mutter in Russland haben.Daraus haben wir nie ein Geheimnis gemacht.“ „Das finde ich ganz großartig und mutig.“ fährt die andere Mutter fort. „Weißt Du, mich hat das sehr berührt. – Denn… ich habe erst mit 23 erfahren, dass ich von meinem Vater adoptiert wurde und dass mein leiblicher Vater in der Türkei lebt.“ Bumm, das saß! Plötzlich kommt das Thema „Adoption“ in unserem sozialen Umfeld doch auch an anderen Stellen vor, als wir es je vermutet hätten. Und dann auch noch so…. Ich war tief berührt von der Offenheit von Johannes’ Mutter. Im Nachhinein hatte ich fast das Gefühl, sie war so dankbar, dass sie sich mir mitteilen konnte und in mir ein Gegenüber fand, die sie verstand und ihre Situation nachvollziehen konnte.

In der Folge fragte sie viel nach, wie wir mit der Herkunft unserer Kinder umgehen würden, neben dem Erzählen und offen Gesprächsbereitschaft immer wieder zu signalisieren. Denn nicht immer wollen Maxim und Nadeschda über ihre Herkunft und ihre Zeit in Russland sprechen. Vor allem Nadeschda schiebt das Thema immer wieder gerne ganz weit von sich. Doch beide Kinder wissen, dass sie mit allen Fragen immer zu uns kommen können. Immer und zu jeder Zeit, auch wenn mich zuweilen die Gelegenheiten  , die sie aussuchen, doch immer wieder überraschen. Ja, und natürlich würden wir auch irgendwann nach Russland reisen, um die Mutter zu suchen, wenn Maxim und Nadeschda das denn wollten.

Johannes’ Mutter zeigte mir mit ihrer Geschichte – auch wenn die Hintergründe und Umstände bei ihr ganz andere gewesen waren – , wie wichtig es war, gegenüber seinen Adoptivkindern offen mit ihrer Herkunft umzugehen. Nichts unter den Tisch zu kehren, zu verheimlichen oder zu verleugnen. „Selbst als ich mit meinem ersten Kind schwanger war und ich meine Mutter nach der Familienanamnese fragte, verschwieg sie meinen leiblichen Vater. Erst ein paar Jahre später brach sie ihr Schweigen.“ Johannes’ Mutter suchte ihren Vater und fand ihn auch, doch es blieb bei einer einzigen Begegnung. Vielleicht weil sie so enttäuschend verlief, wie Sherrie Eldridge es von den Treffen mit ihrer leiblichen Mutter schildert.  „Weißt Du, bis heute kann ich es nicht mehr ertragen, wenn etwa unter den Tisch gekehrt wird. Ich muss immer alles ansprechen. Ich will immer die Wahrheit wissen. Das ist fast manisch, aber ich kann nicht anders. Auch wenn ich mir damit manchmal das Leben schwer mache.“ Ebenso bestätigte sie mich, als sie erzählte: „Und weißt Du, man spürt das. Als ich in der Pubertät war, da kam dieser ganze Mist mit ‚Ihr seid nicht meine richtigen Eltern!‘, ‚Ich bin vertauscht worden.‘, ‚Irgendetwas stimmt hier nicht.‘ und ich hatte Recht. Es war so. Denn mein leiblicher Vater war ein ganz anderer.“

Für mich war das ein spannender Nachmittag. Denn neben der Bestätigung dessen, dass wir im Umgang mit den Wurzeln unserer Kinder einen vielleicht heilsamen Weg eingeschlagen haben, war es mehr als interessant unverhofft die Erfahrungen einer erwachsenen Adoptierten teilen zu dürfen. Ohne dass ich sie gesucht hatte. Es war einfach an einem Nachmittag unter Schulmüttern passiert.

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Die „Waldorf-Welt“ ist auch keine heile…

…nein, ganz im Gegenteil. Das ist mir spätestens mit der karmischen Erfahrung zwischen Leander und Maxim klar geworden. Drei Jahre haben wir mehr oder weniger in der idyllischen Waldorf-Welt gelebt. In der Welt einer Waldorfschule und einem Waldorfkindergarten, in dem so vieles aus der „bösen“ Welt da draußen einfach nicht stattfand. Wir fanden uns wohlgehütet in einer Umgebung, in der es keinen Markenwahn gibt, in der alle Kinder wohl erzogen sind, in der die meisten Eltern so fürsorglich sich um ihre Kinder kümmern, wie wir das tun. Medienkonsum ist verpönt, Märchen und andere Geschichten vorlesen steht im Vordergrund, genauso wie viel draußen in der freien Natur spielen, wenige mit elektronischem  Spielzeug überladenen Kinderzimmer, viel Malen, Basteln und Handarbeiten. Diskussionen um Süßigkeiten in der Brotbox gibt es nicht, Schlägereien unter den Jungs werden stark geahndet. Die Elternhäuser sind irgendwie  – wenn auch an unserer Schule sozial und monitär sehr verschieden – doch alle gleich vom Bildungsniveau. (Das kann man auch in Studien nachlesen, Waldorfschulen rekrutieren ihre Schüler aus dem klassischen Bildungsbürgertum.) Ja, wir fühlten uns so ein wenig unter uns. Ein bisschen naiv glaubte ich an eine heile Welt, in der meine Kinder ihre Zeit verbrachten und gebildet wurden, wenn sie nicht Zuhause waren. Eine heile Welt, die der Werte- und Vorstellungswelt entsprach wie wir sie hier Zuhause unseren Kindern gaben.

Doch langsam hebt sich der Schleier der Blauäugigkeit. Warum auch sollten äußere Einflüsse und Veränderungen vor einer Waldorfschule halt machen? Schon immer gab es an jeder Schule verhaltensauffällige Kinder. Doch ihre Zahl nimmt gefühlt zu. (De facto von dem was ich an Quellen gefunden habe, waren es vor zehn Jahren genauso wie heute rund 15 % aller Kinder.) „Leander“ ist kein Einzelfall, nicht an unserer Schule und auch an anderen Schulen nicht. Vielleicht ist es eher so, dass diese Kinder in der Waldorfpädagogik lange gut aufgefangen werden konnten. Doch im Zuge von gesellschaftlichen Entwicklungen und einer stärkeren Problemorientierung bzw. auch einer anderen Qualität der Probleme, steht nun die Auseinandersetzung mit Verhaltensauffälligkeiten wie Aggression, fehlende sozialen Kompetenzen, Konzentrationsschwächen, Leserechtschreibschwächen, und vielen mehr auch an einer Waldorfschule an der Tagesordnung. Und vielleicht nimmt dann doch auch die Zahl der verhaltensauffälligen Kindern an einer Waldorfschule zu. Zumal der äußere Einfluss einfach auch stärker wird. Das Nutzen von elektronischen Medien macht das so schön deutlich. Früher hatte kein Kind ein Tablet Zuhause oder einen iPod oder ein Nintendo, geschweige denn durfte es Computerspiele geben. Da waren das Fernsehen und maximal der Videorekorder der „Feind“, der die heile Waldorf-Welt bedrohte, Märchen entmystifizierte, Kinder am aktiven Spielen hinderte und vieles mehr. Doch das ist heute anders. Selbst wenn all diese Medien an der Schule verboten sind, so kann eine Waldorfschule nicht verhindern, dass die Kinder nach dem Unterricht Zuhause sich hemmungslos dem Einfluss elektronischer Medien und Spielzeuge aussetzen.

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Sicherlich sind Missstände an unsere Schule lange nicht so eklatant wie vielleicht an vielen staatlichen Schulen. Ein bisschen ist noch da von der „heilen“ Welt. Doch langsam macht sich bei mir die Erkenntnis breit, dass ich meine Kinder auch an einer Waldorfschule nicht vor bestimmten Einflüssen und Herausforderungen schützen kann. Diese sind einfach da und ich kann die Augen nicht davor verschließen. Wieder bin ich als Mutter, sind wir als Eltern gefragt, unsere Kinder zuhause für diese Herausforderungen zu stärken. Wenn Maxim im Moment im Hauptunterricht zwar physisch anwesend ist, aber vom Inhalt nichts mitbekommt, übe ich Zuhause mit ihm. Lesen, Schreiben, Rechnen. Jeden Tag. Nur so ist und bleibt er auf dem Lernniveau eines bald Drittklässlers. Wenn Maxim’s Freundschaften in der Schule wanken, stärken wir Freundschaften außerhalb der Schule. Ein paar hat er sich noch aus seiner Kindergartenzeit hier bei uns im Dorf bewahrt. Das tut ihm gut. Um sich gegen Übergriffe von Klassenkameraden wie Leander zu wehren, lassen wir ihn nun ein Selbstbehauptungstraining machen und er probiert im Moment Judo aus. In der Schule zeigen Richard und ich wieder erhöhte Präsenz in Gesprächen mit der Klassenlehrerin, bei Elternabenden und in unterschiedlichen Gremien. Wir Helikoptereltern sind wieder allgegenwärtig. Und über allem zeigt sich wieder, wie wichtig es ist, dass ich einfach immer da bin, Richard und ich ihm ein stabiles und sicheres Zuhause geben, ihn halten und aushalten. So wie vor ein paar Tagen: Wir hatten einen harten Übnachmittag – irgendetwas war wieder in der Schule vorgefallen, vermutete ich – mit viel Wut und Tränen. Als ich am späten Nachmittag in die Akademie fahren wollte, fing Maxim bitterlich an zu weinen. Ich sollte Zuhause bleiben und nicht wegfahren. Das tat ich dann auch. Ich blieb bei ihm und hielt ihn, den ganzen Abend. Danach war seine Welt wieder ein Stück weit heiler.

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Karmische Lernerfahrungen

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Nachdem ein paar Tage seit dem „Angriff auf das Urvertrauen“ ins Land gezogen sind, überlegen wir auf der einen Seite, wie wir weiter mit dieser Situation umgehen werden. Das Wochenende war nicht leicht. Und auch wenn Maxim in der Schule scheinbar selbstbewusst auftritt, so nagt der Schmerz in ihm tief drinnen. Sicherlich werden wir noch einmal mit Maxim’s Klassenlehrerin sprechen und die Schule in solchen Situationen mehr in die Verantwortung nehmen. Für uns steht im Moment allein der Schutz und das Stärken unserer Kinder, vor allem unseres Sohnes im Vordergrund. Auf der anderen Seite sehe ich mit etwas Abstand, dass dieser Zwischenfall etwas von einer Lernerfahrung auf einer anderen Ebene für Maxim hat.

Als Maxim die Vorklasse besuchte hatte er mit einem aus Russland stammenden Jungen in seiner Klasse große Schwierigkeiten. Nicht in den aggressiven Dimensionen wie mit Leander, aber auch hier gab es verbalen Missbrauch und Handgreiflichkeiten, über Monate hinweg. Maxim nahm das damals sehr mit. Er reagierte mit Bauchschmerzen und sich häufenden Fällen, in denen er es nicht rechtzeitig auf die Toilette schaffte. In dieser Zeit bearbeitete Maxim gleichzeitig sein Trauma der kulturellen Entwurzelung in der Therapie. Seine Therapeutin sagte damals zu mir, dass dieser russische Junge natürlich auch spürte (ohne es benennen zu können), dass er bei Maxim einen wunden Punkt traf und es eine „Schwachstelle“ gab, die Maxim angreifbar und verwundbar machte. Maxim half damals, dass ich mit der Klassenlehrerin sprach, er viel mit anderen Kindern außerhalb der Schulgemeinschaft spielte, und er sich gegenüber diesem Jungen abgrenzte, indem er ihn mit den Worten „Meine Mama will das nicht, dass Du zu meinem Geburtstag kommst.“ nicht zu seinem Geburtstag einlud. Gleichzeitig fand Maxim in der Therapie zu einem ersten Umgang mit seiner russischen Herkunft und seinem Leben, bevor er zu uns kam. Von da ab war Ruhe zwischen den zwei Jungen. Monate zogen ins Land. In der ersten Klasse dann fanden die zwei Jungen auf einer ganz anderen Ebene zusammen und sind heute gut befreundet. Ein wenig schien es, als hätte Maxim in der Konfrontation mit seinem russischen Klassenkameraden auch noch einmal seine russische Herkunft bearbeitet.

Wenn ich mir die Auseinandersetzungen mit Leander mit etwas Abstand betrachte, und die Aggression und Brutalität ausblende, so sehe ich Parallelen zu dieser Konfrontation von vor etwa zwei Jahren. Leander’s soziales und familiäres Umfeld ist geprägt von Vernachlässigung, er reagiert darauf mit einem stark autonomen Verhalten. Letztendlich verkörpert er in gewissen Zügen das Leben, das unser Sohn leben musste, bevor er zu uns kam. Widrige soziale Lebensverhältnisse, eine Mutter, die sich nicht richtig kümmern kann, die Notwendigkeit autonom zu sein, um zu überleben. (Natürlich hat das bei einem neunjährigen andere Qualitäten als bei einem zweijährigen, dennoch die Parallelen sind vielleicht gegeben.) Vielleicht ist es also nun auch so, dass der Konflikt mit Leander auf einer anderen Bewusstseinsebene für Maxim noch einmal die Auseinandersetzung mit der früheren Phase seines Lebens, in der er selbst vernachlässigt und zu einem stark autonomen Verhalten gezwungen war, verkörpert. Wie damals der russische Junge, spürt Leander, dass Maxim in sich einen wunden Punkt trägt, an dem er angreifbar und verletzlich ist. Und auf der anderen Seite heute Maxim all das verkörpert, was Leander nicht hat. Denn Maxim hat heute eine Mutter und einen Vater, die sich um ihn sorgen und sich um ihn kümmern, die seine Hilferufe hören und ihm helfen und für ihn da sind. So könnte wohlmöglich dieser Konflikt für Maxim – und für uns als seine Familie – auch die Chance bedeuten, ein weiteres Trauma seiner frühen Kindheit zu verarbeiten und hinter sich zu lassen.

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Post vom Arbeitsamt

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Im vergangenen Jahr hatte ich entgültig mein auch während der Elternzeit noch fortbestehendes Arbeitsverhältnis mit meinem alten Arbeitgeber aufgelöst. Man wollte oder konnte mir meine alte Funktion – die zum Ende meiner Elternzeit unbesetzt war – nicht in Teilzeit geben. Doch dies ist ein anderes Thema.

Denn gerade beim Aufräumen fiel mir wieder ein Brief vom Arbeitsamt in die Hände. Wenn auch schon eine gute Weile her und die Sache für mich längt abgeschlossen ist, so hat der Brief mich doch wieder geärgert. Nachdem ich mein fest angestelltes Arbeitsverhältnis beendet und mit meiner Ausbildung kurz zuvor begonnen hatte, zogen wir in Erwägung, dass ich mich für die Zeit der Ausbildung arbeitslos meldete und ich so vielleicht auf  hin und wieder kleinen freien Textarbeiten verzichten könnte. Gut, ich begab mich also in diese Mühlen, um am Ende einen Brief mit den freundlichen Worten zu bekommen:

„(…) Ihren Antrag lehne ich ab. Sie haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Sie sind in den letzten zwei Jahren weniger als zwölf Monate versicherungspflichtig beschäftigt gewesen und haben die Anwartschaftszeit nicht erfüllt. (…)“

Mmmmhhh, wie sollte ich auch sozialversicherungspflichtig beschäftigt sein, wenn ich mich in Elternzeit befand? Das wäre schon allein technisch nicht gegangen. In meinen Augen könnte ich das auch so lesen: Ich habe kein Anrecht auf Arbeitslosengeld, weil ich es gewagt habe, fünf Jahre in Elternzeit Zuhause zu bleiben und mich im Schwerpunkt um die Erziehung unserer Kinder zu kümmern. Dass ich vor meinem Muttersein mehr als ein Jahrzehnt sozialversicherungspflichtig beschäftigt war, interessierte nicht mehr.

Wenn denn die Erziehungszeit in unserem Land auch dem Schutz der Familie dient, so sollte sie doch auch wertbare Zeit hinsichtlich einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung sein. Ich verstand es nicht und verstehe es jetzt immer noch nicht. Und die Agentur für Arbeit schuldet mir immer noch eine Erklärung. Zurück bleibt aber einmal wieder: Familien, egal welche und in welcher Konstellation sind nicht erwünscht. Aber das haben wir ja schon am Muttertag gelesen…

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#muttertagswusch – Mein Wunsch für mehr Respekt und Anerkennung der Leistung von Adoptivfamilien

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Der Muttertag naht. Auch wenn meine Kinder wie so viele andere fleißig gebastelt haben, und sie mir ihre Geschenke am Sonntag feierlich übergeben werden, wird es für uns ein gewöhnlicher Familiensonntag werden. So wenig wie wir den Vatertag zelebrieren, feiern wir den Muttertag. Denn „Muttertag“ ist bei uns jeden Tag, wenn ich in die strahlenden Gesichter meiner Kinder blicke und ich dankbar bin, die Mutter von Maxim und Nadeschda sein zu dürfen. Dennoch bewegt auch mich die Aktion #muttertagswunsch von mutterseelesonnig und ich nehme dies zum Anlass, auch meinen Wunsch für all die Adoptivfamilien zu adressieren.

Die Adoption von Nadeschda und Maxim liegt mittlerweile etliche Jahre zurück. Noch immer kämpfen wir dafür, dass die Kosten der Adoption als außergewöhnliche Belastung anerkannt werden. Kosten für eine medizinische Kinderwunschbehandlung werden seit Jahren steuerlich anerkannt. Die Kosten für eine Adoption nicht. Erst kürzlich kam der Bescheid, dass unser Einspruch abgelehnt wurde. Er sei zulässig, aber nicht begründet. In der Begründung heißt es: „Die organisch bedingte Sterilität eines Ehepartners ist als Krankheit anzusehen. Aufgrund dessen ist die heterologe Insemination als medizinische Maßnahme zur Beseitigung der unmittelbaren Krankheitsfolge der Kinderlosigkeit eines Paares anzusehen und führt zur Abzugsfähigkeit als Krankheitskosten. Die Aufwendungen eines Paares hingegen, die bei einer Adoption eines Kindes aufgrund einer organisch bedingten Sterilität eines Partners entstehen, stellen keine Krankheitskosten dar. (…) Als Außergewöhnliche Belastungen kommen nur Aufwendungen in Betracht denen sich die Steuerpflichtigen nicht entziehen können. Kosten für eine Adoption hingegen sind Kosten der individuell gestaltbaren Lebensführung, auch wenn die ungewollte Kinderlosigkeit von den Betroffenen als schwere Belastung empfunden wird, die ursächlich für den Adoptionsentschluss ist.“ An anderen Stellen wird deutlich, dass die Kosten für Adoption zumutbar seien, und daher keine Zwangsläufigkeit gegeben ist. Eine spannende Argumentation, der ich aber nicht folgen kann. Fühle nur ich mich hier diskriminiert und benachteiligt? Es hat so ein wenig den Beigeschmack eines „Luxusproblems“. Aus freiem Willen haben wir uns entschlossen, unsere Kinder zu adoptieren. Ja, das stimmt! Und ich würde es immer wieder tun! Und ja, natürlich hatten wir einen Kinderwunsch, der auf biologischem Wege unerfüllt blieb. Doch haben wir uns gegen den medizinischen Weg entschieden. Ganz bewusst. Es fühlte sich nicht richtig an. Dennoch finde ich die Bewertung und Einordnung der Finanzbehörden vermessen. Der medizinische Weg, sich einen Kinderwunsch zu erfüllen, ist zwangsläufig, aber alternative Wege nicht? Das verstehe ich nicht.  Um den eigenen tiefen Wunsch nach Kindern zu erfüllen, aus welchen Gründen auch immer die Kinderlosigkeit vorliegt, sollten alle Wege, die heute zur Verfügung stehen, gleich angesehen und anerkannt werden. Das ist im Falle der Adoption nicht gegeben.

Genauso wie Adoptivfamilien bei der Mütterrente seit der Neuregelung 2014 benachteiligt werden: Nimmt eine Familie ein Kind an, das drei Jahre alt ist oder älter, schlägt sich das negativ in der Anrechnung der Erziehungszeiten nieder. Die Adoptivmutter, die also eine Weile zuhause bleibt, um sich der Fürsorge ihres Kindes zu widmen, bekommt später weniger Rente. Auch hier wurde mit viel Taktgefühl der Hinweis auf Diskriminierung kommentiert: Rentenexperten merkten an, dass es um eine pauschale Anerkennung gehe, es aber in Einzelfällen zu Ungerechtigkeiten kommen kann. Mal abgesehen von dem bürokratischen Aufwand, den es Bedarf, sich überhaupt Erziehungsheimen anerkennen zu lassen als Adoptivmutter. Bis heute ist meine Rentenzeiten nicht geklärt. Es scheint schwierig zu sein, Zeiten nachzurechnen, wenn Geburtsdatum des Kindes und Beginn der Elternzeit fast drei Jahre auseinanderliegen. – Auch in der Versicherungswirtschaft kommt es oft zu Ungleichbehandlungen. Werden doch häufig für Adoptivkinder, ob ihrer ungesicherten medizinischen Diagnosen pauschal Risikozuschläge bei den Beiträgen erhoben. So auch bei unseren Kindern.

Der fehlende sensible Umgang an vielen öffentlichen Stellen mag ein Problem der Fallzahlen sein. In Deutschland sind die Zahlen von Adoption aus dem In- und Ausland einfach zu niedrig (und auch noch rückläufig in den letzten Jahren), dass sie einen nennenswerten Einfluss auf den politischen Willen haben könnten. Allerdings kommen wir doch, wenn wir die Adoptionszahlen der letzten zehn Jahre zusammenzählen, auf eine beachtenswerte Gruppe in der Bevölkerung von etwa der Größe einer Kleinstadt. Aber auch das ist noch zu wenig, um beachtet zu werden.

Doch darum geht es mir hier nicht. Zum Muttertag wüsche ich mir, dass der Mut und der Einsatz der Adoptivfamilien von der Administration mehr respektiert und anerkannt wird. Dass an der ein oder anderen Stelle die besondere Situation von Adoptivfamilien nicht beachtet wird und es keine Sonderregelungen oder den Freiraum für individuelle Ermessensentscheidungen gibt, mag ich ja noch hinnehmen können. Doch dass die Lebenssituation von Adoptivfamilien an vielen Stellen einfach so abgetan wird, kann ich nur schwer ertragen. Den Adoptivfamilien ging es selten bei dem Entschluss zur Adoption um die bloße egoistische Erfüllung des Kinderwunsches. Sie haben alle eine große Verantwortung übernommen, der sie sich von Anfang an bewusst waren. Sie stellen sich jeden Tag von neuem harten und herausfordernden Aufgaben. Gerade die Mütter, die bald erkennen, dass sie ihren Job nicht mehr wahrnehmen können, weil ihre Kinder eine kontinuierliche Anwesenheit zumindest einen Elternteils brauchen. Viele Adoptivkinder benötigen nicht nur die ständige liebevolle Fürsorge von mindestens einem Elternteil, sie brauchen eine intensive Förderung und Begleitung mit den unterschiedlichsten Therapien, häufigen Arztbesuchen, Terminen bei Spezialisten und manchmal medizinischen Eingriffen. In der Schule bedarf es einer engen Hausaufgabenbetreuung und intensivem Engagement, Gespräche mit Lehrern, Werben für die besondere Situation des Kindes, Wissen, was in der Schule gerade passiert. Und eigentlich beginnt das schon im Kindergarten. Sport und das Spielen eines Musikinstrumentes sind wichtig, neben der kontinuierlichen Förderung von Fähigkeiten in der täglichen Alltagsroutine. Adoptivmutter zu sein, ist ein Vollzeit-Job, neben dem permanenten Bewusstsein der Verantwortung und der emotionalen Belastung, die durchaus hin und wieder gegeben ist. Es gibt unzählige Adoptivmütter, die auch nach Jahren, selbst wenn die Kinder längst schon dem Babyalter entwachsen sind, selten eine Nacht durchschlafen, da die Kinder von Alpträumen verfolgt werden, oder sie auch nachts die enge Nähe der Mutter brauchen. Jede Stunde, die eine Adoptivmutter vielleicht einmal etwas für sich alleine tut, um Kraft zu sammeln, und die Kinder dann vielleicht fremdbetreut sind, muss sie oft doppelt oder dreifach „bezahlen“ mit noch mehr eingeforderter Aufmerksamkeit ihrer Kinder. Dann stehen Wut oder Verlassensängste an der Tagesordnung, die Beziehung zwischen Mutter und Kind wird unmittelbar in Frage gestellt. Solange bis das Adoptivkind sich wieder sicher ist, dass seine Mutter bei ihm bleibt und es immer halten und aushalten wird. Jedes Kind hat Trotzanfälle und Wutausbrüche, aber vielleicht nicht immer über eine Stunde oder länger. Jedes Kind hängt an seiner Mutter, aber nicht über Wochen, wenn es schon sechs Jahre alt ist. Pausen gibt es nicht, Zeit und Raum zum Durchatmen bleibt kaum, Kranksein ist nicht erlaubt.

Ich wünsche mir, dass mit diesen Familien, die den Schritt der Adoption und Annahme eines bedürftigen Kindes mutig und unerschrocken gegangen sind und die jeden Tag darum ringen, ihre ihnen anvertrauten Kinder gut und gesund ins Leben zu begleiten,   respektvoll umgegangen wird. Formulierungen, wie sie die Finanzbehörde wählte, sind da in meinen Augen eher respektlos. Doch wenn in Deutschland schon grundsätzlich die Leistung von Eltern und Familien weder finanziell noch gesellschaftliche anerkannt wird, warum sollte man dann den Einsatz und das Engagement von tausenden von Adoptivfamilien sehen und würdigen?

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„Die blauen Augen hat sie nicht von Ihnen!“

Vom Umgang mit dem unbekannten Erbe meiner Kinder

Vor einigen Monaten hatte Tante Tex beim „Story Samstag“ zum Thema „Erbe“ aufgerufen. Ich hatte teilgenommen mit einer Kurzgeschichte, die einmal nichts mit meinen Kinder und unserer Adoptionsgeschichte zu tun gehabt hatte. Dennoch hat mich seitdem das „Erbe“ auch mit Blick auf meine Kinder nicht mehr losgelassen. Ein Gespräch mit zwei Adoptivmüttern in der vergangenen Woche hat mich nun motiviert, noch einmal das Erbe meiner Kinder aufzugreifen.

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Gemütlich saßen wir drei Mütter am Frühstückstisch. Unsere Kinder spielten. Lange hatte wir uns nicht gesehen und so plauderten wir munter über dies und das, was sich so alles in unseren Leben in den vergangenen Monaten ereignet hatte. So erzählte die eine: „Mir ist neulich etwas passiert: Im Kindergarten spielen die Kinder jetzt ein Theaterstück. Und A. ist ganz engagiert mit dabei. Als A.’s Erzieherin mir begeistert einmal mittags davon erzählte, antwortete ich ihr freudestrahlend: Ja, das Theatergen liegt wohl in unserer Familie. Das hat sie von mir. – Im nächsten Moment fasst ich mir an den Kopf, und dachte nur, was war das jetzt für ein Spruch von Dir! Die wissen doch, dass wir A. adoptiert haben.“ Von dort wanderte unser Gespräch zu der Entwicklung unserer Kinder. Wie wir als Adoptiveltern vielleicht andere Erwartungen an die späteren „Karrieren“ unserer Kinder haben, wie wir bewusst die Ansprüche zurückschrauben, das Glück und die Gesundheit unserer Kinder im Vordergrund stellen und weniger die Förderung zum späteren Top-Manager. Dieselbe Mutter sagte: „Ja, vielleicht gehen wir damit anders um, weil wir wissen, dass unsere Kinder eben nicht unser Erbgut mitbekommen haben. Nur weil ich Abitur habe und studiert habe, kann ich das von A. ja nicht zwangsläufig erwarten. Ich will nur, dass es ihr gut geht, sie muss ja nicht Karriere machen und es „besser“ machen als ich.“ Daraufhin antwortet die andere Adoptivmutter (scherzhaft): „Nun ja, gerade weil unsere Kinder nicht unsere Gene tragen, können sie es „besser“ machen als wir.“

Szenenwechsel zu Nadeschdas Schule: Von Anfang an, seitdem Maxim und Nadeschda bei uns waren, bin ich mit Kommentaren aus unserem sozialen Umfeld wie: „Von wem hat Nadeschda denn diese tollen blauen Augen? Von Dir nicht. Dann wohl von ihrem Vater.“ von Müttern, die nichts von der Adoption wussten, oder auch von Menschen, die unsere Adoptionsgeschichte kennen: „ Die beiden sehen Euch so ähnlich. Wenn man nicht wüsste, dass Ihr sie adoptiert habt, könnte man meinen, es seien Eure leiblichen Kinder.“ konfrontiert. Meist nehme ich diese Kommentare, ohne näher darauf einzugehen, mal mehr mal weniger wohlwollend zur Kenntnis. Im Herbst hatte ich mit Daniel zusammen ein neues Erlebnis. Zusammen holten wir Nadeschda mittags von der Schule ab. Als wir eintrafen, half der Substitutslehrer gerade den Kindern beim Anziehen der Matschhosen. Ich stellte ihm Daniel vor. „Das habe ich mir gleich gedacht.“ sagte der Substitutslehrer. „Diese Ähnlichkeit ist verblüffend.“ Ich stutzte, denn Daniel und mich konnte er nicht meinen. Denn wir sehen grundverschieden aus und bringen im Äußeren jeden möglichen Kontrast mit (dunkles Haar vrs. helles Haar, braune Augen vrs. stahlblaue Augen, Pfannkuchengesicht vrs. Charakterkopf, etc.). Im zweiten Moment ahnte ich, worauf der Lehrer hinaus wollte. Er meinte die Ähnlichkeit zwischen Nadeschda und meinem Bruder. Nadeschdas Klassenlehrerin kam dazu, begrüßte meinen Bruder und löste meine Verwunderung mit den Worten: „Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Welch karmische Fügung, oder?“ Und es stimmt, die Ähnlichkeit zwischen Nadeschda und meinem Bruder ist durchaus frappierend. Vielleicht war es tatsächlich eine Fügung des Schicksals. Hinzukommt, und das findet sich hier und da auch in der Fachliteratur, dass Adoptivkinder tatsächlich mit den Jahren vor allem durch Mimik und Gestik immer mehr ihren Adoptiveltern ähneln und sie somit in Auftreten und Aussehen immer mehr ihren Adoptiveltern folgen. Bei Maxim und Richard lässt sich das genauso beobachten: Nicht nur Haarschnitt und Kleidungsstil, sondern Gesichtsausdruck, Verhaltensmuster, gewissen Redewendungen, etc.

In der Wissenschaft streitet man sich, wie viel tatsächlich Kinder geprägt sind durch das genetische Erbgut oder durch das familiäre und soziale Umfeld, in dem sie aufwachsen. Eine Adoptionsberaterin sagte zu mir einmal: „Als Adoptiveltern muss man ohnehin den Glauben haben, dass 95 Prozent der Entwicklung eines Kindes von seiner sozialen Prägung beeinflusst werden. Sonst darf man nicht adoptieren.“ Ich empfand die Äußerung als drastisch und rigoros. Dennoch in gewisser Weise folge ich ihr. Weniger aus der Überzeugung heraus, dass ich die genetische Prägung meiner Kinder verändern kann, als viel mehr aufgrund des Unwissen über die genetische Herkunft meiner Kinder. Wir wissen zwar einiges über die soziale Herkunft und die Lebensumstände von Maxim und Nadeschda, bevor sie zu uns kamen, aber kaum etwas über die familiären Gene und Wurzeln, die sie in sich tragen. Oft halte ich es auch für müssig, darüber nachzudenken. Überlegungen, wie sie „unsere bunte Oma“ manchmal bei ihrer Enkelin, die aus einer Samenspende entstanden ist, anstellt: „Oh, ihr Spendenvater galt als hochgewachsen, sehr intelligent und sportlich. Das sieht man bei ihr jetzt schon.“ sind mir fremd. Ob die genetische Abstammung meiner Kinder einmal ihre Zukunft bestimmen wird, halte ich für Spekulation. Ob Maxim und Nadeschda später aufgrund ihrer genetischen Prägung einen anderen Lebensweg und eine andere Karriere gehen werden, als Richard und ich ihnen vorleben, wird man schwer nachweisen können. Uns ist nur wichtig, dass sie glücklich sein werden, in der Lage sind, allein auf eigene Beinen zu stehen und für sich selbst sorgen können werden, egal, ob als Bäcker, Schreiner, Schauspieler oder Top-Manager.

In nur einem Punkt wünschte ich, mehr über die erbliche Prägung meiner Kinder zu wissen: Irgendwann werden Maxim und Nadeschda in ihrer Identitätsbildung nach ihrer Herkunft fragen. Sie werden sich nicht damit zufrieden geben, dass sie bestimmte äußerliche Merkmale von ihren russischen Eltern sicherlich geerbt haben. Sie werden wissen wollen, welche Charaktereigenschaften sie vielleicht von ihnen mitbekommen haben, welche Talente und Begabungen. Um so mehr über ihre russische Mutter und ihren russischen Vater zu erfahren, um so für sich die Frage zu beantworten: „ Was waren meine russischen Eltern, die mir das Leben geschenkt haben, für Menschen?“ Hier können wir nur Mutmaßen und werden unsere Kinder lehren müssen, mit einem teilweise unbekannten Erbe zu leben.

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Wenn die Unterstützung von Adoptivfamilien ausbleibt

Als Maxim und Nadeschda zu uns kamen, folgte bald nach der Euphorie ein Stück weit die Ernüchterung. Mein Sohn tobte, steigerte sich in hysterische Wutanfälle, die wir nur schwer aushalten konnten. Nadeschda hatte gesundheitliche Schwierigkeiten. Oft genug fühlte ich mich als Mutter restlos überfordert, allein gelassen und verzweifelt. Auch wenn ich niemals an der Richtigkeit unserer Entscheidung zur Adoption zweifelte, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. – So geht es vielen Adoptivmüttern, wie jüngst auch bei Lakatz von 1 1/2 Familie zu lesen war. Wie gut kann ich ihr Gefühl nachempfinden, wenn sie schreibt, wie es ihr während und nach der Adoption wirklich ging, wenig „Weichgespült“ und noch weniger rosarot. – Wir hatten großes Glück und eine Betreuerin beim Jugendamt, die sehr engagiert war und mit der ich auch in den Phasen, in denen es mir schlecht ging, sprechen konnte. Sie half und hatte immer gute und konstruktive Hilfestellungen. Doch darüber hinaus war ein Fortbildungs- und Unterstützungsangebot wenig vorhanden, oder nur unzureichend für mich. So begann ich mich selbst aus Eigeninitiative heraus mit anderen Adoptivfamilien zu vernetzen und meine eigenen Seminare zu organisieren. „Wenn nicht die Themen im Angebot sind, dann organisiere ich es mir eben selbst im Rahmen eines Workshops.“ dachte ich. Das läuft bis heute sehr gut, auch wenn es mein eigenes Engagement erfordert. – Gut, fairerweise muss ich gestehen, dass ich mich in all den Jahren in vielen Adoptionsthemen inhaltlich so tief eingearbeitet habe, dass, auch wenn es vorhanden wäre, ein Standardseminarprogramm rund um Adoptionsthemen mich persönlich wenig weiterbringt. Aber das löst dennoch nicht das Problem.

Lange Fragebögen, intensive Gespräche mit Hausbesuchen, Pflichtseminare – das alles gehört zur Bewerbung und Überprüfung einer zukünftigen Adoptivfamilie durch die Jugendämter. Ist das Adoptivkind dann in der Familie aufgenommen, bleibt solange noch ein Kontakt zum Jugendamt bestehen, bis die Formalitäten abgeschlossen sind. Das heisst bei Inlandsadoptionen, bis die Adoption rechtskräftig ist, oder wie in unserem Falle, bis die Entwicklungsberichte für die russischen Behörden fertig gestellt sind. Danach wird die Adoptivfamilie in die seelsorgerische Diaspora entlassen. Meistens. Leider. Begleitende Unterstützung ist in den Folgejahren wenig vorhanden, manchmal gar nicht, manchmal mag es ein Seminarangebot geben. Auf Adoptivkinder spezialisierte Therapeuten gibt es wenige, Foren, in denen sich Adoptivfamilien begegnen und vernetzen können sind rar gesät. Sicherlich gibt es hier regionale Unterschiede. Doch meistens bleiben Adoptivfamilien sich selbst überlassen. Vor allem dann, wenn die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Adoptivfamilien mit ihren Kindern vor ernst zu nehmende Herausforderungen gestellt werden. Die Probleme, selbst die klassischen, die bei Adoptivkindern auftreten können und die wir alle aus der Fachliteratur kennen, zeigen sich nicht in den ersten zwei Jahren nach der Adoption. Nein, sie drängen sich erst Jahre danach – wenn viele Familien sich schon in der Sicherheit wiegen, das alles gut ist, an die Oberfläche. Dann wenn die Kinder in die Schule gehen, dann wenn die Pubertät ihre Schatten vorausschickt. Genau dann ist keiner da, der einfühlsam unterstützen kann und fachspezifisch Lösungen zu auftretenden Problemen aufzeigen kann. Wenn das Adoptivkind schreit, tobt, schlägt, beißt, ist die Familie gezwungen, alleine das Problem zu lösen. Wenn das Adoptivkind in der Schule abrutscht oder ausgegrenzt wird, weil es mit dem Leistungsdruck nicht umgehen kann, dann ist die Familien auf sich gestellt, eine geeignete Schule zu finden, in der das Adoptivkind besser aufgehoben ist. Treten gesundheitliche Herausforderungen oder späte Entwicklungsdefizite auf, müssen auch diese die Adoptiveltern alleine in den Griff bekommen.

Die Jugendämter, in deren Zuständigkeit die Begleitung von Adoptivfamilien fällt, können das nicht leisten. Die Personaldecke ist zu dünn. Oft sind sie schon mit der Betreuung und Begleitung von Pflegefamilien überfordert und überbelastet. Ebenso bieten wenige freie Adoptionsvermittlungsstellen eine entsprechende langfristige Begleitung nach der Adoption an. Da mag es die ein oder andere geben, die spezielle Seminare zur Nachsorge und zur Wurzelsuche anbieten. Das ist besser als nichts, aber zu wenig. Noch immer gibt es zu wenige freie Beratungsstellen, Bildungseinrichtungen oder Therapeutennetzwerke, die sich der fürsorglichen langfristigen Begleitung von Adoptivfamilien annehmen. Meist fehlt auch die entsprechende Erfahrung und spezifische Kompetenz. All zu oft wird in Frühförderstellen oder Sozialpädiatrischen Zentren dann mit Standardrezepten hantiert, die aber nie bei einem Adoptivkind helfen werden. Es gibt eben doch weniger Adoptivkinder mit entwicklungsspezifischen und seelisch emotionalen Herausforderungen als andere Kinder. Ja, auch hier mag es eine Frage der Fallzahlen sein.

So bleibt Adoptivfamilien kaum etwas anderes übrig, als tatsächlich Eigeninitiative zu ergreifen und sich selbst zum besten Spezialisten für das eigene Kind zu entwickeln. Nur so besteht eine Chance, wenn Schwierigkeiten auftauchen, die bestmögliche Hilfe und Unterstützung für sein Kind zu finden. Genauso bedarf es viel eigenes Engagement der Adoptiveltern, sich selbst fortzubilden und sich die passenden Seminare zu suchen, auch wenn dies heißt, weite Reisen durch die Republik zu unternehmen, um einen Spezialisten aus der „Adoptionsszene“ zu hören. Und schließlich ist es auch den Adoptiveltern überlassen, sich unter einander zu vernetzen und im regelmäßigen Austausch Hilfe bei kritischen Fragestellungen zu finden. Nur so können sie verhindern, ganz alleine auf weiter Flur mit ihrem hilfebedürftigen Adoptivkind zu stehen.