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Zum Gebrauch von elektronischen Medien bei Adoptivkindern (reloaded)

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Maxim hatte gerade in der Schule eine Epoche zu „Menschenkunde und Medienkompetenz“. Das war eine spannende Erfahrung für uns alle in der Familie. Nachdem ich auf der einen Seite zunächst überrascht und schockiert war, wie und wie viele elektronische Medien in den Häusern seiner Klassenkameraden genutzt werden, freute es mich auf der anderen Seite umso mehr, als ich im Epochenheft meines Sohnes folgenden Text unter der Überschrift „Medien bei uns Zuhause“ lesen durfte:

„Wir haben einen Fernseher Zuhause. Da dürfen wir manchmal Peter Pan oder andere Filme schauen, aber nur wenn am nächsten Tag keine Schule ist. Meine Mutter hat einen Computer. Auf dem arbeitet sie und schreibt, oder sie schaut manchmal Sachen für uns Kinder nach. Mein Papa muss manchmal auf einem Laptop Zuhause arbeiten. Ich lese Bücher. Und mehr brauche ich auch nicht. Vielleicht hätte ich gerne ein Handy, um mit meinen Freunden zu telefonieren. Aber mehr nicht. Was eine Wii oder NInetendo sind, weiß ich gar nicht. (…)“ 

Eingedenk unserer Erfahrungen mit Blick auf die Gedächtnisleistung von Maxim und der Auseinandersetzung mit den Ratschlägen von Bettina Bonus zum Medienkonsum von Adoptivkindern pflegen wir tatsächlich Zuhause nach wie vor einen sehr restriktiven Umgang mit jeglicher Art von elektronischen Medien. Und ich selbst habe in der Begleitung dieser Epoche in der Schule auch erst einmal lernen müssen, was es da alles gibt. Technologisch gesehen hatte ich wirklich zeitweise das Gefühl Zuhause in der Steinzeit zu leben, auch wenn die wenigen Medien, die wir haben, tatsächlich immer State of the Art sind. Ich war mir der Vielfalt der Medien, mit denen Kinder theoretisch versorgt und konfrontiert sein können, überhaupt nicht bewusst. Geschweige denn war ich mir der Tatsache bewusst, dass auch an einer Waldorfschule in vielen Elternhäusern der kontinuierliche Gebrauch von elektronischen Medien bei den Kindern immer mehr zunimmt. Das ins Bewusstsein zu rufen und auch unter den Kindern in der Klasse zu diskutieren, war wohl auch eines der Ansinnen der Klassenlehrerin.

Allerdings ist bei unserem Sohn, der nun zu der Gruppe an Kindern gehört, die alleine für sich schon einmal gar keine elektronischen Medien haben, noch nicht einmal einen CD-Spieler, das Pendel in die andere Richtung ausgeschlagen. Denn anstatt zu realisieren, dass er sich in einer recht großen Gruppe von Kindern befindet, die keine Wii und keinen Gameboy haben, hat die Auseinandersetzung mit dem Thema bei ihm dazu geführt, dass nun erstmal neue Begehrlichkeiten geweckt wurden. Vielleicht lag es auch einfach schlicht an der Tatsache, dass wir mit der Advents- und Vorweihnachtszeit uns ohnehin in einer Zeit des Wünschens befinden…Nun denn, es brauchte ein paar Diskussionen hier Zuhause, um ihm klar zu machen, dass wir bei unserer Linie bleiben und es weder ein Smartphone noch elektronisches Spielzeug zu Weihnachten gibt. Aber um so beruhigter war ich, als er danach in sein Zimmer ging und dann doch wieder seine Feuerwehrstation aufbaute, und einmal wieder seine beliebten Rettungsspiele spielte.

Ich bin gespannt, wie lange wir das noch so durchhalten können. Denn natürlich kann ich Maxim nicht vollständig von elektronischen Medien abschotten. Dessen bin ich mir bewusst. Wenn seine Freunde die Dinge Zuhause haben und er sich mit diesen zum Spielen verabredet, werde ich nicht verhindern können, dass er dann einen ganzen Nachmittag unter Umständen entweder vor einer Flimmerkiste hockt, oder am Tablet irgendwelche Spiele spielt. Und ich kann auch nicht den anderen Eltern verbieten, meinen Sohn elektronischen Medien in ihrem Hause auszusetzen. Es bleibt ein Drahtseilakt. Aber Maxim’s Text gab mir die Bestätigung, so weiter mit elektronischen Medien hier Zuhause umzugehen, wie wir es bisher getan haben.

 

 

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Von der Wut einer Adoptivmutter – über Helikoptereltern und „Rabeneltern“…

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Photo by Gabriel Matula on unsplash.com

Manchmal bin ich wütend, einfach nur wütend. Immer noch sind wir auf der Suche nach den Ursachen von Maxim’s Kopfschmerzen. Auch ein neuerlicher Termin beim Neurologen hat keine neuen Erkenntnisse gebracht. Und immer mehr läuft es darauf hinaus, dass die Kopfschmerzen durch Stress und innere Anspannung verursacht werden, so wie ich es ja schon vor ein paar Wochen vermutet hatte.

Vor ein paar Tagen war ich in Maxim’s Klasse, um mit der Klassenlehrerin eine Theateraufführung mit den Kindern vorzubereiten. Ich war entsetzt über die Lautstärke, die da herrschte. Langsam wunderte es mich nicht mehr, dass mein Sohn sich kaum im Unterricht konzentrieren kann, neuer Stoff für ihn eine immer größer werdende Herausforderung ist. Wie anstrengend muss es sein, sich in diesem lauten Chaos auch nur irgendwie ein wenig zu konzentrieren? Auch beim Mittagessen und in der Hausaufgabenbetreuung entwickelt sich die Lautstärke mittlerweile zu einem offensichtlichen Thema. Mit strengem und konsequentem Durchgreifen gelingt es uns Betreuerin langsam mehr Ruhe zu schaffen. Aber Spaß macht es nicht. Die Klassenlehrerin weiß um das Problem, ist aber langsam auch mit ihren Lösungsideen am Ende. In der Klasse sind nahezu ein Drittel verhaltensorigineller Kinder, die vor allem durch Lautstärke und respektloses Verhalten auffallen. Diese Kinder bräuchten Hilfe. Hilfe im Elternhaus und vielleicht auch externe Unterstützung, denn ihr auffälliges Verhalten ist doch nur ein lauter Schrei nach Hilfe und Aufmerksamkeit. Doch die Eltern dieser Kinder machen nichts. Im Gegenteil, selbst wenn die Klassenlehrerin schon Therapeutentermine vereinbart, dann ist es mittlerweile nicht nur einmal passiert, dass die Eltern diese Termine mit ihren Kindern nicht wahrgenommen haben.

Da stehen mir die Haare zu Berge! Nicht nur, weil es mir um diese Kinder leid tut, sondern vor allem, weil mein eigener Sohn leidet. Physisch leidet und psychisch leidet. Denn die Kopfschmerzen sind das eine, seine Frustration, dass er im Unterricht nichts mitbekommt und dann auch noch Zuhause mehr lernen und üben muss, ist das andere. Gepaart mit dem Gefühl dumm zu sein und nicht zu können. Hinzukommen die Sorgen und das Rennen von einen Spezialisten zum anderen, von Therapeuten zu Therapeuten. Und am Ende sind es im Grunde die Eltern der anderen leidenden Kinder, die die Ursache allen Übels sind, weil sie sich einfach nicht kümmern, weil es in ihren Augen die Verantwortung der Schule ist, weil es okay ist, einem Kind keine Grenzen aufzuzeigen, weil es viel bequemer ist, alles einfach laufen zu lassen. Oh ja, Zuhause findet dann nur noch „Wohlfühlzeit“ statt, bloss keine Konflikte und Probleme angehen…

Und um meiner Wut nun endgültig Luft zu machen, über diese Eltern ist nichts in Presse und Literatur zu lesen. Stattdessen erobern Bücher über „Helikoptereltern“, wie gerade das aktuelle von Lena Greiner und Carola Padtberg „Ich muss mit auf Klassenfahrt – meine Tochter kann sonst nicht schlafen!“, die Bestsellerlisten, in denen überfürsorgliche Eltern, ja zugegeben durchaus unterhaltsam, auf die Schippe genommen und vorgeführt werden. Das mag ja sein, dass das Phänomen der Helikoptereltern durchaus problematisch ist und eine ganze Generation von hilflosen und überbehüteten Kindern herangezogen wird, die später im Leben vielleicht nur schwer alleine zurecht kommen. – Was ich persönlich allerdings nicht glaube. – Doch über die andere Seite der Medaille, nämlich über die Eltern, die sich zu wenig oder unzureichend um ihre Kinder kümmern, wird viel zu wenig in der Öffentlichkeit geschrieben und gesprochen. – Was ist eigentlich das Gegenteil von Helikoptereltern? Sind es die „Rabeneltern“? – Ist ja auch klar, das wäre längst nicht so unterhaltsam und belustigend zu lesen, wie ein WhatsApp-Chat einer Elterngruppe, wenn die Kinder auf Klassenfahrt sind. Nein, im Gegenteil, es wäre eher traurig und ernüchternd.

Ich stehe dazu: ich bin eine überfürsorgliche Mutter. Nach wie vor bin ich eine Helikoptermutter aus Überzeugung. Daran hat sich in all den Jahren nicht geändert. Und die Situation in Maxim’s Klasse bestätigt mich, dass dies im Falle meiner Kinder richtig ist. Denn nur so kann ich ihnen vielleicht helfen, mit den anderen herausfordernden Kindern umzugehen, sie stark zu machen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Wenn nicht alleine, dann eben mit mir an ihrer Seite.

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Vom Umgang mit Lehrern…

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Photo by Animesh Basnet on unsplash.com

Wie oft passiert es, dass es einen Anruf der Schule gibt, oder eine unerwartete Mail des Lehrers kommt, dass sie netto gesagt unsere traumatisierten Adoptivkinder gerade nicht mehr handhaben können. Jetzt mal unterm Strich, meine Kinder sind so gut umsorgt -und therapiert möchte ich fast sagen – , dass sie nicht unangenehm auffallen. Im Gegenteil. Sie beschweren sich und es ist ihnen zutiefst zu wider, wenn sie regelunkonformes Verhalten wahrnehmen und erleben oder gar Opfer dessen sind. Das hat aber vielleicht auch etwas damit zu tun, dass meine Kinder extrem behütet, wenn nicht sogar überbehütet sind. Und ich einen sehr, wirklich SEHR engen Kontakt zur Schule halte.

Mike Berry von Confessionsofanadoptiveparent hat wieder einen wunderbaren Post veröffentlicht, wie man als Adoptiveltern gut mit der Schule zusammenarbeiten kann, um so bestmöglich für sein Adoptivkind einzustehen. Ich war beruhigt, den Post zu lesen, denn er hat mich in allem bestätigt, was ich tue. Gerade in den vergangenen Wochen kam das zum Tragen. Und es zahlte sich aus, dass ich einfach nun jeden Tag an der Schule bin und insofern auch ein intensives Networking betreiben kann. Ich bin mir dabei auch der Tatsache bewusst, dass dies eine absolute Ausnahmesituation ist, denn ich lebe nun in der Zwitterrolle auf der einen Seite Mutter an der Schule meiner Kinder zu sein – und dann auch noch nicht ohne Einfluss, denn noch sitze ich im Aufsichtsrat – und auf der anderen Seite Kollegin zu sein. Da kann ich schnell ganz viel zwischen Tür und Angel oder auf dem Pausenhof besprechen, oder einfach auch Beziehungspflege für ein gutes Miteinander betreiben.

Nadeschda war aus unterschiedlichen Gründen – Nein, nicht aus verschiedenen, sondern der eine Grund ist uns klar: Sie ist frühtraumatisiert und deshalb rauscht vieles vom Unterricht an ihr vorbei. – von ihrer Klassenlehrerin für den Förderunterricht vorgeschlagen.  Das erwischte uns etwas kalt vor den Ferien, aber wir fuhren die Hinhaltetaktik mit ganz viel Beziehungsarbeit bei der Klassenlehrerin. Das funktionierte auch wunderbar, denn sie ließ sich darauf ein, erst noch einmal bis nach den Ferien abzuwarten. Nun habe ich, durch Zufall, mit der Förderlehrerin sprechen können, die mir sagte, dass meine häusliche Förderung doch viel besser und wirkungsvoller sei. Ein paar Tage später traf ich – weil ich ja nun immer jeden Tag an der Schule bin, die Heileurythmistin, die schon Großartiges bei Nadeschda bewirkt hatte, und machte mit ihr aus, dass sie ein paar Einheiten für Nadeschda im Herbst wieder vorsehen würde. Das alles schrieb ich auch der Klassenlehrerin. Richard befürchtete schon, dass sie nun „bocken“ würde. Und da nahm ich doch heute die Chance war, als sie so entspannt auf dem Schulhof saß, und betrieb einfach etwas Beziehungspflege: Lobte ihr Theaterstück mit den Kindern, ihr großartiges Malen mit den Kindern, etc. Und überhaupt, dass sie das alles ganz wunderbar macht.  Im Verlauf des Gesprächs ging sie von sich aus auf meine Mails ein, sagte, dass sie dankbar dafür wäre, und sie würde das dann mit der Heileurythmie organisieren, und es wäre ja so schön, dass ich ohnehin schon mit der Förderlehrerin in Kontakt bin.

Nein, sie ist nicht bockig und es wird auch nicht zu Nadeschdas Nachteil sein, dass wir uns um die Dinge kümmern, die eigentlich die Aufgabe der Klassenlehrerin wären. Im Gegenteil, diese Lehrerin ist einfach froh, dass sie uns hat, und dass wir uns so engagieren, wie wir das tun.

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#bestofElternblogs im Januar

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Photo by Annie Spratt on unsplash.com

Anja von der Kellerbande ruft regelmäßig zum 1. des Monats zu den besten Beiträgen der Elternblogs auf. Und wie immer mache ich gerne mit. Besonders jetzt zum neuen Jahr, das hoffentlich für Euch so wunderbar gestartet ist wie bei uns.

Mein meist gelesener Beitrag im Dezember war „Von Vorurteilen – Wenn ein gut gemeintes Lob doch eine Ohrfeige ist“, in dem ich davon erzähle, wenn ein vermeintlich gut gemeintes Lob doch zu einer Ohrfeige wird, wenn subtil mitschwingt, dass man meinen Kinder wegen ihrer Herkunft ein gutes Benehmen nicht zutraut.

Spannend war auch, Anja’s Aufruf zu folgen und zu sehen, welche mein erfolgreichster bzw. am meisten aufgerufener Beitrag im vergangenen Jahr war. Es hat mich auf der einen Seite ein wenig überrascht, aber dann auch wieder nicht, denn wahrscheinlich ist unter Adoptivfamilien, das einfach eines der bewegendsten Themen. Am meisten aufgerufen wurde „Vom Umgang mit der „Anstrengungsverweigerung““, ein erster Beitrag in einer Reihe von einigen im vergangenen Jahr, in dem ich mich mit der „Anstrengungsverweigerung“ bei meinen Kindern auseinandersetze und erzähle, wie wir damit langsam einen Umgang gefunden haben. Immer noch gibt es viele Höhen und Tiefen, und es ist ein Thema, in dem es zwei Schritte vor und mindestens einen immer wieder zurückgeht. Auch in diesem neuen Jahr werde ich das Thema weiter bearbeiten, denn es ist inzwischen zu einer guten alten Freundin geworden…

Wie immer, danke ich Euch allen für’s Lesen, Liken und Kommentieren. Habt einen gelungenen Start in das Neue Jahr!

P.S. Mehr zum Thema „Anstrengungsverweigerung“ findest Du unter anderem in diesen Beiträgen:

Von der Anstrengungsverweigerung (2)- Oder wie mein Sohn sich „schlecht verkaufte“

Vom Umgang mit der Anstrengungsverweigerung (3) – Zu den Ursachen

Vom Umgang mit der Anstrengungsverweigerung (4) – Zum Gebrauch von elektronische Medien

 

 

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Von Vorurteilen – Wenn ein gut gemeintes Lob doch eine Ohrfeige ist

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Photo by Annie Spratt on unsplash.com

Die Welt ist klein, auch wenn man in einem Ballungsgebiet wie wir leben. Denn neulich erzählte mir unsere Kinderfrau, die in der nächst größeren Stadt lebt, dass sie in ihrem Sportstudio eine Nachbarin von uns getroffen habe. Dies sprach sie wohl an: „Sie sind doch jetzt bei der Familie, die die zwei Kinder aus Russland adoptiert hat? (…) Ach, die sind ja so wohlerzogen.“

Das mag ja schön sein, dass an unserem Wohnort die Leute den Eindruck haben, dass meine Kinder wohlerzogen sind. Und so war es wohl auch als ein Kompliment gemeint. Doch kam es bei mir wie eine Ohrfeige an. Denn für mich schwang mit: „Das hätte ich jetzt nicht gedacht, dass russische Adoptivkinder sich so gut benehmen können.“ Da waren sie wieder die Vorurteile. Lange hatten sie uns nicht beschäftigt. In den vergangenen Jahren hatten wir ohnehin recht wenig Kontakt an unserem Wohnort, seitdem Maxim und Nadeschda in einen anderen Kindergarten und Schule gegangen waren. Doch offensichtlich ist der Stempel der „Russenkinder“ geblieben.

Als mein Ärger verrauchte, dachte ich an einen Ausspruch von Bettina Bonus auf einem ihrer Vorträge, der ungefähr sinngemäß so lautete: „Achten Sie auf das Äußerliche Ihrer Kinder. Denn so ecken sie weniger an und fallen weniger auf. Ziehen Sie ihrem Sohn ruhig die Kordhose, das weiße Hemd und den Pullunder an. Dann hat man gleich ein positives Bild von ihm.“ Wie recht sie behalten sollte! Ja, nach all den Jahren ist es auch mir in Fleisch und Blut übergegangen, bei meinen Kindern immer auf ein möglichst gepflegtes Aussehen zu achten. Zu meinem großen Glück ziehen sie auch immer noch das an, was ich ihnen hinlege. Und genauso sind sie in der Öffentlichkeit sehr höfliche und freundliche Kinder. Das habe ich ihnen zwar nicht anerzogen, doch folgen sie hier wahrscheinlich einfach dem Beispiel von uns Eltern. Dennoch gebe ich zu, dass es natürlich beruhigend ist, dass Maxim und Nadeschda eben nicht unangenehm in der Öffentlichkeit auffallen, sondern eben ganz im Gegenteil. Der Ausspruch der Dame im Sportstudio bestätigt das. Wie würde man da draußen wohl über meine Kinder sprechen, wenn sie sich nicht so „wohlerzogen“ verhielten?

Eigentlich mag ich es mir gar nicht ausmalen. Denn dann kehrt nur meine eigene innere Wut zurück. Warum dürfen Maxim und Nadeschda nicht einfach da draußen ganz normale Kinder sein? Ist ja schön, dass sie als wohlerzogen gelten. Die „Ohrfeige“ tat dennoch weh. Doch schlucke ich lieber meinen Ärger runter, freue mich über meine wunderbaren Kinder und fahre in die Stadt, um Maxim einen neue Kordhose zu kaufen.

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Herkunft (4) reloaded: Über den Umgang mit der Herkunft – Warum Verschweigen keine gute Lösung ist….

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Wenn sich die Gelegenheit ergibt, dann kommen doch die ersten Reaktionen auf Maxim’s Erzählen seiner Herkunft in der Schule in kleinen Wellen zu uns zurück. Behutsam und einfühlsam. Und manchmal auch mit überraschenden Wendungen.

So hatten wir vor ein paar Tagen Besuch von Maxim’s Klassenkameraden und dessen Mutter. Nach dem ersten Kaffee sprach sie mich zaghaft auf unsere „Familiengeschichte“, wie sie es nannte an: „Sag mal, der Maxim hat ja dem Johannes schon vor ein paar Wochen in der Schule von Eurer Familiengeschichte erzählt.“ Ich schwieg und wartete ab. „Ja, und dass er zwei Mütter hat, eine in Russland und Dich hier. – Das hat mich doch sehr berührt.“ Ich nickte wohlwollend und erzähle ihr kurz unsere Geschichte. Weniger die von Maxim und Nadeschda mit ihren Erfahrungen im Kinderheim, sondern vielmehr, dass beide in Russland geboren sind, und wir sie dort vor mehr als sechs Jahren adoptiert haben. „Und weißt Du, wir haben mit dem Schuleintritt beschlossen, dass unsere Kinder entscheiden sollen, wem und wann sie von ihrer Adoption erzählen. Denn es ist ihre Geschichte. Und mich freut es, dass Maxim nun so weit ist.“ „Seit ihr denn hier Zuhause immer offen mit der Adoption umgegangen?“ fragt die Mutter. „Ja, von Beginn an wussten unsere Kinder, dass wir sie adoptiert haben und dass sie ebenso noch eine Mutter in Russland haben.Daraus haben wir nie ein Geheimnis gemacht.“ „Das finde ich ganz großartig und mutig.“ fährt die andere Mutter fort. „Weißt Du, mich hat das sehr berührt. – Denn… ich habe erst mit 23 erfahren, dass ich von meinem Vater adoptiert wurde und dass mein leiblicher Vater in der Türkei lebt.“ Bumm, das saß! Plötzlich kommt das Thema „Adoption“ in unserem sozialen Umfeld doch auch an anderen Stellen vor, als wir es je vermutet hätten. Und dann auch noch so…. Ich war tief berührt von der Offenheit von Johannes’ Mutter. Im Nachhinein hatte ich fast das Gefühl, sie war so dankbar, dass sie sich mir mitteilen konnte und in mir ein Gegenüber fand, die sie verstand und ihre Situation nachvollziehen konnte.

In der Folge fragte sie viel nach, wie wir mit der Herkunft unserer Kinder umgehen würden, neben dem Erzählen und offen Gesprächsbereitschaft immer wieder zu signalisieren. Denn nicht immer wollen Maxim und Nadeschda über ihre Herkunft und ihre Zeit in Russland sprechen. Vor allem Nadeschda schiebt das Thema immer wieder gerne ganz weit von sich. Doch beide Kinder wissen, dass sie mit allen Fragen immer zu uns kommen können. Immer und zu jeder Zeit, auch wenn mich zuweilen die Gelegenheiten  , die sie aussuchen, doch immer wieder überraschen. Ja, und natürlich würden wir auch irgendwann nach Russland reisen, um die Mutter zu suchen, wenn Maxim und Nadeschda das denn wollten.

Johannes’ Mutter zeigte mir mit ihrer Geschichte – auch wenn die Hintergründe und Umstände bei ihr ganz andere gewesen waren – , wie wichtig es war, gegenüber seinen Adoptivkindern offen mit ihrer Herkunft umzugehen. Nichts unter den Tisch zu kehren, zu verheimlichen oder zu verleugnen. „Selbst als ich mit meinem ersten Kind schwanger war und ich meine Mutter nach der Familienanamnese fragte, verschwieg sie meinen leiblichen Vater. Erst ein paar Jahre später brach sie ihr Schweigen.“ Johannes’ Mutter suchte ihren Vater und fand ihn auch, doch es blieb bei einer einzigen Begegnung. Vielleicht weil sie so enttäuschend verlief, wie Sherrie Eldridge es von den Treffen mit ihrer leiblichen Mutter schildert.  „Weißt Du, bis heute kann ich es nicht mehr ertragen, wenn etwa unter den Tisch gekehrt wird. Ich muss immer alles ansprechen. Ich will immer die Wahrheit wissen. Das ist fast manisch, aber ich kann nicht anders. Auch wenn ich mir damit manchmal das Leben schwer mache.“ Ebenso bestätigte sie mich, als sie erzählte: „Und weißt Du, man spürt das. Als ich in der Pubertät war, da kam dieser ganze Mist mit ‚Ihr seid nicht meine richtigen Eltern!‘, ‚Ich bin vertauscht worden.‘, ‚Irgendetwas stimmt hier nicht.‘ und ich hatte Recht. Es war so. Denn mein leiblicher Vater war ein ganz anderer.“

Für mich war das ein spannender Nachmittag. Denn neben der Bestätigung dessen, dass wir im Umgang mit den Wurzeln unserer Kinder einen vielleicht heilsamen Weg eingeschlagen haben, war es mehr als interessant unverhofft die Erfahrungen einer erwachsenen Adoptierten teilen zu dürfen. Ohne dass ich sie gesucht hatte. Es war einfach an einem Nachmittag unter Schulmüttern passiert.

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Die „Waldorf-Welt“ ist auch keine heile…

…nein, ganz im Gegenteil. Das ist mir spätestens mit der karmischen Erfahrung zwischen Leander und Maxim klar geworden. Drei Jahre haben wir mehr oder weniger in der idyllischen Waldorf-Welt gelebt. In der Welt einer Waldorfschule und einem Waldorfkindergarten, in dem so vieles aus der „bösen“ Welt da draußen einfach nicht stattfand. Wir fanden uns wohlgehütet in einer Umgebung, in der es keinen Markenwahn gibt, in der alle Kinder wohl erzogen sind, in der die meisten Eltern so fürsorglich sich um ihre Kinder kümmern, wie wir das tun. Medienkonsum ist verpönt, Märchen und andere Geschichten vorlesen steht im Vordergrund, genauso wie viel draußen in der freien Natur spielen, wenige mit elektronischem  Spielzeug überladenen Kinderzimmer, viel Malen, Basteln und Handarbeiten. Diskussionen um Süßigkeiten in der Brotbox gibt es nicht, Schlägereien unter den Jungs werden stark geahndet. Die Elternhäuser sind irgendwie  – wenn auch an unserer Schule sozial und monitär sehr verschieden – doch alle gleich vom Bildungsniveau. (Das kann man auch in Studien nachlesen, Waldorfschulen rekrutieren ihre Schüler aus dem klassischen Bildungsbürgertum.) Ja, wir fühlten uns so ein wenig unter uns. Ein bisschen naiv glaubte ich an eine heile Welt, in der meine Kinder ihre Zeit verbrachten und gebildet wurden, wenn sie nicht Zuhause waren. Eine heile Welt, die der Werte- und Vorstellungswelt entsprach wie wir sie hier Zuhause unseren Kindern gaben.

Doch langsam hebt sich der Schleier der Blauäugigkeit. Warum auch sollten äußere Einflüsse und Veränderungen vor einer Waldorfschule halt machen? Schon immer gab es an jeder Schule verhaltensauffällige Kinder. Doch ihre Zahl nimmt gefühlt zu. (De facto von dem was ich an Quellen gefunden habe, waren es vor zehn Jahren genauso wie heute rund 15 % aller Kinder.) „Leander“ ist kein Einzelfall, nicht an unserer Schule und auch an anderen Schulen nicht. Vielleicht ist es eher so, dass diese Kinder in der Waldorfpädagogik lange gut aufgefangen werden konnten. Doch im Zuge von gesellschaftlichen Entwicklungen und einer stärkeren Problemorientierung bzw. auch einer anderen Qualität der Probleme, steht nun die Auseinandersetzung mit Verhaltensauffälligkeiten wie Aggression, fehlende sozialen Kompetenzen, Konzentrationsschwächen, Leserechtschreibschwächen, und vielen mehr auch an einer Waldorfschule an der Tagesordnung. Und vielleicht nimmt dann doch auch die Zahl der verhaltensauffälligen Kindern an einer Waldorfschule zu. Zumal der äußere Einfluss einfach auch stärker wird. Das Nutzen von elektronischen Medien macht das so schön deutlich. Früher hatte kein Kind ein Tablet Zuhause oder einen iPod oder ein Nintendo, geschweige denn durfte es Computerspiele geben. Da waren das Fernsehen und maximal der Videorekorder der „Feind“, der die heile Waldorf-Welt bedrohte, Märchen entmystifizierte, Kinder am aktiven Spielen hinderte und vieles mehr. Doch das ist heute anders. Selbst wenn all diese Medien an der Schule verboten sind, so kann eine Waldorfschule nicht verhindern, dass die Kinder nach dem Unterricht Zuhause sich hemmungslos dem Einfluss elektronischer Medien und Spielzeuge aussetzen.

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Sicherlich sind Missstände an unsere Schule lange nicht so eklatant wie vielleicht an vielen staatlichen Schulen. Ein bisschen ist noch da von der „heilen“ Welt. Doch langsam macht sich bei mir die Erkenntnis breit, dass ich meine Kinder auch an einer Waldorfschule nicht vor bestimmten Einflüssen und Herausforderungen schützen kann. Diese sind einfach da und ich kann die Augen nicht davor verschließen. Wieder bin ich als Mutter, sind wir als Eltern gefragt, unsere Kinder zuhause für diese Herausforderungen zu stärken. Wenn Maxim im Moment im Hauptunterricht zwar physisch anwesend ist, aber vom Inhalt nichts mitbekommt, übe ich Zuhause mit ihm. Lesen, Schreiben, Rechnen. Jeden Tag. Nur so ist und bleibt er auf dem Lernniveau eines bald Drittklässlers. Wenn Maxim’s Freundschaften in der Schule wanken, stärken wir Freundschaften außerhalb der Schule. Ein paar hat er sich noch aus seiner Kindergartenzeit hier bei uns im Dorf bewahrt. Das tut ihm gut. Um sich gegen Übergriffe von Klassenkameraden wie Leander zu wehren, lassen wir ihn nun ein Selbstbehauptungstraining machen und er probiert im Moment Judo aus. In der Schule zeigen Richard und ich wieder erhöhte Präsenz in Gesprächen mit der Klassenlehrerin, bei Elternabenden und in unterschiedlichen Gremien. Wir Helikoptereltern sind wieder allgegenwärtig. Und über allem zeigt sich wieder, wie wichtig es ist, dass ich einfach immer da bin, Richard und ich ihm ein stabiles und sicheres Zuhause geben, ihn halten und aushalten. So wie vor ein paar Tagen: Wir hatten einen harten Übnachmittag – irgendetwas war wieder in der Schule vorgefallen, vermutete ich – mit viel Wut und Tränen. Als ich am späten Nachmittag in die Akademie fahren wollte, fing Maxim bitterlich an zu weinen. Ich sollte Zuhause bleiben und nicht wegfahren. Das tat ich dann auch. Ich blieb bei ihm und hielt ihn, den ganzen Abend. Danach war seine Welt wieder ein Stück weit heiler.