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48 Stunden im Leben einer Adoptivmutter (reloaded) – Wenn Papa verreist ist… (Teil 2)

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Photo by Slava Bowman on unsplash.com

Richard ist in den letzten Wochen viel auf Reisen, sehr viel auf Reisen. Auch aktuell ist er immer noch unterwegs. Eine von drei Nächten ohne ihn haben wir geschafft. Nach dem Abholen in der Schule kommt bei beiden Kinder die Angst des Verlassenwerdens hoch, die sich hinter dem schmerzlichen Vermissen des Vaters verbirgt. Die Angst kommt unkontrolliert und in Situationen, die selten etwas mit dem konkreten Vermissen zu tun haben. Denn Richard hat vielleicht die Kinder in ihrer bisherigen Schullaufbahn keine zehnmal abgeholt. – So ging dann nun unser Nachmittag und die übrige Zeit ohne Richard weiter…

Mittwoch Abend

18:00h Nach drei hysterischen Wutanfällen, fliegenden Wachs-Blöckchen durch das Esszimmer, unzähligen zerknüllten Blättern Papier und einer irgendwann verzweifelt weinenden Tochter, weil sie ihren Vater so vermisst, hat sie nach eineinhalb Stunden ihre Hausaufgaben fertig. Ihr Bruder war währenddessen vom Esszimmertisch in sein Zimmer umgezogen, damit er da wenigsten in Ruhe rechnen und sich konzentrieren kann. Doch als Nadeschda fertig war, forderte er seinen Teil meiner Aufmerksamkeit. Beim Vorlesen nuschelt er so sehr, dass es für mich eine harte Geduldsprobe wird, durch die ich haushoch durchfalle. Auch beim Trompete-Üben fordert Maxim mich erneut heraus. Um nicht wieder zu platzen, verlasse ich für ein paar Minuten sein Zimmer. Als das Trompetenspiel gänzlich erstirbt, schaue ich nach und finde meinen Sohn stumm weinend auf seinem Bett. „Wann kommt der Papa wieder?“ fragt mich die zarte Stimme meines Sohnes.

20:00h Nach der vorangegangenen Nacht und dem tränenreichen Nachmittag liegen Nadeschda und Maxim eng an mich gekuschelt in meinem Bett, während ich ihnen vorlese. Heute Nacht bleiben beide Kinder bei mir. Bevor sie einschlafen, fragen beide, wie oft sie noch schlafen müssen, bevor der Papa wiederkommt. Ich antworte ihnen mit „Zweimal.“ Beide seufzen tief und traurig.

Donnerstag: 

02:00h Ich werde mitten in der Nacht wach. Maxim hat von hinten seinen Arm um mich gelegt, Nadeschda von vorne ihr Beinchen über meinen Oberschenkel geschlagen. Beide atmen und schlafen ruhig und friedlich. Mit einem kleinen Glücksgefühl kehre auch ich zurück in den Schlaf.

09:00h Dieser Morgen verlief weniger träge und nach den üblichen Morgenritualen waren wir wie immer pünktlich an der Schule. Am Parkplatz nahmen beide Kinder meine Hand, vor allem für Maxim einen ungewohnte Geste. Üblicherweise stürmt er mit einem seiner Freunde immer los zum Schulgebäude. Auch sollte ich ihn heute überraschend bis zum Klassenraum begleiten. Nun sitze ich wieder für ein paar Stunden in meinem Büro. Zwischendrin schweifen meine Gedanken zum kommenden Nachmittag und ich schwöre mir, diesmal gelassener zu sein. Ich weiß, dass meine Kinder es immer wieder mitnimmt, wenn die Routine durchbrochen wird, und Richard für ein paar Tage nicht da ist.

16:00h Mittlerweile sind wir alle wieder zuhause. Nadeschda und ich waren nach der Schule bei der Logopädin, wie jeden Donnerstag. Maxim war nach der Schule beim Training im Zirkus und ist mit der Fahrgemeinschaft nach Hause gekommen. Nun sitzen wir bei Kakao und Quarkbällchen gemütlich zusammen. Nach dem gestrigen Nachmittag habe ich beschlossen, für heute das Üben Üben sein zu lassen und stattdessen einfach zu spielen. Wir holen nach ewigen Zeiten die Legokisten hervor und bauen die Feuerwehrstation wieder auf. Der Nachmittag vergeht ohne einen einzigen Streit.

19:00h Eigentlich hätte ich heute Abend zu einer Elternbeiratssitzung gehen müssen. Doch diese hatte ich schon im Vorfeld abgesagt. Mehr als einen Abend in der Woche fremdbetreut geht nicht und schon gar nicht, wenn Richard unterwegs ist. Und es erweist sich wieder einmal als die richtige Entscheidung: Beim Zähneputzen passt Maxim auf einmal irgendetwas nicht. – Hin und wieder hat er immer noch solche Anflüge. Sie kommen aus dem Nichts. – Für Minuten geht gar nichts mehr. Er bewegt sich keinen Zentimeter, tut nichts, spricht nicht. Meine Aufforderung, weiter die Zähne zu putzen, hört er nicht. Geschweige denn antwortet er mir, was los ist. Die Minuten verstreichen. Auch Nadeschda wird langsam ungeduldig. Ich verlasse mit ihr das Bad, in der Hoffnung, dass sich dann etwas tut. Doch nichts passiert. Weitere fünf Minuten später steht Maxim noch genauso vor dem Waschbecken, wie wir ihn verlassen haben. Diesmal platzt Nadeschda der Kragen. Sie schubst Maxim vom Waschbecken weg – ich bin immer wieder überrascht wie viel Kraft sie entfaltet, wenn sie wütend ist – mit den Worten: „Dann mach Platz!“ Maxim bewegt sich natürlich nicht, sondern verharrt weiter starr an seiner Stelle. Während ich schon versuche, Nadeschda von ihm wegzuziehen, hat sie ihn so schnell noch in den Arm gekniffen, dass Maxim anfängt zu brüllen und nach ihr tritt. Ich muss eingreifen, versuche beide Kinder in ihre Schranken zu weisen. Doch Maxims Brüllen kippt in ein bitterliches und schmerzhaftes Weinen, denn Nadeschda hat ihm wirklich weh getan. Während ich für ihn ein Eispack aus der Küche hole, steht Nadeschda oben an der Treppe und ruft verzweifelt: „Mama!, Mama!! Du kannst mich doch nicht alleine lassen…“ und bricht ebenso in Tränen zusammen. Zum Glück habe ich zwei Beine und zwei Arme. Auf jedem Bein hockt nun ein Kind und wird von mir in meinem Arm getröstet. Doch diesmal lassen sich beide nicht beruhigen. Unter Tränen putzen wir weiter Zähne, unter Tränen waschen wir Hände und Gesicht und unter Tränen bürste ich Nadeschda’s Haar. Weinend gehen wir noch zum Vorlesen, wieder in mein Bett. Und auch noch beim Lesen, schluchzen beide immer noch. Erst als ich das Licht ausmache und anfange zu singen, kommen Maxim und Nadeschda zur Ruhe und schlafen langsam ein.

21:00h Nachdem beide Kinder friedlich schlafen und ich meine drei Hausangestellten zur Arbeit angehalten habe, lasse ich mich mit einem Glas Wein in den Sessel sinken und telefoniere mit Richard. Auf seine Frage: „Und wie war Euer Tag?“ antworte ich nur: „Alles gut, der ganz normale Wahnsinn. Aber es wird Zeit, dass Du nach Hause kommst. Die Kinder vermissen Dich sehr.“

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48 Stunden im Leben einer Adoptivmutter (reloaded) – Wenn Papa verreist ist… (Teil 1)

slava-bowman-161206

Photo by Slava Bowman on unsplash.com

Richard ist in den letzten Wochen viel auf Reisen, sehr viel auf Reisen. Geschäftlich. Und das auch hin und wieder am Wochenende. Das bringt sein Job leider so mit sich. Auch wenn er nicht auf Reisen ist, arbeitet Richard viel. Meist bringt er die Kinder morgens noch in die Schule und freitags ist er so früh zuhause, dass ich abends in die Akademie gehen kann. Ansonsten sehen Maxim und Nadeschda ihren Vater unter der Woche nicht. Denn er kommt abends immer so spät nach Hause, dass beide schon schlafen. Dennoch irritiert es Maxim und Nadeschda, dass Papa so viel unterwegs ist, und die Tage, an denen Richard gar nicht da ist, werden immer wieder zu einer neuen Herausforderung. Da sich dies in den vergangenen Wochen gehäuft hat, ist mir dies einen neuen 48 Stunden Beitrag wert.

Dienstag

22:00h: Müde und erschöpft und auch wenig frustriert – die Lerninhalte heute Abend in der Akademie waren jetzt nicht so erhellend wie erwartet – komme ich nach Hause. Die Kinderfrau hatte, wie jeden Dienstag, Nadeschda nachmittags von der Musikschule abgeholt und dann beide Kinder ins Bett gebracht. Der Abend war friedlich. Am Morgen hatte Richard noch, bevor zum Flughafen fuhr und von dort für drei Tage auf Dienstreise flog, Maxim und Nadeschda in die Schule gebracht. So war es ein vermeintlich normaler Dienstag, denn der einzige Unterschied war, dass eben nicht Richard die Kinderfrau ablöste, während ich noch in der Akademie war, sondern ich selbst ein paar Stunden später. Doch die Kinder hatten abgespeichert, dass Papa nicht da ist. So vergehen keine drei Minuten, die ich in der Haustür stehe, und beide rufen mich aus ihren Betten. Ich verabschiede die Kinderfrau und kümmere mich um Maxim und Nadeschda. Meine Tochter hat Durst und kuschelt sich mit einem zufriedenen Seufzer wieder in ihre Kissen, als sie registriert, dass ich da bin. Maxim braucht etwas länger, um wieder einzuschlafen. Er fragt, wo der Papa ist, was er gerade macht, wann er wiederkommt, wie sie morgen in die Schule kommen. Ich halte fast eine halbe Stunde seine Hand, bevor auch er wieder einschläft.

Mittwoch

04:00h Nadeschda ist wach, erst in meinem Bett kann sie wieder einschlafen.

06:00h Mein Wecker klingelt. Richtig geschlafen habe ich seit vier Uhr nicht mehr. Müde kämpfe ich mich aus dem Bett, trinke meinen Kaffee, packe die Brotdosen, dusche und wecke meine Kinder. Beide kommen nur mühsam aus den Betten. Auch ihnen fehlt Schlaf.

07:50h Trotz zähem Start sind wir pünktlich an der Schule. Während Nadeschda beim Papa sich selbst auszieht und ihre Hausschuhe anzieht, muss ich das heute für sie übernehmen.

09:00h Wieder Zuhause. Der Haushalt ist inzwischen gemacht, meine drei Hausangestellten – man nennt sie auch Spülmaschine, Waschmaschine und Trockner – arbeiten, und ich sitze in meinem Büro, um zwei Auftragstexte zu schreiben und meinen Unterrichtsteil in meinem Praktikum vorzubereiten. Eigentlich wollte ich das schon längt erledigt habe und mich meinem neuen Buchprojekt widmen. Doch die Überarbeitung des Exposés muss wohl noch warten.

13:00h Ich mache mich auf den Weg zur Schule. In der Mensa kommt Nadeschda freudestrahlend auf mich zugelaufen. „Meine Mami, Mami!“ Als die Aufsichtführende Betreuerin sie jedoch ermahnt, dass sie noch Tischdienst hat, bricht Nadeschda weinend in meinen Armen zusammen. „Mama, ich kann das nicht.“ jammert sie. Als ich mit ihr den abzuwischenden Tischen gehe, klammert sie sich an mein Bein. Den Tisch wische ich ab, mit meiner an mir hängenden Tochter.

13:30h Maxim kommt aus seiner Leier-AG. Er isst noch in der Mensa, schaufelt aber stumm das Essen in sich rein. Auf meine Frage, wie es heute in der AG war, aus der er in der Regel freudestrahlend und überschäumend berichtet, ernte ich nur ein: „Sag ich Dir nicht.“ Ich stelle das Reden ein. Manchmal geht es mir ja auch so, dass ich nicht direkt nach getaner Arbeit redselig bin. Als wir zwanzig Minuten später im Auto sitzen, fängt Nadeschda, kaum dass wir den Schulparkplatz verlassen haben, an, ihren Bruder zu ärgern. Der wehrt sich und haut irgendwann etwas fester zu. Nadeschda boxt zurück und beginnt gleichzeitig zu weinen. Maxim hält sich schmerzverzerrt die Brust und auch bei ihm sehe ich die Tränen fließen. Als sich beide ich herzzerreißendes Weinen hineinsteigern, halte ich am Straßenrand an, um richtig nach beiden sehen zu können. Nach gegenseitigen Anschuldigungen, wer zuerst angefangen hat, und meinem Ermahnen, dass es eigentlich egal ist und dass ich schlicht und ergreifend nicht möchte, dass sie sich so im Auto streiten, höre ich nur noch ein schmerzhaftes „Papa!“ und „Papi!“ von beiden Kindern. Ich nehme jeden von ihnen in den Arm und tröste sie still, bis die Tränen einigermaßen getrocknet sind.

15:00h Seit gut einer Stunde sind wir Zuhause. Maxim und Nadeschda haben sich ein wenig ausgeruht und nun sitzen wir über den Hausaufgaben. Eigentlich ist unter normalen Umständen der Mittwoch immer der beste Tag in der Woche, in der es höchst selten „Theater“ gibt. Die Kinder sind mitten in ihrem Wochenrhythmus, sie sind fit und ausgeschlafen, sie sind in den Aufgaben und Themen aus der Schule drin. Doch heute ist alles anders…

(Fortsetzung folgt.)

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Gewinnspiel Reminder: „Anders Eltern werden, anders Eltern sein…“

Mach bis zum 10. März 2017 mit und gewinne ein Buchexemplar von „Anders Mutter werden – Das erste Jahr nach unserer Auslandsadoption“

Mein Buch „Anders Mutter werden“ erzählt von unserem besonderen Familienalltag als Adoptivfamilie im ersten Jahr nach der Adoption unserer Kinder aus Russland. Immer wieder bildet die Frage und Suche nach dem richtigen Umgang mit der neuen Mutterrolle bildet den roten Faden meiner Geschichte.

Silhouette of happy family who standing on the beach at the suns

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Doch nicht nur ich bin in vielen Aspekten anders Mutter. Manche von Euch lieben Lesern und Leserinnen sind ebenso anders in ihrer Rolle als Mutter oder Vater. Deshalb rufe ich in dieser Woche zum Gewinnspiel „Anders Eltern werden, anders Eltern sein“ auf: Wo seid Ihr anders? Wo fühlt Ihr Euch anders und wo wird es am besten deutlich? Ein paar spannende Familienkonstellationen und Gedanken zum „Anders Eltern sein“ sind schon unter den Kommentaren eingegangen.

Wenn Ihr also noch nicht geschrieben habt, aber noch mitmachen wollt, dann schreibt einen unterhaltsamen, provozierenden Gast-Post, nicht länger als Zeichen 3.000 Zeichen und schickt ihn mir über das Kontaktformular bis zum 10. März 2017 oder kommentiert unter dem Beitrag, wie es ja schon einige getan haben. Alle Gastbeiträge werden auf charlottesadoptionsblog.com veröffentlicht und mit dem absendenden Blog verlinkt. Der Post oder Kommentar mit den meisten „Likes“ bis zum 31. März 2017 gewinnt ein Buchexemplar „Anders Mutter werden – Das erste Jahr nach einer Auslandsadoption“.

Ich freue mich auf Eure rege Teilnahme.

P.S. Wenn Ihr selbst keinen Beitrag schreiben wollt, dann freuen sich aber die bisherigen „Kommentatoren“ über Eure „Likes“.

Zum Kleingedruckten:

Eine Barauszahlung ist nicht möglich und ich gebe die Adresse nicht an Dritte weiter. Außerdem gelten die allgemeinen Datenschutzbestimmungen.Ich behalte mir vor, die Verlosung jederzeit zu ändern, anzupassen oder zu beenden, wenn mir das notwendig erscheint.

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Gewinnspiel: „Anders Eltern werden, anders Eltern sein…“

Mach mit und gewinne ein Buchexemplar von „Anders Mutter werden – Das erste Jahr nach unserer Auslandsadoption“

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Der Fluch der Technik…

…oder wenn vielmehr die „Überforderungs-Demenz“ einsetzt, mit einem kranken Kind zuhause, einem Schulkind, was sich mit dem Wiedereinstieg nach den Ferien schwertut und Mama trotzdem arbeiten und sich um so vieles mehr kümmern muss. (Und dann auch noch bloggen will…) Manchmal wünschte ich, doch „Vater“ zu sein, oder vielleicht auch nicht. Warum? Das lest Ihr nun wirklich hier in meiner Kolumne zum Vaterglück. 

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Kolumne: „Bekenntnisse eines glücklichen Vaters“

Hands of father and daughter on sun

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Inspiriert von Sonjas Beitrag „Warum Frauen alles organisieren und Männer nicht aufräumen können“ auf ihrem Blog „dieverlorenenschuhe“ ist meine aktuelle Kolumne vom „Vaterglück“ entstanden. Sie schwirrte mir schon lange im Kopf, vor allem wenn ich nachts wieder in unser Ehebett kam und mein Platz okkupiert war, nachdem ich mich um unsere Tochter gekümmert hatte. Warum ich mich dazu nachts aufstehe und nicht mein Mann, lest ihr hier…

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16. Juni – In unterschiedlichen Umlaufbahnen: Vom Vatersein und Paarkonflikten

Sunrise over group of planets in space

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Anders als ich hadert Richard nicht mit seiner Vaterrolle. Diese hatte er schnell für sich definiert. Mit Liebe und Leidenschaft kümmert er sich um Maxim und Nadeschda. Er ist der Vater, von dem viele Kinder träumen. Er tobt viel mit ihnen, macht viel Blödsinn, unternimmt an den Wochenenden viel mit ihnen. Bis heute hat er es geschafft, jeden Abend zum Abendessen Zuhause zu sein, um Maxim und Nadeschda zu sehen, bevor sie schlafen gehen. Mein eigenes inneres Kind hätte gerne einen solchen Vater gehabt. Ich bin dankbar, dass meine Kinder einen Vater haben, der sich ihnen mit soviel Enthusiasmus widmet, mit ihnen spielt und dabei aus einem nicht versiegenden Vorrat an Quatsch und Blödsinn schöpft. Regeln sind bei Richard sehr dehnbar. Erziehung findet bei ihm nicht statt: „In der wenigen Zeit, die ich unsere Kinder sehe, werde ich sie nicht erziehen.“ Maxim hat das schnell verstanden: „Mama-Nein ist Nein, Papa-Nein ist Ja.“ Richard lässt sich allein von seiner Intuition leiten, hat keine Bücher über Kindesentwicklung geschweige denn über die Entwicklungen und die Herausforderungen von Adoptivkindern gelesen. Das lässt ihn unvoreingenommener und unbeschwerter sein als mich.

Manchmal fühlt er sich jedoch in seiner Rolle als sorgender Familienvater überfordert und glaubt, den Anforderungen, die ich an ihn bewusst und unbewusst stelle, nicht gerecht zu werden. Es gibt durchaus Tage, an denen er das Gefühl hat, alles falsch zu machen: Wenn das Anziehen der Kinder morgens so lange dauert, dass ich eingreife. Wenn Maxim und Nadeschda nicht richtig essen, da sie den ganzen Vormittag schon Süßigkeiten von Richard bekommen haben. Oder wenn Maxim den Tanz beim Essen probt, er lustlos in den Nudeln stochert und mein Alternativangebot an Essen ablehnt, sondern nur darauf wartet, dass ich platze, Richard ihm aber die dritte Alternative anbietet. Wenn noch die achte Runde Memory gespielt wird, obwohl wir uns längst auf den Weg zu einer Verabredung machen müssten. Wenn Richard so spät mit den Kindern nach Hause kommt, dass es für das Baden eigentlich zu spät ist. Wenn meine kritischen Blicke Überhand nehmen und ich mich gezwungen sehe, in die undankbare Rolle des Spielverderbers schlüpfen zu müssen, der die Elefantenherde zum Galopp antreiben muss. Immer dann bekommt Richard das Gefühl, alles falsch zu machen. Ob berechtigt oder unberechtigt. Nur ist diese Haltung wenig förderlich.

Meist ist diesen Situationen schon vorausgegangen, dass wir – wie so häufig – über Tage nicht richtig miteinander im Austausch standen, die wenige Zeit an den Abenden gefüllt war mit den Ereignissen des Tages der Kinder. Für Richard gab es keinen Raum und genauso wenig für mich. In mir ist das Gefühl gewachsen, dass ich von ihm nicht mehr als ganze Person gesehen werde. Er reduziert mich nur noch auf den undankbaren Teil meiner Mutterrolle. Oft nimmt er nicht wahr, wie anstrengend  der Alltag mit Maxim und Nadeschda sein kann. Genauso wenig bemerkt er, dass mein Leben mit unseren Kindern inzwischen organisch und harmonisch verläuft und einfach gefüllt ist, mit vielen schönen Momenten. Manchmal glaube ich, dass Richard immer noch viel Zeit braucht, zu verinnerlichen, dass seine Kinder nicht mit leiblichen Kindern und ihrer Entwicklung vergleichbar sind, dass wir eben keine normale Familie sind. Es war schon in der Entwicklung der Beziehung zu unseren Kindern so, dass er meist erst zeitversetzt nach mir auf neue Herausforderungen bei Maxim und Nadeschda gestoßen ist. So wird er erst später erkennen, dass wir als Familie und als Eltern anders sind und anders sein müssen.

Selten versteht Richard mein Hadern und meine häufigen Selbstzweifel als Mutter. Oft glaubt er noch, dass ich unzufrieden bin in meiner Rolle, weil mir die Bestätigung von außen fehlt, weil ich gebunden bin an unser Haus, an unser Dorf, gefangen bin in einem Mutterdasein, das ich mir anders vorgestellt habe. Manchmal glaubt er, ich wolle wieder erwerbstätig sein, meine alte Karriere weiter verfolgen. Doch an diesem Punkt bin ich nicht. Ich bin schon darüber hinaus, oder noch gar nicht dort angekommen.

Zuweilen kommt es mir vor, als flögen wir in unterschiedlichen Umlaufbahnen um unsere Kinder herum. Jeder von uns ist gefangen in seiner eigenen Welt und zu sehr beschäftigt mit seinen eigenen Themen. Allein hier hat sich schon etwas in Richards und meinem Miteinander verändert: Vor der Ankunft der Kinder hatten Richard und ich viele gemeinsame Themen und Interessen: Reisen, Oldtimer Rallyes, alte Autos, Oper, Theater, Freunde treffen, unsere Jobs, die sich sehr ähnelten. Über allem lag unser gemeinsames Ziel, uns unseren Kinderwunsch zu erfüllen. Heute ist unser Kinderwunsch erfüllt, unsere gemeinsamen Interessen waren in den Hintergrund getreten, unsere täglichen Aufgaben gingen auseinander, vor allem in der Sicht, die wir darauf hatten. Während ich mich in meiner Mutterolle fügte und damit zunehmend Abstand zur Berufswelt fand, nahm der Job Richard maßgeblich ein. Seine Vaterrolle konnte er nur an den Abenden und Wochenenden ausleben. So musste es auch sein, denn wir hatten uns bewusst dazu entschieden, dem klassischen Rollenmodell – die Mutter bleibt Zuhause und der Vater sorgt für das Einkommen der Familie – entschieden. Während ich, auch aufgrund meiner eigenen Kindheitserfahrungen, mit dem Muttersein haderte, hatte Richard schnell in seine Rolle als Vater gefunden.

In der Fürsorge und Erziehung unserer Kinder hatten wir teilweise divergierende Haltungen, die sich allein schon aus der Zeit ergaben, die wir jeweils mit Maxim und Nadeschda verbrachten. Einmal hatte ich zu Freunden auf den Kommentar hin „Es ist ziemlich eindeutig, wer von Euch beiden für die Erziehung zuständig ist.“ geantwortet: „Ja, und es hat einfach auch etwas mit Überleben zu tun. Wenn Du vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche zusammen bist, dann geht das nur mit festen Regeln.“ Zum ersten Mal hatten wir in unserer Beziehung unterschiedliche Sichtweisen. Daraus ergaben sich zwangsläufig gelegentliche Reibereien oder Meinungsverschiedenheiten. Sich jetzt hin und wieder zu reiben war im Grunde genommen in Ordnung. Genauso in Ordnung, wie es jetzt nicht anstand, gemeinsame Hobbies und Interessen zu pflegen. Wir hatten eine neue zentrale Aufgabe mit Maxim und Nadeschda bekommen, hinter der alles andere zurückstand. Schwierig wurde es, wenn uns der gemeinsame Austausch abhanden kam. Wenn ich nicht wusste, was Richard bewegte, so konnte ich natürlich auch seine Reaktionen nicht einordnen. Und genauso umgekehrt. Was wir in einem ersten Schritt brauchten, war mehr Zeit zu zweit, allein ohne unsere Kinder. Doch es fehlte uns der Mut, egoistisch an uns selbst zu denken, und die Disziplin, uns konsequent diese Zeit zu nehmen. Denn zu schnell breitete immer wieder unser Alltag mit Maxim und Nadeschda seine Arme aus und hielt uns fest umklammert.