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Von der Wut – Immer wieder montags…

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Photo by Patrick Fore on unsplash.com

Montage sind immer schwierig. Zum einen weil wir wieder den Übergang vom Wochenende in den Schulalltag haben. – Auch wenn wir zu den Eltern gehören, die am Sonntag ihre Kinder durchaus rechtzeitig ins Bett bringen können. – Dennoch, Montage sind anstrengend, es braucht einfach, um wieder in der Schule anzukommen. Da die Euphorie, die sich oft nach den längeren Ferien einstellt, fehlt, fällt es eben montags schwieriger. Das hat etwas mit der fehlende Fähigkeit mit Veränderungen umgehen zu können zu tun. Da sind Phasenwechsel schwierig. Immer noch und nach wie vor. Wenn dann auch noch die montägliche Routine nicht eingehalten wird, dann kommt es wieder, mein kleiner Freund (bzw. manchmal auch mit zusammengebissenen Zähnen geduldeter), das Wutmonster.

Als ich mittags beide Kinder an der Schule abholen will, trödelt Maxim noch eine Weile herum. Bei ihm zeichnen sich Montage durch äußerst schlechte und müde Laune, aber vor allem durch eine ungeahnte Laaaaangsaaaaaamkeit aus. Nadeschda wartete schon auf dem Schulhof, und platzte in einer selten dagewesenen Form. Zumindest an der Schule! Lautstark brüllte sie ihren Bruder an, beschimpfte ihn wenig Mädchenlike, rempelte ihn sogar an. Dass Maxim sich das nicht gefallen ließ, und erst zurückbrüllte, um dann einfach mal kurz die Faust zu zücken, konnte ich ja fast verstehen. Meine Hortkollegin schaute ganz überrascht: “Ist Deine Tochter öfter so?“ Was auch immer sie mit der Frage bezwecken wollte, klar war, dass Nadeschda diese Wut wohl selten in der Schule zeigte, um so mehr aber zuhause. – Das Wutmonster kommt zwar immer seltener mit seiner ganzen Wucht, es ist über die Jahre ein wenig milder geworden, und meine Tochter wie auch mein Sohn haben Möglichkeiten entwickelt, sich mit ihm zurückzuziehen und es zu besänftigen. Mit einem kritischen Blick auf meine Kinder wünschte mir die Kollegin noch einen schönen Nachmittag. Ich war nur heilfroh, dass ich Maxims Judotraining ohnehin schon abgesagt hatte, da er sich am Sonntag Nachmittag einmal wieder das Knie geprellt hatte. So hatten wir zumindest einen Nachmittag ohne Zeitdruck und in Ruhe Zuhause vor uns. 

Nun ja, Ruhe stellte sich kaum ein. Über Stunden hatte ich das Gefühl einen kleinen brodelnden Vulkan um nicht herum zu haben. Egal, was Maxim oder ich taten oder sagten, alles war Mist, alles war falsch, alles machte man ja eigentlich anders, manchmal wurden wir beide übelst beschimpft, Türen wurden geknallt, es flogen ein paar Gegenstände durch die Gegend. Nadeschda wollte sich nicht beruhigen. Auf gar keinen Fall! Irgendwann bekam ich wenigsten heraus, dass die Klasse an dem Tag nicht in den Wald gegangen war, wie sonst üblich. Es hatte sich wohl kein begleitendes Elternteil  eingetragen und gefunden. Und so blieb die Klasse eben in der Schule. „Du musst Dich gefälligst für die Waldtage eintragen!“ brüllte mir meine Tochter ins Gesicht! Ah! Ja, hier hatten wir sie, die Unplanmäßigkeiten an einem Montag! Davon muss es noch ein paar mehr gegeben haben, die meine Tochter dann vollends aus dem Konzept brachten. Wenn schon Montag und Übergang in eine wieder andere Routine, dann doch aber bitte immer dieselbe. Ihre Wut war einmal wieder mehr der verzweifelte Versuch, Kontrolle über ihr kleines Leben zu bekommen, die Sicherheit und die Struktur zu finden, die sie unbedingt brauchte. Dass es diesmal aber zu so vehementen Reaktionen kam, wunderte mich dennoch. 

Erst am Abend stellte sich heraus, dass tatsächlich noch etwas deutlich „Schlimmeres“ in den Augen meiner Tochter passiert war: Es musste in der Zeit, als sie eigentlich im Wald gewesen wären, noch einen Vorfall gegeben haben, den Nadeschda aber nicht mitbekommen hatte. Was sie aber mitbekam, war, dass die Klassenlehrerin für eine ganze lange Weile den Klassenraum einfach verließ, wohl mit den Worten: „Ich muss jetzt hier mal raus.“. Keines der Kinder wusste, wo sie war, trauten sich aber auch nicht, sie zu suchen. „Wir saßen da ganz still und brav, Mama.“ erzählte mir meine Tochter. Erst nach einer ganzen Weile kam Nadeschdas alte Klassenlehrerin aus der Vorklasse und kümmerte sich um die Kinder. 

Es ist unerheblich, ob die Lehrerin so etwas darf, was vorgefallen war und was dazu geführt hatte. Einzig zählte, dass dieses plötzliche Verlassen der Klasse ohne eine Erklärung bei meiner Tochter wahrscheinlich schlimmste unbewusste Erinnerungen und Gefühle berührt hat. Im Fachjargon würde man davon sprechen, dass dies einer der berühmten Trigger ist, der das abgespaltene Trauma wieder wachruft. Und genauso hat sie sich verhalten. Nicht in der Schule, da hat sie sich nicht getraut. Aber allein meine und Maxims Präsenz auf dem Schulhof und die Klarheit, dass wir drei nun zusammen zum Auto gehen, wir drei als familiäre und vertraute Einheit, hat die Energie in meiner Tochter freigesetzt, ihrem Überlebensmuster der Wut, das sie genauso beherrscht wie das des Charmes, freien Lauf zu lassen. Wie stark sie die Situation an der Schule und in der Klasse mitgenommen hat, kann ich nur an der Intensität ihrer Reaktionen an diesem Nachmittag erahnen. Dass es nun auch noch Montag war, hat die Sache nicht besser gemacht. 

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (139)

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Danke an pixabay.com

Während unser Wochenend-Besuch und meine Kinde noch schlafen, nutze ich die Chance, wieder einmal auf eine bewegte Woche zurückzublicken und mich an die drei Dinge zurückzubesinnen, für die ich besonders dankbar bin. Ja, der Alltag hat uns nun nach den Ferien endgültig wieder. Doch arbeitstechnisch war es für mich eine ruhige Woche, oder vielmehr eine konzentrierte. Da ich nun nicht mehr im Hort arbeite – man hat mich freigestellt, um mir die Chance zugeben, mich auf meine neue Klasse ab dem Sommer vorzubereiten -, und ich in dieser Woche auch nicht unterrichten musste, da die Klassen, in denen ich Vertretungsstunden gebe, alle entweder im Praktikum oder auf Klassenfahrt waren, liegt nun eine (fast) reine Schreibtischwoche hinter mir. Ich habe meist an meinem Buch geschrieben, Hausaufgabenhefte korrigiert und tatsächlich eine halbe Epoche für das kommende Schuljahr vorbereitet. Das war gut. Es gab mir nebenher die Gelegenheit, meine Gedanken etwas zu sortieren, und so wird mir nun auch das ein oder andere vor allem auch mit Blick auf meine Kinder wieder bewusster. So bin ich heute dankbar für diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Ich bin dankbar für den Weg, auf den mich meine Kinder geschickt haben. Ich bin davon überzeugt, dass ich ohne sie nie mein Herz für bedürftige Kinder entdeckt hätte. Heute fühle ich mich manchmal als wäre ich auf einer Mission. Ich will in dieser Welt ein Stück weit mehr Verständnis schaffen für die Folgen von Traumatisierung, gegen die Stigmatisierung und das zu schnelle in Schubladen stecken. Nur weil das Kind nicht in die Norm passt und nicht einfach funktioniert, muss man ihm nicht den Weg der Entwicklung versperren. Im Gegenteil! Es fordert uns alle heraus, besser hinzuschauen, bei uns selbst zu schauen, was es mit uns macht und warum. Und am Ende dem Kind vielleicht zu helfen…..
  2. Maxims und meine Reise nach Moskau war heilsam, in vielerlei Hinsicht. Es war ein guter und gelungener Einstieg in die vielleicht kommende Wurzelsuche. Maxim’s Bedürfnisse scheinen vorerst gestillt zu sein. Er zehrt von den Erinnerungen ohne einen Wunsch nach mehr. Und mir hat die Reise eine Menge Angst genommen. Ich bin bereit für mehr….
  3. Nadeschda hatte einen harten Start in die Woche, einen Schultag, der alle Knöpfchen drückt, um die Überlebensstrategie zu wecken. Da war er wieder der scheinbar unkontrollierbare Zorn. Mir war schnell bewusst, dass etwas vorgefallen sein musste. Doch sie wollte nicht reden, brüllte nur rum. Dankbar war ich in diesem Moment für die Bücher von Heather Forbes, die mich erinnerten, erst die Gelegenheit zu suchen, in der ich meine Tochter „runterregulieren“ konnte und mit ihr reden. Das war dann auch so am Abend, an dem ich dann erfuhr, dass es irgendeinen Vorfall in der Klasse gegeben hatte – welchen wusste Nadeschda nicht mehr, tut auch letztendlich nichts zur Sache – , der dazu führte, dass die Klassenlehrerin die Klasse verlies und nach einer Weile plötzlich eine andere Lehrerin in die Klasse kam. Das hat meine Tochter sehr verschreckt und führte neben vielen anderen Dingen an diesem Montag zu ihrer Stimmungslage. Meine Hand ganz fest haltend schlief sie dann ein und alles war zumindest für die Nacht wieder gut.

Ich selbst bin gespannt, was die neue Woche uns bringt. Nun freue ich mich zunächst auf ein gemütliches Sonntagsfrühstück mit unseren Freunden, die sich langsam aus den Betten schälen. Habt einen wunderbaren Sonntag und startet voller Kraft in die neue Woche!

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Gedanken zum Muttertag: Mütter sind im Grunde die „Hauptverdiener“…vor allem von mehr gesellschaftlicher Anerkennung…

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Rochelle Brown on unsplash.com

Neulich betrachtete ich kritisch unser Familienmodell der klassischen Rollenaufteilung: Mein Mann ist der Hauptverdiener, in dem Sinne, dass er deutlich mehr und damit mehr als den Löwenanteil des Geldes mit nach Hause bringt, und uns damit ein durchaus sehr komfortables Leben ermöglicht. Ich darf sozusagen zum Spass arbeiten und übernehme die gesamte Familienarbeit und Fürsorgearbeit für unsere Kinder.

Nun entwickelt sich aber die Konstellation so bei uns zuhause, dass ich zunehmend mehr arbeite (natürlich längst nicht für so viel Geld wie mein Mann!) und dennoch die Familienarbeit und Fürsorgearbeit allein auf meinen Schultern lastet. Meistens sieht das auch mein Mann. Aber zunehmend ärgert mich, wie wenig diese Arbeit in unserer Gesellschaft, die Mütter Zuhause leisten, egal ob und in welchem Umfang sie berufstätig sind, gesehen und wahrgenommen wird. – Als ich zum Beispiel diesen unglücklichen Frauenarzt fragte, wie lange ich nach der OP denn ausfalle, sagte er doch glatt: „Ich kann Sie für die Schule drei Tage krankschreiben. Und für ihre Kinder und so können Sie schon abends wieder da sein.“ – Genauso wie die weitergehende Pflege und Versorgung von pflegebedürftigen Eltern und Angehörigen, die genauso wenig wahrgenommen wird. Nicht umsonst kämpfen Frauen rund um Claire von mamastreikt so vehement um mehr Anerkennung der Fürsorgearbeit. Nicht nur, dass es darum geht, dass Fürsorgearbeit anerkannt und gesehen werden soll, denn ohne sie bricht unser ganzes System zusammen. Nein, vielmehr geht es ganz richtigerweise darum, dass diese Fürsorgearbeit in irgendeiner Form adäquat vergütet werden muss. 

Wenn ich mir dann noch vergegenwärtige, dass mein Mann auch nur so viel und erfolgreich arbeiten kann, weil ich ihm Zuhause alles abnehme – eben nicht nur die lästige Familienarbeit und die so essentielle Fürsorge für unsere Kinder, sondern auch all die Kleinigkeiten, die in einem Haus anfallen -, dann nehme ich schon lange für mich in Anspruch, dass bestimmt ein Drittel (wenn nicht sogar die Hälfte) seines Gehalts mit auf mein Konto geht. In dem Sinne „Seine Karriere ist meine Karriere“.…Fiktiv. Nicht in dem Sinne, dass ich es tatsächlich haben will. Nein. Es geht hier ja um Anerkennung. Und wenn es in unserer Gesellschaft leider oft noch so ist, dass sich die Anerkennung der Arbeit nach unserem Gehaltsscheck bemisst, dann nehme ich mal mindestens die Hälfte seines Gehalts für mich in Anspruch. Denn würde ich all dies nicht noch zuhause tun und mehr auf seine Schultern verlagern, könnte er bei Weitem nicht so arbeiten, wie er es tut. – Über die Ungerechtigkeit, dass ich wahrscheinlich in seinem Job nicht annähernd so viel verdienen würde wie er, weil ich eben eine Frau bin, wollen wir gar nicht reden…

Nehme ich dann noch das dazu, was in der allgemeinen Diskussion gefordert wird, wie Fürsorgearbeit Zuhause vergütet werden sollte und mein eigenes tatsächliches Gehalt, dann kann ich in Summe durchaus für mich proklamieren, dass ich der Hauptverdiener in dieser Familie bin. Ich schreibe dies nicht, um mich über meinen Mann zu erheben. Mir geht es vielmehr darum, dass arbeitende Mütter mit deutlich mehr Selbstbewusstsein auftreten könnten und sollten. Denn sie stemmen die Hauptlast der Familienarbeit und der Fürsorgearbeit und sind darüber hinaus noch berufstätig. Ihnen steht zumindest ideell der Hauptverdienst in der Familie zu. Wenn nicht monetär, dann ideell. Ist es nicht an der Zeit, uns Müttern mit etwas mehr  Wertschätzung gegenüber zutreten? Nicht nur am Muttertag. Oder um mit den Worten meines Mannes zu schließen: „Wir feiern den Muttertag nicht, denn für mich ist jeden Tag Muttertag!“

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#bestofElternblogs Mai 2019

Kinderzeichnung - Fr meine Mama

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Diesmal bin ich spät dran. Heute ist schon der 6. Mai. Irgendwie verstrichen die letzten Tage mit sehr viel Rumwuseln Zuhause, Ordnung schaffen, wieder in den Schultritt kommen. Dennoch: Ich bin ein großer Fan von Anja’s (von der Kellerbande) Blogparade der #bestofElternblogs. Und deshalb mache ich dann auch, wenn auch verspätet, gerne wieder bei den #bestofElternblogs mit. Zumal mir der Beitrag, der von Euch im April am meisten gelesen, geliked und kommentiert wurde, sehr wichtig ist: In „Zwei Kinder und keine Entbindung – über die Ignoranz von manchen Frauenärzten“schreibe ich über meine Erfahrungen bei einem Frauenarzt, der es nicht für möglich hielt eine zweifache Mutter vor sich sitzen zu haben, die dennoch nie eine physische Geburt erlebt hat. Aber lest selbst, sofern Ihr ihn noch nicht kennt….

P.S. Nicht nur weil wir in den letzten Wochen andere Themen bearbeiten mussten und erleben durften – wie etwa unsere Reise nach Moskau, habe ich mich bisher noch nicht auf die Suche nach einem anderen Arzt gemacht. Irgendwie gärt das Thema dann doch in mir…

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (138)

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Photo by Tim Gouw on unsplash.com

So eine Woche mit einem Feiertag in der Mitte ist nach dem Wiedereinstieg in den Schulalltag auch mal nett. Der 1. Mai bot uns eine kleine Verschnaufpause, um dann doch gestärkt in den Rest der Woche zu starten. So liegt ein recht fleißiges Wochenende fast hinter uns, an dem wir viel in Haus und ein wenig im Garten (eigentlich war es ja viel zu kalt und zu naß, um sich draußen aufzuhalten) herumgewurschtelt, ausgemistet, aufgeräumt und neu sortiert haben. Auch meine ToDo-Liste habe ich nach dieser Woche wieder besser im Griff. Im Moment sind die Kinder mit Richard im Schwimmbad, bevor wir heute Nachmittag dann in die vorerst letzte Aufräumrunde starten. Irgendwie ging mir in den letzten Tagen der Satz „Alles neu macht der Mai.“ nicht aus dem Kopf. Es ist ein schönes Gefühl, Haus und Garten für den hoffentlich bald nahenden Frühling und Sommer vorzubereiten. So halte ich, wie jeden Sonntag, einen Moment inne und bin diesmal dankbar für diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Langsam aber stetig bekommt Nadeschda die Schule für sich immer besser in den Griff. Der Unterricht scheint sie weniger anzustrengen, zumindest im Moment. Sie blendet weniger den Schulalltag Zuhause aus. Auch das tägliche Üben ist ihr wieder in Fleisch und Blut übergegangen. Gestern Abend hat sie sogar selbst Rechenblätter für sich – und auch für uns alle in der Familie – zum heutigen Üben vorbereitet. Fünfmal kopiert liegen sie hier neben mir auf dem Tisch und warten auf die „Familienübstunde.“
  2. Maxim wird immer selbstständiger, und nun muss ich als Über- und Helikoptermutter anfangen, mich zurückzunehmen. Sein zunehmend genervtes „Ja, ja Mama, ich mach das schon.“ zeigt mir, dass wir allmählich an den Punkt kommen, an dem ich manche Dinge loslassen muss.
  3. Ich komme wieder in eine bessere Selbstfürsorge. Nachdem mir mein Rücken wieder üble Streiche gespielt hat, habe ich die Beschwerden mit viel Laufen und Gymnastik in der vergangenen Woche ganz gut in den Griff bekommen. Ungeachtet dessen habe ich dennoch einen Termin beim Physiotherapeuten gemacht. Ebenso lebt mein „Projekt der 100 Seiten“ wieder auf. Lesen ist einfach eine wunderbare Art, herunterzukommen, sich eine kurze Pause zu gönnen und abzutauchen in eine andere Welt. Gerade habe ich „Eine Straße in Moskau“ von Michail Ossorgin beendet, ein wunderbares Buch, das einen mitnimmt in das Moskau kurz vor und nach der Revolution. Natürlich war es erst recht spannend zu lesen, nachdem ich in Moskau die Originalplätze gesehen hatte.

Habt einen wunderbaren Sonntag, der eigentlich zum gemütlichen Verweilen Zuhause einlädt, und startet gut und gesund in die neue Woche.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (137)

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Photo by Ivan Di on unsplash.com

Habt Ihr auch so viele Ostereier gesucht und gefunden wie wir? Maxim und Nadeschda haben im wahrsten Sinne des Wortes Körbeweise die Eier gefunden. (Was aber auch daran lag, dass wir Besuch von lieben Freunden hatten, die neben unserem Osterhasen – mein Bruder – auch Ostereier versteckt hatten.) Am besten gefielen mir ja die so offensichtlichen Verstecke, die eigentlich keine waren, wie ein kleiner Schoko-Osterhase mitten auf dem Gartentisch oder ein Schokoei auf dem Heckscheibenwischer des geparkten Autos. Die Kinder – nicht nur meine, sondern alle – liefen so oft daran vorbei…

Ostern verbrachten wir als Familienfest mit lieben Freunden. Es war schön! Nicht nur wegen des unglaublichen Wetters. Viel habe wir unternommen, viele Ausflüge in die Umgebung gemacht, viel gegessen, viel gespielt, viele Ostereier gesucht.

Doch Mitte der Woche kehrte dann der Alltag und auch die Unzufriedenheit zurück. Denn vieles andere blieb leider über die Ostertage auf der Strecke. Meine ToDo Liste wuchs, anstatt abzunehmen.  Das machte mich zunehmend unzufrieden. Doch ab Mitte der Woche lief es dann wieder recht gut voran. Auch wenn dringende Dinge nun in letzter Minute in den vergangenen Tagen erledigt wurden, wie etwa das Kommuniongeschenk für die Kommunion, zu der wir gleich aufbrechen werden, erst gestern Nacht fertig wurde. So etwas ist eigentlich nicht meine Art. Ich habe gerne alles rechtzeitig vorbereitet und eben nicht auf den allerletzten Drücker. Das werde ich wohl auch nicht mehr ändern können. Nicht den „letzten Drücker“, sondern meine Unzufriedenheit damit. Nun denn… So bin ich in diesen frühen Morgenstunden dankbar für diese drei Sonntagslieblinge: 

  1. Maxim und Nadeschda haben einmal wieder einen unglaublichen Wachstumsschub hingelegt. Bei beiden haben wir die Kleiderschränke ausgemistet und aufgeräumt. Vieles musste wieder ausgetauscht werden. Langsam werden sie wirklich groß! Selbst unsere kleine und zierliche Nadeschda. Bei unseren vielen Einkäufen um Ostern – bei zehn Leuten im Haus und davon zwar fünf Kinder, die aber essen wie Erwachsene, musste entsprechend viel Nahrung herbeigeschafft werden – passierte es zwei Mal, dass jemand zu Nadeschda sagte: “ Kann die kleine Dame einmal Platz machen?“ Meine Tochter war mächtig sauer: „Mama, ich bin NICHT MEHR KLEIN!“ Recht hat sie! Und wie zur Bestätigung wog sie sich mit ihrer besten Freundin am Freitag Abend – Finja ist gefühlt deutlich größer, schwerer und kräftiger als Nadeschda. Die Zahlen sagte aber etwas anderes. Nur ein Kilo trennt die beiden Mädchen. Und der Kommentar meiner Tochter: „Siehst Du, ich bin wirklich nicht klein. Ich bin fast so schwer wie Finja. Ätsch!!!“
  2. Ein schlechtes Gewissen hatte ich, weil wir so wenig für die Schule in den Ferien geübt hatten. Die Pause bis weit nach Ostern kam mir viel zu lang vor. Um so mehr habe ich mich gefreut, dass Nadeschda dennoch ihre 1 x 1 Reihen konnte, besser als zu Schulzeiten. Und Maxim scheint sich nun doch mit der deutschen Rechtschreibung endgültig anzufreunden beziehungsweise sie zu verinnerlichen. Wenn er ganz bei der Sache ist, dann macht er keinen einzigen Fehler. Das war sehr beruhigend. Anscheinend ist es manchmal doch gut, die Dinge einfach absacken zu lassen, sie sich im Inneren verankern zu lassen, um sie dann wieder hervorholen zu können, besser als zuvor.
  3. Die Kinder und ich haben unseren Garten nun endgültig hübsch und sommertauglich gemacht. Wir haben endlich unser Gemüsebeet bepflanzt, neben vielen Blumen und Kräutern. In diesem Jahr versuchen wir es einmal wieder mit Paprika, Gurken und Salat, nachdem uns im vergangenen Jahr die Rüben einfach in der Hitze und der Trockenheit – auch wenn wir fleißig gegossen hatten – , einfach vertrocknet waren. Wir ernteten nur noch verschrumpelte Minirüben. Nun sind wir gespannt, wie es sich in diesem Jahr entwickeln wird.

Morgen beginnt nun wieder die Schule. Auch hier werde ich auf den letzten Drücker heute Abend die Sachen packen. Denn nun feiern wir erst einmal die Heilige Kommunion der Kinder unserer Freunde. Habt einen wunderbaren ruhigen Sonntag. Das Wetter lädt ja eher zum Couchverweilen ein. Startet gut in die neue Woche, mit einem gelungenen Ferienende!

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„Aber mit Deinen Emotionen bist Du allein…“ – Gedanken zur Wurzelsuche meiner (Adoptiv-)Kinder

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Photo by Yulia Gambold on unsplash.com

Bevor ich mit Maxim nach Moskau flog, war eine liebe Freundin zu Besuch. Zunächst fragte sie: „Und bist Du aufgeregt?“ Ich antwortete zögerlich. Sie setzte nach, oder fasste vielmehr das zusammen, was mir seit Tagen durch Kopf und Bauch ging: „Aber mit Deinen Emotionen bist Du allein….“ Ja, genauso war es, und es war eine Achterbahn der Gefühle, die erst in Moskau endete. 

Auch wenn diese Reise mit Maxim für ein paar Tage nach Moskau auf der einen Seite ein erster Schritt in Richtung „Wurzelsuche“ war, so war es doch hauptsächlich eine kleine „Kulturreise“. Wir besuchten kein Kinderheim, wir kehrten nicht zu alten Plätzen, an denen vor etlichen Jahren wichtige Entscheidungen getroffen wurden, zurück. Wir schauten uns „bloß“ ein wenig Moskau an, tauchten ein in diese unermeßlich große russische Metropole, erlebten ein wenig Russland. Weniger das „typische“, das wirkliche  Russland, das uns in anderen Städten begegnen würde. Dennoch war diese Reise dann doch im Vorfeld mit vielen Emotionen verbunden gewesen. 

Da brachen auf einmal alte Erinnerungen auf, an unsere erste Einreise nach Russland, an die Tage, an denen wir Maxim und Nadeschda zum ersten Mal im Kinderheim begegneten, an unser Gerichtsverfahren, an all die Stempel, die wir sammeln mussten, an die Angst bei der Ausreise in dieser so furchtbar überfüllten Abflughalle, in dieser fast unerträglichen Hitze, die Angst, dass unser Familienplan doch noch einmal scheitern könnte. Nicht zuletzt auch durch mein „gesundheitliches Problem“, dass der eine Arzt neulich ja nicht lösen konnte, und der einzige Arzt hier im Umfeld, der es vielleicht lösen kann, derjenige ist, der mich bei meinen Fehlgeburten operiert hat, wurde wieder die Erinnerung an die Bitternis und den Schmerz über die eigene Kinderlosigkeit wach. Und dann waren da die Gedanken an die Sorgen, ob es mir gelingen würde, meine Kinder, die mir anvertraut wurden, wirklich gut ins Leben zu begleiten. Ja, manchmal ist das Leben mit ihren niemals endenden Bedürfnissen, mit immer neuen Herausforderungen anstrengend. Es kostet Kraft und Energie, die ich vielleicht manchmal gar nicht ausreichend habe. Manchmal fühle ich mich so, wie die wunderbare Sherrie Eldridge es einmal wieder in einem so ehrlichen Post über die Wut in Adoptivkindern geschrieben hat, den ich hier gerne mit Euch teilen möchte. Am meisten hat mich ein Satz berührt, in dem sie von den Adoptivmüttern spricht: „They’re in a war they never chose, in a place they don’t belong, and in an ocean that is life-defying.“ Ja, ich habe diesen „Krieg“ niemals gewollt. Vielleicht ist das Wort auch zu heftig. Es ist ein Kampf, aber kein Krieg, auf den ich mich niemals wirklich vorbereitet fühlte. Auch wenn uns die Bedürfnisse von Adoptivkindern hinreichend im Vorfeld der Adoption geschildert wurden, und ich so viel vorher gelesen hatte, aber wirklich ermessen, was das heißt und was es bedeutet, und wie es sich eben anfühlt, das passiert erst, wenn man tatsächlich drinsteckt, im wahren Leben mit zwei Adoptivkindern. 

So war ich nun auch mit meinen Ängsten und Sorgen vor der Russlandreise alleine. Aber dann gibt es eben doch Freunde, die das irgendwie erahnen und vermuten. Das tat gut. Und am Ende waren die Tage in Moskau mit Maxim mehr als versöhnlich. Viele Ängste lösten sich in Wohlgefallen auf. Angefangen von der Einreise über das Nichtkennen der russischen Sprache und dem sich Zurechtfinden in einer 18 Millionen-Metropole und das sich Bewegen in einer Stadt, die alles andere als sicher gilt bis hin zur Ausreise. Meist ist es heilsam, die Ängste zu konfrontieren und durch sie hindurch zu gehen. Die Einreise war eher unspektakulär, nach kaum 30 Minuten nach Verlassen des Flugzeuges, waren wir eingereist, hielten unsere Koffer in der Hand und standen unserem Fahrer zum Hotel gegenüber. Nach einem Tag hatte ich die russischen Buchstaben wieder alle parat, erinnerte Wörter und begann mich nicht mehr so fremd zu fühlen in dieser unermesslich großen Metropole Moskau. Auch in ihr hat sich seit unserem letzten Aufenthalt sehr viel getan. Erst dachte ich, es wäre meine verklärte Erinnerung. Aber dem war nur bedingt so. Denn mittlerweile hatte das Land auch eine Fussball-WM hinter sich, in dessen Vorfeld sehr viel Geld investiert wurde, um die Austragungsorte schön und sicher zu machen. Und das auch mit Erfolg. Die Innenstadt von Moskau ist heutet so unglaublich sauber und schön. Und eben sicher. Oder zumindest wird das Gefühl von Sicherheit erfolgreich vermittelt. Ja, es gibt viel Sicherheitspersonal und eine hohe Polizeipräsenz, dennoch fühlte ich mich nicht überwacht, sondern eben „beschützt“. Maxim und ich fanden uns gut zurecht, genossen unsere Zeit, nahmen die vielen Eindrücke auf, waren fasziniert und überwältigt. Mit den Tagen kamen wir immer besser zurecht, fanden unsere Wege durch die Stadt, entwickelten immer mehr Entdeckergeist. Gerne wären wir länger geblieben. Doch es war gut, so wie es war. Bei unserem nächsten Besuch werden wir mutiger sein, noch mehr auf eigene Faust erkunden, jetzt wo wir ein erste kleines Gefühl für diese Stadt haben. 

Viel Angst ist gewichen in diesen Tagen, nicht nur vor dieser unberechenbaren 18 Millionen Metropole Moskau, auch vor diesem so unermesslich großen und faszinierenden Land Russland und letztlich auch vor der Suche nach den Wurzeln meiner Kinder…. vielleicht war deshalb auch der Besuch in der Christ-Erlöser-Kathedrale so erhebend und befreiend….