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Schwierige Liebe – Über das Bindungsverhalten von Adoptivkindern

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Alex Blajan, unsplash.com

In Vorbereitung auf unsere Adoption zeigte eine Seminarleiterin uns einen Teddybären. Er hatte unzählige abgeschnitten Fäden an Armen und Beinen. „So wird ihr Kind zu ihnen kommen,“ erläuterte sie uns, „mit all seinen abgeschnittenen und gekappten Bindungen, die aus seinem früheren Leben nicht weitergingen. Seine leiblichen Eltern, möglicherweise Geschwister, Erzieherinnen im Heim, die irgendwann nicht mehr da waren, andere Kinder aus der Heimgruppe, die aus welchen Gründen auch immer irgendwann nicht mehr da waren etc. etc. etc.“ An diesen Teddybären muss ich in der letzten Zeit wieder denken.

Es steht außer Frage, dass meine Kinder ein verletztes Bindungsverhalten hatten, als sie zu uns kamen. Das brachte ihre Geschichte mit sich. Genauso wie sie kein Urvertrauen entwickeln konnten, haben sie auch nicht lernen dürfen, sich an eine verlässliche Bezugsperson zu binden. Beide zeigten Verhaltensmuster von unsicher vermeidender Bindung, wie in der Fachliteratur Bindungstypen bei Kindern klassifiziert werden, (sie demonstrieren eine Pseodunabhängigkeit, bzw. Autonomie und ein zuweilen auffälliges Kontakt- und Vermeidungsverhalten) und einer unsicheren ambivalenten Bindung (ein Schwanken zwischen klammerndem und aggressiv-ablehnendem Verhalten).

Als Maxim und Nadeschda zu uns kamen, taten wir all das, zu dem uns Adoptionsspezialisten und die Fachliteratur geraten hatten: In den ersten Wochen begaben wir uns in die Isolation. Nur wir vier waren ständig zusammen. Kontakte zu Freunden oder anderen Familienmitgliedern gab es kaum und wenn dann nur nach und nach und immer wohl dosiert bei uns Zuhause. So sollten Maxim und Nadeschda lernen, dass Richard und ich ihre wichtigsten Bezugspersonen sind, dass wir immer für sie da sind. Genauso waren Richard und ich die einzigen, die alle „intimen Alltäglichkeiten“ mit ihnen verrichteten. Nur wir wuschen sie, nur wir gaben ihnen zu essen, nur wir zogen sie an, nur wir gingen mit ihnen auf die Toilette, nur bei uns gingen sie an der Hand, nur wir brachten sie ins Bett. Erst nach Monaten ließen wir auch Dritte, wie unsere Kinderfrau oder meinen Bruder, einzelne Aufgaben der Fürsorge übernehmen. Und auch heute noch, Jahre danach ist es ein ungeschriebenes Gesetz zwischen Richard und mir, dass wir maximal an einem Abend in der Woche Maxim und Nadeschda von unserer Kinderfrau oder Daniel ins Bett bringen lassen. Die Konsequenz mit der wir das taten, schien sich auszuzahlen. Denn unsere Kinder schienen recht bald schon an uns gebunden zu sein. Lange glaubten wir, auf einem guten Weg zu sein.

Wenn ich heute in einem Seminar sitze und etwas über die Bindung von Adoptivkindern höre, muss ich manchmal müde lächeln. Da werden die vier unterschiedlichen Bindungstypen erläutert und empfohlen, genau das zu tun, was ich eben beschrieben habe. Auch den Rat, die Entwicklung des Bindungsverhaltens nachzunähren, haben wir befolgt. Wir sind mit Maxim und Nadeschda zurück in ihr Babystadium gegangen – vielleicht bei Maxim zu wenig – aber dennoch wir haben es getan. Doch dem Optimismus, dass nach wenigen Monaten oder einem Jahr, so eine stabile Bindung zwischen Adoptivkindern und -eltern entsteht, kann ich heute nicht mehr teilen.

Bindungsarbeit hört nicht auf. Auch Jahre danach noch brechen immer einmal wieder alte Wunden auf, und unsere Kinder stellen die Bindung an uns Eltern in Frage. Maxims Wutanfälle sind ein Beispiel dafür, genauso wie Phasen, in denen er den Blickkontakt meidet, mich ignoriert. Nadeschdas Verlustängste, ihr Klammern an mich, um mich dann im nächsten Moment wieder wegzuschieben, ein anderes Zeichen. Manchmal liegt es auf der Hand bei genauerer Betrachtung, warum wieder alte Verletzungen berührt wurden, wie bei meinem Zuspätkommen . Manchmal bleibt mir die Ursache auch über Wochen verborgen. Ich kann dann nur versuchen, meinen Kindern sklavisch penible Verlässlichkeit und Sicherheit zu bieten, wieder zurückzugehen in das Nachnähren früherer Zeiten. Ihnen in jeder Sekunde zu zeigen, dass ich für sie da bin, dass ich sie halte, dass ich nie aus dem Kontakt mit ihnen gehe, egal wie schwierig es vielleicht auch sein mag. Für mich ist die „Bindungsarbeit“ bei Adoptivkindern ein lebenslanger Prozess. Ich wage zu bezweifeln, dass er jemals abgeschlossen werden kann.

Auf der anderen Seite ist er für mich ein Lehrstück in absoluter bedingungsloser Liebe. Er lehrt mich Demut und Achtsamkeit. Und die dann manchmal überraschenden Liebesbekundungen meiner Kinder erfüllen mich mit großer Dankbarkeit. Wenn Maxim mir seinen Hosentasche mit Steinen ausleert und sagt: „Mama, die habe ich alle nur für Dich gesammelt. Für Dich ganz allein, meine Supermama.“ Oder wenn Nadeschda mir in der Schulmensa entgegenläuft und aus vollem Halse ruft: „Meine Mami!“ Dann muss ich wieder an den Teddy denken. Ich lächle innerlich und spüre, dass er auch mit seinen vielen abgeschnittenen Fäden langsam zur Ruhe kommt und neben den vielen losen Enden neuer Halt  mit neuen fest verknüpften Fäden wächst.

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23. Juli – Danke

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In ein paar Tagen jährt sich die Ankunft von Maxim und Nadeschda, meiner Kinder. Ein ganzes Jahr, zwölf Monate, 52 Wochen mit vielen Höhen und einigen Tiefen liegen hinter uns. An vielen unsere Momente und Erfahrungen aus diesem ersten Jahr als Adoptivfamilie habe ich Euch teilhaben lassen. Es hat mich sehr berührt, wie viele hier mit gelesen, mit gefiebert, mit gefühlt haben. Dafür danke ich Euch von Herzen! Es hat mich bestätigt, dass es richtig ist, was ich mit diesem Blog angefangen habe. Und deshalb dies gleich vorab: Es wird weitergehen!

Mittlerweile sind vier weitere Jahre sind  gemeinsam mit unseren Kindern vergangen. Wir haben uns als Kleinfamilie nach den Höhen und Tiefen des ersten Jahres gefunden, sind in unserem Familienalltag angekommen. Hinter uns liegen unzählige wunderbare Tage mit Maxim und Nadeschda. Das Gefühl „Das sind unsere Kinder!“ ist zur Normalität geworden. Die Adoption und unsere Geburtswehen als Familie liegen weit zurück.

Mit vielen Umwegen, Abzweigungen, vielen Höhen und Tiefen haben wir in diesen Jahren unseren Weg gefunden, der uns in den kommenden Jahren leiten wird. Wir werden weiter als Familie zusammenwachsen. Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke und innehalte, so breitet sich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit aus, Dankbarkeit für meine Kinder und für all das, was ich bisher durch sie und mit ihnen habe lernen dürfen.

Den Wahnsinn des ganz normalen Familienalltags zu ertragen und lieben zu lernen; die Verantwortung, zwei Kinder mit besonderen Bedürfnissen auf ihrem Weg groß zu werden zu führen und zu begleiten; meinen Kindern die Nähe und das Verständnis zugeben, die sie brauchen, manchmal bis zur eigenen emotionalen Selbstaufgabe; als Paar und als Familie zusammenzuhalten, wenn das Umfeld einen alleine lässt; zum Experten zu werden, wenn es um die richtige medizinische oder therapeutische Behandlung der eigenen Kinder geht; Vorurteile zu überwinden, um die bestmögliche Begleitung und Förderung für Maxim und Nadeschda zu finden; das Bewusstsein und das Selbstvertrauen zu haben, allein zu wissen, was meinen Kindern gut tut. Über die Jahre habe ich verinnerlicht, dass die emotionalen Amplitudenausschläge meiner Kinder um ein Vielfaches höher sind als bei leiblichen Kindern. Oft sind sie ein „Fass ohne Boden“, deren Bedürfnisse nach Nähe und Sicherheit nie gestillt zu werden scheinen. Gängige Erziehungsmethoden werden niemals funktionieren. Und die Entwicklung meiner Kinder ist selten „normal“. Sie werden immer ein „Mehr“ brauchen. Mehr Halt, mehr Sicherheit, mehr Verlässlichkeit, mehr Fürsorge, mehr Zuneigung. Und absolute bedingungslose Liebe.

Zum ersten Mal spüre ich, dass ich in meiner Rolle und Aufgabe als Mutter – als Adoptivmutter – angekommen bin. Maxim und Nadeschda den Himmel zu geben, nach dem sie sich strecken, ist meine Lebensaufgabe. Ich habe diese Bestimmung angenommen. Nach vier Jahren habe ich das Gefühl, dass ich dieser Herausforderung gerecht werden kann. Viel ist passiert in diesen vergangenen Jahren, die mich haben in meinen Erfahrungen wachsen lassen. Es gibt viele Themen rund um das Adoptivmutter sein, aber auch Mutter sein und Kinder in das Leben hineingeleiten, die ich in meinem Kopf und meinem Herzen bewegt habe. Einiges davon möchte ich Euch hier weitergeben. Insofern werde ich diesen Blog fortsetzen, doch in etwas anderer Form ab dem Herbst. Bis dahin dürft Ihr Euch in den Sommermonaten auf ein paar Kolumnen und „Sommergedanken“ von mir freuen.

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15. März – Meine wunderbare Patchwork-Familie

Die formvollendete Fassade war meiner Stiefmutter Elvira immer sehr wichtig. Familie war für sie ein starres formales Konstrukt, in das man sich einfügen musste, ob man wollte oder nicht. Hier galten für sie die unverrückbaren Maßstäbe und Regeln der 08-15 Mittelstands-Spießer Gesellschaft. Alles passierte, weil man es so tat, weil man so sein wollte, wie die wohlhabende Freundin drei Häuser weiter, weil der Nachbar, der jeden Samstag sein Auto wusch und seinen Rasen mähte, es von einem erwartete. Als Frau machte man zwar eine Ausbildung, suchte sich aber einen wohlsituierten Mann zum Heiraten, bekam schnell einen ganzen Sack voller Kinder und bemühte sich dann als gestresste Hausfrau und Mutter um einen Teilzeitjob, damit man wenigsten sagen konnte, dass man arbeitete. Das große Haus mit Garten und Zimmern für jedes Kind musste dann schnell in einem repräsentativen Vorort her. Es wurde, wie man es als Mittelstandsfamilie tat, nach dem neusten Segmüllerkatalog eingerichtet. Die Rolf Benz Couch war zwar nicht wirklich schön, aber sie galt als Statussymbol. Das eigene Pferd zum privaten Zeitvertreib war der willkommene Ausgleich für das fehlende Cabrio, das einfach mit drei Kindern unpraktisch gewesen wäre.  Kinder waren nur Staffage und hatten sich in das starre Regelkonzept einzufügen. Wenn wir Kinder, vor allem ihre Stiefkinder, in ihrem Familienspiel nicht mitspielten, war Krach vorprogrammiert. Daniel und ich hatten selten mitgespielt. Nicht weil wir nicht wollten, sondern weil ihre Erwartungen uns so fremd waren.

Mit der Adoption von Maxim und Nadeschda hatte ich Elviras Fassade einen mächtigen Riss zugefügt. Denn in ihrer Welt gab es keine ungewollte Kinderlosigkeit und zwei Kinder auch noch aus Russland zu adoptieren, passte nicht in ihr Familienbild. Zwei Russenkinder zu ihren Enkeln zu machen, grenzte bald schon an eine Unverschämtheit. Mit der Einladung zur Taufe von Maxim und Nadeschda wollte sie den Riss wieder zu schmieren und versuchen zu einer formvollendeten Normalität zurückzukehren. Mit einem Minimum an Einsatz sollten wir wieder heile Familie spielen. Doch ich machte es ihr nicht so leicht, wie sie gehofft hatte. Ja, Richard und ich hatten uns nach dem Besuch meines Vaters nach Weihnachten dazu durchgerungen, ihn und seine Familie sowie genauso meine Mutter zur für April geplanten Taufe einzuladen. Mein Vater und seine Familie sollten am Vortag der Taufe, wenn möglich anreisen, würden mit uns schon im Hotel, in dem die Taufe stattfinden sollte, übernachten, und die Taufe wäre nach dem Mittagessen am frühen Nachmittag so beendet, dass alle Gäste noch entspannt nach Hause reisen könnten. Doch ich hatte es gewagt, Bedingungen an die Einladung zu knüpfen. Elvira musste uns mit meinen Halbgeschwistern vor der Taufe besuchen, damit Maxim und Nadeschda sie kennenlernen konnten und nicht bei der Taufe zum ersten Mal sahen. Elvira prompte Absage kam am vergangenen Sonntag, einen Tag nach Renates Rückkehr aus dem Krankenhaus, formvollendet per mail, mit einem Ton und einer Wortwahl, die jegliche Benimmform verlassen hatte. Natürlich schilderte sie in ihrer unnachahmlichen Art, wie viel Mühe sie sich immer gegeben hatte, wenn wir zu Besuch kamen; es wurden keine Kosten und Mühen gescheut. Ihnen jetzt zuzumuten, an einem Tag mehrere hundert Kilometer hin- und her zufahren, wäre kaum zumutbar. Und dann wären sie ja auch noch am Abend vor der Taufe alleine im Hotel untergebracht. Ein Besuch vorab sei schon gar nicht darstellbar. Die Kinder müssten ja für Klausuren lernen und sich auf die Führerscheinprüfung vorbereiten. Und überhaupt, wozu dieser ganze Stress? Spannend fand ich ihre Schlussbemerkung, die eigentlich alles zusammenfasste: „Wie hättest Du auf eine Einladung unsererseits in dieser Form reagiert? Richtig, Du hättest abgesagt. Wir alle sind sehr enttäuscht. Mit der Einladung hast Du erst mal einen Scherbenhaufen hinterlassen. Die Taufe wird leider ohne uns stattfinden. Der Ball ist in Deinem Feld, vielleicht schaffst Du es ja noch, ihn für Deine Kinder aufzuheben und die Familie, die zwanzig Jahre für Dich da war zusammenzuführen.“ Besser kann man nicht die Schuld und Verantwortung wegschieben, dachte ich. Doch ich war im ersten Moment zu konsterniert, um überhaupt irgendwie zu reagieren.

Das übernahm Richard für mich. Als ich ihm Elvira Absage zeigte, tobte er, griff sofort zum Telefonhörer und rief meinen Vater und Elvira an. Doch anstatt die Missverständnisse, auf denen ihre Absage beruhte, aus dem Weg räumen zu können, wurde die Situation nur noch absurder. Seltsam mutete die Bemerkung meines Vaters an, dass wir doch Verständnis für seine und Elviras Empfindlichkeit haben sollten, denn sie müssten sich immer noch an den Gedanken der Adoption von Maxim und Nadeschda gewöhnen. Da waren sie wieder die Vorurteile, unausgesprochen, aber dennoch mit einer peinlichen Berührtheit. Allmählich machte sich bei mir blanke Wut breit. Wenn überhaupt, dann hätte ich nun einen Grund gehabt, diesen Teil meiner Herkunftsfamilie von der Taufe auszuladen, denn sie dachten nicht im entferntesten daran, sich an unsere Bitte, Maxim und Nadeschda vor der Taufe zu besuchen und kennenzulernen, zu halten. Das war respektlos. Nach Elviras seltsam irritierenden und an zahlreichen Stellen unwahren Absage lag wohl kaum mehr ein Ball in irgendeinem Feld, sondern hatte mit einem gewaltigen Tritt unser Universum verlassen. Elvira hatte einen offenen Bruch geschaffen, die Taufe war nur der willkommene und wohl inszenierte Anlass gewesen, auf den sie zwanzig Jahre gewartet hatte.

Ich habe Konflikte nie gemocht. Aber dieser hier war wohlmöglich nach all den Jahren fällig, offen ausgetragen zu werden. Je länger ich ihre Taufabsage vor mir sah, um so stärker wurde meine Wut auf sie. Ich hatte die Schnauze voll von diesem ganzen formvollendeten Familienspiel. Ich hatte Elvira nie gemocht, von dem ersten Augenblick an, an dem ich sie vor all den Jahren kennenlernen musste. Doch ich hatte versucht, mich mit ihr als Frau meines Vaters zu arrangieren. Jetzt hatte sie den Bogen überspannt. Es war der Punkt gekommen, an dem sie endlich die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen hatte. Ich war nicht mehr bereit, mich ihr gegenüber irgendwie zu verbiegen. Ich tat das, womit ich sie am meisten traf: Ich schwieg und strich sie aus meinem Leben.

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Auslandsadoption in Russland – Charlotte berichtet

Auf dem wunderbaren Blog „FamilieBitte“ könnt Ihr seit gestern mein Interview lesen, dass die tapfere FrauBitte mit mir über unsere Adoption unsere zwei Kinder in Russland, unsere Empfindungen und Erfahrungechildren-209779_1920n während des Adoptionsprozesses und unser Leben als Adoptivfamilie geführt hat. Ein großer Dank an FrauBitte!

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Moskau, in der Nacht zum 29. Juli

Fühlt sich so Glück an? Ich kann nicht schlafen. Es ist drei Uhr nachts, draußen sind es immer noch 35 Grad, die Luft steht in der Stadt, die Klimaanlage in unserem Hotelzimmer funktioniert nicht. Ich bin erschlagen von der langen Reise hierher, und kann dennoch nicht schlafen. Unter den kritischen Blicken des Nachtwache schiebenden Zimmermädchens bin ich in das Treppenhaus des Hotels geflüchtet, wo man rauchen darf und nehme einen Zug an meiner Zigarette. Durchatmen. Im Hotelzimmer ringt Richard mit Maxim um ein wenig Schlaf. Weinen, Toben, sich Rumwälzen, in den Arm genommen werden wollen und Richard wieder wegstoßen wechseln sich mit einander ab. Nadeschda schläft, dies aber unruhig. Jetzt sind wir eine Familie. Glauben kann ich das immer noch nicht. Ich habe immer noch Angst, dass irgendetwas passiert, plötzlich irgendjemand vor der Türe steht und uns die Kinder wieder wegnimmt. Vielleicht werde  ich ruhiger, wenn wir morgen in der Lufthansa-Maschine nach Deutschland sitzen. Morgen früh wird Richard auf die Deutsche Botschaft gehen, um das Einreisevisum für Nadeschda und Maxim zu besorgen. Am Nachmittag fliegen wir endlich nach Hause. In die Angst mischt sich das Gefühl von Unwirklichkeit. So groß die Sorge ist, dass jetzt doch auf den letzten Metern noch etwas schief läuft, so wenig kann ich begreifen, dass Maxim und Nadeschda nun unsere Kinder sind. Ich habe noch nicht realisiert, dass sie wirklich mit uns nach Deutschland kommen und für immer bei uns bleiben werden. Wie wird sich nun unser Leben als Familie, mein Leben als Mutter entwickeln? Keine Ahnung! Da hilft auch nicht die beste Vorbereitung. Alles, was ich mir vorher in der Theorie in meinem Kopf ausgemalt habe, ist ausradiert. Ein weißes Blatt liegt vor mir, dass neu beschrieben werden will. Doch im Moment überwiegt die Leere. Oder ist es auch ein Stück weit Ernüchterung? Spüre ich jetzt zum ersten Mal bewusst die Folgen unseres akribischen Handelns der letzten Monate? Wir haben jetzt zwei Kinder! Mit ihnen sind wir auf Gedeih und Verderb verbunden, ihr Leid wird unseres sein und genauso ihre Freuden. Das Leben, das wir bis zum gestrigen Tag gelebt haben, ist für immer beendet. Was haben wir uns und vor allem auch Maxim und Nadeschda damit angetan?

Abholen im Kinderheim 

Ich lasse den Tag vor meinem inneren Auge Revue passieren. Am späten Vormittag kamen wir im Kinderheim an. Schon da brannte die Sonne unermüdlich und es war klar, dass es ein unerträglich heißer Tag werden würde. Auch bei dieser letzten Fahrt in das Kinderheim blieben uns Formalitäten nicht erspart. Ein letztes Gespräch mit der Heimleiterin, die sich über unsere Geschenke freute und für uns noch auf einem Foto posierte. Ein letztes Treffen mit der Sozialarbeiterin, die sich nur ungern fotografieren ließ, aber auf die Unterzeichnung der letzten Dokumente bestand. Die anschließende „Übergabe“ unserer Kinder verlief professionell und ruhig, als fände so etwas täglich statt. In einem Besuchsraum warteten wir auf unsere Kinder. Zuerst tauchte Maxim auf. Frisch gebadet wurde er von einer seiner Erzieherinnen gebracht. Er war nur mit einer Unterhose und Socken bekleidet. Mehr durfte er nicht mitnehmen. Das war alles, was ihm von seinem Aufenthalt im Heim blieb, in dem er bis zu diesem Tag zehn Monate, also fast ein ganzes Jahr und damit ein Drittel seines bisherigen kleinen Lebens verbracht hatte. Zusammen mit Richard zog ich ihm sein T-Shirt und eine kurze Hose an, die wir für ihn mitgebracht hatten. Maxim ertrug dies alles stumm und ohne eine emotionale Regung. Doch aus seinen Augen sprach deutlich die Unsicherheit, was nun mit ihm passieren würde. Wenige Augenblicke später brachte man uns Nadeschda. Nackt, nur mit einer Windel bekleidet. Bereitwillig ließ sie sich von mir anziehen. Auch sie schien verwirrt zu sein, begriff nicht, wie ihr geschah. Aus ihrem Gesicht sprach aber weniger Angst als Neugier. Nachdem sie mich kritisch beäugt hatte, kam sie bereitwillig in meine Arme und lehnte sich schutzsuchend an mich. Schnell machte unsere Übersetzerin noch ein Abschiedsfoto mit den Erziehrinnen, dann verließen wir das Kinderheim in Richtung Flughafen.

Ankunft in Moskau

Die folgenden Stunden waren so voll von neuen Eindrücken, dass Maxim und Nadeschda keine Gelegenheit blieb, inne zu halten und Gefühle wie Angst oder Abschiedstrauer zuzulassen. Der Flughafen mit seinen Flugzeugen und der anschließende Flug waren für Maxim so aufregend und spannend, dass ihm diese Eindrücke über die Angst vor dem Ungewissen hinweghalfen. Nadeschda war im Flugzeug von all den äußeren Reizeinflüssen – und den subtropischen Temperaturen – so erschlagen, dass sie bald in Richards Schoß einschlief. Hatte ich mich auf schreiende und tobende Kinder vorbereitet, wurde ich mit dem Gegenteil belohnt. Erst im Hotel in Moskau brachen Müdigkeit, Erschöpfung und Trauer über die Kinder hinein. Zunächst schienen beide Kinder übermannt von Müdigkeit schnell einzuschlafen. Doch die Ruhe täuschte. Denn nach einer Stunde wachte zunächst Nadeschda immer wieder auf und jammerte leise. Neben der unerträglichen Hitze im Zimmer, die sie wohlmöglich nicht schlafen ließ, schienen auch unruhige Träume sie zu quälen. Nach einer Weile übermannten sie wieder Müdigkeit und Erschöpfung. Genauso begann Maxim nach einer Weile, im Schlaf zu weinen und zu jammern. Er wälzte sich unruhig im Bett herum, fand keine richtige Stellung, in der er wieder tief einschlafen konnte. Irgendwann gaben wir Eltern auf und entschieden, dass es das Beste sei, wenn wir uns zu den Kindern legten. Denn letztendlich waren wir genauso erschlagen von den Ereignissen des Tages. Und am kommenden Morgen würde uns ein weiterer anstrengender und langer Tag erwarten. Doch an Schlaf war nicht zu denken. Denn zwischen uns lag Maxim, der sich immer wieder herumwälzte, jammerte, weinte, sich wehrte, in den Arm genommen zu werden, noch mehr weinte und nicht zur Ruhe kam. Bis zum jetzigen Moment, wo ich diese Zeilen in diesem stickigen kahlen Treppenhaus schreibe. Wird das nun jede Nacht so ablaufen? Wie wird der morgige Tag werden? Was haben wir diesen beiden Kindern nur angetan? Wir haben ihnen ihre Wurzeln genommen, sie aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen, sie in dieses Hotel in Moskau gebracht, um morgen mit uns nach Hause zu fliegen. Es ist zwar unser Zuhause aber – noch – nicht ihres. Was muten wir den beiden nur alles zu? Eine neue Sprache, eine neue Kultur, unzählige fremde neue Eindrücke, eine andere neue unbekannte Umgebung, in der sie nichts mehr an ihr vorheriges Leben erinnert; und vor allem: Fremde Bezugspersonen. Selbst Maxim und Nadeschda kennen sich nicht mehr, denn sie hatten zu lange getrennt von einander im Heim gelebt. Zum wiederholten Male müssen sie nun in ihrem kurzen Leben noch einmal mit allem ganz von vorne beginnen.