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„Russland entdeckt seine verlassenen Kinder…“

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Danke an Pixabay

In der Neue Zürcher Zeitung erschien vorgestern ein für mich höchst interessanter Artikel zu Russlands Reform und Sanierung seiner Kinderheime und Einführen eines Pflegewesens für Waisenkinder, um das Verbot internationaler Adoptionen (zumindest mit einigen Ländern) aufzufangen. Der Artikel „Russland entdeckt seine verlassenen Kinder“ schildert zwar teilweise kritisch die Auswüchse des Pflegefamiliensystems, doch für mich räumt er vor allem mit den Vorurteilen über russische Kinderheime auf. Und er stellt ebenso eine wachsende engagierte Zivilgesellschaft, die viel daran setzt, Russlands Kinder, die aus welchen Gründen auch immer zu Sozialwaisen geworden sind, in ihrer Heimat zu halten und ihnen dort eine Zukunft zu ermöglichen, in den Blickwinkel des Interesses.

In meinen Augen wird hier das bestätigt, was mir schon bei der Adoption unserer Kinder klar war: Für eine Nation, die die Familie und ihre Kinder an erste Stelle stellt, mussten internationale Adoptionen immer einer sozialen Bankrotterklärung gleichkommen. Es erscheint nachvollziehbar, dass es Russland schmerzte, dass diese Nation nicht in der Lage war, für ihre vielen Kinder zu sorgen. Offensichtlich lösten die Russen dieses Dilemma so auf, dass internationale Adoptionen nur dann stattfinden konnten, weil die Kinder auf dem Papier kränker gemacht wurden, als sie tatsächlich sind. Nur so konnte man die Abgabe von Kindern ins Ausland vor dem nationalen Gewissen legitimieren. Doch wünschte sich die russische Seele, eine große heile Familie zu sein und sich um alle ihre Kinder kümmern zu können. Ich empfand es als beruhigend, dass sich nun in Russland Entwicklungen abzeichnen, besser und fürsorglicher für ihre „verlassenen“ Kinder zu sorgen.

Den Hinweis zum NZZ-Artikel fand ich auf dem Blog vom PFAD Bundesverband.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (52)

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Photo by Artem Kovalev on unsplash.com

52 Wochen Sonntagslieblinge! Kaum zu glauben. Und immer wieder werden sie von Euch gelesen… Das ist schön und das freut mich sehr! – Wieder liegt eine ereignisreiche Woche hinter uns. Es tut so gut, zu sehen, dass sich die zuweilen großen Mühen „auszahlen“, dass die Saat aufgeht, wächst, blüht und gedeiht. Und gerade Maxim und Nadeschda wachsen so unglaublich in den letzten Wochen. Deshalb sind dies heute meine drei Sonntagslieblinge:

  1. Nadeschda kommt allmählich in der Schule an. Ganz langsam. Aber es geht voran und sie kämpft, kämpft jeden Tag und freut sich inzwischen genauso über die kleinen Fortschritte wie ich. Die Hausaufgaben zu erinnern, war am Anfang ein großes Problem. Nach ein paar Tagen habe ich einfach beim Abholen an die Tafel in ihrem Klassenraum geschaut, was da angemalt war. So wusste ich, was sie Zuhause machen musste. An diesem Freitag kamen wir in den Klassenraum und die Tafel war geputzt. Oh je, keine Hausaufgaben. Doch Nadeschda sagte: „Nein, warte Mama.“ Sie klappte die Tafel wieder auf, zog sie zu sich hinunter und ging mit ihren Fingern die Tafel entlang. „Genau, Mama, ich hab’s! Die lange Gerade quer malen. Denn sie schläft und dabei wird sie dann nach unten immer kleiner.“ Ich war sprachlos und beeindruckt. Es geht! Und es wird gehen. Jeden Tag ein Stückchen besser!
  2. Maxim verdaut allmählich immer besser die Auseinandersetzungen mit Leander. Beachtlich ist für mich, wie präsent er im Unterricht auf einmal ist. Wie oft hatte ich im vergangenen Schuljahr das Gefühl, dass er dort nur physisch anwesend ist, aber meist dissoziiert und nichts mitbekommt. Auf einmal sitzt er abends auf der Toilette und trällert englische Lieder einwandfrei und fehlerfrei vor sich hin. Dass er im Lesen, Schreiben und Rechnen große Fortschritte gemacht hatte, wusste ich ja. Doch hier konnte ich bisher nicht trennen zwischen dem, was er in der Schule gelernt oder wir zuhause uns erarbeitet hatten. Doch Englisch hatte ich bisher nicht auch noch in unser häusliches Üben integriert. Insofern war dies allein seiner Aufmerksamkeit in der Schule zuzurechnen. Wunderbar!
  3. Das ganze Herkunftsthema hatte im Grunde ein Buch von Kirsten Boie ins Rollen gebracht. „Seeräuber-Moses“ erzählt die Geschichte von einem kleinen Findelmädchen, das nach einem Sturm auf einen Seeräuberschiff von den Seeräubern „adoptiert“ wird. Am Ende aller gemeinsamen Abenteuer stellt sich heraus, dass das Mädchen eine kleine Prinzessin ist. Seit zwei Wochen lesen wir diese Buch abends vor. Maxim konnte es gestern Abend nicht mehr aushalten, wie das Buch ausgeht. Er nahm den fast dreihundert Seiten dicken Wälzer mit in sein Bett und las kurzer Hand den Schluss selbst. Da ist er wohl wie ich, die auch zuweilen das Tabu bricht, und schon einmal die letzte Seite liest. Er las aber die letzten zehn Seiten!

Habt einen wunderbaren Sonntag und einen erfolgreichen Start in die neue Woche!

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Herkunft reloaded: Maxim spricht über seine Adoption

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Photo by Vanessa Bumbeers on unsplash.com

Neulich abends klingelt zu später Stunde das Telefon. Es ist Maxim’s Klassenlehrerin. „Nein, es ist alles in bester Ordnung.“ sagt sie. „Ich wollte Sie nur darüber informieren, dass Maxim nun in der Schule über seine Adoption spricht.“ Das Thema sei damit auch in der Elternschaft angekommen, fährt Maxim’s Klassenlehrerin fort. Denn über die Nachfrage einer Mutter hätte sie erst davon erfahren, dass Maxim nun seine Herkunft benennt. Was genau unser Sohn seinem Klassenkameraden erzählt hat, wissen wir nicht. Müssen wir auch nicht wissen. Werden wir auch nicht nachfragen. Denn entscheidend ist, dass er sich jetzt mit diesem Thema auseinander setzt. Und das ist gut. Das ist wichtig.

Gerade jetzt, wo er in seiner kindlichen Entwicklung mitten im „Rubikon“ steckt, in dem sich das Kind noch einmal anders von seiner Außenwelt abgrenzt und sich neu definiert, seine Herkunft hinterfragt, gesetzte Strukturen und Beziehungen für sich neu definiert. Im „Rubikon“ entwickelt sich beim 9 bis 10-jährigen Kind die zunehmende Fähigkeit zur inneren Distanz. „Das Kind bekommt zu dem, womit es einst so eng verbunden war, ein anderes Verhältnis. Es empfindet unbewusst: Ich bin ein Eigenes, ich bin ein Einzelnes und damit bin ich ein Getrenntes. Das Seelenleben stellt sich auf eine neue Basis. (…) Das 9 – 10 jährige Kind schaut die Autoritäten jetzt durch andere Augen an. Was zuvor eine Einheit war, wird jetzt eine Zweiheit: eine Beziehung zwischen einem Ich und einem Du.“ heißt es dazu in der Literatur. Und an anderer Stelle ist dazu zu lesen: „Mehr als Gefühl tauchen Fragen auf: Mag er mich überhaupt? Mag mich überhaupt jemand? Man fühlt sich einsam und unverstanden. Das Kind braucht Bestätigung und Zuwendung von den nahe stehenden Menschen. Die innere Unsicherheit führt zuweilen dazu, dass man anzweifelt, das Kind seiner Eltern zu sein, man träumt von einer ganz anderen Herkunft, legt sich einen neuen Namen zu.“

Ein paar Tage später hole ich Maxim bei seinem Freund Nikolai ab. Nikolai’s Mutter ist Russin. Bisher weiss sie nichts von der Herkunft unserer Kinder. Glaube ich. Auf der Heimfahrt fragt mich Maxim: „Mama, kannst Du Xenia mal fragen, ob sie mir Russisch beibringen kann?“ – Er hatte den Wunsch im Allgemeinen ja schon einmal geäußert, aber nicht in Verbindung mit einer konkreten Person, geschweige denn so insistierend wie jetzt. – Ich antworte ihm: „Das kann ich gerne machen. Vielleicht wird sie dann aber auch fragen warum. Darf ich ihr das dann sagen?“ Maxim antwortet: “Das weiss sie doch schon längst. Ich habe Nikolai doch schon lange erzählt, dass ich in Russland geboren bin und dass ich zwei Mamas habe.“ Ich bin ein wenig überrascht, vor allem über die Abgeklärtheit und Gelassenheit meines Sohnes. Es scheint, als wäre das alles ganz normal für ihn. Maxim blickt schweigend zum Fenster hinaus. „Wie heißt eigentlich nochmal meine russische Mutter?“ „Svetlana.“ antworte ich. Nach ein paar nachdenklichen Momenten stellt Maxim fest: „Ein schöner Name.“ und schweigt wieder. Zuhause geht er in sein Zimmer und kommt aber nach ein paar Augenblicken wieder zu mir. Er hält einen Zettel in der Hand. „Mama, schau mal, schreibt man so Svetlana? Ich habe es mal aufgeschrieben, damit ich mich besser daran erinnern kann. Und riech mal, ich habe hier etwas Parfüm drauf gesprüht. Vielleicht hat sie ja so gerochen.“ Wir lassen den Augenblick einfach so stehen wie er ist, ohne ihn zu werten, ohne ihn zu kommentieren.

Ich bin dankbar für diesen Moment, der mir zeigt, dass Maxim einen unendlich großen Schritt weiter gegangen ist in den vergangenen Wochen und Monaten. Bisher  hatte er jedes Gespräch um seine russische Mutter schnell beendet mit den Worten „Die ist doch im Himmel, Mama.“ Mehr wollte er nicht hören, konnte er nicht ertragen. Nun geht er den nächsten Schritt der Annäherung. Es ist vielleicht an der Zeit, mit ihm sich der ganzen Geschichte seiner Herkunft anzunehmen. Stück für Stück und immer so viel, wie er zulässt und verträgt.

Ich kann nur hoffen, dass er in der Schule keinen Anfeindungen ausgesetzt wird, dass dieses zarte Pflänzlein, was da nun wächst, nicht wieder zertrampelt wird. Als unsere Kinder begannen, auf diese Schule zu gehen, hatten wir uns bewusst entschlossen, nicht überall die Adoptionsgeschichte zu erzählen. Denn, wie ich ja hier  schon einmal geschrieben habe, ist das soziale Umfeld schnell mit der Tatsache der Adoption überfordert. Zudem wollten wir es Maxim und Nadeschda überlassen, wem sie wie viel von ihrer Herkunft erzählen. Denn es ist in erster Linie ihre Lebensgeschichte. Nun hat Maxim für sich entschieden, über seine Herkunft zu sprechen. Es ist beruhigend, wie normal das für ihn zu sein scheint. Es gibt eben Kinder, die sind in Deutschland in einem Krankenhaus auf die Welt gekommen und leben noch immer bei der Mutter, die sie geboren hat. Und genauso gibt es eben Kinder, die sind adoptiert. Wo ist da also das Problem? Ich wünsche ihm so sehr, dass er sich diese Haltung bewahren kann.

Doch genauso wie wir nun Zuhause die Geschichte seiner Herkunft hegen und pflegen werden, muss ich wahrscheinlich Maxim nun genauso stärken, um mit bestimmten Kommentaren, Fragen oder Anfeindungen umzugehen. Wieder einmal hat Sherrie Eldridge dazu eine schönen und vor allem hilfreichen Post veröffentlicht: „PREPARING YOUR ADOPTED OR FOSTER CHILD FOR SCHOOL BULLIES“ Neben dem Spiel mit den Steinen fand ich die folgenden vier Aspekte sehr hilfreich, um sich gegen Anfeindungen zu wehren:

  1. Geht weg! Dreh dem Fragenden einfach den Rücken zu und gehe weg.
  2. Einfach antworten: „Weißt Du was, das ist sehr privat.“
  3. Die Erfahrung der Adoption teilen und gucken, wie der Gegenüber reagiert. Wenn er verletzend wird, greift wieder Option 1.
  4. Mit Fakten über Vorurteile von Adoptionen aufklären und den anderen somit Mundtot machen. Wenn der gegenüber weiter verletzende Fragen stellt, greift auch hier Option 1.

Am Ende bin ich mir aber gewiss, dass mein Sohn ohnehin in den vergangenen Wochen so stark und selbstbewusst geworden ist, dass er auch hier wieder einmal seinen Weg gehen wird. Unbeirrt, tapfer, mutig und selbstbestimmt!

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Warum Adoptionsbewerberzahlen auch sinken….

Der PFAD Bundesverband hat in dieser Woche auf einen spannenden Beitrag des rbb Berlin auf seinem Blog hingewiesen, in dem die Ursachen für die rückläufigen Bewerberzahlen bei Adoptionen in Deutschland unter die Lupe genommen werden. Im Falle von Berlin, wo die Zahlen drastisch zurück gegangen sind, liegt es auch daran, dass das Jugendamt seine eigenen Praktiken nicht an die inzwischen in Deutschland verbreitete spätere Familienplanung angepasst hat. Aber lest selbst…(hier)

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Wie sich ein Baby fühlt, dass nach der Geburt seine Mutter vermisst…

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„(…) Was there something wrong with me?

Was I ugly? Too little?

Is that why she suddenly whisked me off to a dimly-lit room where pleading and plaintiff cries hovered over me, like smog in LA? (…) “

Unter dem Titel „My Set-Up for Reactive Attachment Disorder“ hat Sherrie Eldridge einen aktuellen Beitrag veröffentlicht, in dem sie die Gefühle eines Neugeborenen beschreibt, dass von seiner Mutter unmittelbar nach der Geburt getrennt wird und zur Adoption freigegeben ist.

Reactive Attachment Disorder, so heißt die Bindungsstörung, die entstehen kann, wenn Säuglinge sofort nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt werden. Diese Bindungsstörung hat mich schon oft umgetrieben. Nicht zuletzt, da wir selbst mit unseren Kindern, auf jede Fall bei Maxim, in einer gewissen Form davon konfrontiert sind. Nicht zuletzt deshalb hat mich auch das Buch von Tina Traster „Rescuing Julia Twice“ so bewegt.

Sherrie Eldridge, selbst Adoptierte und eine führende Beraterin in der amerikanischen „Adoptionsszene“ und in der Adoptionsliteratur hat nun einen Blogbeitrag zu den Anfängen von Reactive Attachment Disorder veröffentlicht, bei dem mir beim Lesen einfach die Spucke wegblieb und die Tränen kamen:

My Set-Up for Reactive Attachment Disorder

Aber lest selbst. Stellt Euch vor, wie es leiblichen Kindern bei der Geburt geht. Und dann wisst Ihr, was gerade den Kindern, die bereits unmittelbar nach der Geburt von ihrer Mutter zurückgelassen wurden, fehlt. Ich denke, treffender kann man das nicht beschreiben. Auch wenn es noch so hart ist, es ist wahrscheinlich die Wahrheit. Denn die Autorin hat es selbst erlebt.

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„Anders Mutter werden“ – neue Rezensionen

cover_anders_mutter-werden_blog„Anders Mutter werden“, mein Buch über unser erstes Jahr als Adoptivfamilie, zieht langsam seine Kreise. Vor allem eine Rezension von Irmela Wiemann, eine der Fachkräfte zum Thema Adoption  – und hier vor allem rund um das Thema Biografiearbeit – hat mich sehr gefreut. Es berührt mich, zu erfahren, dass ich mit meinem Buch den „Nerv“ getroffen habe, und vielleicht tatsächlich einen Beitrag leisten kann für Adoptivfamilien und für all die, die es noch werden.

Wiemann’s Rezension und auch eine weitere von Adoptivsinn könnt Ihr hier auf der Seite des Verlags FamArt lesen.

 

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Von Herkunft und Heimat (3) – Wurzelsuche bei Adoptivkindern

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In Vorbereitung auf ein Seminar mit Adoptivfamilien sagte eine Bekannte zu mir neulich: „Schauen Sie doch als Einführung einen Film.“ Ich zögerte und entgegnete: „An welchen haben Sie denn gedacht?“ „Lion! – Er zeigt sehr schön, wie unterschiedlich Adoptierte auf ihre Wurzelsuche reagieren. Der eine ist von vorne herein „problematisch“, negiert dann aber die Suche nach seiner Herkunft. Den anderen, überaus angepasst, erwischt seine Wurzelsuche mit voller Vehemenz und schickt ihn auf eine emotionale Achterbahnfahrt. Man steckt nicht drin, was die Wurzelsuche mit adoptierten Kindern einmal macht. Und darauf müssen Adoptiveltern vorbereitet sein.“

Noch einmal zur Erinnerung: Basierend auf einer wahren Begebenheit, erzählt „Lion“ von der Suche nach dem Geburtsort und der Mutter des indischen Jungen Saroo. Chronologisch erzählt der Film seine Geschichte. Der fünfjährige Saroo versucht gemeinsam mit seinem älteren Bruder Guddu, die alleinerziehende Mutter nach Kräften zu unterstützen. Eines Abends bleibt der kleine Junge bei der Nachtarbeit jedoch schlafend am Bahnhof zurück – und steigt später in einen Zug, mit dem er ungewollt in die 1600 Kilometer entfernte Metropole Kalkutta fährt. Nach einer von Bedrohungen begleiteten Zeit auf der Straße landet Saroo in einem Waisenhaus. Da er weder die korrekte Bezeichnung seiner Heimatstadt noch den richtigen Namen seiner Mutter nennen kann, wird er zur Adoption freigegeben – und kommt so nach Tasmanien zu dem fürsorglichen Ehepaar Sue und John Brierley, welches bald darauf noch ein weiteres Kind aus Indien adoptiert, den schwer traumatisierten Mantosh. Zwei Dekaden später zieht Saroo nach Melbourne, wo er Hotel-Management studiert. Auf einer Studentenparty entdeckt er die indische Süßigkeit Jalebi, die ihn unmittelbar in seine verdrängte Kindheit zurück katapultiert. Als Saroo seiner neuen Clique von seiner Vergangenheit berichtet, ermutigen ihn seine Freunde, mit Hilfe von Google Earth sich auf die Suche zu begeben. So fängt er an, Berechnungen über seine damalige Zugfahrt anzustellen und seinen einstigen Wohnort zu suchen. Nach Jahren der Recherche findet er tatsächlich seinen Geburtsort und reist dorthin, um seine leibliche Mutter zu suchen und zu finden.

Ich habe den Film gesehen und bin gerade in den letzten Zügen des Buches, auf dem der Film basiert. Beides hat mich auf der einen Seite sehr mitgenommen und auf der anderen Seite sehr berührt. Auch wenn Saroos Geschichte wenig mit der meiner eigenen Kinder zu tun hat. Gemeinsam ist ihnen lediglich die Erfahrung der Adoption. Und Indien als Herkunftsland macht Saroos Lebensgeschichte auch noch einmal anders besonders, wie wir ja auch in der Dokumentation „Die Reise meines Lebens – Ruby sucht nach ihrer Mutter“  sehen konnten.

Dennoch, die Szenen, in denen der kleine Saroo nach seiner Mutter sucht und nach ihr fragt, er sie schmerzlich vermisst, während er schutzlos durch Kalkutta irrt, zerreissen einem das Herz. Zumal ich nachempfinden kann, dass es meinen eigenen Kindern in gewisser Weise auch so ergangen sein muss. Wie oft werden sie irgendwie nach ihrer russischen Mutter gerufen haben, als sie im Krankenhaus und später im Kinderheim waren. Werden diese Bilder irgendwann einmal wieder in ihnen hochkommen. Werden sie genauso von Flashbacks heimgeholt, die sie an ihre ersten Lebensjahre oder -monate erinnern? Wie werden sie dann damit umgehen? Wollen sie überhaupt damit umgehen? In der Therapie, die beide gemacht haben, kamen an der ein oder anderen Stelle im Unterbewussten bereits Erinnerungen hoch, ohne dass die Kinder sie kognitiv zuordnen konnten. Aber beide haben zu unterschiedlichen Zeitpunkten die Herausnahme aus der Familie nachgestellt. Bewusst schieben sie alles andere weg. Auch wenn Maxim von seiner russischen Mutter spricht, so hat er keine konkreten Erinnerungen. Oder er will sich selbst mit diesen nicht konfrontieren, wie in der letzten Woche schon hier  geschrieben.

Im Gegensatz zu Saroo wissen wir, woher unsere Kinder kommen. Wir haben einen Geburtsort und wir haben die Namen der Eltern. Werden Maxim und Nadeschda sich irgendwann auf die Suche ihrer Wurzeln begeben wollen, beginnen sie nicht bei Null. Sie müssen sich nicht auf nebulöse Erinnerungen verlassen und versuchen diese faktisch zu rekonstruieren. Das würde es ein wenig leichter machen, auch wenn das logistische Abenteurer einer Spurensuche in Russland bleibt. Ob unsere beiden Kinder das überhaupt wollen, steht auf einem anderen Blatt. Das wird die Zeit zeigen. Wir als ihre Adoptiveltern können ihnen dann nur helfen und ihnen zur Seite stehen, ihnen frühzeitig zeigen, dass wir auch bei der Wurzelsuche für sie da sind und sie unterstützen, wo es nur geht.

Doch, das hat der Film auch sehr schön gezeigt, auf die Suche machen sich adoptierte Kinder dann oft alleine, ohne ihre Adoptiveltern. Es fällt ihnen schwer, diese mit einzubeziehen. Nicht, weil vorher die Adoption tabuisiert wurde – das war in der Vergangenheit einmal -, sondern weil sie ihre Adoptiveltern nicht verletzen wollen. Noch liegt die Wurzelsuche meiner Kinder in weiter Ferne, doch sie wird kommen, dessen bin ich mir gewiss. Wie sie sich gestaltet, werden wir sehen. Der emotionalen Herausforderung, vor allem für Nadeschda und Maxim, bin ich mir bewusst. Mögen meine Kinder bis dahin seelisch so stark sein, dass sie für diese Reise gewappnet sind.