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Interviewreihe „Anstrengungsverweigerung“ – eine Adoptivmutter erzählt… (3/3)

Unterstützung für Eltern im Umgang mit anstrengungsverweigernden Kindern

Silhouette of a young mother lovingly kissing her little child o

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Im dritten Teil meines Gesprächs mit Julia, schildert sie sehr anschaulich, was ihr und ihrem Sohn in Phasen der Anstrengungsverweigerung hilft und welche externe Unterstützung sie in unterschiedlicher Form hat. Wertvoll sind auch ihre Literaturtips. 

Wie verhältst Du Dich in Situationen, wenn die Überlebensstrategie bei Deinem Sohn zu Tage tritt?

Erst einmal versuche ich, abzuwarten und herauszufinden, was jetzt gerade genau sein Problem ist. Dazu versuche ich, Blickkontakt zu ihm zu halten, aber erst einmal nichts zu sagen. Dies hilft mir dabei, mich selbst kurz zurückzunehmen und innerlich durchzuatmen. Ich muss innerlich auf Distanz zu seinem Verhalten gehen, aber nicht zu ihm selbst. Wichtig ist, Ruhe zu bewahren. Ihm zu zeigen, dass es ok ist, dass ich da bin und bleibe, komme, was wolle. Das ist ein Drahtseilakt und gelingt mal mehr, mal weniger.

Manchmal schaffen wir es, dass eine Situation gar nicht erst eskaliert. Mit Eskalieren meine ich Schreien, verzweifeltes Weinen, Zerstörungswut, also wirklich massive Emotionen, die er zu Hause auch nach Außen trägt. In der Öffentlichkeit passiert so etwas nicht. Da hat er sich sehr stark unter Kontrolle, und diese Kontrolle verlangt ihm natürlich sehr viel Kraft ab. Das führt dann eher dazu, dass er nicht mehr in der Lage ist, auf Aufforderungen zu reagieren, Antwort zu geben, wenn er etwas gefragt wird oder Entscheidungen zu treffen. Er ist dann wie erstarrt und schaut mich nur noch hilfesuchend an. Ich muss dann quasi für ihn zum Sprachrohr werden und für ihn sprechen. Manche legen ihm das als Schüchternheit aus, aber ich weiß, dass das nicht der einzige Grund ist, sondern tiefer liegt.

Wenn sich die Spirale bis zum Ende dreht, bleibt uns nicht viel anderes, als bei ihm zu bleiben, Körperkontakt anzubieten, aber ihm nicht aufzuzwingen und ihn in den Arm zu nehmen und wie ein Baby zu wiegen. Oft schläft er dann völlig erschöpft ein. Ich glaube, er klinkt sich dann einfach aus, weil er es nicht länger aushalten kann.

Manchmal gelingt es mir auch nicht, ruhig zu bleiben. Meistens dann, wenn ich selbst gestresst bin, weil ich noch etwas anderes erledigen muss, oder weil ich noch zur Arbeit muss oder ganz banal, weil ich nicht ausgeschlafen genug bin. Das sind alles Störfaktoren, die sein anstrengungsverweigerndes Verhalten sozusagen noch mehr triggern.

Gibt es etwas, was ihm besonders gut hilft, sich wieder zu beruhigen?

Wie gesagt, je ruhiger wir bleiben, desto eher kann auch er sich wieder beruhigen. Was ihm auch hilft, ist, wenn ich versuche, mit meinen Worten nach Gründen für sein Verhalten zu suchen und er einfach nur nicken oder den Kopf schütteln muss. Je eher wir dazu kommen, darüber zu reden, desto weniger verliert er sich in diesem Strudel der Verzweiflung.

Momentan sind es ja häufig die Hausaufgaben, die ihn sehr stark fordern. Dazu muss man wissen, dass er, wenn an 3 Tagen/Woche erst um 15:30 nach der Betreuung nach Hause kommt, er einfach schon sehr viel Input hatte und wir natürlich nicht gleich weitermachen können. Also bekommt er dann erstmal eine Ruhepause von ca. einer halben Stunde. Dann rufe ich ihn zu den Hausaufgaben und wir stellen uns einen Wecker für eine halbe Stunde. Da er gottseidank nicht jeden Tag neue Hausaufgaben bekommt, sondern in der Regel am Anfang der Woche eine Wochenaufgabe, können wir uns die Zeit so einteilen, dass er nicht länger als 30 Minuten arbeiten muss. Wird er in dieser Zeit fertig, wird an den anderen Tagen weiter geübt, auch ca. eine halbe Stunde, aber ich merke ganz deutlich, wenn erst einmal der Druck raus ist, dass er seine Aufgaben, die er abgeben muss, erledigt hat, dann schaffen wir unser Übepensum sehr gut. Alles, was er in der halben Stunde nicht schafft, machen wir an den folgenden Tagen.

Du Dich sehr intensiv mit dem Thema der Anstrengungsverweigerung auseinandergesetzt hast. Wie und womit hast Du das getan?  

Wie ich schon einmal gesagt hatte, habe ich noch während unserer Bewerbungsphase beim Jugendamt angefangen, alle erdenklichen Informationen rund um das Thema Adoption zu sammeln und habe jedes irgendwie interessant klingende Buch darüber gelesen.

Auch als unser Sohn schon bei uns war, haben wir über unser Jugendamt regelmäßig an Tages- und Wochenendseminaren teilgenommen, u.a. bei Irmela Wiemann, die mich bis heute sehr inspiriert und von der wir sehr viel lernen konnten. Und nicht zuletzt bin ich dann vor ungefähr zwei oder drei Jahren auch im Zuge eines Seminares auf das Buch von Bettina Bonus zur Anstrengungsverweigerung aufmerksam geworden.

Habt Ihr externe therapeutische Hilfe und Unterstützung? Wenn ja, welche?

Im Hinblick auf die Schule haben wir uns ca. 1 – 1 1/2 Jahre vor der Einschulung um therapeutische Unterstützung bemüht. Durch die Mithilfe seiner Erzieherin im Kindergarten haben wir auch sehr schnell, was außergewöhnlich ist, da die Wartezeiten erfahrungsgemäß sonst sehr lang sind, einen Therapieplatz bei einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin bekommen. Auch sie ist besonders geschult in der Hilfe für Pflege- und Adoptivkinder. Das ist umso erfreulicher, als dass es solche Angebote eher nicht wie Sand am Meer gibt. Mit ihrer Hilfe hat er spürbare Fortschritte im Hinblick auf sein sozial-emotionales Verhalten gemacht, auch im Hinblick auf sein Selbstvertrauen und seine Zutrauen in seine Kompetenzen.

Ich kann nur jedem in ähnlicher Situation raten, sich Hilfe von außen zu holen. Es ist eine große Erleichterung und Hilfe, wenn man nicht alles alleine mit sich und seinem Kind ausmachen muss. Wir erleben deutliche Fortschritte. Gut war, denke ich, dass wir schon recht frühzeitig mit einer Therapie begonnen haben, lange bevor es an die Einschulung ging. Wir werden die Therapie zunächst bis zum Halbjahr weiterführen und dann mit der Therapeutin zusammen entscheiden, ob es sinnvoll ist, erst einmal eine Pause einzulegen oder nicht.

Gibt es Literatur, die Du empfehlen kannst?

Wie gesagt, gelesen habe ich sehr viel, aber einige Bücher sind für mich absolut empfehlenswert nicht nur, aber gerade auch im Hinblick auf Traumatisierung und Leistungsverweigerung, wobei die Reihenfolge nichts mit einer Wertung zu tun hat:

„Survival-Tipps für Adoptiveltern“ von Christel Rech-Simon und Fritz B. Simon: Dieses Buch ist mir ein richtiger kleiner Schatz und Begleiter für schwierige Lebenslagen geworden. Die beiden Autoren sind nicht nur selbst Adoptiveltern, sondern auch erfahrene Psychotherapeuten. Der Titel des Buches mag im ersten Moment etwas plakativ erscheinen, wenn man jedoch die ersten Seiten gelesen hat, merkt man schnell, wie sehr das Leben mit Adoptivkindern manchmal tatsächlich einem Überlebenskampf gleichen kann. Besonders gefällt mir an dem Buch, dass man es durchaus in einem Stück lesen kann, aber auch immer wieder mal reinlesen kann, um sich wieder neu mit den Tipps, die keineswegs Patentrezepte sein wollen, auseinanderzusetzen. Die Autoren verbinden ihre wissenschaftlichen Aussagen auch immer wieder mit Szenen aus dem Alltag mit ihren Kindern oder Fallbeispielen aus ihrer Praxis. Wichtig finde ich auch immer wieder den Hinweis, dass man etwas tun kann, egal wie ausweglos oder krisenhaft die Situation auch scheinen mag.

„Mit den Augen eines Kindes sehen lernen“ von Bettina Bonus, hierbei besonders hervorzuheben, Band 1 und 2: Band 1 behandelt grundlegend die Entstehung einer Frühtraumatisierung bei Adoptiv- oder Pflegekindern, und Band 2 geht sehr explizit auf das Phänomen der Anstrengungsverweigerung ein. Sehr anschaulich beschreibt sie diese als eine der bedeutendsten Folgen einer Frühtraumatisierung. Auch dieses Buch würde ich jedem Interessierten ans Herz legen, allerdings muss man deutlich sagen, dass sich dieses Buch wie auch die „Survivaltipps“ oben besonders auf hochproblematisches Verhalten bei Pflege- und Adoptivkindern beziehen. Auch Bettina Bonus verbindet ihre fachlichen mit ihren persönlichen Erfahrungen als Ärztin und Pflegemutter.

„Adoptiv- und Pflegekindern ein Zuhause geben“ von Irmela Wiemann: ein Klassiker der Adoptionsliteratur würde ich sagen und sollte von jedem gelesen werden, der mit Adoptiv- oder Pflegekindern zu tun hat, sei es als Eltern oder professionell.

„Ratgeber Adoptivkinder: Erfahrungen, Hilfen, Perspektiven“ von Irmela Wiemann: Dieses Buch sei ebenfalls erwähnt. Die Autorin hat es sich in ihrer jahrzehntelangen Arbeit mit Adoptiv- und Pflegekindern zur Aufgabe gemacht, allen am Adoptionsprozess Beteiligten Hilfestellungen an die Hand zu geben, damit möglichst gelingende Beziehungen entstehen können und das Kind trotz widriger Umstände eine gesunde Identität und die Fähigkeit zum selbstständigen bürgerlichen Leben entwickeln kann.

Was wünschst Du Joshua für die Zukunft?

Wie ich schon gesagt habe, Joshua hat ein waches Auge und ein offenes Herz für die zwischenmenschlichen Beziehungen um ihn herum. Eine Gabe die Mangelware in unserer Gesellschaft ist. Von solchen Menschen profitiert unsere Gesellschaft. Das ist meine Überzeugung.  Und so wünsche ich ihm vor allem, dass er sich diese Fähigkeit erhält. Dass er lernt, sie in positive Energie umzuwandeln und mit diesen Eigenschaften, seine Zukunft, sein Leben zu lieben und zu gestalten.

Für seine nahe Zukunft wünsche ich ihm und allen Kindern in ähnlichen Situationen oder Konstellationen, dass sie Menschen ums sich herum haben, die ihre Bedürfnisse achten, ihre Ängste ernst nehmen und ihnen in Guten wie in schlechten Zeiten zur Seite stehen. Denn das haben sie verdient!

Liebe Julia, hab an dieser Stelle noch einmal vielen lieben Dank für Deine wertvollen Impulse in den vergangenen Wochen!

Die anderen Beiträge von Julia könnt ihr hier und hier lesen. 

Und Julia’s Literaturtips findet Ihr auch in meiner Literaturliste

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Wenn die Unterstützung von Adoptivfamilien ausbleibt

Als Maxim und Nadeschda zu uns kamen, folgte bald nach der Euphorie ein Stück weit die Ernüchterung. Mein Sohn tobte, steigerte sich in hysterische Wutanfälle, die wir nur schwer aushalten konnten. Nadeschda hatte gesundheitliche Schwierigkeiten. Oft genug fühlte ich mich als Mutter restlos überfordert, allein gelassen und verzweifelt. Auch wenn ich niemals an der Richtigkeit unserer Entscheidung zur Adoption zweifelte, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. – So geht es vielen Adoptivmüttern, wie jüngst auch bei Lakatz von 1 1/2 Familie zu lesen war. Wie gut kann ich ihr Gefühl nachempfinden, wenn sie schreibt, wie es ihr während und nach der Adoption wirklich ging, wenig „Weichgespült“ und noch weniger rosarot. – Wir hatten großes Glück und eine Betreuerin beim Jugendamt, die sehr engagiert war und mit der ich auch in den Phasen, in denen es mir schlecht ging, sprechen konnte. Sie half und hatte immer gute und konstruktive Hilfestellungen. Doch darüber hinaus war ein Fortbildungs- und Unterstützungsangebot wenig vorhanden, oder nur unzureichend für mich. So begann ich mich selbst aus Eigeninitiative heraus mit anderen Adoptivfamilien zu vernetzen und meine eigenen Seminare zu organisieren. „Wenn nicht die Themen im Angebot sind, dann organisiere ich es mir eben selbst im Rahmen eines Workshops.“ dachte ich. Das läuft bis heute sehr gut, auch wenn es mein eigenes Engagement erfordert. – Gut, fairerweise muss ich gestehen, dass ich mich in all den Jahren in vielen Adoptionsthemen inhaltlich so tief eingearbeitet habe, dass, auch wenn es vorhanden wäre, ein Standardseminarprogramm rund um Adoptionsthemen mich persönlich wenig weiterbringt. Aber das löst dennoch nicht das Problem.

Lange Fragebögen, intensive Gespräche mit Hausbesuchen, Pflichtseminare – das alles gehört zur Bewerbung und Überprüfung einer zukünftigen Adoptivfamilie durch die Jugendämter. Ist das Adoptivkind dann in der Familie aufgenommen, bleibt solange noch ein Kontakt zum Jugendamt bestehen, bis die Formalitäten abgeschlossen sind. Das heisst bei Inlandsadoptionen, bis die Adoption rechtskräftig ist, oder wie in unserem Falle, bis die Entwicklungsberichte für die russischen Behörden fertig gestellt sind. Danach wird die Adoptivfamilie in die seelsorgerische Diaspora entlassen. Meistens. Leider. Begleitende Unterstützung ist in den Folgejahren wenig vorhanden, manchmal gar nicht, manchmal mag es ein Seminarangebot geben. Auf Adoptivkinder spezialisierte Therapeuten gibt es wenige, Foren, in denen sich Adoptivfamilien begegnen und vernetzen können sind rar gesät. Sicherlich gibt es hier regionale Unterschiede. Doch meistens bleiben Adoptivfamilien sich selbst überlassen. Vor allem dann, wenn die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Adoptivfamilien mit ihren Kindern vor ernst zu nehmende Herausforderungen gestellt werden. Die Probleme, selbst die klassischen, die bei Adoptivkindern auftreten können und die wir alle aus der Fachliteratur kennen, zeigen sich nicht in den ersten zwei Jahren nach der Adoption. Nein, sie drängen sich erst Jahre danach – wenn viele Familien sich schon in der Sicherheit wiegen, das alles gut ist, an die Oberfläche. Dann wenn die Kinder in die Schule gehen, dann wenn die Pubertät ihre Schatten vorausschickt. Genau dann ist keiner da, der einfühlsam unterstützen kann und fachspezifisch Lösungen zu auftretenden Problemen aufzeigen kann. Wenn das Adoptivkind schreit, tobt, schlägt, beißt, ist die Familie gezwungen, alleine das Problem zu lösen. Wenn das Adoptivkind in der Schule abrutscht oder ausgegrenzt wird, weil es mit dem Leistungsdruck nicht umgehen kann, dann ist die Familien auf sich gestellt, eine geeignete Schule zu finden, in der das Adoptivkind besser aufgehoben ist. Treten gesundheitliche Herausforderungen oder späte Entwicklungsdefizite auf, müssen auch diese die Adoptiveltern alleine in den Griff bekommen.

Die Jugendämter, in deren Zuständigkeit die Begleitung von Adoptivfamilien fällt, können das nicht leisten. Die Personaldecke ist zu dünn. Oft sind sie schon mit der Betreuung und Begleitung von Pflegefamilien überfordert und überbelastet. Ebenso bieten wenige freie Adoptionsvermittlungsstellen eine entsprechende langfristige Begleitung nach der Adoption an. Da mag es die ein oder andere geben, die spezielle Seminare zur Nachsorge und zur Wurzelsuche anbieten. Das ist besser als nichts, aber zu wenig. Noch immer gibt es zu wenige freie Beratungsstellen, Bildungseinrichtungen oder Therapeutennetzwerke, die sich der fürsorglichen langfristigen Begleitung von Adoptivfamilien annehmen. Meist fehlt auch die entsprechende Erfahrung und spezifische Kompetenz. All zu oft wird in Frühförderstellen oder Sozialpädiatrischen Zentren dann mit Standardrezepten hantiert, die aber nie bei einem Adoptivkind helfen werden. Es gibt eben doch weniger Adoptivkinder mit entwicklungsspezifischen und seelisch emotionalen Herausforderungen als andere Kinder. Ja, auch hier mag es eine Frage der Fallzahlen sein.

So bleibt Adoptivfamilien kaum etwas anderes übrig, als tatsächlich Eigeninitiative zu ergreifen und sich selbst zum besten Spezialisten für das eigene Kind zu entwickeln. Nur so besteht eine Chance, wenn Schwierigkeiten auftauchen, die bestmögliche Hilfe und Unterstützung für sein Kind zu finden. Genauso bedarf es viel eigenes Engagement der Adoptiveltern, sich selbst fortzubilden und sich die passenden Seminare zu suchen, auch wenn dies heißt, weite Reisen durch die Republik zu unternehmen, um einen Spezialisten aus der „Adoptionsszene“ zu hören. Und schließlich ist es auch den Adoptiveltern überlassen, sich unter einander zu vernetzen und im regelmäßigen Austausch Hilfe bei kritischen Fragestellungen zu finden. Nur so können sie verhindern, ganz alleine auf weiter Flur mit ihrem hilfebedürftigen Adoptivkind zu stehen.