2

Die Ehen meines Vaters – mein Beitrag zum Story-Samstag

storysamstag_0Lange ist es her, dass ich mit „dem Sekretär“ an Tante Tex Story-Samstag teilgenommen habe. Doch eingedenk ihres aktuellen Themas „Heiliger Bund“ muss ich einmal wieder mit einem Beitrag mitmachen, nachdem mich nun unsere eigenen Familienkonstellationen in den vergangenen Wochen viel beschäftigt haben. Weniger mit einer Kurzgeschichte als mit den faktischen (und vielleicht ein wenig wertenden) Schilderungen der Ehen meines Vaters.

Von den Ehe(n)-Frauen meines Vaters

anne-edgar-119371

Mit freundlicher Unterstützung von unsplash.com

Meine Mutter war von anmutiger Gestalt, als mein Vater sie kennenlernte. Sie gaben ein hübsches Paar ab. Doch schon vor der Hochzeit übernahm der Standesdünkel, der die Jugend und Kindheit meiner Mutter geprägt hatte, das Regiment in der Beziehung meiner Eltern. Mein Vater durfte meine Mutter erst heiraten, als er seine Promotion abgeschlossen und einen vernünftigen Job gefunden hatte. An der Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter zu arbeiten, galt als nicht standesgemäß. Das sollte noch gelingen, doch letztlich konnte meine Mutter sich nie von den Erwartungen und Anforderungen frei machen, die ihr ihre eigenen Eltern ins Lebensbuch geschrieben hatten. Und so war ihr Alltag dominiert davon, all das zu tun, was MAN von ihr erwartete und was MAN zu tun pflegte, egal, ob sie das wollte, geschweige denn konnte. Mein Vater bald aufgefressen von der Karriere und dem vielen Geld, das es galt zu verdienen, um meiner Mutter den Lebensstandard zu bieten, den MAN eben in den besseren Kreisen pflegte, glänzte Zuhause mit Abwesenheit und überließ meiner Mutter, die grundsätzlich nicht in der Lage war, Verantwortung für nichts und niemanden zu übernehmen, den Alltag mit Haus, Haushalt und zwei Kindern, der sie bald restlos überforderte und an die Flasche brachte. Glückliche Zeiten habe ich in der Ehe meiner Eltern nicht erlebt. Eher dominierte eine gefühllose und wenig emphatische Atmosphäre mein Elternhaus. Wahrscheinlich hätten sich meine Eltern bereits scheiden lassen sollen, als mein Bruder und ich noch klein waren. Doch dazu fehlte meiner Mutter sicher der Mut, und überhaupt, das tat MAN damals nicht. Koste es was es wolle, es wurde an dieser Ehe festgehalten. Erst als meine Mutter, da sie den normalen Alltag ob ihres Alkoholkonsums nicht mehr bewältigen konnte, das Hemdenbügeln für meinen Vater einstellte – und ich ins Ausland ging und insofern nicht einspringen konnte -, suchte mein Vater sich eine neue Frau, die ihm die Hemden bügelte. Nach zwanzig Ehejahren verließ er meine Mutter und zog mit Elvira zusammen.

Elvira, meine Stiefmutter, bügelte zunächst Hemden, dann ließ sie bald bügeln. Doch vielmehr war ihr die formvollendete Fassade einer Familie immer sehr wichtig. Familie war für sie ein starres formales Konstrukt, in das man sich einfügen musste, ob man wollte oder nicht. Hier galten für sie die unverrückbaren Maßstäbe und Regeln der „08-15-Mittelstands-Spießergesellschaft“. Alles passierte, weil man es so tat, weil man so sein wollte, wie die wohlhabende Freundin drei Häuser weiter, weil der Nachbar, der jeden Samstag sein Auto wusch und seinen Rasen mähte, es von einem erwartete. Als Frau machte man zwar eine Ausbildung, suchte sich aber einen wohlsituierten Mann zum Heiraten, bekam schnell einen ganzen Sack voller Kinder und bemühte sich dann als gestresste Hausfrau und Mutter um einen Teilzeitjob, damit man wenigsten sagen konnte, dass man arbeitete. Das große Haus mit Garten und Zimmern für jedes Kind musste dann schnell in einem repräsentativen Vorort her. Es wurde, wie man es als Mittelstandsfamilie tat, nach dem neusten Luxusmöbelkatalog eingerichtet. Die Designer-Couch war zwar nicht wirklich schön, aber sie galt als Statussymbol. Das eigene Pferd zum privaten Zeitvertreib war der willkommene Ausgleich für das fehlende Cabrio, das einfach mit drei Kindern unpraktisch gewesen wäre. Kinder waren nur Staffage und hatten sich in das starre Regelkonzept einzufügen. Wenn wir Kinder, vor allem ihre Stiefkinder, in ihrem Familienspiel nicht mitspielten, war Krach vorprogrammiert. Daniel und ich hatten selten mitgespielt. Nicht weil wir nicht wollten, sondern weil ihre Erwartungen uns so fremd waren.

Mein Vater fügte sich auch in diese Ehe, doch trat er auch hier bald die Flucht an. Noch einmal eine Familie, diesmal mit drei Kindern, wo doch die ersten Kinder schon aus dem Haus waren, war ihm eigentlich zu viel. Und vielleicht war ihm auch meine Stiefmutter zu viel. Wieder mit dem Vorwand, das viele Geld für den doch aufwendigen Lebenswandel zu verdienen, lebte er meist nur am Wochenende bei seiner zweiten Familie, wenn er sich nicht gerade heimlich mit Daniel oder mir traf. Denn nachdem Elvira gemerkt hatte, dass wir uns wenig in ihr Rollenmodell einer Familie einfügen wollten, und damit eine Bedrohung für ihre Ehe waren, ließen wir uns nicht mehr oft bei unserem Vater blicken.  Lange Jahre machten wir zwar gute Miene zu bösem Spiel, doch im Rückblick war es ein Befreiungsschlag, als es zwischen mir und Elvira über die Adoption unserer Kinder zum offenen Bruch kam. Unter fadenscheinigen Begründungen hatte Elvira um die Taufe  von Maxim und Nadeschda einen offenen Bruch geschaffen, auf den sie – und ich -zwanzig Jahre gewartet hatte. Als meine Kinder nun mit in diese kranke Ehe und Familie hineingezogen wurden, hatte ich die Schnauze endgültig voll von diesem ganzen formvollendeten Familienspiel. Ich hatte Elvira nie gemocht, von dem ersten Augenblick an, an dem ich sie vor all den Jahren kennenlernen musste. Lange ich hatte versucht, mich mit ihr als Frau meines Vaters zu arrangieren. Doch dann war der Punkt gekommen, an dem sie endlich die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen hatte. Ich war nicht mehr bereit, mich ihr gegenüber irgendwie zu verbiegen. Ich tat das, womit ich sie am meisten traf: Ich strich sie aus meinem Leben.

Es gehört zur Ironie des Schicksals, dass wenige Jahre nach diesem Bruch, Elvira sich von meinem Vater trennte. Oder um es präzise zu formulieren, sie verließ ihn für einen zwanzig Jahre jüngeren Mann, ihren Nachbarn. Ein Leben mit ihm dann doch attraktiver als mit einem dann schon Mitte siebzig-jährigen den Lebensabend zu verbringen. Mein Vater hatte für sie ausgedient.

Meine eigene Ehe ist zum Glück anders, auch wenn das ob der Rollenmodelle, die ich in meiner Herkunftsfamilie hatte, im Grunde verwunderlich ist. Richard und ich sind verheiratet, weil wir uns lieben, weil wir ein gemeinsames Ziel vor Augen hatten und haben und weil wir mit Maxim und Nadeschda eine vielleicht sogar besondere Aufgabe und Verantwortung haben. Denn diese beiden wunderbaren Kinder brauchen eine große Stabilität und Sicherheit, die wir ihnen als Eltern geben müssen. Dazu haben wir uns vor Jahren entschieden. Sie brauchen uns als Paar, dass ihnen verbindlich und unabdingbar zur Seite steht. Sie brauchen uns als starke Eltern. Gemeinsam. Zusammen. Damit ist unsere Ehe nicht etwas, was wir eingegangen sind, um gesellschaftliche Konventionen zu erfüllen. Sicherlich gibt es auch einmal schwierige Phasen und natürlich gibt es Tage, an denen ich meinen Mann am liebsten zum Mond schießen wollen würde. Doch wir arbeiten immer wieder an unserer Beziehung, was ein nie enden wollender Prozess des Lernens ist mit all seinen Höhen und Tiefen. In unserer Familienkonstellation stellt sich nicht die Frage, ob unsere Ehe auch scheitern könnte, ganz zu schweigen aus wohlmöglich niederen oder banalen Gründen. Wir haben uns das Versprechen gegeben, zu einander zu halten in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet. Insofern stellte sich nur die Frage, wie diese Ehe ein Leben lang gelingen kann. Für uns und vor allem für unsere Kinder.

8

#muttertagswusch – Mein Wunsch für mehr Respekt und Anerkennung der Leistung von Adoptivfamilien

flower-667951_1920

Danke an Pixabay

Der Muttertag naht. Auch wenn meine Kinder wie so viele andere fleißig gebastelt haben, und sie mir ihre Geschenke am Sonntag feierlich übergeben werden, wird es für uns ein gewöhnlicher Familiensonntag werden. So wenig wie wir den Vatertag zelebrieren, feiern wir den Muttertag. Denn „Muttertag“ ist bei uns jeden Tag, wenn ich in die strahlenden Gesichter meiner Kinder blicke und ich dankbar bin, die Mutter von Maxim und Nadeschda sein zu dürfen. Dennoch bewegt auch mich die Aktion #muttertagswunsch von mutterseelesonnig und ich nehme dies zum Anlass, auch meinen Wunsch für all die Adoptivfamilien zu adressieren.

Die Adoption von Nadeschda und Maxim liegt mittlerweile etliche Jahre zurück. Noch immer kämpfen wir dafür, dass die Kosten der Adoption als außergewöhnliche Belastung anerkannt werden. Kosten für eine medizinische Kinderwunschbehandlung werden seit Jahren steuerlich anerkannt. Die Kosten für eine Adoption nicht. Erst kürzlich kam der Bescheid, dass unser Einspruch abgelehnt wurde. Er sei zulässig, aber nicht begründet. In der Begründung heißt es: „Die organisch bedingte Sterilität eines Ehepartners ist als Krankheit anzusehen. Aufgrund dessen ist die heterologe Insemination als medizinische Maßnahme zur Beseitigung der unmittelbaren Krankheitsfolge der Kinderlosigkeit eines Paares anzusehen und führt zur Abzugsfähigkeit als Krankheitskosten. Die Aufwendungen eines Paares hingegen, die bei einer Adoption eines Kindes aufgrund einer organisch bedingten Sterilität eines Partners entstehen, stellen keine Krankheitskosten dar. (…) Als Außergewöhnliche Belastungen kommen nur Aufwendungen in Betracht denen sich die Steuerpflichtigen nicht entziehen können. Kosten für eine Adoption hingegen sind Kosten der individuell gestaltbaren Lebensführung, auch wenn die ungewollte Kinderlosigkeit von den Betroffenen als schwere Belastung empfunden wird, die ursächlich für den Adoptionsentschluss ist.“ An anderen Stellen wird deutlich, dass die Kosten für Adoption zumutbar seien, und daher keine Zwangsläufigkeit gegeben ist. Eine spannende Argumentation, der ich aber nicht folgen kann. Fühle nur ich mich hier diskriminiert und benachteiligt? Es hat so ein wenig den Beigeschmack eines „Luxusproblems“. Aus freiem Willen haben wir uns entschlossen, unsere Kinder zu adoptieren. Ja, das stimmt! Und ich würde es immer wieder tun! Und ja, natürlich hatten wir einen Kinderwunsch, der auf biologischem Wege unerfüllt blieb. Doch haben wir uns gegen den medizinischen Weg entschieden. Ganz bewusst. Es fühlte sich nicht richtig an. Dennoch finde ich die Bewertung und Einordnung der Finanzbehörden vermessen. Der medizinische Weg, sich einen Kinderwunsch zu erfüllen, ist zwangsläufig, aber alternative Wege nicht? Das verstehe ich nicht.  Um den eigenen tiefen Wunsch nach Kindern zu erfüllen, aus welchen Gründen auch immer die Kinderlosigkeit vorliegt, sollten alle Wege, die heute zur Verfügung stehen, gleich angesehen und anerkannt werden. Das ist im Falle der Adoption nicht gegeben.

Genauso wie Adoptivfamilien bei der Mütterrente seit der Neuregelung 2014 benachteiligt werden: Nimmt eine Familie ein Kind an, das drei Jahre alt ist oder älter, schlägt sich das negativ in der Anrechnung der Erziehungszeiten nieder. Die Adoptivmutter, die also eine Weile zuhause bleibt, um sich der Fürsorge ihres Kindes zu widmen, bekommt später weniger Rente. Auch hier wurde mit viel Taktgefühl der Hinweis auf Diskriminierung kommentiert: Rentenexperten merkten an, dass es um eine pauschale Anerkennung gehe, es aber in Einzelfällen zu Ungerechtigkeiten kommen kann. Mal abgesehen von dem bürokratischen Aufwand, den es Bedarf, sich überhaupt Erziehungsheimen anerkennen zu lassen als Adoptivmutter. Bis heute ist meine Rentenzeiten nicht geklärt. Es scheint schwierig zu sein, Zeiten nachzurechnen, wenn Geburtsdatum des Kindes und Beginn der Elternzeit fast drei Jahre auseinanderliegen. – Auch in der Versicherungswirtschaft kommt es oft zu Ungleichbehandlungen. Werden doch häufig für Adoptivkinder, ob ihrer ungesicherten medizinischen Diagnosen pauschal Risikozuschläge bei den Beiträgen erhoben. So auch bei unseren Kindern.

Der fehlende sensible Umgang an vielen öffentlichen Stellen mag ein Problem der Fallzahlen sein. In Deutschland sind die Zahlen von Adoption aus dem In- und Ausland einfach zu niedrig (und auch noch rückläufig in den letzten Jahren), dass sie einen nennenswerten Einfluss auf den politischen Willen haben könnten. Allerdings kommen wir doch, wenn wir die Adoptionszahlen der letzten zehn Jahre zusammenzählen, auf eine beachtenswerte Gruppe in der Bevölkerung von etwa der Größe einer Kleinstadt. Aber auch das ist noch zu wenig, um beachtet zu werden.

Doch darum geht es mir hier nicht. Zum Muttertag wüsche ich mir, dass der Mut und der Einsatz der Adoptivfamilien von der Administration mehr respektiert und anerkannt wird. Dass an der ein oder anderen Stelle die besondere Situation von Adoptivfamilien nicht beachtet wird und es keine Sonderregelungen oder den Freiraum für individuelle Ermessensentscheidungen gibt, mag ich ja noch hinnehmen können. Doch dass die Lebenssituation von Adoptivfamilien an vielen Stellen einfach so abgetan wird, kann ich nur schwer ertragen. Den Adoptivfamilien ging es selten bei dem Entschluss zur Adoption um die bloße egoistische Erfüllung des Kinderwunsches. Sie haben alle eine große Verantwortung übernommen, der sie sich von Anfang an bewusst waren. Sie stellen sich jeden Tag von neuem harten und herausfordernden Aufgaben. Gerade die Mütter, die bald erkennen, dass sie ihren Job nicht mehr wahrnehmen können, weil ihre Kinder eine kontinuierliche Anwesenheit zumindest einen Elternteils brauchen. Viele Adoptivkinder benötigen nicht nur die ständige liebevolle Fürsorge von mindestens einem Elternteil, sie brauchen eine intensive Förderung und Begleitung mit den unterschiedlichsten Therapien, häufigen Arztbesuchen, Terminen bei Spezialisten und manchmal medizinischen Eingriffen. In der Schule bedarf es einer engen Hausaufgabenbetreuung und intensivem Engagement, Gespräche mit Lehrern, Werben für die besondere Situation des Kindes, Wissen, was in der Schule gerade passiert. Und eigentlich beginnt das schon im Kindergarten. Sport und das Spielen eines Musikinstrumentes sind wichtig, neben der kontinuierlichen Förderung von Fähigkeiten in der täglichen Alltagsroutine. Adoptivmutter zu sein, ist ein Vollzeit-Job, neben dem permanenten Bewusstsein der Verantwortung und der emotionalen Belastung, die durchaus hin und wieder gegeben ist. Es gibt unzählige Adoptivmütter, die auch nach Jahren, selbst wenn die Kinder längst schon dem Babyalter entwachsen sind, selten eine Nacht durchschlafen, da die Kinder von Alpträumen verfolgt werden, oder sie auch nachts die enge Nähe der Mutter brauchen. Jede Stunde, die eine Adoptivmutter vielleicht einmal etwas für sich alleine tut, um Kraft zu sammeln, und die Kinder dann vielleicht fremdbetreut sind, muss sie oft doppelt oder dreifach „bezahlen“ mit noch mehr eingeforderter Aufmerksamkeit ihrer Kinder. Dann stehen Wut oder Verlassensängste an der Tagesordnung, die Beziehung zwischen Mutter und Kind wird unmittelbar in Frage gestellt. Solange bis das Adoptivkind sich wieder sicher ist, dass seine Mutter bei ihm bleibt und es immer halten und aushalten wird. Jedes Kind hat Trotzanfälle und Wutausbrüche, aber vielleicht nicht immer über eine Stunde oder länger. Jedes Kind hängt an seiner Mutter, aber nicht über Wochen, wenn es schon sechs Jahre alt ist. Pausen gibt es nicht, Zeit und Raum zum Durchatmen bleibt kaum, Kranksein ist nicht erlaubt.

Ich wünsche mir, dass mit diesen Familien, die den Schritt der Adoption und Annahme eines bedürftigen Kindes mutig und unerschrocken gegangen sind und die jeden Tag darum ringen, ihre ihnen anvertrauten Kinder gut und gesund ins Leben zu begleiten,   respektvoll umgegangen wird. Formulierungen, wie sie die Finanzbehörde wählte, sind da in meinen Augen eher respektlos. Doch wenn in Deutschland schon grundsätzlich die Leistung von Eltern und Familien weder finanziell noch gesellschaftliche anerkannt wird, warum sollte man dann den Einsatz und das Engagement von tausenden von Adoptivfamilien sehen und würdigen?

5

„Die blauen Augen hat sie nicht von Ihnen!“

Vom Umgang mit dem unbekannten Erbe meiner Kinder

Vor einigen Monaten hatte Tante Tex beim „Story Samstag“ zum Thema „Erbe“ aufgerufen. Ich hatte teilgenommen mit einer Kurzgeschichte, die einmal nichts mit meinen Kinder und unserer Adoptionsgeschichte zu tun gehabt hatte. Dennoch hat mich seitdem das „Erbe“ auch mit Blick auf meine Kinder nicht mehr losgelassen. Ein Gespräch mit zwei Adoptivmüttern in der vergangenen Woche hat mich nun motiviert, noch einmal das Erbe meiner Kinder aufzugreifen.

Young manager

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Gemütlich saßen wir drei Mütter am Frühstückstisch. Unsere Kinder spielten. Lange hatte wir uns nicht gesehen und so plauderten wir munter über dies und das, was sich so alles in unseren Leben in den vergangenen Monaten ereignet hatte. So erzählte die eine: „Mir ist neulich etwas passiert: Im Kindergarten spielen die Kinder jetzt ein Theaterstück. Und A. ist ganz engagiert mit dabei. Als A.’s Erzieherin mir begeistert einmal mittags davon erzählte, antwortete ich ihr freudestrahlend: Ja, das Theatergen liegt wohl in unserer Familie. Das hat sie von mir. – Im nächsten Moment fasst ich mir an den Kopf, und dachte nur, was war das jetzt für ein Spruch von Dir! Die wissen doch, dass wir A. adoptiert haben.“ Von dort wanderte unser Gespräch zu der Entwicklung unserer Kinder. Wie wir als Adoptiveltern vielleicht andere Erwartungen an die späteren „Karrieren“ unserer Kinder haben, wie wir bewusst die Ansprüche zurückschrauben, das Glück und die Gesundheit unserer Kinder im Vordergrund stellen und weniger die Förderung zum späteren Top-Manager. Dieselbe Mutter sagte: „Ja, vielleicht gehen wir damit anders um, weil wir wissen, dass unsere Kinder eben nicht unser Erbgut mitbekommen haben. Nur weil ich Abitur habe und studiert habe, kann ich das von A. ja nicht zwangsläufig erwarten. Ich will nur, dass es ihr gut geht, sie muss ja nicht Karriere machen und es „besser“ machen als ich.“ Daraufhin antwortet die andere Adoptivmutter (scherzhaft): „Nun ja, gerade weil unsere Kinder nicht unsere Gene tragen, können sie es „besser“ machen als wir.“

Szenenwechsel zu Nadeschdas Schule: Von Anfang an, seitdem Maxim und Nadeschda bei uns waren, bin ich mit Kommentaren aus unserem sozialen Umfeld wie: „Von wem hat Nadeschda denn diese tollen blauen Augen? Von Dir nicht. Dann wohl von ihrem Vater.“ von Müttern, die nichts von der Adoption wussten, oder auch von Menschen, die unsere Adoptionsgeschichte kennen: „ Die beiden sehen Euch so ähnlich. Wenn man nicht wüsste, dass Ihr sie adoptiert habt, könnte man meinen, es seien Eure leiblichen Kinder.“ konfrontiert. Meist nehme ich diese Kommentare, ohne näher darauf einzugehen, mal mehr mal weniger wohlwollend zur Kenntnis. Im Herbst hatte ich mit Daniel zusammen ein neues Erlebnis. Zusammen holten wir Nadeschda mittags von der Schule ab. Als wir eintrafen, half der Substitutslehrer gerade den Kindern beim Anziehen der Matschhosen. Ich stellte ihm Daniel vor. „Das habe ich mir gleich gedacht.“ sagte der Substitutslehrer. „Diese Ähnlichkeit ist verblüffend.“ Ich stutzte, denn Daniel und mich konnte er nicht meinen. Denn wir sehen grundverschieden aus und bringen im Äußeren jeden möglichen Kontrast mit (dunkles Haar vrs. helles Haar, braune Augen vrs. stahlblaue Augen, Pfannkuchengesicht vrs. Charakterkopf, etc.). Im zweiten Moment ahnte ich, worauf der Lehrer hinaus wollte. Er meinte die Ähnlichkeit zwischen Nadeschda und meinem Bruder. Nadeschdas Klassenlehrerin kam dazu, begrüßte meinen Bruder und löste meine Verwunderung mit den Worten: „Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Welch karmische Fügung, oder?“ Und es stimmt, die Ähnlichkeit zwischen Nadeschda und meinem Bruder ist durchaus frappierend. Vielleicht war es tatsächlich eine Fügung des Schicksals. Hinzukommt, und das findet sich hier und da auch in der Fachliteratur, dass Adoptivkinder tatsächlich mit den Jahren vor allem durch Mimik und Gestik immer mehr ihren Adoptiveltern ähneln und sie somit in Auftreten und Aussehen immer mehr ihren Adoptiveltern folgen. Bei Maxim und Richard lässt sich das genauso beobachten: Nicht nur Haarschnitt und Kleidungsstil, sondern Gesichtsausdruck, Verhaltensmuster, gewissen Redewendungen, etc.

In der Wissenschaft streitet man sich, wie viel tatsächlich Kinder geprägt sind durch das genetische Erbgut oder durch das familiäre und soziale Umfeld, in dem sie aufwachsen. Eine Adoptionsberaterin sagte zu mir einmal: „Als Adoptiveltern muss man ohnehin den Glauben haben, dass 95 Prozent der Entwicklung eines Kindes von seiner sozialen Prägung beeinflusst werden. Sonst darf man nicht adoptieren.“ Ich empfand die Äußerung als drastisch und rigoros. Dennoch in gewisser Weise folge ich ihr. Weniger aus der Überzeugung heraus, dass ich die genetische Prägung meiner Kinder verändern kann, als viel mehr aufgrund des Unwissen über die genetische Herkunft meiner Kinder. Wir wissen zwar einiges über die soziale Herkunft und die Lebensumstände von Maxim und Nadeschda, bevor sie zu uns kamen, aber kaum etwas über die familiären Gene und Wurzeln, die sie in sich tragen. Oft halte ich es auch für müssig, darüber nachzudenken. Überlegungen, wie sie „unsere bunte Oma“ manchmal bei ihrer Enkelin, die aus einer Samenspende entstanden ist, anstellt: „Oh, ihr Spendenvater galt als hochgewachsen, sehr intelligent und sportlich. Das sieht man bei ihr jetzt schon.“ sind mir fremd. Ob die genetische Abstammung meiner Kinder einmal ihre Zukunft bestimmen wird, halte ich für Spekulation. Ob Maxim und Nadeschda später aufgrund ihrer genetischen Prägung einen anderen Lebensweg und eine andere Karriere gehen werden, als Richard und ich ihnen vorleben, wird man schwer nachweisen können. Uns ist nur wichtig, dass sie glücklich sein werden, in der Lage sind, allein auf eigene Beinen zu stehen und für sich selbst sorgen können werden, egal, ob als Bäcker, Schreiner, Schauspieler oder Top-Manager.

In nur einem Punkt wünschte ich, mehr über die erbliche Prägung meiner Kinder zu wissen: Irgendwann werden Maxim und Nadeschda in ihrer Identitätsbildung nach ihrer Herkunft fragen. Sie werden sich nicht damit zufrieden geben, dass sie bestimmte äußerliche Merkmale von ihren russischen Eltern sicherlich geerbt haben. Sie werden wissen wollen, welche Charaktereigenschaften sie vielleicht von ihnen mitbekommen haben, welche Talente und Begabungen. Um so mehr über ihre russische Mutter und ihren russischen Vater zu erfahren, um so für sich die Frage zu beantworten: „ Was waren meine russischen Eltern, die mir das Leben geschenkt haben, für Menschen?“ Hier können wir nur Mutmaßen und werden unsere Kinder lehren müssen, mit einem teilweise unbekannten Erbe zu leben.

6

Wenn die Unterstützung von Adoptivfamilien ausbleibt

Als Maxim und Nadeschda zu uns kamen, folgte bald nach der Euphorie ein Stück weit die Ernüchterung. Mein Sohn tobte, steigerte sich in hysterische Wutanfälle, die wir nur schwer aushalten konnten. Nadeschda hatte gesundheitliche Schwierigkeiten. Oft genug fühlte ich mich als Mutter restlos überfordert, allein gelassen und verzweifelt. Auch wenn ich niemals an der Richtigkeit unserer Entscheidung zur Adoption zweifelte, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. – So geht es vielen Adoptivmüttern, wie jüngst auch bei Lakatz von 1 1/2 Familie zu lesen war. Wie gut kann ich ihr Gefühl nachempfinden, wenn sie schreibt, wie es ihr während und nach der Adoption wirklich ging, wenig „Weichgespült“ und noch weniger rosarot. – Wir hatten großes Glück und eine Betreuerin beim Jugendamt, die sehr engagiert war und mit der ich auch in den Phasen, in denen es mir schlecht ging, sprechen konnte. Sie half und hatte immer gute und konstruktive Hilfestellungen. Doch darüber hinaus war ein Fortbildungs- und Unterstützungsangebot wenig vorhanden, oder nur unzureichend für mich. So begann ich mich selbst aus Eigeninitiative heraus mit anderen Adoptivfamilien zu vernetzen und meine eigenen Seminare zu organisieren. „Wenn nicht die Themen im Angebot sind, dann organisiere ich es mir eben selbst im Rahmen eines Workshops.“ dachte ich. Das läuft bis heute sehr gut, auch wenn es mein eigenes Engagement erfordert. – Gut, fairerweise muss ich gestehen, dass ich mich in all den Jahren in vielen Adoptionsthemen inhaltlich so tief eingearbeitet habe, dass, auch wenn es vorhanden wäre, ein Standardseminarprogramm rund um Adoptionsthemen mich persönlich wenig weiterbringt. Aber das löst dennoch nicht das Problem.

Lange Fragebögen, intensive Gespräche mit Hausbesuchen, Pflichtseminare – das alles gehört zur Bewerbung und Überprüfung einer zukünftigen Adoptivfamilie durch die Jugendämter. Ist das Adoptivkind dann in der Familie aufgenommen, bleibt solange noch ein Kontakt zum Jugendamt bestehen, bis die Formalitäten abgeschlossen sind. Das heisst bei Inlandsadoptionen, bis die Adoption rechtskräftig ist, oder wie in unserem Falle, bis die Entwicklungsberichte für die russischen Behörden fertig gestellt sind. Danach wird die Adoptivfamilie in die seelsorgerische Diaspora entlassen. Meistens. Leider. Begleitende Unterstützung ist in den Folgejahren wenig vorhanden, manchmal gar nicht, manchmal mag es ein Seminarangebot geben. Auf Adoptivkinder spezialisierte Therapeuten gibt es wenige, Foren, in denen sich Adoptivfamilien begegnen und vernetzen können sind rar gesät. Sicherlich gibt es hier regionale Unterschiede. Doch meistens bleiben Adoptivfamilien sich selbst überlassen. Vor allem dann, wenn die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Adoptivfamilien mit ihren Kindern vor ernst zu nehmende Herausforderungen gestellt werden. Die Probleme, selbst die klassischen, die bei Adoptivkindern auftreten können und die wir alle aus der Fachliteratur kennen, zeigen sich nicht in den ersten zwei Jahren nach der Adoption. Nein, sie drängen sich erst Jahre danach – wenn viele Familien sich schon in der Sicherheit wiegen, das alles gut ist, an die Oberfläche. Dann wenn die Kinder in die Schule gehen, dann wenn die Pubertät ihre Schatten vorausschickt. Genau dann ist keiner da, der einfühlsam unterstützen kann und fachspezifisch Lösungen zu auftretenden Problemen aufzeigen kann. Wenn das Adoptivkind schreit, tobt, schlägt, beißt, ist die Familie gezwungen, alleine das Problem zu lösen. Wenn das Adoptivkind in der Schule abrutscht oder ausgegrenzt wird, weil es mit dem Leistungsdruck nicht umgehen kann, dann ist die Familien auf sich gestellt, eine geeignete Schule zu finden, in der das Adoptivkind besser aufgehoben ist. Treten gesundheitliche Herausforderungen oder späte Entwicklungsdefizite auf, müssen auch diese die Adoptiveltern alleine in den Griff bekommen.

Die Jugendämter, in deren Zuständigkeit die Begleitung von Adoptivfamilien fällt, können das nicht leisten. Die Personaldecke ist zu dünn. Oft sind sie schon mit der Betreuung und Begleitung von Pflegefamilien überfordert und überbelastet. Ebenso bieten wenige freie Adoptionsvermittlungsstellen eine entsprechende langfristige Begleitung nach der Adoption an. Da mag es die ein oder andere geben, die spezielle Seminare zur Nachsorge und zur Wurzelsuche anbieten. Das ist besser als nichts, aber zu wenig. Noch immer gibt es zu wenige freie Beratungsstellen, Bildungseinrichtungen oder Therapeutennetzwerke, die sich der fürsorglichen langfristigen Begleitung von Adoptivfamilien annehmen. Meist fehlt auch die entsprechende Erfahrung und spezifische Kompetenz. All zu oft wird in Frühförderstellen oder Sozialpädiatrischen Zentren dann mit Standardrezepten hantiert, die aber nie bei einem Adoptivkind helfen werden. Es gibt eben doch weniger Adoptivkinder mit entwicklungsspezifischen und seelisch emotionalen Herausforderungen als andere Kinder. Ja, auch hier mag es eine Frage der Fallzahlen sein.

So bleibt Adoptivfamilien kaum etwas anderes übrig, als tatsächlich Eigeninitiative zu ergreifen und sich selbst zum besten Spezialisten für das eigene Kind zu entwickeln. Nur so besteht eine Chance, wenn Schwierigkeiten auftauchen, die bestmögliche Hilfe und Unterstützung für sein Kind zu finden. Genauso bedarf es viel eigenes Engagement der Adoptiveltern, sich selbst fortzubilden und sich die passenden Seminare zu suchen, auch wenn dies heißt, weite Reisen durch die Republik zu unternehmen, um einen Spezialisten aus der „Adoptionsszene“ zu hören. Und schließlich ist es auch den Adoptiveltern überlassen, sich unter einander zu vernetzen und im regelmäßigen Austausch Hilfe bei kritischen Fragestellungen zu finden. Nur so können sie verhindern, ganz alleine auf weiter Flur mit ihrem hilfebedürftigen Adoptivkind zu stehen.