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Adoptivkinder sind (oft) High-Need Kinder – und das ist gut so…

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Vor ein paar Wochen hat Berenice einen spannenden Beitrag zu High-Need Kindern auf ihrem Blog veröffentlicht, der mich einmal wieder über meine eigenen Kindern hat nachdenken lassen.

Vielleicht vorab: Ich habe die Säuglingszeit mit meinen Kindern nicht erlebt. Auch wenn ich mir das manchmal gewünscht habe. Nicht aus einer Sehnsucht nach einer eigenen Schwangerschaft, sondern weil ich es mir manchmal wünschte, dass ich meine Kinder in meinem Bauch und dann als Babys schon hätte beschützen und behüten können. Doch Maxim war fast drei Jahre und Nadeschda gerade mal ein Jahr alt, als sie zu uns kamen. So kann ich mir nur abstrakt vorstellen, wie es ist, einen Säugling zu haben, der an manchen Tagen nur getragen werden will, der einen nicht einmal in Ruhe auf die Toilette gehen lässt, der einem den nächtlichen Schlaf raubt. kein Baby hat mich an die Grenzen meiner Belastung gebracht.

Auch dachte ich beim ersten Lesen von Berenice Beitrag, genau wie sie, ob mit der Klassifizierung High-Need tatsächlich wieder eine neue Modeerscheinung Einzug in Erziehungsratgeber und Therapieempfehlungen hat. Wird Kinder hier wieder eine Diagnose zugeschrieben, nur weil sie leider nicht in die starren Anforderungen unserer Gesellschaft – „Am besten laufen Kinder einfach so mit und haben ja keine eigenen Bedürfnisse.“ – passen? Oder weil auf der anderen Seite keiner den Müttern zugestehen will, dass vor allem die ersten Monate mit einem Säugling extrem anstrengend sind.

Doch als ich die Liste der Kriterien für ein High-Need Kind erneut betrachtete, dachte ich an meine eigenen Kinder und wie sie noch heute in vielerlei Hinsicht eigentlich High-Need Kinder sind, wenn man ein paar der Beschreibungen auf ältere Kinder adaptiert. Nicht alle zwölf Kriterien treffen auf Maxim und Nadeschda zu, doch viele wesentliche Punkte finden sich auch bei ihnen:

  1. Wenn meine Kinder weinen, dann weinen sie sehr intensiv. Auch heute noch. Und in der Mehrzahl der Fälle bin tatsächlich nur ich, ihre Mutter, die einzige Person, die sie beruhigen kann.
  2. Wenn es Maxim nicht gut geht, dann ist er hyperaktiv. Man spürt förmlich seine angespannte Körperhaltung und oft ist auch irgendein Gliedmaß in permanenter Bewegung.
  3. Wenn es Nadeschda nicht gut geht, dann will auch sie noch heute permanent getragen und umsorgt werden. Nicht umsonst trage ich ich fast zu jeder Jahreszeit große, breite Schals. Unter diesen kann sie sich dann auf meinem Schoß einhüllen und vor der Außenwelt „verstecken“.
  4. Beide Kinder sind extrem fordernd. Wenn sie etwas brauchen, dann fordern sie es sofort und lautstark ein. Kann das Bedürfnis nicht erfüllt werden – vor allem ein Grundbedürfnis nach Hunger, Durst, Schlafen, etc. – , weinen und schreien sie, als ginge es um ihr Leben. Warten können beide nur schwer.
  5. Vor allem Nadeschda ist, als sie kleiner war, häufig nachts aufgewacht. Vor allem, wenn ich abends nicht da war und jemand anderes sie ins Bett gebracht hat. Einschlafen kann sie auch heute nur gut, wenn ich bei ihr bleibe. Ja, auch sie haben Unruhe und Sorge gequält, ich könnte irgendwann nicht mehr da sein.
  6. Auch Maxim und Nadeschda sind extrem sensibel. Auch sie haben feinste Antennen und nehmen Stimmungen und Geräusche sehr intensiv wahr. So leidet Maxim heute z.B. oft unter Kopfschmerzen, wenn es in der Schule zu laut ist. Nadeschda braucht zwingend ihre festen Rituale. Kleinste Veränderungen im Alltag können sie schnell in die Überforderung bringen.
  7. Nadeschda braucht unendlich viel Körperkontakt, ja so wie andere die Luft zum Atmen. Manchmal scheint es mir, als söge sie darüber bei mir Energie ab, Energie, die sie zum Bewältigen irgendeiner Herausforderung des Alltags braucht.
  8. Auch Maxim und Nadeschda können sich schwer und schlechter von mir als Mutter trennen als andere Kinder. Nadeschdas Eingewöhnung im Kindergarten dauerte sehr lange. Unsere Kinderfrau kam mehrere Monate, bevor sie überhaupt beide Kinder einmal ins Bett bringen konnte. Gibt es eine längere Trennungsphase am Tag, so stellt Maxim unmittelbar unsere Beziehung in Frage. Sofort muss er testen, ob ich ihn halte und auch weiterhin aushalte.

So betrachtet, sind Maxim und Nadeschda „High-Need“-Kinder. Und natürlich ist das Leben als ihre Mutter anstrengend, anstrengender als ich es je gewagt hatte mir vorzustellen. Denn es kostet einfach unendlich viel Kraft und Energie. Vor dem Hintergrund der Lebensgeschichte meiner Kinder sind ihr Verhalten und ihre Reaktionen mehr als nachvollziehbar. Sie haben den absoluten Mangel erlebt, sie haben als Baby möglicherweise geschrieen und haben nichts zu essen bekommen, sie haben geweint und niemand ist gekommen und hat sie getröstet. Haben sie also ein Bedürfnis, dass nicht unmittelbar erfüllt werden kann, geht es für sie noch heute schlicht und ergreifend um Leben und Tod. Deshalb sind ihre Reaktionen bis heute zuweilen heftig. Wenn sie unter Stress stehen, dann geht bei ihnen der Alarm im Kopf an, über den ich ja schon häufiger geschrieben habe. Oft bringen sie mich an die Grenzen meiner Kraft und meiner Geduld.

Doch auf der anderen Seite hat all dies auch sein Gutes. Denn es lehrt mich, meinen Kinder immer in Dankbarkeit und Demut zu begegnen, an mir selbst zu arbeiten, um möglichst ausgeglichen und ruhig zu sein, meine Kraft mir einzuteilen und immer wieder Prioritäten zu setzen. Denn mit jedem kleinsten Schritt, den die Kinder machen, merke ich, dass sie doch langsam heilen, heilen durch meine Anwesenheit, meine Fürsorge und meine Begleitung. Wenn Maxim doch den Durst im Auto auf den zehn Minuten Heimweg aushalten kann, wenn Nadeschda doch mehrere Nächte in Folge durchgeschlafen hat, wenn Maxim ruhig am Tisch sitzt und mir vorliest, ohne dass ein Bein zappelt, wenn er nicht unsere Beziehung in Frage stellt,nachdem ich ein Wochenende in der Akademie war, wenn Nadeschda mich wegschickt, wenn sie bei einer Freundin zu Besuch ist: „Geh jetzt Mama, ich kann das alleine.“

Allein, dass sie ihre Bedürfnisse, Ängste und Nöte bei mir so ungeschminkt zeigen, sie mit voller Wucht an manchen Tagen an die Oberfläche bringen, ist auch ein Ausdruck ihrer tiefen Bindung an mich als ihre Adoptivmutter. Hätten sie diese Bindung nicht, würden sie sich ruhig und angepasst verhalten, still und zurückhaltend. Denn sie wären sich meiner nicht sicher. Sie können aber bei mir ihre Gefühle ausleben, weil sie sich sicher fühlen, weil sie wissen, dass ich sie halte, aushalte und immer für sie da bin.

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„Bin ich als Adoptivmutter gut genug?“ – Von gelegentlichen Zweifeln

Silhouette of Mother and Young Children Holding Hands at Sunset

In ihrem Beitrag „Bedingungslos lieben“ warf Katja von homeiswheretheboysare auch die Frage nach dem „Gut genug Sein“ auf. Irgendwie lässt mich diese Frage nicht los und hat mich auch durch den Urlaub in den Schweizer Alpen begleitet. Ja, auch wenn meine Kinder mir jeden Tag wieder und wieder zeigen „Mama, Du bist gut genug. Und noch viel mehr als das.“, so holen mich doch hin und wieder Zweifel ein:

Bin ich als Adoptivmutter tatsächlich gut genug? Tue ich alles erdenklich Mögliche um meine Kinder auf ein bürgerliches Leben gut vorzubereiten? So gut, dass sie irgendwann alleine ihren Weg durch das Leben gehen?

Reicht das, was ich mache? Reicht meine Unterstützung aus? Lernen, üben, ein stark rhythmisierter Alltag? Meine Präsenz in der Schule, um genau zu wissen, was passiert, um meine Kinder zu schützen und zu stärken. Um mit ihnen das Zuhause zu lernen, was sie vielleicht verpasst haben; um die Lehrer zu sensibilisieren und sie ein wenig wohlwollender gegenüber Maxim und Nadeschda zu stimmen, um ein Quäntchen mehr Achtsamkeit gegenüber ihnen sicherzustellen.  Alle möglichen und sinnvollen Therapien und Therapeuten auszuprobieren, die ihn helfen könnten. Unterschiedliche Ärzte und Arztmeinungen zu konsultieren, um die best mögliche medizinische Versorgung ihnen zu bieten.

Reicht meine Geduld, meine Fürsorge, meine Zuneigung? Ist meine bedingungslose Liebe für meine Kinder genug? Reicht es aus, für diese Kinder da zu sein, für sie zu sorgen, sie zu beschützen und zu behüten, egal wie viel Kraft es auch kosten mag? Ist es genug, sie so anzunehmen, wie sie sind?

An guten Tagen, wenn ich bewusst wahrnehme, wie Maxim und Nadeschda wachsen, wie sie sich entwickelt haben, wenn ich merke, dass es ihnen gut geht, dass sie sich wohlfühlen und sie geborgen sind, weiss ich, dass alles gut genug ist. Wenn Lehrer oder Therapeuten mir bestätigen, wie wunderbar beide Kinder sind und welche unglaubliche Entwicklung sie vollziehen, dann weiss ich, dass meine Förderung und Unterstützung genau richtig ist, dass sie ausreicht, dass sie gut genug ist. Dann weiss ich, dass ich gut genug bin, ich als Mutter. Dann bin ich davon überzeugt, dass Maxim und Nadeschda  mit meiner Hilfe und Begleitung den sicheren Weg in ein eigenständiges Leben gehen werden.

Doch dann gibt es die Tage, an denen die Zweifel kommen. An denen ich das Gefühl habe, es reicht eben nicht aus, was ich für sie tue. An denen ich glaube, dass meine Geduld nicht groß genug ist. An denen ich zweifle, ob meine Liebe und Fürsorge jemals ausreichen wird, da meine Kinder einfach ein Fass ohne Boden sind. Sie saugen meine Liebe auf wie ein trockener Schwamm. Und es wird niemals genug Liebe sein, um die Löcher zu füllen und die Wunden zu heilen, die in ihrer frühesten Kindheit aufgerissen wurden. Auch wenn ich weiss, dass ich den permanenten Alarmzustand im Kopf und in der Seele meiner Kinder nur mindern kann, ihn aber niemals vollständig heilen, so frage ich mich dennoch, ob es nicht ein noch nicht entdecktes MEHR gibt, was ich tun kann, um ihnen zu helfen, zu heilen. Es sind die Tage, an denen ich mich frage, ob ich nicht noch mehr für meine Kinder tun müsste und könnte. Sollte ich meine Ausbildung aufgeben, da Maxim und Nadeschda sich schwer tun, wenn ich abends weg bin? Sollte ich mich von jeglicher Fremdbetreuung verabschieden, um ganz und gar für meine Kinder da zu sein? Sollte ich nicht mein ehrenamtliches Engagement ganz einschränken und nur noch auf die Schule konzentrieren, um an den Vormittagen mehr Zeit für mich zu haben, damit ich nachmittags noch ausgeglichener und noch ruhiger bin, wenn meine Kinder sich nicht wohlfühlen und meine Grenzen erneut testen, wenn das Wutmonster uns wieder besucht, wenn Nadeschda in meinen Bauch krabbeln will, an mir klebt und mich keine Zentimeter wegbewegen lässt, wenn Maxim in den Widerstand geht, um zu prüfen, ob ich ihn dann immer noch halte?

Am Ende, wenn ich Katja’s Post noch einmal Revue passieren lasse, sind es immer die Tage, an denen ich mir selbst nicht gut genug bin. An denen ich unzufrieden mit mir selbst bin, weil ich nicht das geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe, an denen ich nicht nicht geduldig genug bin, weil ich unausgeschlafen oder erschöpft bin, an denen ich nicht ruhig und gelassen geblieben bin, an denen mir manchmal alles über den Kopf wächst. Die Tage, an denen ich mir jedoch nicht die Frage stelle, ob ich mir vielleicht zu viel vorgenommen habe. Die Tage, an denen ich in alte Muster verfalle – ich bin nur als Mutter gut genug, wenn ich dies und das geleistet habe. Die Tage an denen ich funktioniere und nicht bei mir bin.

Nicht nur meine Kinder sollen und können sich entwickeln. Auch ich als ihre Mutter kann und will mich weiter entwickeln. Wieder mehr auf mich und meine innere Stimme hören. Zu spüren, wann es zu viel ist. Und eben nicht zu fragen, ob da doch noch mehr gehen muss, ob ich da noch mehr leisten muss. Achtsam bei mir selbst zu bleiben und nicht bei meinen zu vollen To Do Listen. Anstatt mir die Frage zu stellen, was ich noch mehr für meine Kinder tun kann, sollte ich mir die Frage stellen, was ich für mich tun kann. Denn nur so, nur, wenn es mir gut geht, wenn ich bei mir bin, dann habe ich genügend Kraft und Ausdauer, so für meine Kinder da zu sein, wie sie es brauchen.

Die innere Stärke jeden Tag immer wieder von Neuem zu beginnen und sich niemals aus der Bahn werfen zu lassen, kommt letztendlich nur aus der bedingungslosen Liebe. Aus der bedingungslosen Liebe für meine Kinder und die meiner Kinder zu mir. Vor allem aber aus der bedingungslosen Liebe zu mir selbst. Denn so wie ich bin, bin ich gut genug.

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Wie fühlt sich ein Kind mit einer desorganisierten Bindungsstörung…

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Wieder lese ich viel über Leistungsverweigerung und Bindungsstörungen. Das hat zum einem etwas mit meiner Ausbildung zu tun. Zum anderen hallt aber auch der „Angriff auf das Urvertrauen“  immer noch nach.

Vor ein paar Tagen hat erneut Sherrie Eldridge einen knackigen Post zu ihrer eigenen Bindungsstörung veröffentlicht:

The Game Changer for My Attachment Disorder

Stellt Euch einfach nur vor, Ihr werdet Mitten in der Nacht von einem Rauchmelder geweckt. Wie geht es Euch dann? … Genau. Und so fühlen sich Adoptivkinder jeden Tag. Jeden Tag! Jede Stunde, die sie wach sind, und auch jede Stunde, wenn sie schlafen. Sie leben, so Sherrie Eldridge, mit einem permanent warnenden Rauchmelder in ihrem Kopf.

Ich fand dieses Bild so treffend und es erklärt so vieles. Auch im Leben meiner Kinder…

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„Anders Mutter werden – das erste Jahr nach einer Auslandsadoption“ – mein Blog als Buch

cover_anders_mutter-werden_blogHatte ich es an der ein oder anderen Stelle schon angedeutet, nun ist es soweit: Mein Buch „Anders Mutter werden – Das erste Jahr nach einer Auslandsadoption“ ist im FamArt Verlag erschienen. Viele von Euch sind mir bereits hier auf meinem Blog mit viel Unterstützung und großer Anteilnahme durch unser erstes Jahr gefolgt. Danke dafür von Herzen an all meine Leser! Das motivierte mich weiterzumachen, nicht nur hier auf diesem Blog, sondern unsere Erlebnisse, Herausforderungen, Höhen und Tiefen des ersten Jahres – detailliert und umfassend – als Buch zu veröffentlichen. Neben den Veränderungen in unserem ersten Jahr als Adoptivfamilie schildert das Buch unser Adoptionsabenteuer in Gänze und wagt einen Ausblick in die Zeit nach dem ersten Jahr bis in der Gegenwart, mit der sich die Beiträge in meinem Blog beschäftigen. Wer also Lust auf noch mehr hat, der klicke hier, mit erster Leseprobe inklusive. Und wer noch mehr über die Motivation zu diesem Buch erfahren möchte, findet hier die Pressemeldung von FamArt.

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Vom Umgang mit der „Anstrengungsverweigerung“

Vor einigen Jahren war ich auf einem Vortrag von Bettina Bonus zu „Anstrengungsverweigerung bei Adoptivkindern“. Viel sprach sie von hochproblematischen, traumatisierten Kindern, die sich mit zunehmenden Alter immer mehr jeder Anstrengung verweigern, die sich mit zunehmender Aggression jeder Form von Leistungsanforderung entziehen und später an einem bürgerlichen Leben scheitern. So unterhaltsam die Art der Präsentation dieses schwierigen und heiklen Themas von Bettina Bonus war, ihre Ausführungen trieben mir die kalte Angst in die Glieder. Ich rettete mich mit meinem Glauben, dass es meine eigenen Kinder in ihrem Leben, bevor sie zu uns kamen, nicht so hart getroffen hatte, und wir von vielem verschont bleiben würden.

Heute, Jahre später muss ich gestehen, dass sich die Vorzeichen einer „Anstrengungsverweigerung“ auch bei Maxim und Nadeschda zeigen. Maxim’s Wut beim Üben für die Schule oder Nadeschdas Verweigerung bei manchen Therapeuten mitzumachen – wie ich es in meiner Kolumne zum Leistungsdruck geschildert habe – oder auch Nadeschda’s Tendenz sich in der Schule der Arbeit charmant zu entziehen. All das kann auf eine Anstrengungsverweigerung hindeuten. Nach bald zwei Jahren Schule haben wir mit diesen Tendenzen jedoch einen guten Umgang gefunden. Sie machen mir keine Angst mehr.

In ihrem Vortrag damals riet Bettina Bonus zu etlichen Maßnahmen, wie man als Adoptiveltern mit dieser Verweigerung umgehen könnte: In einem sklavisch durchstrukturierten Tagesablauf sollten die Eltern ihre Kinder eng begleiten. Zur Schule, ja bis zum Klassenzimmer bringen, von der Schule abholen, Hausaufgaben und am Nachmittag Zuhause machen, gefolgt von täglichem Üben. Idealerweise sollten Adoptivkinder einen Leistungssport betreiben, Schwimmen wäre dabei besser als Fussball oder ein Kampfsport. Genauso sollten sie ein orchesterfähiges Instrument spielen, für das sie jeden Tag üben müssten. Der Konsum von elektronischen Medien sollte weitestgehend verboten sein, da er das passive Verhalten, das einer Anstrengungsverweigerung innewohnt, nur begünstigen würde. Als Schulform favorisierte Bettina Bonus die Waldorfschule. Damals mit zwei Kindergartenkindern nahm ich diese Empfehlungen zwar wohlwollend auf, doch glaubte ich, dass unser Leben später mit dem Schuleintritt nicht so rigide aussehen würde.

Doch neulich musste ich, als ich an den Vortrag zurückdachte, schmunzeln: Maxim und Nadeschda besuchen eine Waldorfschule. Wir bringen sie jeden Morgen in die Schule bis in den Klassenraum – und werden dies allein aus logistischen Gründen auch tun müssen, bis sie das Abitur haben, denn es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel dorthin -, mit beiden Kindern mache ich mittlerweile die Hausaufgaben nachmittags zuhause, gefolgt von täglichem Üben. Beide spielen ein Instrument, für das sie jeden Tag üben müssen. Mit Ballett und Zirkusakrobatik verfolgen beide einen Sport, sie körperlich fordert und sie vor allem vor Aufführungen zu hartem Trainieren zwingt. Das Konzept Fernsehen kennen meine Kinder nicht, selbst einen CD-Spieler für Hör-CDs besitzen wir nicht. Die tägliche Routine zahlt sich aus. Diskussionen oder Wutausbrüche über das Üben und Lernen haben dramatisch abgenommen. Es gehört jetzt einfach dazu. Mehr noch, findet es einmal nicht statt, wird es sogar manchmal von Maxim und Nadeschda eingefordert. Auch wenn ich es damals von mir geschoben habe, so gestaltet sich mittlerweile unser Alltag ähnlich, wie ihn Bettina Bonus damals umrissen hat.

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Filmtip: „Wunschkinder“ im FilmMittwoch in der ARD

Marion Gaedickes Buch „Wunschkind – Geschichte einer Adoption“ ist verfilmt worden. Unter dem Titel „Wunschkinder“ ist der Film morgen Abend um 20:15 Uhr im Rahmen des FilmMittwoch in der ARD zu sehen.

Marie und Peter sind in ihrem Leben, vor allem beruflich, ein erfolgreiches Paar. Beide sind davon überzeugt, alles in ihrem Leben schaffen und erreichen zu können. Doch auch nach mehreren Jahren bleibt ihr Kinderwunsch unerfüllt. In der Sehnsucht nach einem Kind, bewerben sie um die Auslandsadoption eines Kindes aus Russland. Als sie nach mehreren Monaten der Vorbereitung nach Russland reisen und ihre Adoptivtochter kennenlernen, berührt sie die Begegnung tief im Herzen. Doch das Schicksal stellt Marie und Peter vor ungeahnte Herausforderungen. Denn der Adoptionsantrag für ihre Tochter wird vom russischen Gericht abgelehnt. Getragen von dem Willen ihren Lebenstraum zu erfüllen, entschließen sie sich, um ihre Tochter zu kämpfen.

iStock_000015941675_LargeRichard und ich haben „Wunschkind“ während unseres Adoptionsprozesses gelesen und waren vor unseren eigenen Erfahrungen in Russland von dem Buch gefesselt. „Das ist unsere Geschichte.“ sagte Richard einmal. Unser Adoptionsabenteuer in Russland war dann ein anderes. Vor allem fehlte ihm auch die Adoptionsromantik, die ich bei Marion Gaedicke damals herausgelesen hatte. Dennoch bereitete das Buch mich auf viele Unwägbarkeiten in unserem eigenen Adoptionsprozess vor. Es hinterließ das bestärkende Gefühl, dass, egal welche Schwierigkeiten uns auch in Russland begegnen würden, es sich lohnt, für unseren eigenen Lebenstraum zu kämpfen.

Auf die filmische Umsetzung bin ich gespannt. Allein die Ankündigung des Films lässt in mir viele Erinnerungen wach werden.

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„Die blauen Augen hat sie nicht von Ihnen!“

Vom Umgang mit dem unbekannten Erbe meiner Kinder

Vor einigen Monaten hatte Tante Tex beim „Story Samstag“ zum Thema „Erbe“ aufgerufen. Ich hatte teilgenommen mit einer Kurzgeschichte, die einmal nichts mit meinen Kinder und unserer Adoptionsgeschichte zu tun gehabt hatte. Dennoch hat mich seitdem das „Erbe“ auch mit Blick auf meine Kinder nicht mehr losgelassen. Ein Gespräch mit zwei Adoptivmüttern in der vergangenen Woche hat mich nun motiviert, noch einmal das Erbe meiner Kinder aufzugreifen.

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Gemütlich saßen wir drei Mütter am Frühstückstisch. Unsere Kinder spielten. Lange hatte wir uns nicht gesehen und so plauderten wir munter über dies und das, was sich so alles in unseren Leben in den vergangenen Monaten ereignet hatte. So erzählte die eine: „Mir ist neulich etwas passiert: Im Kindergarten spielen die Kinder jetzt ein Theaterstück. Und A. ist ganz engagiert mit dabei. Als A.’s Erzieherin mir begeistert einmal mittags davon erzählte, antwortete ich ihr freudestrahlend: Ja, das Theatergen liegt wohl in unserer Familie. Das hat sie von mir. – Im nächsten Moment fasst ich mir an den Kopf, und dachte nur, was war das jetzt für ein Spruch von Dir! Die wissen doch, dass wir A. adoptiert haben.“ Von dort wanderte unser Gespräch zu der Entwicklung unserer Kinder. Wie wir als Adoptiveltern vielleicht andere Erwartungen an die späteren „Karrieren“ unserer Kinder haben, wie wir bewusst die Ansprüche zurückschrauben, das Glück und die Gesundheit unserer Kinder im Vordergrund stellen und weniger die Förderung zum späteren Top-Manager. Dieselbe Mutter sagte: „Ja, vielleicht gehen wir damit anders um, weil wir wissen, dass unsere Kinder eben nicht unser Erbgut mitbekommen haben. Nur weil ich Abitur habe und studiert habe, kann ich das von A. ja nicht zwangsläufig erwarten. Ich will nur, dass es ihr gut geht, sie muss ja nicht Karriere machen und es „besser“ machen als ich.“ Daraufhin antwortet die andere Adoptivmutter (scherzhaft): „Nun ja, gerade weil unsere Kinder nicht unsere Gene tragen, können sie es „besser“ machen als wir.“

Szenenwechsel zu Nadeschdas Schule: Von Anfang an, seitdem Maxim und Nadeschda bei uns waren, bin ich mit Kommentaren aus unserem sozialen Umfeld wie: „Von wem hat Nadeschda denn diese tollen blauen Augen? Von Dir nicht. Dann wohl von ihrem Vater.“ von Müttern, die nichts von der Adoption wussten, oder auch von Menschen, die unsere Adoptionsgeschichte kennen: „ Die beiden sehen Euch so ähnlich. Wenn man nicht wüsste, dass Ihr sie adoptiert habt, könnte man meinen, es seien Eure leiblichen Kinder.“ konfrontiert. Meist nehme ich diese Kommentare, ohne näher darauf einzugehen, mal mehr mal weniger wohlwollend zur Kenntnis. Im Herbst hatte ich mit Daniel zusammen ein neues Erlebnis. Zusammen holten wir Nadeschda mittags von der Schule ab. Als wir eintrafen, half der Substitutslehrer gerade den Kindern beim Anziehen der Matschhosen. Ich stellte ihm Daniel vor. „Das habe ich mir gleich gedacht.“ sagte der Substitutslehrer. „Diese Ähnlichkeit ist verblüffend.“ Ich stutzte, denn Daniel und mich konnte er nicht meinen. Denn wir sehen grundverschieden aus und bringen im Äußeren jeden möglichen Kontrast mit (dunkles Haar vrs. helles Haar, braune Augen vrs. stahlblaue Augen, Pfannkuchengesicht vrs. Charakterkopf, etc.). Im zweiten Moment ahnte ich, worauf der Lehrer hinaus wollte. Er meinte die Ähnlichkeit zwischen Nadeschda und meinem Bruder. Nadeschdas Klassenlehrerin kam dazu, begrüßte meinen Bruder und löste meine Verwunderung mit den Worten: „Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Welch karmische Fügung, oder?“ Und es stimmt, die Ähnlichkeit zwischen Nadeschda und meinem Bruder ist durchaus frappierend. Vielleicht war es tatsächlich eine Fügung des Schicksals. Hinzukommt, und das findet sich hier und da auch in der Fachliteratur, dass Adoptivkinder tatsächlich mit den Jahren vor allem durch Mimik und Gestik immer mehr ihren Adoptiveltern ähneln und sie somit in Auftreten und Aussehen immer mehr ihren Adoptiveltern folgen. Bei Maxim und Richard lässt sich das genauso beobachten: Nicht nur Haarschnitt und Kleidungsstil, sondern Gesichtsausdruck, Verhaltensmuster, gewissen Redewendungen, etc.

In der Wissenschaft streitet man sich, wie viel tatsächlich Kinder geprägt sind durch das genetische Erbgut oder durch das familiäre und soziale Umfeld, in dem sie aufwachsen. Eine Adoptionsberaterin sagte zu mir einmal: „Als Adoptiveltern muss man ohnehin den Glauben haben, dass 95 Prozent der Entwicklung eines Kindes von seiner sozialen Prägung beeinflusst werden. Sonst darf man nicht adoptieren.“ Ich empfand die Äußerung als drastisch und rigoros. Dennoch in gewisser Weise folge ich ihr. Weniger aus der Überzeugung heraus, dass ich die genetische Prägung meiner Kinder verändern kann, als viel mehr aufgrund des Unwissen über die genetische Herkunft meiner Kinder. Wir wissen zwar einiges über die soziale Herkunft und die Lebensumstände von Maxim und Nadeschda, bevor sie zu uns kamen, aber kaum etwas über die familiären Gene und Wurzeln, die sie in sich tragen. Oft halte ich es auch für müssig, darüber nachzudenken. Überlegungen, wie sie „unsere bunte Oma“ manchmal bei ihrer Enkelin, die aus einer Samenspende entstanden ist, anstellt: „Oh, ihr Spendenvater galt als hochgewachsen, sehr intelligent und sportlich. Das sieht man bei ihr jetzt schon.“ sind mir fremd. Ob die genetische Abstammung meiner Kinder einmal ihre Zukunft bestimmen wird, halte ich für Spekulation. Ob Maxim und Nadeschda später aufgrund ihrer genetischen Prägung einen anderen Lebensweg und eine andere Karriere gehen werden, als Richard und ich ihnen vorleben, wird man schwer nachweisen können. Uns ist nur wichtig, dass sie glücklich sein werden, in der Lage sind, allein auf eigene Beinen zu stehen und für sich selbst sorgen können werden, egal, ob als Bäcker, Schreiner, Schauspieler oder Top-Manager.

In nur einem Punkt wünschte ich, mehr über die erbliche Prägung meiner Kinder zu wissen: Irgendwann werden Maxim und Nadeschda in ihrer Identitätsbildung nach ihrer Herkunft fragen. Sie werden sich nicht damit zufrieden geben, dass sie bestimmte äußerliche Merkmale von ihren russischen Eltern sicherlich geerbt haben. Sie werden wissen wollen, welche Charaktereigenschaften sie vielleicht von ihnen mitbekommen haben, welche Talente und Begabungen. Um so mehr über ihre russische Mutter und ihren russischen Vater zu erfahren, um so für sich die Frage zu beantworten: „ Was waren meine russischen Eltern, die mir das Leben geschenkt haben, für Menschen?“ Hier können wir nur Mutmaßen und werden unsere Kinder lehren müssen, mit einem teilweise unbekannten Erbe zu leben.