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Herkunft reloaded (5): Von „echten“ Eltern

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Vor ein paar Tagen hatte Nadeschda ihre Freundin Marie zum Spielen zu Besuch. Sie ist die kleine Schwester von Maxim’s Freund Johannes. Marie ist ein durchaus aufgewecktes Mädchen, die in keiner Weise auf den Mund gefallen ist. Und so trug sich folgende Szenerie an diesem verregneten Nachmittag zu:

Während ich im Esszimmer über meinen ToDo-Listen brütete, hörte ich wie die Mädchen zunächst friedlich im Kinderzimmer spielten. Doch dann entbrannte plötzlich ein etwas lauterer Wortwechsel. „Stimmt gar nicht!“ hörte ich meine Tochter wutentbrannt rufen. „Die Charlotte ist meine echte Mama! Jawohl, ganz bestimmt!!!“ Marie wollte wohl noch etwas entgegnen, entschied sich dann aber zu mir zu kommen.

„Du Charlotte?“ zögerlich stand sie im Türrahmen unseres Esszimmers. „Die Nadeschda hat doch zwei Mamas und zwei Papas. Stimmt’s? Eine Mama und ein Papa sind irgendwo anders. Stimmt’s?“ Ich: „Ja….“ und schaute sie abwartend an. Marie zupfte an ihrem Rock und fuhr fort: „ Aber wenn sie noch irgendwo anders eine Mama und einen Papa hat, dann kannst Du doch gar nicht ihre echte Mutter sein.“ Ich wendete mich ihr zu und antwortete: „Weißt Du, Marie, wir sind alle Nadeschda’s echte Eltern. Nadeschda’s Mama und Papa in Russland sind ihre echten Eltern und genauso sind Richard und ich ihre echten Eltern. Nadeschda hat eben zwei echte Mamas und zwei echte Papas. Ihre Mama und ihr Papa in Russland haben ihr das Leben geschenkt. Ohne sie wäre Nadeschda gar nicht auf der Welt. Und Richard und ich sind ihre Mama und ihr Papa, die jetzt immer für sie da sind und sie durch ihr Leben begleiten.“ Marie drehte die Augen zur Decke und dachte nach. „Aber ich habe nur eine Mama und einen Papa. Ich war bei meiner Mama im Bauch und sie ist immer für mich da.“ Ich: „Ja, genau. Aber weißt Du, Nadeschda’s russische Mama konnte sich dann nicht mehr so um Nadeschda kümmern und hat um Hilfe gebeten, dass man eine Mama und einen Papa findet, die besser für Nadeschda sorgen können. So ist sie zu uns gekommen. Und so hat sie eben zwei echte Mamas und zwei echte Papas. Die einen haben ihr das Leben geschenkt und die anderen, Richard und ich, sind jetzt immer für Nadeschda da.“

Marie kaute nachdenklich auf ihrer Lippe und antwortete: „Das ist ja eigentlich ganz schön cool. Ich will auch zwei Mamas und zwei Papas haben!“

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Erinnerungen eines Adoptivkindes können überraschen…

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Danke an Rachael Gorjestani auf unsplash.com

Sherrie Eldridge hat einmal wieder einen Post vor ein paar Wochen veröffentlicht, der mich sehr gerührt und ermutigt hat. „Your Adopted or Foster Child’s Memories May Surprise You“ kam gerade richtig. Hängen geblieben ist er zunächst, weil Sherrie über ein ganz profanes Gericht geschrieben hat, das ihre Mutter immer für sie gemacht hat: Erbsen auf Toast.

Das blieb in meinem Gedächtnis hängen, denn zum einen hasst Maxim Erbsen, ohne sie wirklich zu kennen. Bei uns hat er sie immer verweigert. Und es gibt eine lustige Geschichte, die wir gerne erzählen: Einmal habe ich Backerbsen zur Kartoffelsuppe gekauft. Und auch den Kindern erzählt, dass es abends Kartoffelsuppe – die beide Kinder lieben – mit Backerbsen gibt. Maxim verzog fast schmerzverzerrt das Gesicht. Doch dann sah er, dass es keine Erbsen waren und probierte – zunächst widerwillig -, um dann mit der Backerbse im Mund zu sagen: „Mmmh, Mama, echt lecker.“ Seitdem geht bei uns immer der Spruch um: „Maxim, es gibt Erbsen.“ Schmerzverzerrtes Gesicht meines Sohnes. „Nein, es gibt Backerbsen.“ Maxim’s Gesichtsmuskeln entspannen sich zu einem Lächeln.

Zum Anderen entspannten mich Sherrie’s Schilderungen einmal wieder so ungemein. Denn sie macht in ihrem Beitrag so wunderbar deutlich, dass meine Kinder mich lieben und akzeptieren, so wie ich bin, dass sie mir das eben nur nicht zeigen können. Denn die Wut auf ihre leibliche Mutter mag so unermesslich sein, dass sie diese einfach immer wieder auf mich projizieren. Und es braucht Jahre und Jahrzehnte bis meine Kinder realisieren, dass das, was ich jeden Tag für sie tue, ihnen vielleicht doch zeigt, wie sehr ich sie liebe. Dies tue ich einfach, jeden Tag und mit jedem Tag immer mehr. Und ich bin sehr gespannt, an was sich meine Kinder einmal erinnern werden.

Es werden jedoch nicht „Peas on Toast“ sein, das ist sicher…

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#ZweifelimHerbst: Herbstverzweifelt – von Zweifeln einer (Adoptiv-)Mutter

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Danke an Matthew Henry auf unsplash.com

Die wunderbare Susanne von HalloliebeWolke und Tanja von Krümel und Chaos haben zu einer Blogparade aufgerufen, die gerade so treffend zu meinem Leben passt. Auch wenn ich an den Tagen in den Bergen zum einen dazu gekommen bin, ein paar meiner belastenden Altlasten abzuarbeiten, aber auch neue kreative Energie geschöpft habe und an manchen Tagen – so wie am Dienstag – einfach dankbar sein konnte für mein Leben und vor allem für meine Kinder. Dennoch die Zweifel quälen mich. Vielleicht mache ich deshalb gerne mit bei dieser Blogparade #ZweifelimHerbst. Denn auch ich fühle mich ein wenig in „ZweifelHaft“, wie Tanja so schön schrieb. Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste mich daraus dringend befreien. Auch wenn ich weiß, dass ich am Ende diese Beitrags doch einfach die Zähne zusammenbeiße und wieder einmal genauso weiter mache wie bisher. Irgendwie geht es ja dann doch immer, Zweifel hin oder her.

In diesem Jahr kamen die Zweifel früher als sonst. In der Regel erwischt mich die Überforderung immer zum Jahreswechsel und nicht schon jetzt. Vielleicht hängt es in diesem Jahr mit der stürmischen Michaelizeit zusammen, der Zeit, wenn der Herbst sich ankündigt, wenn Tag und Nacht gleich lang sind, wenn wir dem heiligen Michael, dem tapferen Drachentöter, gedenken. Manchmal glaube ich ja, dass an seinem Mythos etwas dran ist: Der heilige Michael, der gegen den Drachen gekämpft hat. Sinnbild für den Mut und den Kampf gegen das Böse, vor allem gegen die eigenen inneren bösen Mächte, die uns so oft quälen.

Sie sind also da, diese unbequemen Zwerge im Kopf, die einen den Alltag schwer ertragen lassen. „Warum machst Du das alles?“ „Warum tust Du Dir das an?“ „Wirst Du das wirklich schaffen?“ „Ist das alles nicht zu viel?“ „Wirst Du nicht irgendwann wie ein nervöses Wrack zusammenbrechen?“ „Und dann, was ist, wenn Du mal nicht mehr kannst? Wer ist dann für Deine Kinder da?“ „Was um Himmelswillen willst Du Dir denn noch beweisen?“ Ich weiß, dass diese Zwerge mich immer mal wieder besuchen. Und spannend ist, dass sie dies immer in der dunklen Jahreszeit tun. In diesem Jahr sind sie früh dran. Normalerweise kommen sie wie gesagt immer erst zum Jahreswechsel – wie auch hier schon geschrieben – , wenn die Weihnachtsanspannung nachgelassen hat. Aber auf die habe ich ja schon in diesem Jahr keine Lust mehr. Auf die Weihnachtsanspannung. Vielleicht haben die Zwerge sich deshalb nun die stürmische Michaelizeit ausgesucht.

Ja, in den letzten Wochen hatte ich oft das Gefühl, dass es wieder alles zu viel ist. Meine Arbeit, meine Ausbildung, mein Blog, mein Haus, mein Haushalt, meine ehrenamtlichen Verpflichtungen, mein Engagement an der Schule. Nein, nicht meine kleine eigenen Familie mit Richard, Maxim und Nadeschda. Nein, diese drei liebsten Menschen, sie sind mir nie zu viel! Doch merke ich, dass mir die Ruhe fehlt, richtig bewusst mit ihnen Zeit zu verbringen. Ungeachtet dessen, dass unser Alltag so durchgetaktet ist, dass wir zu wenig Zeit und Gelegenheit haben, die Seele einfach mal baumeln zu lassen. An manchen Tagen, gerade, wenn der Schlaf wieder zu wenig war, dann fehlt mir die Geduld, die Maxim und Nadeschda doch so sehr brauchen, gerade wenn es um unser tägliches Üben geht. Und das ist nicht gut.

Anstatt die Zeit, die die Kinder in der Schule sind, mit Arbeiten, Blog und Ausbildung zu verbringen – noch dazu Kraftraubende Abende unter der Woche und mindestens ein Wochenende im Monat, sollte ich vielleicht all dies sein lassen und mich stattdessen um mich kümmern. Nur um mich kümmern. Was wäre so verwerflich daran, meine Vormittage mit Schreiben und Lesen zu verbringen – da wir ja nun auf mein Geld auch nicht wirklich angewiesen sind -, Sport zu machen, abends früh schlafen zu gehen, damit ich dann ausreichend Kraft habe, für Maxim und Nadeschda die Mutter sein zu können, die ich so gerne für sie wäre? In meiner Kinderfreien Zeit in Ruhe alles zu erledigen, was es zu erledigen gilt, um mich dann in der Zeit, in der die Kinder da sind, mich voll und ganz meiner Familie zu widmen, ohne eben all die Dinge im Kopf zu haben, die dann doch noch erledigt werden müssen.

In den vergangenen Monaten, ja bald Jahren sind Dinge auf der Strecke geblieben, die mir Herzensangelegenheiten sind. Freunde habe ich schon ewig nicht mehr gesehen. Außer vielleicht meine Lieblingsfreundin hier in meinem Lieblingshaus in den Bergen. Aber andere soziale Kontakte und Freundinnen mal abends treffen? Fehlanzeige. Bücher habe ich nur noch wenige gelesen. Und wenn dann eher Fachliteratur. Aber so richtig Bücher, die einfach Spaß machen? Viel zu selten. Ich glaube, ich kann sie in diesem Jahr an einer Hand abzählen. Auch meine sportlichen Ambitionen sind auf der Strecke geblieben, bzw. kommen nicht richtig in den Gang. Hier geht es nicht darum, den nächsten Marathon laufen zu können, sondern morgens aufzuwachen und beweglich zu sein und mich nicht wie eine alte Frau zu fühlen, nur weil der Rücken einmal wieder meckert, weil ich Nadeschda herumtragen musste.

Manchmal habe ich mich in den letzten Wochen gefragt, ob meine Kraft und Energie noch lange genug ausreicht, um Maxim und Nadeschda gut in ihr Leben zu begleiten. Denn das steht außer Frage, dass dies meine oberste Lebensaufgabe und damit Priorität sein muss. Danach sollte ich alles in meinem Leben ausrichten und an nichts anderem. Allein meine zwei wunderbaren Kinder gut durch den Alltag zu begleiten und sie gut ins Leben zu führen. Alles, aber auch wirklich alles, Andere ist Nebensache und müsste hinter anstehen. Weder mir noch sonst irgendjemandem muss ich etwas beweisen. Allein eine gute und damit ausgeglichene, geduldige, fürsorgliche und stabile Mutter sollte ich sein. Mehr nicht und auch nicht weniger. Denn gerade meine Kinder brauchen mich als eben so eine Mutter, mehr als viele andere Kinder. Vielleicht. Dafür meine Kraft und Energie zu sparen und wieder aufzutanken, sollte in meinem Fokus stehen. Und nichts anderes. Vielleicht wollen mich meine Zweifelszwerge gerade daran erinnern.

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#bestofElternblogs im Oktober 2017

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Danke an Pixabay

Anja von der Kellerbande ruft regelmäßig zum 1. des Monats zu den besten Beiträgen der Elternblogs auf. Und auch heute mache ich gerne wieder mit. Auch wenn es schon spät ist. Aber gerade weil es dieser Beitrag ist, mache ich gerne wieder mit. Denn mein meist gelesener Beitrag im September  war „48 Stunden Alltag einer (Adoptiv-) Mutter (relaoded)“, in dem ich einfach mal wieder unseren „ganz normalen Wahnsinn“ schildere, der aber eine liebe Ex-Kollegin noch aus meinen Agenturzeiten, die ich in letzten Woche getroffen habe, zu der Frage veranlasst hat, mich zu fragen: „Wie schaffst Du das alles?!?“. Das frage ich mich manchmal selbst… Doch lest selbst. Vielleicht gibt es in der nächsten Woche einen erneuten Reload, diesmal unter dem Motto „Wenn Papa auf Reisen ist…“, nachdem wir nun eine Woche ganz ohne Papa überstanden oder viel mehr gemeistert haben. Mal sehen…

All denen, die meinen Wahnsinn schon mitbekommen haben, habt Dank für’s Lesen, Mitfühlen und überhaupt, schön, dass Ihr da seid!! 😉

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Hasst mich mein Adoptivkind? Warum es ihm so schwer fällt, Liebe zu zeigen…

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Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Vor einiger Zeit hat Sherrie Eldridge den erneut bewegenden Post „Why does my adopted child hate me?“ veröffentlicht. Er knüpft ein wenig an meine gelegentlichen Zweifel als Adoptivmutter an und hat mich in den vergangenen Wochen immer wieder beschäftigt, auch wenn er mich jetzt noch einmal zu einer bewussten Erkenntnis gebracht hat.

Wenn ich Maxim von der Schule abholte, oder ich nach einem Tag Arbeit nach Hause kam, so wünschte ich mir doch immer wieder insgeheim, dass mein Sohn mir freudestrahlend in die Arme lief und mich umarmte. – Lange, lange hat er das nicht getan und meine Hoffnungen blieben unerfüllt. Inzwischen zeichnet sich da allerdings eine Entwicklung ab. – Stattdessen wurde ich mit Gleichgültigkeit oder manchmal auch Ablehnung empfangen. Wenn Zuhause seine Wut hochkochte, wurde ich zuweilen auf das Übelste beschimpft, getreten, geschlagen. Oder es fiel auch der Satz: „Du bist nicht meine Mama!“ Ich weiß nach all den Jahren, dass ich die Projektionsfläche für die Wut und die Trauer über seine frühkindlichen Verletzungen, die unermesslich gewesen sein müssen, bin. Meistens kann ich mit dieser Wut umgehen. Ich nehme Maxim’s Angriffe nicht mehr persönlich, auch wenn es mir lange schwer fiel. Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass er nicht mich direkt meint.

Dennoch gibt es noch heute Momente, in denen ich seine Ablehnung und Abneigung nur schwer ertragen kann. Das sind die Augenblicke, in denen ich mich frage: „Bin ich gut genug?“ Bin ich gut genug als Adoptivmutter für meine Kinder? Würden sie vielleicht eine andere Mutter weniger ablehnen? Auch dann kommen die Zweifel, ob all das, was ich für meine Kinder tue und empfinde, ausreicht. So ausreicht, dass sie mich lieben lernen können.

Auf der anderen Seite weiß ich, dass die fehlende Fähigkeit, Zuneigung zu zeigen und eher die Wut, Aggression und Trauer herauszulassen, aus dem tiefen Gefühl des Verlassenwordenseins resultiert. So wie Sherrie es schreibt. Und das genau deshalb, weil ich als Adoptivmutter eben jetzt da bin und immer für meine Kinder sorge, sie liebe und so annehme wie sie sind, genau deswegen bin ich die Zielscheibe ihrer Wut und ihrer Ablehnung. „Wenn Ihr Adoptivkind Sie schlägt, dann ist es richtig bei Ihnen angekommen.“ sagte einmal unsere Jugendamtsbetreuerin zu uns. Wie Recht sie hatte. Denn im Grunde, so absurd das vielleicht erscheinen mag, ist dies das Zeichen, dass das Adoptivkind sich sicher genug fühlt, seine tiefen Gefühle zu zeigen und herauszulassen.

Mit Blick auf Maxim weiß ich aber auch, dass sein Verhalten immer noch auch ein Ausfluss seiner Bindungsstörung ist. Wenn ich der Literatur folge, so könnte er als „unsicher vermeidend gebunden“ gelten. Diese Kinder reagieren in einer Trennungssituation kaum und spielen einfach bei Betreten des Raums durch die Bezugsperson weiter. Auch bei der Wiedervereinigung vermeiden sie den Kontakt mit der Bezugsperson. In der Literatur heißt es dazu, dass diese Kinder ein Bindungsverhalten minimieren, da dieses in der Vergangenheit nicht den gewünschten Erfolg brachte. Denn bei Furcht, Kummer, Erschöpfung oder Unsicherheit war die Bindungsperson nicht verfügbar. Maxim hat dies mit Sicherheit so erfahren in seiner Ursprungsfamilie und vor allem auch im Kinderheim.

Erst jetzt nach Jahren als Familie, nach Jahren des immer auf Gedeih und Verderb verlässlich Daseins, nach Jahren der Fürsorge, nach Jahren in einer sicheren, geborgenen und stabilen Umgebung und auch nach Jahren mit therapeutischer Unterstützung spüre ich, dass Maxim langsam heilt. Ich fühle, dass er weiß, dass er sich auf mich verlassen kann, dass ich immer für ihn da bin, dass er bei mir sicher ist. Nach all der Zeit beginnt er sich an mich zu binden ohne Wenn und Aber. Heute kommt er mir auf dem Schulhof freudig entgegen gerannt, heute zeigt und sagt er, wenn er mich braucht. Heute überschüttet er mich zuweilen mit großen Zuneigungsbekundungen. Heute schiebe ich meine Zweifel bei Seite, denn immer mehr lerne auch ich: Ja, ich bin gut genug als Maxim’s Adoptivmutter und alles ist gut so wie es ist.

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„Bin ich als Adoptivmutter gut genug?“ – Von gelegentlichen Zweifeln

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In ihrem Beitrag „Bedingungslos lieben“ warf Katja von homeiswheretheboysare auch die Frage nach dem „Gut genug Sein“ auf. Irgendwie lässt mich diese Frage nicht los und hat mich auch durch den Urlaub in den Schweizer Alpen begleitet. Ja, auch wenn meine Kinder mir jeden Tag wieder und wieder zeigen „Mama, Du bist gut genug. Und noch viel mehr als das.“, so holen mich doch hin und wieder Zweifel ein:

Bin ich als Adoptivmutter tatsächlich gut genug? Tue ich alles erdenklich Mögliche um meine Kinder auf ein bürgerliches Leben gut vorzubereiten? So gut, dass sie irgendwann alleine ihren Weg durch das Leben gehen?

Reicht das, was ich mache? Reicht meine Unterstützung aus? Lernen, üben, ein stark rhythmisierter Alltag? Meine Präsenz in der Schule, um genau zu wissen, was passiert, um meine Kinder zu schützen und zu stärken. Um mit ihnen das Zuhause zu lernen, was sie vielleicht verpasst haben; um die Lehrer zu sensibilisieren und sie ein wenig wohlwollender gegenüber Maxim und Nadeschda zu stimmen, um ein Quäntchen mehr Achtsamkeit gegenüber ihnen sicherzustellen.  Alle möglichen und sinnvollen Therapien und Therapeuten auszuprobieren, die ihn helfen könnten. Unterschiedliche Ärzte und Arztmeinungen zu konsultieren, um die best mögliche medizinische Versorgung ihnen zu bieten.

Reicht meine Geduld, meine Fürsorge, meine Zuneigung? Ist meine bedingungslose Liebe für meine Kinder genug? Reicht es aus, für diese Kinder da zu sein, für sie zu sorgen, sie zu beschützen und zu behüten, egal wie viel Kraft es auch kosten mag? Ist es genug, sie so anzunehmen, wie sie sind?

An guten Tagen, wenn ich bewusst wahrnehme, wie Maxim und Nadeschda wachsen, wie sie sich entwickelt haben, wenn ich merke, dass es ihnen gut geht, dass sie sich wohlfühlen und sie geborgen sind, weiss ich, dass alles gut genug ist. Wenn Lehrer oder Therapeuten mir bestätigen, wie wunderbar beide Kinder sind und welche unglaubliche Entwicklung sie vollziehen, dann weiss ich, dass meine Förderung und Unterstützung genau richtig ist, dass sie ausreicht, dass sie gut genug ist. Dann weiss ich, dass ich gut genug bin, ich als Mutter. Dann bin ich davon überzeugt, dass Maxim und Nadeschda  mit meiner Hilfe und Begleitung den sicheren Weg in ein eigenständiges Leben gehen werden.

Doch dann gibt es die Tage, an denen die Zweifel kommen. An denen ich das Gefühl habe, es reicht eben nicht aus, was ich für sie tue. An denen ich glaube, dass meine Geduld nicht groß genug ist. An denen ich zweifle, ob meine Liebe und Fürsorge jemals ausreichen wird, da meine Kinder einfach ein Fass ohne Boden sind. Sie saugen meine Liebe auf wie ein trockener Schwamm. Und es wird niemals genug Liebe sein, um die Löcher zu füllen und die Wunden zu heilen, die in ihrer frühesten Kindheit aufgerissen wurden. Auch wenn ich weiss, dass ich den permanenten Alarmzustand im Kopf und in der Seele meiner Kinder nur mindern kann, ihn aber niemals vollständig heilen, so frage ich mich dennoch, ob es nicht ein noch nicht entdecktes MEHR gibt, was ich tun kann, um ihnen zu helfen, zu heilen. Es sind die Tage, an denen ich mich frage, ob ich nicht noch mehr für meine Kinder tun müsste und könnte. Sollte ich meine Ausbildung aufgeben, da Maxim und Nadeschda sich schwer tun, wenn ich abends weg bin? Sollte ich mich von jeglicher Fremdbetreuung verabschieden, um ganz und gar für meine Kinder da zu sein? Sollte ich nicht mein ehrenamtliches Engagement ganz einschränken und nur noch auf die Schule konzentrieren, um an den Vormittagen mehr Zeit für mich zu haben, damit ich nachmittags noch ausgeglichener und noch ruhiger bin, wenn meine Kinder sich nicht wohlfühlen und meine Grenzen erneut testen, wenn das Wutmonster uns wieder besucht, wenn Nadeschda in meinen Bauch krabbeln will, an mir klebt und mich keine Zentimeter wegbewegen lässt, wenn Maxim in den Widerstand geht, um zu prüfen, ob ich ihn dann immer noch halte?

Am Ende, wenn ich Katja’s Post noch einmal Revue passieren lasse, sind es immer die Tage, an denen ich mir selbst nicht gut genug bin. An denen ich unzufrieden mit mir selbst bin, weil ich nicht das geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe, an denen ich nicht nicht geduldig genug bin, weil ich unausgeschlafen oder erschöpft bin, an denen ich nicht ruhig und gelassen geblieben bin, an denen mir manchmal alles über den Kopf wächst. Die Tage, an denen ich mir jedoch nicht die Frage stelle, ob ich mir vielleicht zu viel vorgenommen habe. Die Tage, an denen ich in alte Muster verfalle – ich bin nur als Mutter gut genug, wenn ich dies und das geleistet habe. Die Tage an denen ich funktioniere und nicht bei mir bin.

Nicht nur meine Kinder sollen und können sich entwickeln. Auch ich als ihre Mutter kann und will mich weiter entwickeln. Wieder mehr auf mich und meine innere Stimme hören. Zu spüren, wann es zu viel ist. Und eben nicht zu fragen, ob da doch noch mehr gehen muss, ob ich da noch mehr leisten muss. Achtsam bei mir selbst zu bleiben und nicht bei meinen zu vollen To Do Listen. Anstatt mir die Frage zu stellen, was ich noch mehr für meine Kinder tun kann, sollte ich mir die Frage stellen, was ich für mich tun kann. Denn nur so, nur, wenn es mir gut geht, wenn ich bei mir bin, dann habe ich genügend Kraft und Ausdauer, so für meine Kinder da zu sein, wie sie es brauchen.

Die innere Stärke jeden Tag immer wieder von Neuem zu beginnen und sich niemals aus der Bahn werfen zu lassen, kommt letztendlich nur aus der bedingungslosen Liebe. Aus der bedingungslosen Liebe für meine Kinder und die meiner Kinder zu mir. Vor allem aber aus der bedingungslosen Liebe zu mir selbst. Denn so wie ich bin, bin ich gut genug.

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#BestofElternblogs im Juni

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Danke an unsplash.com

Anja von der Kellerbande ruft regelmäßig zum 1. des Monats zu den besten Beiträgen der Elternblogs auf. So auch heute und natürlich mache ich wieder mit. „#muttertagswusch – Mein Wunsch für mehr Respekt und Anerkennung der Leistung von Adoptivfamilien“ war im Mai der meist gelesene Beitrag von Euch. Darin folgte ich der Aktion #muttertagswunsch von mutterseelesonnig und ließ ich mich über die ungleiche Behandlung von Adoptivfamilien aus. Die Aufmerksamkeit, die der Beitrag erhalten hat, freut mich sehr, zumal sie deutlich und mit Abstand höher war, als bei anderen Beiträgen. Vielleicht geht ja mein Wunsch irgendwann ein wenig in Erfüllung, dass mit Adoptivfamilien, die den Schritt der Adoption und Annahme eines bedürftigen Kindes mutig und unerschrocken gegangen sind und die jeden Tag darum ringen, ihre ihnen anvertrauten Kinder gut und gesund ins Leben zu begleiten,  irgendwann ein Stück weit respektvoll umgegangen wird.

Ich danke Euch für’s Lesen und für Eure Kommentare. Habt eine wunderbare Restwoche und erholsame Pfingsten!