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Charlotte’s Sonntagslieblinge (17)

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Danke an pixabay

Die erste Woche in diesem neuen Jahr ist vorüber. Morgen beginnt die Schule wieder. Die Kinder und ich waren „fleißig“in dieser letzten Ferienwoche, haben viel gewerkelt, mein Büro weiter eingerichtet und die Kinderzimmer mit den neuen Spielsachen, die das Christkind gebracht hat, bereichert. Anderes Spielzeug musste dafür weichen. Frischer Wind tut gut. Meine to do-Liste wird kleiner und dennoch blieb Raum für viel Spielen und in den Tag Hineinleben. Das Leben kann so wunderbar sein, wenn man sich in einem stillen Moment all der schönen Dinge und Ereignisse bewusst wird, die kleinen Fortschritte sieht. Deshalb blicke ich inspiriert von  Mirjam von Perfektwir auf meine eigenen, ganz persönlichen Lieblinge dieser Woche. Hier sind meine drei Sonntagslieblinge der ersten Woche des noch so jungen Jahres:

  1. Ich bin dankbar für all die Zeit, die ich in den vergangenen Tagen mit meinen Kindern verbringen konnte. Gerade auch, weil wir so stinknormalen, ruhigen Alltag zusammen verbringen durften. Es war eine weise Entscheidung, in diesen Ferien Zuhause zu bleiben und nicht noch einmal zu verreisen.
  2. Wir haben in dieser Woche viel Vorgelesen. Wunderbare neue Bücher, die das Christkind gebracht hat. Und auch ich selbst habe endlich wieder, inspiriert durch Katja’s Buchrezensionen auf ihrem Blog home is where the boys are, begonnen zu lesen. Wie wunderbar! Es ist immer wieder ein Eintauchen in eine andere Welt, die einen aber manchmal auch an das eigene Leben erinnert.
  3. Glücklich bin ich über meinen neuen Kühlschrank. Ja, auch ich habe einen Spleen und der heißt „Orange“. Richard und ich sind einen kinderfreien Abend zwischen den Jahren durch unterschiedlichste Geschäfte getigert, auf der Suche nach einem orangenen Kühlschrank. Natürlich erfolglos. Wir haben ihn dann, bei Pasta und Prosecco beim Italiener sitzend online bestellt. Gestern wurde er geliefert und er ist ein Traum!

Möge das neue Jahr für Euch alle gut begonnen haben! Ich wünsche mir im Moment, dass unseres so sich weiterentwickelt, wie die erste Woche begonnen hat. Habt einen wunderbaren Wochenstart!

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Wenn alles zu viel wird – von Veränderungen, Überforderungen und Lernen, langsam zu machen

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Mit freundlicher Unterstützung von unsplash.com

Abends sitzen Richard und ich zusammen bei einem Glas Wein. Ich erzähle vom Tag und was ein Gespräch mit Maxims Therapeutin ergeben hat. Noch immer haben wir ein Thema mit Maxims mangelnden Bereitschaft, für die Schule zu lernen und Hausaufgaben zu machen. Ja, auf der einen Seite ist es die Tatsache, dass er nicht mit Leistungsdruck   umgehen kann. Auf der anderen Seite bin ich mir dessen bewusst, dass er gerade eine Phase durchlebt, in der er noch einmal mit seinem frühkindlichen Trauma der Trennung von seiner russischen Mutter konfrontiert ist. Da regt es sich wieder, das fehlende Urvertrauen, der Überlebenstrieb, das Streben nach absoluter Autonomie. Üben und Hausaufgaben machen sind Formen von Disziplin. Die lehnt er ab. Vehement. Wir haben also wieder ein Bindungsthema. Daran müsste auch in Maxims Therapie gearbeitet werden. So war meine Idee. Doch Maxims Therapeutin hatte vorgeschlagen, im Zweifelsfall zusätzlich noch einmal eine Lerntherapeutin zu kontaktieren.

Bei diesen Worten brauste Richard auf: „Was sollen wir denn noch alles machen? – Das ist mir jetzt gerade alles zu viel. Zu viele Termine. Zu viele Informationen. Wie soll das denn alles weitergehen? Mit Deiner Ausbildung, Deinem ehrenamtlichen Engagement, den ganzen Terminen der Kinder, Ballett, Fussball, Musikschule, Schwimmen, Therapie. Und jetzt auch noch eine Lerntherapeutin.“ Ich halte kurz inne und stutze. „Warum regst Du Dich so auf? Es ist doch mein Programm, was ich irgendwie organisieren muss.“ denke ich, sage es aber lieber nicht. „Was machst Du Dir einen Kopf um unsere Organisation? Bis heute brauchst Du Dich darum nicht zu kümmern. Ich bin doch diejenige, die morgens um sechs aufsteht und abends kaputt vom Tag ohne einen Moment der Ruhe ins Bett fällt. Ich schaue, dass alle Termine und Freizeitaktivitäten der Kinder irgendwie so funktionieren, dass sie noch ein wenig Luft und Raum haben, um zu spielen. Und im Übrigen, ich muss mich ja dann mit der Lerntherapeutin auseinandersetzen und Maxim da hin begleiten, und mit ihm arbeiten.“ Doch anstatt etwas zu sagen, schlucke ich lieber meine Gedanken herunter.

Dennoch seit diesem Gespräch nagt wieder das Gefühl der Überforderung in mir. Ja, es ist viel, zu viel in den letzten Wochen. Wir befinden uns wieder in einer Phase des Übergangs. Nadeschda ist in diesem Sommer in die Schule gekommen. Maxim hat einen neuen Klassenlehrer bekommen. Das war so nicht geplant, aber die alte Lehrerin war für die Schule nicht mehr tragbar gewesen. Das sind zwei große Veränderungen, die meine Kinder sehr beschäftigen. Nadeschda muss eine Beziehung zu ihrer neuen Lehrerin aufbauen, neue Freunde suchen, sie muss sich im Schulalltag zurecht finden, sie muss sich an neue Abläufe gewöhnen. Welch ein Kraftakt für das kleine Mädchen. Auch Maxim muss sich erneut an andere Abläufe, einen anderen Unterricht, an eine neue Bezugsperson gewöhnen und trauert immer noch um seine alte Lehrerin. Nur weil wir Eltern sie für untragbar hielten, heißt das ja nicht, dass die Kinder sie schlecht fanden und nicht mochten. Beide Kinder reagieren auf diese Veränderungen so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Während Nadeschda so anhänglich ist, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass sie mich mit Haut und Haaren aufsaugt und auszehrt, geht Maxim in die Ablehnung und Konfrontation. In seinem Autonomiebestreben lehnt er jede Disziplin und jede Struktur, die von mir kommt ab. Und gleichzeitig sind seine Ablehnungen auch immer wieder tagtägliche Beziehungsanfragen. „Hält sie mich? Bleibt sie da, wenn sich alles andere außen herum verändert? Hält sie mich aus? Wie weit kann ich gehen?“ Das kostet unendlich viel Geduld, Gelassenheit, aber auch Energie und Kraft. Dorothea Weinberg beschreibt in ihrem Buch „Verletzte Kinderseele“ (Link zu Literaturliste) als eine Übung für Eltern die imaginäre Treppe, die man heruntergehen soll, eh man auf eine Provokation seines Kindes reagiert. Ich bin viel Treppe gelaufen in den vergangenen Wochen.

Ich kann meine Kinder gut verstehen. Denn auch ich spüre, dass ich mich im Grunde mit Veränderungen schwer tue. Oder genauer gesagt, mit diesen Phasen des Übergangs, wenn das Alte noch nicht abgeschlossen ist, das Neue aber schon voll in das Leben hineindrängt, es einen Alltag gibt, der unverändert weiterläuft und doch so etwas wie eine neue Routine noch fehlt. Dann türmt sich alles zu einem riesigen Berg auf, vor dem man steht und nicht weiß, wie man ihn bewältigen soll. Mein Kopf ist so schwer von all den Dingen, die ich abarbeiten muss. Ich habe mein altes Arbeitsverhältnis beendet, doch eine finale Einigung gibt es noch nicht. Der Umbau meines neuen Büros geht nicht so schnell voran, wie ich es geplant hatte. Alles zieht sich, zäh wie alter Kaugummi.  Gleichzeitig habe ich eine Weiterbildung begonnen, die mir wunderbare neue Perspektiven eröffnen kann. Aber es macht mich unzufrieden, dass ich mich ihr noch nicht so widmen kann, wie ich das gerne möchte. Daneben kostet unser ganz normales alltägliches Familienleben viel Zeit und Organisation. Maxim hat angefangen, Trompete zu spielen und im Schulzirkus ist er aufgenommen worden. Zwei Aktivitäten mehr. Eigentlich müsste er dafür etwas anderes sein lassen. Aber wie immer fällt ihm der Abschied von etwas Altem schwer. Unsere Kinderfrau ist zu wenig flexibel für unseren neuen Schulalltag. Eine neue Betreuerin muss her, aber woher? Ja, und dann noch das Thema mit der Lerntherapeutin. Und, und, und, und….

In einem ruhigen Moment wird mir klar, dass ich langsamer machen muss, Dinge weglassen muss, mir nicht noch mehr Kleinkram aufhalsen sollte. Ich muss nicht die Wäsche aus der Schule waschen und bügeln, ich muss nicht gleich zwei Beiträge für eine Gemeindezeitung schreiben, ich muss nicht zu jeder Elternbeiratssitzung gehen.  Jetzt mit Einzug des Herbsts soll es ruhiger werden. Mara hat so einen schönen Post  dazu geschrieben, über Vorlesen und wunderbare Kinderbücher, aber auch buntes Laub, Kastanien, Eicheln sammeln, die Nachmittage im Wald verbringen. Ich habe dieses Bild vor meinem inneren Auge, mit Maxim und Nadeschda an einem kühlen Herbsttag in den Wald zu ziehen, Berge von Kastanien und bunten Blättern zu sammeln und wenn die Dämmerung einzieht, bei einer Tasse warmen Kakao auf der Couch gemütlich vorzulesen. Das ist es doch, was zu dieser Zeit im Vordergrund steht. Und für alles andere kommt dann eine andere Zeit.

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16. Juni – In unterschiedlichen Umlaufbahnen: Vom Vatersein und Paarkonflikten

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Anders als ich hadert Richard nicht mit seiner Vaterrolle. Diese hatte er schnell für sich definiert. Mit Liebe und Leidenschaft kümmert er sich um Maxim und Nadeschda. Er ist der Vater, von dem viele Kinder träumen. Er tobt viel mit ihnen, macht viel Blödsinn, unternimmt an den Wochenenden viel mit ihnen. Bis heute hat er es geschafft, jeden Abend zum Abendessen Zuhause zu sein, um Maxim und Nadeschda zu sehen, bevor sie schlafen gehen. Mein eigenes inneres Kind hätte gerne einen solchen Vater gehabt. Ich bin dankbar, dass meine Kinder einen Vater haben, der sich ihnen mit soviel Enthusiasmus widmet, mit ihnen spielt und dabei aus einem nicht versiegenden Vorrat an Quatsch und Blödsinn schöpft. Regeln sind bei Richard sehr dehnbar. Erziehung findet bei ihm nicht statt: „In der wenigen Zeit, die ich unsere Kinder sehe, werde ich sie nicht erziehen.“ Maxim hat das schnell verstanden: „Mama-Nein ist Nein, Papa-Nein ist Ja.“ Richard lässt sich allein von seiner Intuition leiten, hat keine Bücher über Kindesentwicklung geschweige denn über die Entwicklungen und die Herausforderungen von Adoptivkindern gelesen. Das lässt ihn unvoreingenommener und unbeschwerter sein als mich.

Manchmal fühlt er sich jedoch in seiner Rolle als sorgender Familienvater überfordert und glaubt, den Anforderungen, die ich an ihn bewusst und unbewusst stelle, nicht gerecht zu werden. Es gibt durchaus Tage, an denen er das Gefühl hat, alles falsch zu machen: Wenn das Anziehen der Kinder morgens so lange dauert, dass ich eingreife. Wenn Maxim und Nadeschda nicht richtig essen, da sie den ganzen Vormittag schon Süßigkeiten von Richard bekommen haben. Oder wenn Maxim den Tanz beim Essen probt, er lustlos in den Nudeln stochert und mein Alternativangebot an Essen ablehnt, sondern nur darauf wartet, dass ich platze, Richard ihm aber die dritte Alternative anbietet. Wenn noch die achte Runde Memory gespielt wird, obwohl wir uns längst auf den Weg zu einer Verabredung machen müssten. Wenn Richard so spät mit den Kindern nach Hause kommt, dass es für das Baden eigentlich zu spät ist. Wenn meine kritischen Blicke Überhand nehmen und ich mich gezwungen sehe, in die undankbare Rolle des Spielverderbers schlüpfen zu müssen, der die Elefantenherde zum Galopp antreiben muss. Immer dann bekommt Richard das Gefühl, alles falsch zu machen. Ob berechtigt oder unberechtigt. Nur ist diese Haltung wenig förderlich.

Meist ist diesen Situationen schon vorausgegangen, dass wir – wie so häufig – über Tage nicht richtig miteinander im Austausch standen, die wenige Zeit an den Abenden gefüllt war mit den Ereignissen des Tages der Kinder. Für Richard gab es keinen Raum und genauso wenig für mich. In mir ist das Gefühl gewachsen, dass ich von ihm nicht mehr als ganze Person gesehen werde. Er reduziert mich nur noch auf den undankbaren Teil meiner Mutterrolle. Oft nimmt er nicht wahr, wie anstrengend  der Alltag mit Maxim und Nadeschda sein kann. Genauso wenig bemerkt er, dass mein Leben mit unseren Kindern inzwischen organisch und harmonisch verläuft und einfach gefüllt ist, mit vielen schönen Momenten. Manchmal glaube ich, dass Richard immer noch viel Zeit braucht, zu verinnerlichen, dass seine Kinder nicht mit leiblichen Kindern und ihrer Entwicklung vergleichbar sind, dass wir eben keine normale Familie sind. Es war schon in der Entwicklung der Beziehung zu unseren Kindern so, dass er meist erst zeitversetzt nach mir auf neue Herausforderungen bei Maxim und Nadeschda gestoßen ist. So wird er erst später erkennen, dass wir als Familie und als Eltern anders sind und anders sein müssen.

Selten versteht Richard mein Hadern und meine häufigen Selbstzweifel als Mutter. Oft glaubt er noch, dass ich unzufrieden bin in meiner Rolle, weil mir die Bestätigung von außen fehlt, weil ich gebunden bin an unser Haus, an unser Dorf, gefangen bin in einem Mutterdasein, das ich mir anders vorgestellt habe. Manchmal glaubt er, ich wolle wieder erwerbstätig sein, meine alte Karriere weiter verfolgen. Doch an diesem Punkt bin ich nicht. Ich bin schon darüber hinaus, oder noch gar nicht dort angekommen.

Zuweilen kommt es mir vor, als flögen wir in unterschiedlichen Umlaufbahnen um unsere Kinder herum. Jeder von uns ist gefangen in seiner eigenen Welt und zu sehr beschäftigt mit seinen eigenen Themen. Allein hier hat sich schon etwas in Richards und meinem Miteinander verändert: Vor der Ankunft der Kinder hatten Richard und ich viele gemeinsame Themen und Interessen: Reisen, Oldtimer Rallyes, alte Autos, Oper, Theater, Freunde treffen, unsere Jobs, die sich sehr ähnelten. Über allem lag unser gemeinsames Ziel, uns unseren Kinderwunsch zu erfüllen. Heute ist unser Kinderwunsch erfüllt, unsere gemeinsamen Interessen waren in den Hintergrund getreten, unsere täglichen Aufgaben gingen auseinander, vor allem in der Sicht, die wir darauf hatten. Während ich mich in meiner Mutterolle fügte und damit zunehmend Abstand zur Berufswelt fand, nahm der Job Richard maßgeblich ein. Seine Vaterrolle konnte er nur an den Abenden und Wochenenden ausleben. So musste es auch sein, denn wir hatten uns bewusst dazu entschieden, dem klassischen Rollenmodell – die Mutter bleibt Zuhause und der Vater sorgt für das Einkommen der Familie – entschieden. Während ich, auch aufgrund meiner eigenen Kindheitserfahrungen, mit dem Muttersein haderte, hatte Richard schnell in seine Rolle als Vater gefunden.

In der Fürsorge und Erziehung unserer Kinder hatten wir teilweise divergierende Haltungen, die sich allein schon aus der Zeit ergaben, die wir jeweils mit Maxim und Nadeschda verbrachten. Einmal hatte ich zu Freunden auf den Kommentar hin „Es ist ziemlich eindeutig, wer von Euch beiden für die Erziehung zuständig ist.“ geantwortet: „Ja, und es hat einfach auch etwas mit Überleben zu tun. Wenn Du vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche zusammen bist, dann geht das nur mit festen Regeln.“ Zum ersten Mal hatten wir in unserer Beziehung unterschiedliche Sichtweisen. Daraus ergaben sich zwangsläufig gelegentliche Reibereien oder Meinungsverschiedenheiten. Sich jetzt hin und wieder zu reiben war im Grunde genommen in Ordnung. Genauso in Ordnung, wie es jetzt nicht anstand, gemeinsame Hobbies und Interessen zu pflegen. Wir hatten eine neue zentrale Aufgabe mit Maxim und Nadeschda bekommen, hinter der alles andere zurückstand. Schwierig wurde es, wenn uns der gemeinsame Austausch abhanden kam. Wenn ich nicht wusste, was Richard bewegte, so konnte ich natürlich auch seine Reaktionen nicht einordnen. Und genauso umgekehrt. Was wir in einem ersten Schritt brauchten, war mehr Zeit zu zweit, allein ohne unsere Kinder. Doch es fehlte uns der Mut, egoistisch an uns selbst zu denken, und die Disziplin, uns konsequent diese Zeit zu nehmen. Denn zu schnell breitete immer wieder unser Alltag mit Maxim und Nadeschda seine Arme aus und hielt uns fest umklammert.

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16. Mai – Kindergarten reloaded

Auch wenn Maxim heute morgen recht munter und agil aufstand, bestätigte er eifrig, dass sein Knie ihm immer noch weh tat, nach seinem Unfall auf dem Trampolin am Wochenende. In den Kindergarten wollte er partout nicht gehen. Er wurde nicht müde, eifrig zu wiederholen: „Knie aua.“, „Nicht Kindergarten.“, ergänzt um „Steffi nicht lieb. Nicki nicht lieb.“ Sein letzter Kommentar verwunderte mich. Zum ersten Mal äußerte mein Sohn klar, dass er sich bei seinen beiden Erzieherinnen im Kindergarten nicht wohl fühlte. Auf mein Nachfragen bekam ich von ihm immer wieder dieselbe Antwort: „„Steffi nicht lieb. Nicki nicht lieb.“ bestärkt mit einem „Kindergarten gar nicht schön.“ Da ich mir ohnehin unsicher war, ob die Erzieherinnen auf Maxim und sein angeschlagenes Knie besondere Rücksicht nehmen würden, entschied ich kurzerhand, Maxim für diese Woche vom Kindergarten abzumelden. Mir war wohler dabei, meinen Sohn in meiner Obhut zu haben.

Maxims Erleichterung, als ich ihm sagte, dass er diese Woche nicht in den Kindergarten gehen müsste, bestätigte mir, dass diese Entscheidung richtig war. Nachmittags gab ich Maxims Wunsch nach, und wir gingen trotz angeschlagenem Knie auf den Spielplatz. Ich war mir sicher, dass mein Sohn sich ohnehin nur das zutrauen würde, was ihm nicht weh tat. Als ich ihn jedoch so beim Klettern und Toben beobachtete, wurde mir klar, dass sein Knie sich sehr schnell erholt hatte und dass es für ihn nur der willkommene Anlass gewesen war, mir gegenüber offen zu zeigen, dass er nicht in den Kindergarten gehen wollte. Das machte mich nachdenklich. Wieder einmal fragte ich mich, ob mein Sohn in diesem Kindergarten gut aufgehoben war. Die Verunsicherung um eine schlechte Betreuung im Kindergarten löste die Sorge um Maxims Knie ab.

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2. Mai – Wachsende Geschwisterliebe

Silhouette of Two Young Children Hugging at Sunset

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

In den vergangenen zwei Wochen hat sich so etwas wie Alltag bei uns eingependelt. Keine Katastrophen, keine Reisen, keine großen Familienfeste. Richard arbeitet, Maxim geht in den Kindergarten, Nadeschda und ich verbringen unsere Vormittage meist mit Hausarbeit. Manchmal haben wir gute Tage, manchmal schlechte. Maxims Launen nach den Kindergartenvormittagen sind sehr wechselhaft. Doch inzwischen findet er meist mit dem Mittagessen sein inneres Gleichgewicht.

Nadeschda hatte ein paar harte Tage, an denen sie eine schwere Erkältung quälte. Kurze Nächte mit viel Husten und gelegentlichen Alpträumen brachten sie verständlicherweise durcheinander. Meist waren die Nächte, wenn sie zu Richard und mir in unser Bett umgezogen war, früh beendet. Häufig beschloss Nadeschda, dass bereits um sechs Uhr früh ihr Schlafbedarf gestillt war und sie nun spielen wollte. Sicherlich kam hinzu, dass es mit dem nahenden Sommer nun auch früher hell wird. Wenige Stunden später war sie dann aber wieder müde und entsprechend anhänglich und knatschig. An diesen Tagen sehnte ich die Mittagspause herbei, damit wir beide, Nadeschda und ich, unser Schlafdefizit aufholen konnten.

Die Mittagspausen verlaufen nun seit einigen Wochen sehr friedlich. Nach einem erneuten Kampf mit Maxim ums Schlafen, hatte ich neulich beschlossen, dass ich darauf keine Lust mehr hatte, und wechselte meine Strategie. Seitdem darf Maxim sich jeden Mittag zwei Bilderbücher alleine im Bett anschauen. Wenn er Krach macht, nehme ich sie ihm weg. Meist schläft er dabei ein. Entweder höre ich, wie er sich nach dem zweiten Buch umdreht und schläft, oder ich höre im Wohnzimmer ein kleines Poltern, wenn eines der Bücher aus dem Bett gefallen ist. Ebenso ein sicheres Zeichen, dass der Schlaf auch meinen Sohn übermannt hat.  Unsere Nachmittage verbringen wir inzwischen wieder viel draußen, außer mittwochs, wenn Maxim und inzwischen auch Nadeschda turnen. Wir fahren in den Zoo, gehen auf den Spielplatz oder sind draußen in den Feldern mit dem Laufrad oder den Dreirädern unterwegs. Da leisten sich Maxim und Nadeschda gerne Wettrennen. Dies in einem abenteuerlichen Tempo, so dass sich in den Kurven meist ein Hinterrad hebt.

Es ist herrlich zu beobachten, wie sich zwischen Nadeschda und Maxim nun eine Geschwisterbeziehung entwickelt. Sie streiten sich um Spielzeug, sie hauen, beißen, kratzen sich, ziehen sich an den Haaren. Das ist die eine Seite. Doch auf der anderen Seite ist das schlechte Gewissen, dass ein Kind hat, wenn es dem anderen wehgetan hat, ebenso nicht zu übersehen. Selbst Nadeschda schaltet in Sekunden um, entschuldigt sich bei ihrem weinenden Bruder und flitzt zum Kühlschrank, um Eis zum Kühlen zu holen. Über die Streitigkeiten überwiegen aber die Stunden, in denen sie friedlich zusammen spielen oder die Augenblicke besonderer Fürsorge, wenn Maxim zum Beispiel in der Mittagspause versucht, Nadeschda noch etwas „vorzulesen“. Er muss nur leider dieses Vorhaben immer sehr schnell aufgeben, da Nadeschda viel zu schnell einschläft. Sie haben so viel Spaß zusammen und hecken eine Menge Unfug aus, den Richard und ich manchmal gar nicht mitbekommen.

Gestern Abend wollten beide keine Ruhe geben, obwohl es wieder einmal ungewöhnlich spät geworden war, bis beide im Bett lagen. Nach dem Vorlesen, bei dem Nadeschda inzwischen abends mit dabei ist, zeigten beide Kinder keine Anzeichen von Müdigkeit. Ich verließ dennoch das Kinderzimmer, nachdem ich beide in ihre Betten gelegt und „Gute Nacht“ gesagt hatte. Denn ich hatte den Eindruck, dass meine Anwesenheit den Einschlafprozess im Kinderzimmer nur verlängerte. Maxim und Nadeschda verbrachten danach gute fünfzehn Minuten damit, immer wieder „Hallo!“ über das Babyphone zurufen. Irgendwann verstummten sie, und wohlmöglich hatte der Schlaf sie übermannt. Als Richard jedoch noch einmal später im Kinderzimmer nachschaute, stand Nadeschdas Bett in der Mitte des Zimmers mit einem Kinderstuhl davor, Nadeschda hatte sich den Schlafsack ausgezogen und in ihrem Bett lag Maxims dünne Bettdecke. Dieser lag mit seiner dicken Decke zugedeckt in seinem Bett, neben ihm seine kleine Schwester. Was auch immer die Kinder angestellt hatten, würde ihr Geheimnis bleiben, genauso wie es Nadeschda geschafft hatte, aus ihrem Gitterbett zu klettern. Es war an der Zeit, das Bett so umzubauen, dass sie aus dem Bett herauskrabbeln konnte, ohne halsbrecherische Kletterübungen über das Gitter, egal ob mit oder ohne Hilfe ihres Bruders.

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28. März – Unser erstes Osterfest

easter-bunny-95096_1920Unser erstes Osterfest mit Kindern, wie wunderbar! Unsere ersten Osterfeiertage als kleine Familie mit Ostereiersuche, aufgeregten Kindern, kleinen Geschenken, etwas Ruhe und viel gemeinsamer Zeit:

Die Osterfeiertage verbrachten wir gemütlich Zuhause. Am Ostersonntag kam Daniel vormittags zu Besuch. Nach einem ausgedehnten Frühstück gingen Maxim und Nadeschda im Garten Ostereiersuchen. Während Maxim ganz aufgeregt durch den Garten fegte und in Windeseile Eier, Süßigkeiten und Geschenke fand, trottelte Nadeschda weniger enthusiastisch hinterher. Sie fand das alles weniger spannend und fragte sich wahrscheinlich, warum sie sich so eilen solle, ihr Bruder fand ja ohnehin alles für sie mit. Spannend fand ich zu beobachten, wie es Maxim nur um das Suchen und Finden der Ostergeschenke ging. Er merkte gar nicht, dass Richard ein paar von den bunten Eiern gleich zweimal versteckte, damit er länger suchen konnte. So gefesselt war er von der Sucherei. Das Auspacken der Geschenke war wieder einmal weniger aufregend. Zum Schluss blieben die Bücher, Buntstifte und Knete zwar ausgepackt, aber unbeachtet liegen. Draußen im Garten zu spielen und ab und zu unter den ein oder anderen Busch zu gucken, ob man nicht doch noch ein buntes Osterei übersehen hatte, war schnell viel reizvoller. Die übrige Zeit verbrachten wir vier alle gemeinsam spielend Zuhause. Es war seit dem Ausbruch der Krebserkrankung von Renate im Februar das erste Mal, dass wir als Familie zusammen, aber ohne viel Besuch Zeit gemeinsam Zuhause verbrachten. Das tat gut und half uns, dass wir uns auf uns als Familie neu besinnen konnten. Oder zumindest damit anzufangen. Denn bis wir uns als Kleinfamilie gefunden haben werden, dauerte es noch eine Weile. Es war uns zum ersten Mal sehr bewusst und präsent, dass – mit Ausnahme von Daniel – wir vier nun nach der Krankheit von Renate und dem Kontaktabbruch meines Vaters uns alleine als Familie definieren und finden mussten.

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13. März – Oma ist zurück

nesting-doll-697651_1280Renate ist aus dem Krankenhaus nach Hause zurückgekehrt. Jetzt hat sie zwei Wochen Erholungszeit, bevor die Chemotherapie beginnt. Vor einer Woche bereits ist Tatjana bei ihr eingezogen. Sie wird Renate während der kommenden zwei Monate betreuen und versorgen. In den vergangenen Tagen hat sie alles für Renates Ankunft vorbereitet: Einkaufen, Putzen, Aufräumen, Umräumen, Wäsche waschen. Von dem ersten Moment an, als ich Tatjana bei ihrer Ankunft begegnete, wusste ich, dass sie gut mit Renate auskommen würde. Sie ist eine engagierte, rüstige Mitfünfzigerin aus Danzig. Rastlos fegt sie durch Renates Haus und sucht sich immer wieder neue Arbeit. Renate war im Krankenhaus zunächst etwas skeptisch. Allerdings weniger gegenüber Tatjana selbst, sondern, vielmehr kamen noch einmal ihre alten Zweifel hoch, ob sie denn überhaupt eine Betreuerin bräuchte. Noch immer blitzten bei ihr Momente auf, in denen sie ihre Situation nicht voll und ganz wahrhaben wollte. In der ersten Begegnung mit Tatjana war sie auf einmal mit der momentanen Endgültigkeit ihres Schicksals konfrontiert. Doch intuitiv brach Tatjana das Eis, in dem sie mit Renate ihren Speiseplan für die ersten Tage Zuhause besprach. Neugierig und kritisch hinterfragte Renate dabei immer wieder die Rezepte. Doch Tatjana gab sich unbeirrt. Sie hatte schon so viele Jahre ältere pflegebedürftige Menschen in Deutschland versorgt, die alle großen Wert auf die traditionelle deutsche Küche gelegt hatten, dass sie Fragen nach einem gefüllten Hähnchen oder gewelltem Fleisch in Sauerkraut nicht aus dem Konzept brachten. Nachdem sie Renate von ihren Kochfähigkeiten zumindest in der Theorie überzeugt hatte, lehnte sich Renate entspannt im Bett zurück, lächelte und sagte: „Nun, wir werden es schon zusammen aushalten können.“

Spannenderweise nahmen Maxim und Nadeschda Renates Rückkehr verhalten auf. Begeisterungsstürme über die langersehnte Heimkehr der Oma blieben aus. Maxim reagierte beinahe mit Gleichgültigkeit, fast so als traue er dem neuen Frieden nicht und als wolle er sich aus Angst vor einem erneuten Verlust nicht auf die wieder anwesende Großmutter einlassen. Nadeschda war ebenso zurückhaltend. So gerne sie vor Omas Krankheit auf ihrem Schoß gesessen und mit ihr gekuschelt hatte, so sehr wehrte sie sich nun gegen jede Art der Zuwendung. Zudem überforderten sie wie so häufig die vielen Menschen, die nun Omas Haus belagerten.

Erholsamer war da für beide Kinder ein Besuch bei Daniel am Nachmittag. Auf einem nahegelegenen Spielplatz genossen Daniel und ich die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen, während Maxim und Nadeschda im Sand buddelten, schaukelten und alle Klettergerüste ausprobierten. Es war ein friedlicher und entspannter Nachmittag, der an seinem Ende noch eine neue Lernerfahrung zur Bindung meiner Kinder für mich bereit hielt. Als wir vom Spielplatz zurückkehrten und ich mich mit Maxim und Nadeschda auf den Heimweg begeben wollte, war mein Auto so zugeparkt, dass es mir auch nach mehrmaligen Versuchen nicht gelang, auszuparken. Daniel musste übernehmen. Beide Kinder saßen da schon im Auto in ihren Sitzen. Als ich aus- und Daniel einstieg, guckten Maxim und Nadeschda skeptisch. Als Daniel ansetzte, auszuparken und ich ihnen dabei von draußen zuwinkte, sah man förmlich, wie binnen Sekunden Panik in ihnen aufstieg, sich ihre Gesichter in Verzweiflung verzerrten und beide anfingen zu weinen, gepaart mit einem Hilfesuchenden „Mama!“ aus Nadeschdas Mund. Ich stieg sofort auf den Beifahrersitz und beruhigte sie. Wohlmöglich hatten beide für einen Moment geglaubt, dass ich sie mit Daniel nun allein wegfahren ließe. Erst Zuhause wurde mir bewusst, dass es das erste Mal war, seitdem wir sie aus dem Kinderheim abgeholt hatten, dass sie mit jemanden anderen als Richard und mir alleine im Auto saßen. Mein Winken hatten sie als einen erneuten Abschied gedeutet. Kein Wunder, dass auf einmal alte Erinnerungen und damit verbundene Ängste in ihnen aufstiegen.