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Wie viel Berufstätigkeit vertragen (meine) Adoptivkinder?

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An der ein oder anderen Stelle hatte ich in den vergangenen Jahren, die es meinen Blog mittlerweile gibt, über das Thema der Berufstätigkeit als Adoptivmutter geschrieben. Im Grunde ist das Thema der Berufstätigkeit ein Dauerbrenner für mich, auch wenn ich mich immer mehr in mein „Schicksal“ als maximal teilzeitarbeitende Frau gefügt habe. Denn irgendwann werden meine Kinder größer und brauchen mich vielleicht nicht mehr so sehr. Doch dann wäre ich für den Arbeitsmarkt unbrauchbar. Bereits ein paar denkwürdige Kontakte mit der Arbeitsvermittlung im vergangenen Jahr bestätigten mir dieses Gefühl. Und auch wenn mein Mann uns gut versorgt und wir in der luxuriösen Situation sind, dass ich nicht zwingend arbeiten muss, so gibt es doch niemals eine absolute Garantie, dass das alles auch so bleibt. Inspiriert von ein paar Nachfragen von einzelnen Leserinnen und unserer aktuellen Situation, dass ich nun nach den Ferien konstant in Teilzeit arbeite – mal sehen wie lange das gut geht – greife ich das Thema der Berufstätigkeit wieder auf. Zumal mich genauso erneut die Frage nach der Wertschätzung von Fürsorgearbeit in unserer Gesellschaft, wie Claire von mamastreikt sie immer wieder zurecht aufwirft, umtreibt. Aber dazu an anderer Stelle in den kommenden Tagen mehr.

Meine Kinder brauchen eine „Übermutter“

Doch wie viel Berufstätigkeit vertragen Maxim und Nadeschda? Die Lebensgeschichte meiner Kinder begann mit dem schlimmsten, was man sich im Leben eines kleinen Menschen vorstellen kann, wie gerade erst Irmela Wiemann in einem Interview in der Aargauer Zeitung sagte: Sie wurden von ihrer leibliche Mutter getrennt. Wie so viele Adoptivkinder mussten sie in ihren ersten Lebensjahren Dinge erleben, die kaum ein Erwachsener verkraften könnte. Ihr Urvertrauen wurde zerstört, und also Folge sie lassen sich schwer auf neue Bindungen ein, sie fühlen sich selten sicher und behütet. Ihre Frustrationstoleranz ist niedrig, das Lernen fällt ihnen schwer. Sie können Risiken nicht richtig einschätzen, übernehmen sich entweder, oder trauen sich vor lauter Angst gar nichts zu. Ihnen fehlt die entscheidende innere Basis an Vertrauen und Sicherheit, die leiblich und behütet geborene Kinder von Natur aus haben.

Meine Kinder brauchen eine „Übermutter“. Dies nicht nur im Sinne von zusätzlicher Förderung, um etwaige Entwicklungsverzögerungen, Sprachstörungen oder andere gesundheitliche Beeinträchtigungen zu überwinden. – Sie brauchen ein Vielfaches an Zuneigung, Nähe, Fürsorge, Kümmern, Begleiten. Nur wenn ich da bin, spüren sie den Halt und die Sicherheit, um sich gesund zu entwickeln. In den ersten Jahren war es ein Nachnähren vom Baby- und Kleinkind sein, von dem man ausgehen könnte, dass es irgendwann einmal abgeschlossen ist. Aber Kinder mit frühtraumatisierenden Erfahrungen, wie die Trennung von der leiblichen Mutter, fallen immer wieder in solche frühen Entwicklungsphasen zurück. Sie sind ein „Fass ohne Boden“, sie saugen die Zuneigung und das kleinkindliche Umsorgen auf wie ein trockener Schwamm. Ich war mir bei der Adoption der Folgen der Traumatisierung bewusst. Doch glaubte ich noch, dass meine Kinder nur im ersten Jahr therapeutische Unterstützung brauchen, um ihre Entwicklungsdefizite aufzuholen, und in den ersten Monaten meine permanente Fürsorge und Anwesenheit, um eine stabile Bindung aufzubauen. Aber nach beinahe einem Jahrzehnt muss ich feststellen: Das reicht nicht aus. Meine Kinder brauchen viel mehr. Noch heute benötigen sie immer einmal wieder therapeutische Hilfe in unterschiedlicher Form. Noch heute muss ich als ihre Mutter permanent verfügbar sein. Und immer da sein. Bin ich es nicht, verlieren meine Kinder ihren Halt und stellen unsere Bindung von neuem in Frage. – Erst in dieser Woche fanden meine Kinder mich nicht, als ich sie von der Schule mittags abholte. (Sie hatten mich beim Essen schon gesehen und wussten also, dass ich da bin.) Ich war an einer anderen Stelle in der Mensa mit einer Lehrerin im Gespräch. Die Panik stand Maxim und Nadeschda noch ins Gesicht geschrieben, als sie mich fanden. Und aus ihrer Wut „Mama, kannst Du verdammt nochmal Bescheid sagen, wenn Du weggehst!“ sprach die pure Angst, allein gelassen zu werden. –

Unser Alltag ist nach wie vor wenig geprägt von freiem sorglosem Spiel, sondern dominiert von vielen Therapieterminen, Arztbesuchen, Aktivitäten, die die Kinder in den Bereichen fördern, wo sie noch Unterstützung brauchen, lernen für die Schule, üben für die Logopädin, etc. Wir müssen einem sklavischen Tagesablauf folgen, der immer den gleichen Rhythmus und die gleiche Struktur hat. Nur das gibt den Kindern Sicherheit. Zudem reicht der routinierte Tagesablauf nicht aus, sondern Maxim und Nadeschda  brauchen mich, ihre Mutter, als stabilen Anker in ihrem Alltag. Diese Fürsorgearbeit für meine Kinder abzugeben, ist keine Option.

Permanente Fürsorge

So fahre ich meine Kinder in die Schule und zu ihren Freizeitaktivitäten und begleite sie bis zum Unterricht, nicht weil ich glaube, dass sie es selbst nicht könnten, oder weil ich fürchte, dass ihnen etwas im Straßenverkehr passiert. Nein, meine Tochter braucht mein Umsorgen als ihre Mutter, damit sie die Kraft für den Musikschulunterricht hat, dass sie weiss, dass ich da bin. Immer. Genauso lässt mein Sohn sich nach wie vor mit inzwischen zehn Jahren morgens beim Anziehen helfen, seinen Schulranzen packen, das Brot beim Essen schmieren. Nicht weil er es nicht selbst könnte, sondern weil er diese Form der Fürsorge nach wie vor braucht.

Wenn ich sage, dass ich meine Kinder zum Abitur trage, dann nicht, weil ich die Hoffnung hege, dass aus ihnen Starwissenschaftler oder Top-Manager werden. Nein. Es geht darum, sie solange wie möglich in einem behüteten und steuerbaren Lernumfeld zu belassen, bis sie auf eigenen Füßen stehen können. Viele Adoptions-Experten gehen davon aus, dass frühtraumatisierte Kinder erst mit Anfang zwanzig gelernt haben, mit ihrem Trauma zu leben und die Ausprägungen dessen selbst kontrollieren können. Erst dann sind sie vollends fähig, ein normales bürgerliches Leben zu leben. Es geht also darum, ihnen solange wie möglich einen Raum für innere Heilung zu geben.

Permanente Schulbegleitung

Eine Ausprägung der Traumatisierung ist sowohl bei Nadeschda als auch bei Maxim, dass die Schule ein unglaublicher Stressfaktor für beide ist. In der Folge zeigen sie Tendenzen eines anstrengungsverweigernden Verhaltens, über das ich schon an vielen Stellen geschrieben habe. Entscheidend ist bei beiden,d ass sie in Phasen der Überforderung einfach im Unterricht dissoziieren, also das Unterrichtsgeschehen einfach an ihnen vorbei rauscht. So müssen wir täglich Zuhause für die Schule arbeiten, sei es den Unterrichtsstoff nachholen, den sie nicht mitbekommen haben, sei es bestimmte Themen immer wieder und wieder zu üben, dass sie Sicherheit gewinnen und das Erlernte von ihnen eben nicht mehr als anstrengend empfunden und damit nicht mehr abgelehnt oder vermieden wird. Das braucht Zeit, viel Zeit. Je nach emotionaler Verfassung meiner Kinder arbeiten wir ein bis drei Stunden täglich, jeden Tag, egal ob Wochentag, Wochenende oder Ferien. Zudem engagiere ich mich bewusst in der Schule, um meinen Kindern das Fünkchen Mehraufmerksamkeit der Lehrköper auf der einen Seite und eine Portion mehr Wohlwollen zu teil werden zu lassen. Auch das kostet Zeit.

Der Löwenanteil der Fürsorge für Maxim und Nadeschda liegt also bei mir. Ich kümmere mich um die Schule, begleite Hausaufgaben und tägliches Üben, ich organisiere ihre Hobbies und Verabredungen, ich sorge für die richtige Begleitung durch Ärzte, Therapeuten etc., ich bin für sie immer verfügbar. Berufstätig sein kann ich nur in der Zeit, in der die Kinder in der Schule sind. Das ist nicht viel Zeit. – Ungeachtet dessen, dass hinzukommt, dass ebenso jegliche Familienarbeit auf meinen Schultern lastet. Denn Richard und ich haben uns auf die klassische Arbeitsteilung verständigt, was bedeutet, er verdient das Geld und ich mache den Rest. Dass der „Rest“ aber eben auch noch eine ganze Menge ist, wird viel zu wenig gesehen. – Bin ich außerhalb der Schule nicht so für meine Kinder da, wie ich es nun schon seit so vielen Jahren bin, verlieren sie ihren Halt, ihre Sicherheit. Dann bleibt vieles auf der Strecke. Und die Chancen sinken, dass sie irgendwann einmal heilsam mit ihrem Trauma leben und ein ganz normales bürgerliches Leben führen können. Doch sie genau dahin zu begleiten ist meine Hauptverantwortung und vor dieser muss eine Berufstätigkeit immer zurücktreten. So könnte ich also auch meine Ausgangsfrage „Wie viel Berufstätigkeit vertragen meine Adoptivkinder?“ mit einem einzigen Wort beantworten: KEINE!

P.S. Gerade als ich diesen Post fertig geschrieben hatte, rief die Schule an. Ich möge Maxim abholen. Er hätte starke Kopfschmerzen…..

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (17)

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Die erste Woche in diesem neuen Jahr ist vorüber. Morgen beginnt die Schule wieder. Die Kinder und ich waren „fleißig“in dieser letzten Ferienwoche, haben viel gewerkelt, mein Büro weiter eingerichtet und die Kinderzimmer mit den neuen Spielsachen, die das Christkind gebracht hat, bereichert. Anderes Spielzeug musste dafür weichen. Frischer Wind tut gut. Meine to do-Liste wird kleiner und dennoch blieb Raum für viel Spielen und in den Tag Hineinleben. Das Leben kann so wunderbar sein, wenn man sich in einem stillen Moment all der schönen Dinge und Ereignisse bewusst wird, die kleinen Fortschritte sieht. Deshalb blicke ich inspiriert von  Mirjam von Perfektwir auf meine eigenen, ganz persönlichen Lieblinge dieser Woche. Hier sind meine drei Sonntagslieblinge der ersten Woche des noch so jungen Jahres:

  1. Ich bin dankbar für all die Zeit, die ich in den vergangenen Tagen mit meinen Kindern verbringen konnte. Gerade auch, weil wir so stinknormalen, ruhigen Alltag zusammen verbringen durften. Es war eine weise Entscheidung, in diesen Ferien Zuhause zu bleiben und nicht noch einmal zu verreisen.
  2. Wir haben in dieser Woche viel Vorgelesen. Wunderbare neue Bücher, die das Christkind gebracht hat. Und auch ich selbst habe endlich wieder, inspiriert durch Katja’s Buchrezensionen auf ihrem Blog home is where the boys are, begonnen zu lesen. Wie wunderbar! Es ist immer wieder ein Eintauchen in eine andere Welt, die einen aber manchmal auch an das eigene Leben erinnert.
  3. Glücklich bin ich über meinen neuen Kühlschrank. Ja, auch ich habe einen Spleen und der heißt „Orange“. Richard und ich sind einen kinderfreien Abend zwischen den Jahren durch unterschiedlichste Geschäfte getigert, auf der Suche nach einem orangenen Kühlschrank. Natürlich erfolglos. Wir haben ihn dann, bei Pasta und Prosecco beim Italiener sitzend online bestellt. Gestern wurde er geliefert und er ist ein Traum!

Möge das neue Jahr für Euch alle gut begonnen haben! Ich wünsche mir im Moment, dass unseres so sich weiterentwickelt, wie die erste Woche begonnen hat. Habt einen wunderbaren Wochenstart!

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Wenn alles zu viel wird – von Veränderungen, Überforderungen und Lernen, langsam zu machen

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Abends sitzen Richard und ich zusammen bei einem Glas Wein. Ich erzähle vom Tag und was ein Gespräch mit Maxims Therapeutin ergeben hat. Noch immer haben wir ein Thema mit Maxims mangelnden Bereitschaft, für die Schule zu lernen und Hausaufgaben zu machen. Ja, auf der einen Seite ist es die Tatsache, dass er nicht mit Leistungsdruck   umgehen kann. Auf der anderen Seite bin ich mir dessen bewusst, dass er gerade eine Phase durchlebt, in der er noch einmal mit seinem frühkindlichen Trauma der Trennung von seiner russischen Mutter konfrontiert ist. Da regt es sich wieder, das fehlende Urvertrauen, der Überlebenstrieb, das Streben nach absoluter Autonomie. Üben und Hausaufgaben machen sind Formen von Disziplin. Die lehnt er ab. Vehement. Wir haben also wieder ein Bindungsthema. Daran müsste auch in Maxims Therapie gearbeitet werden. So war meine Idee. Doch Maxims Therapeutin hatte vorgeschlagen, im Zweifelsfall zusätzlich noch einmal eine Lerntherapeutin zu kontaktieren.

Bei diesen Worten brauste Richard auf: „Was sollen wir denn noch alles machen? – Das ist mir jetzt gerade alles zu viel. Zu viele Termine. Zu viele Informationen. Wie soll das denn alles weitergehen? Mit Deiner Ausbildung, Deinem ehrenamtlichen Engagement, den ganzen Terminen der Kinder, Ballett, Fussball, Musikschule, Schwimmen, Therapie. Und jetzt auch noch eine Lerntherapeutin.“ Ich halte kurz inne und stutze. „Warum regst Du Dich so auf? Es ist doch mein Programm, was ich irgendwie organisieren muss.“ denke ich, sage es aber lieber nicht. „Was machst Du Dir einen Kopf um unsere Organisation? Bis heute brauchst Du Dich darum nicht zu kümmern. Ich bin doch diejenige, die morgens um sechs aufsteht und abends kaputt vom Tag ohne einen Moment der Ruhe ins Bett fällt. Ich schaue, dass alle Termine und Freizeitaktivitäten der Kinder irgendwie so funktionieren, dass sie noch ein wenig Luft und Raum haben, um zu spielen. Und im Übrigen, ich muss mich ja dann mit der Lerntherapeutin auseinandersetzen und Maxim da hin begleiten, und mit ihm arbeiten.“ Doch anstatt etwas zu sagen, schlucke ich lieber meine Gedanken herunter.

Dennoch seit diesem Gespräch nagt wieder das Gefühl der Überforderung in mir. Ja, es ist viel, zu viel in den letzten Wochen. Wir befinden uns wieder in einer Phase des Übergangs. Nadeschda ist in diesem Sommer in die Schule gekommen. Maxim hat einen neuen Klassenlehrer bekommen. Das war so nicht geplant, aber die alte Lehrerin war für die Schule nicht mehr tragbar gewesen. Das sind zwei große Veränderungen, die meine Kinder sehr beschäftigen. Nadeschda muss eine Beziehung zu ihrer neuen Lehrerin aufbauen, neue Freunde suchen, sie muss sich im Schulalltag zurecht finden, sie muss sich an neue Abläufe gewöhnen. Welch ein Kraftakt für das kleine Mädchen. Auch Maxim muss sich erneut an andere Abläufe, einen anderen Unterricht, an eine neue Bezugsperson gewöhnen und trauert immer noch um seine alte Lehrerin. Nur weil wir Eltern sie für untragbar hielten, heißt das ja nicht, dass die Kinder sie schlecht fanden und nicht mochten. Beide Kinder reagieren auf diese Veränderungen so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Während Nadeschda so anhänglich ist, dass ich manchmal das Gefühl habe, dass sie mich mit Haut und Haaren aufsaugt und auszehrt, geht Maxim in die Ablehnung und Konfrontation. In seinem Autonomiebestreben lehnt er jede Disziplin und jede Struktur, die von mir kommt ab. Und gleichzeitig sind seine Ablehnungen auch immer wieder tagtägliche Beziehungsanfragen. „Hält sie mich? Bleibt sie da, wenn sich alles andere außen herum verändert? Hält sie mich aus? Wie weit kann ich gehen?“ Das kostet unendlich viel Geduld, Gelassenheit, aber auch Energie und Kraft. Dorothea Weinberg beschreibt in ihrem Buch „Verletzte Kinderseele“ (Link zu Literaturliste) als eine Übung für Eltern die imaginäre Treppe, die man heruntergehen soll, eh man auf eine Provokation seines Kindes reagiert. Ich bin viel Treppe gelaufen in den vergangenen Wochen.

Ich kann meine Kinder gut verstehen. Denn auch ich spüre, dass ich mich im Grunde mit Veränderungen schwer tue. Oder genauer gesagt, mit diesen Phasen des Übergangs, wenn das Alte noch nicht abgeschlossen ist, das Neue aber schon voll in das Leben hineindrängt, es einen Alltag gibt, der unverändert weiterläuft und doch so etwas wie eine neue Routine noch fehlt. Dann türmt sich alles zu einem riesigen Berg auf, vor dem man steht und nicht weiß, wie man ihn bewältigen soll. Mein Kopf ist so schwer von all den Dingen, die ich abarbeiten muss. Ich habe mein altes Arbeitsverhältnis beendet, doch eine finale Einigung gibt es noch nicht. Der Umbau meines neuen Büros geht nicht so schnell voran, wie ich es geplant hatte. Alles zieht sich, zäh wie alter Kaugummi.  Gleichzeitig habe ich eine Weiterbildung begonnen, die mir wunderbare neue Perspektiven eröffnen kann. Aber es macht mich unzufrieden, dass ich mich ihr noch nicht so widmen kann, wie ich das gerne möchte. Daneben kostet unser ganz normales alltägliches Familienleben viel Zeit und Organisation. Maxim hat angefangen, Trompete zu spielen und im Schulzirkus ist er aufgenommen worden. Zwei Aktivitäten mehr. Eigentlich müsste er dafür etwas anderes sein lassen. Aber wie immer fällt ihm der Abschied von etwas Altem schwer. Unsere Kinderfrau ist zu wenig flexibel für unseren neuen Schulalltag. Eine neue Betreuerin muss her, aber woher? Ja, und dann noch das Thema mit der Lerntherapeutin. Und, und, und, und….

In einem ruhigen Moment wird mir klar, dass ich langsamer machen muss, Dinge weglassen muss, mir nicht noch mehr Kleinkram aufhalsen sollte. Ich muss nicht die Wäsche aus der Schule waschen und bügeln, ich muss nicht gleich zwei Beiträge für eine Gemeindezeitung schreiben, ich muss nicht zu jeder Elternbeiratssitzung gehen.  Jetzt mit Einzug des Herbsts soll es ruhiger werden. Mara hat so einen schönen Post  dazu geschrieben, über Vorlesen und wunderbare Kinderbücher, aber auch buntes Laub, Kastanien, Eicheln sammeln, die Nachmittage im Wald verbringen. Ich habe dieses Bild vor meinem inneren Auge, mit Maxim und Nadeschda an einem kühlen Herbsttag in den Wald zu ziehen, Berge von Kastanien und bunten Blättern zu sammeln und wenn die Dämmerung einzieht, bei einer Tasse warmen Kakao auf der Couch gemütlich vorzulesen. Das ist es doch, was zu dieser Zeit im Vordergrund steht. Und für alles andere kommt dann eine andere Zeit.

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16. Juni – In unterschiedlichen Umlaufbahnen: Vom Vatersein und Paarkonflikten

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Anders als ich hadert Richard nicht mit seiner Vaterrolle. Diese hatte er schnell für sich definiert. Mit Liebe und Leidenschaft kümmert er sich um Maxim und Nadeschda. Er ist der Vater, von dem viele Kinder träumen. Er tobt viel mit ihnen, macht viel Blödsinn, unternimmt an den Wochenenden viel mit ihnen. Bis heute hat er es geschafft, jeden Abend zum Abendessen Zuhause zu sein, um Maxim und Nadeschda zu sehen, bevor sie schlafen gehen. Mein eigenes inneres Kind hätte gerne einen solchen Vater gehabt. Ich bin dankbar, dass meine Kinder einen Vater haben, der sich ihnen mit soviel Enthusiasmus widmet, mit ihnen spielt und dabei aus einem nicht versiegenden Vorrat an Quatsch und Blödsinn schöpft. Regeln sind bei Richard sehr dehnbar. Erziehung findet bei ihm nicht statt: „In der wenigen Zeit, die ich unsere Kinder sehe, werde ich sie nicht erziehen.“ Maxim hat das schnell verstanden: „Mama-Nein ist Nein, Papa-Nein ist Ja.“ Richard lässt sich allein von seiner Intuition leiten, hat keine Bücher über Kindesentwicklung geschweige denn über die Entwicklungen und die Herausforderungen von Adoptivkindern gelesen. Das lässt ihn unvoreingenommener und unbeschwerter sein als mich.

Manchmal fühlt er sich jedoch in seiner Rolle als sorgender Familienvater überfordert und glaubt, den Anforderungen, die ich an ihn bewusst und unbewusst stelle, nicht gerecht zu werden. Es gibt durchaus Tage, an denen er das Gefühl hat, alles falsch zu machen: Wenn das Anziehen der Kinder morgens so lange dauert, dass ich eingreife. Wenn Maxim und Nadeschda nicht richtig essen, da sie den ganzen Vormittag schon Süßigkeiten von Richard bekommen haben. Oder wenn Maxim den Tanz beim Essen probt, er lustlos in den Nudeln stochert und mein Alternativangebot an Essen ablehnt, sondern nur darauf wartet, dass ich platze, Richard ihm aber die dritte Alternative anbietet. Wenn noch die achte Runde Memory gespielt wird, obwohl wir uns längst auf den Weg zu einer Verabredung machen müssten. Wenn Richard so spät mit den Kindern nach Hause kommt, dass es für das Baden eigentlich zu spät ist. Wenn meine kritischen Blicke Überhand nehmen und ich mich gezwungen sehe, in die undankbare Rolle des Spielverderbers schlüpfen zu müssen, der die Elefantenherde zum Galopp antreiben muss. Immer dann bekommt Richard das Gefühl, alles falsch zu machen. Ob berechtigt oder unberechtigt. Nur ist diese Haltung wenig förderlich.

Meist ist diesen Situationen schon vorausgegangen, dass wir – wie so häufig – über Tage nicht richtig miteinander im Austausch standen, die wenige Zeit an den Abenden gefüllt war mit den Ereignissen des Tages der Kinder. Für Richard gab es keinen Raum und genauso wenig für mich. In mir ist das Gefühl gewachsen, dass ich von ihm nicht mehr als ganze Person gesehen werde. Er reduziert mich nur noch auf den undankbaren Teil meiner Mutterrolle. Oft nimmt er nicht wahr, wie anstrengend  der Alltag mit Maxim und Nadeschda sein kann. Genauso wenig bemerkt er, dass mein Leben mit unseren Kindern inzwischen organisch und harmonisch verläuft und einfach gefüllt ist, mit vielen schönen Momenten. Manchmal glaube ich, dass Richard immer noch viel Zeit braucht, zu verinnerlichen, dass seine Kinder nicht mit leiblichen Kindern und ihrer Entwicklung vergleichbar sind, dass wir eben keine normale Familie sind. Es war schon in der Entwicklung der Beziehung zu unseren Kindern so, dass er meist erst zeitversetzt nach mir auf neue Herausforderungen bei Maxim und Nadeschda gestoßen ist. So wird er erst später erkennen, dass wir als Familie und als Eltern anders sind und anders sein müssen.

Selten versteht Richard mein Hadern und meine häufigen Selbstzweifel als Mutter. Oft glaubt er noch, dass ich unzufrieden bin in meiner Rolle, weil mir die Bestätigung von außen fehlt, weil ich gebunden bin an unser Haus, an unser Dorf, gefangen bin in einem Mutterdasein, das ich mir anders vorgestellt habe. Manchmal glaubt er, ich wolle wieder erwerbstätig sein, meine alte Karriere weiter verfolgen. Doch an diesem Punkt bin ich nicht. Ich bin schon darüber hinaus, oder noch gar nicht dort angekommen.

Zuweilen kommt es mir vor, als flögen wir in unterschiedlichen Umlaufbahnen um unsere Kinder herum. Jeder von uns ist gefangen in seiner eigenen Welt und zu sehr beschäftigt mit seinen eigenen Themen. Allein hier hat sich schon etwas in Richards und meinem Miteinander verändert: Vor der Ankunft der Kinder hatten Richard und ich viele gemeinsame Themen und Interessen: Reisen, Oldtimer Rallyes, alte Autos, Oper, Theater, Freunde treffen, unsere Jobs, die sich sehr ähnelten. Über allem lag unser gemeinsames Ziel, uns unseren Kinderwunsch zu erfüllen. Heute ist unser Kinderwunsch erfüllt, unsere gemeinsamen Interessen waren in den Hintergrund getreten, unsere täglichen Aufgaben gingen auseinander, vor allem in der Sicht, die wir darauf hatten. Während ich mich in meiner Mutterolle fügte und damit zunehmend Abstand zur Berufswelt fand, nahm der Job Richard maßgeblich ein. Seine Vaterrolle konnte er nur an den Abenden und Wochenenden ausleben. So musste es auch sein, denn wir hatten uns bewusst dazu entschieden, dem klassischen Rollenmodell – die Mutter bleibt Zuhause und der Vater sorgt für das Einkommen der Familie – entschieden. Während ich, auch aufgrund meiner eigenen Kindheitserfahrungen, mit dem Muttersein haderte, hatte Richard schnell in seine Rolle als Vater gefunden.

In der Fürsorge und Erziehung unserer Kinder hatten wir teilweise divergierende Haltungen, die sich allein schon aus der Zeit ergaben, die wir jeweils mit Maxim und Nadeschda verbrachten. Einmal hatte ich zu Freunden auf den Kommentar hin „Es ist ziemlich eindeutig, wer von Euch beiden für die Erziehung zuständig ist.“ geantwortet: „Ja, und es hat einfach auch etwas mit Überleben zu tun. Wenn Du vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche zusammen bist, dann geht das nur mit festen Regeln.“ Zum ersten Mal hatten wir in unserer Beziehung unterschiedliche Sichtweisen. Daraus ergaben sich zwangsläufig gelegentliche Reibereien oder Meinungsverschiedenheiten. Sich jetzt hin und wieder zu reiben war im Grunde genommen in Ordnung. Genauso in Ordnung, wie es jetzt nicht anstand, gemeinsame Hobbies und Interessen zu pflegen. Wir hatten eine neue zentrale Aufgabe mit Maxim und Nadeschda bekommen, hinter der alles andere zurückstand. Schwierig wurde es, wenn uns der gemeinsame Austausch abhanden kam. Wenn ich nicht wusste, was Richard bewegte, so konnte ich natürlich auch seine Reaktionen nicht einordnen. Und genauso umgekehrt. Was wir in einem ersten Schritt brauchten, war mehr Zeit zu zweit, allein ohne unsere Kinder. Doch es fehlte uns der Mut, egoistisch an uns selbst zu denken, und die Disziplin, uns konsequent diese Zeit zu nehmen. Denn zu schnell breitete immer wieder unser Alltag mit Maxim und Nadeschda seine Arme aus und hielt uns fest umklammert.

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16. Mai – Kindergarten reloaded

Auch wenn Maxim heute morgen recht munter und agil aufstand, bestätigte er eifrig, dass sein Knie ihm immer noch weh tat, nach seinem Unfall auf dem Trampolin am Wochenende. In den Kindergarten wollte er partout nicht gehen. Er wurde nicht müde, eifrig zu wiederholen: „Knie aua.“, „Nicht Kindergarten.“, ergänzt um „Steffi nicht lieb. Nicki nicht lieb.“ Sein letzter Kommentar verwunderte mich. Zum ersten Mal äußerte mein Sohn klar, dass er sich bei seinen beiden Erzieherinnen im Kindergarten nicht wohl fühlte. Auf mein Nachfragen bekam ich von ihm immer wieder dieselbe Antwort: „„Steffi nicht lieb. Nicki nicht lieb.“ bestärkt mit einem „Kindergarten gar nicht schön.“ Da ich mir ohnehin unsicher war, ob die Erzieherinnen auf Maxim und sein angeschlagenes Knie besondere Rücksicht nehmen würden, entschied ich kurzerhand, Maxim für diese Woche vom Kindergarten abzumelden. Mir war wohler dabei, meinen Sohn in meiner Obhut zu haben.

Maxims Erleichterung, als ich ihm sagte, dass er diese Woche nicht in den Kindergarten gehen müsste, bestätigte mir, dass diese Entscheidung richtig war. Nachmittags gab ich Maxims Wunsch nach, und wir gingen trotz angeschlagenem Knie auf den Spielplatz. Ich war mir sicher, dass mein Sohn sich ohnehin nur das zutrauen würde, was ihm nicht weh tat. Als ich ihn jedoch so beim Klettern und Toben beobachtete, wurde mir klar, dass sein Knie sich sehr schnell erholt hatte und dass es für ihn nur der willkommene Anlass gewesen war, mir gegenüber offen zu zeigen, dass er nicht in den Kindergarten gehen wollte. Das machte mich nachdenklich. Wieder einmal fragte ich mich, ob mein Sohn in diesem Kindergarten gut aufgehoben war. Die Verunsicherung um eine schlechte Betreuung im Kindergarten löste die Sorge um Maxims Knie ab.

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2. Mai – Wachsende Geschwisterliebe

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In den vergangenen zwei Wochen hat sich so etwas wie Alltag bei uns eingependelt. Keine Katastrophen, keine Reisen, keine großen Familienfeste. Richard arbeitet, Maxim geht in den Kindergarten, Nadeschda und ich verbringen unsere Vormittage meist mit Hausarbeit. Manchmal haben wir gute Tage, manchmal schlechte. Maxims Launen nach den Kindergartenvormittagen sind sehr wechselhaft. Doch inzwischen findet er meist mit dem Mittagessen sein inneres Gleichgewicht.

Nadeschda hatte ein paar harte Tage, an denen sie eine schwere Erkältung quälte. Kurze Nächte mit viel Husten und gelegentlichen Alpträumen brachten sie verständlicherweise durcheinander. Meist waren die Nächte, wenn sie zu Richard und mir in unser Bett umgezogen war, früh beendet. Häufig beschloss Nadeschda, dass bereits um sechs Uhr früh ihr Schlafbedarf gestillt war und sie nun spielen wollte. Sicherlich kam hinzu, dass es mit dem nahenden Sommer nun auch früher hell wird. Wenige Stunden später war sie dann aber wieder müde und entsprechend anhänglich und knatschig. An diesen Tagen sehnte ich die Mittagspause herbei, damit wir beide, Nadeschda und ich, unser Schlafdefizit aufholen konnten.

Die Mittagspausen verlaufen nun seit einigen Wochen sehr friedlich. Nach einem erneuten Kampf mit Maxim ums Schlafen, hatte ich neulich beschlossen, dass ich darauf keine Lust mehr hatte, und wechselte meine Strategie. Seitdem darf Maxim sich jeden Mittag zwei Bilderbücher alleine im Bett anschauen. Wenn er Krach macht, nehme ich sie ihm weg. Meist schläft er dabei ein. Entweder höre ich, wie er sich nach dem zweiten Buch umdreht und schläft, oder ich höre im Wohnzimmer ein kleines Poltern, wenn eines der Bücher aus dem Bett gefallen ist. Ebenso ein sicheres Zeichen, dass der Schlaf auch meinen Sohn übermannt hat.  Unsere Nachmittage verbringen wir inzwischen wieder viel draußen, außer mittwochs, wenn Maxim und inzwischen auch Nadeschda turnen. Wir fahren in den Zoo, gehen auf den Spielplatz oder sind draußen in den Feldern mit dem Laufrad oder den Dreirädern unterwegs. Da leisten sich Maxim und Nadeschda gerne Wettrennen. Dies in einem abenteuerlichen Tempo, so dass sich in den Kurven meist ein Hinterrad hebt.

Es ist herrlich zu beobachten, wie sich zwischen Nadeschda und Maxim nun eine Geschwisterbeziehung entwickelt. Sie streiten sich um Spielzeug, sie hauen, beißen, kratzen sich, ziehen sich an den Haaren. Das ist die eine Seite. Doch auf der anderen Seite ist das schlechte Gewissen, dass ein Kind hat, wenn es dem anderen wehgetan hat, ebenso nicht zu übersehen. Selbst Nadeschda schaltet in Sekunden um, entschuldigt sich bei ihrem weinenden Bruder und flitzt zum Kühlschrank, um Eis zum Kühlen zu holen. Über die Streitigkeiten überwiegen aber die Stunden, in denen sie friedlich zusammen spielen oder die Augenblicke besonderer Fürsorge, wenn Maxim zum Beispiel in der Mittagspause versucht, Nadeschda noch etwas „vorzulesen“. Er muss nur leider dieses Vorhaben immer sehr schnell aufgeben, da Nadeschda viel zu schnell einschläft. Sie haben so viel Spaß zusammen und hecken eine Menge Unfug aus, den Richard und ich manchmal gar nicht mitbekommen.

Gestern Abend wollten beide keine Ruhe geben, obwohl es wieder einmal ungewöhnlich spät geworden war, bis beide im Bett lagen. Nach dem Vorlesen, bei dem Nadeschda inzwischen abends mit dabei ist, zeigten beide Kinder keine Anzeichen von Müdigkeit. Ich verließ dennoch das Kinderzimmer, nachdem ich beide in ihre Betten gelegt und „Gute Nacht“ gesagt hatte. Denn ich hatte den Eindruck, dass meine Anwesenheit den Einschlafprozess im Kinderzimmer nur verlängerte. Maxim und Nadeschda verbrachten danach gute fünfzehn Minuten damit, immer wieder „Hallo!“ über das Babyphone zurufen. Irgendwann verstummten sie, und wohlmöglich hatte der Schlaf sie übermannt. Als Richard jedoch noch einmal später im Kinderzimmer nachschaute, stand Nadeschdas Bett in der Mitte des Zimmers mit einem Kinderstuhl davor, Nadeschda hatte sich den Schlafsack ausgezogen und in ihrem Bett lag Maxims dünne Bettdecke. Dieser lag mit seiner dicken Decke zugedeckt in seinem Bett, neben ihm seine kleine Schwester. Was auch immer die Kinder angestellt hatten, würde ihr Geheimnis bleiben, genauso wie es Nadeschda geschafft hatte, aus ihrem Gitterbett zu klettern. Es war an der Zeit, das Bett so umzubauen, dass sie aus dem Bett herauskrabbeln konnte, ohne halsbrecherische Kletterübungen über das Gitter, egal ob mit oder ohne Hilfe ihres Bruders.

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28. März – Unser erstes Osterfest

easter-bunny-95096_1920Unser erstes Osterfest mit Kindern, wie wunderbar! Unsere ersten Osterfeiertage als kleine Familie mit Ostereiersuche, aufgeregten Kindern, kleinen Geschenken, etwas Ruhe und viel gemeinsamer Zeit:

Die Osterfeiertage verbrachten wir gemütlich Zuhause. Am Ostersonntag kam Daniel vormittags zu Besuch. Nach einem ausgedehnten Frühstück gingen Maxim und Nadeschda im Garten Ostereiersuchen. Während Maxim ganz aufgeregt durch den Garten fegte und in Windeseile Eier, Süßigkeiten und Geschenke fand, trottelte Nadeschda weniger enthusiastisch hinterher. Sie fand das alles weniger spannend und fragte sich wahrscheinlich, warum sie sich so eilen solle, ihr Bruder fand ja ohnehin alles für sie mit. Spannend fand ich zu beobachten, wie es Maxim nur um das Suchen und Finden der Ostergeschenke ging. Er merkte gar nicht, dass Richard ein paar von den bunten Eiern gleich zweimal versteckte, damit er länger suchen konnte. So gefesselt war er von der Sucherei. Das Auspacken der Geschenke war wieder einmal weniger aufregend. Zum Schluss blieben die Bücher, Buntstifte und Knete zwar ausgepackt, aber unbeachtet liegen. Draußen im Garten zu spielen und ab und zu unter den ein oder anderen Busch zu gucken, ob man nicht doch noch ein buntes Osterei übersehen hatte, war schnell viel reizvoller. Die übrige Zeit verbrachten wir vier alle gemeinsam spielend Zuhause. Es war seit dem Ausbruch der Krebserkrankung von Renate im Februar das erste Mal, dass wir als Familie zusammen, aber ohne viel Besuch Zeit gemeinsam Zuhause verbrachten. Das tat gut und half uns, dass wir uns auf uns als Familie neu besinnen konnten. Oder zumindest damit anzufangen. Denn bis wir uns als Kleinfamilie gefunden haben werden, dauerte es noch eine Weile. Es war uns zum ersten Mal sehr bewusst und präsent, dass – mit Ausnahme von Daniel – wir vier nun nach der Krankheit von Renate und dem Kontaktabbruch meines Vaters uns alleine als Familie definieren und finden mussten.